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Wolfgang Schlicht, Marcus Zinsmeister: Gesundheits­förderung systematisch planen [...]

Cover Wolfgang Schlicht, Marcus Zinsmeister: Gesundheitsförderung systematisch planen und effektiv intervenieren. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2015. 191 Seiten. ISBN 978-3-662-46988-0. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 42,50 sFr.
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Thema und Zielsetzung

Die Autoren des als Lehrbuch konzipierten Bandes „Gesundheitsförderung systematisch planen und effektiv intervenieren“ haben sich mit ihrem Titel das Ziel gesetzt, eine Anleitung über das systematische Vorgehen in der Gesundheitsförderung zu geben. Die Rezipienten sollen einen Überblick über die Relevanz einschlägiger Theorien gewinnen und gleichzeitig Entscheidungshilfen bzw. Tools für Planung, Evaluation und Marketing vermittelt bekommen, die das Gelingen einer komplexen Gesundheitsförderungspraxis versprechen.

Autoren

Prof. Dr. habil. Wolfgang Schlicht ist Politik- und Sportwissenschaftler. Im Anschluss an eine Professur für Sozialwissenschaften des Sports an der Universität Tübingen ist er seit 2001 Professor für Sport- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Stuttgart. 1991 erhielt er den Wissenschaftspreis des Deutschen Olympischen Sportbunds. An seinem Lehrstuhl beschäftigt er sich mit Fragen der Prävention und Gesundheitsförderung durch sportlich-körperliche Aktivität. Schwerpunkte liegen dabei auf der Alltagsmobilität und deren Einfluss auf die Gesundheit bei Menschen des dritten Lebensalters sowie Fragen der Verhaltensmodifikation.

Prof. Dr. Marcus Zinsmeister ist Diplom-Sportpädagoge und hat das 1. Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in Biologie und Anglistik absolviert. Derzeit bekleidet er eine Professur in den Bereichen Prävention, medizinische Versorgung, Rehabilitation und Kommunikation an der Hochschule Kempten. Daneben ist er für eine Unternehmensberatung tätig, die Unterstützungsleistungen im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements wie Prozessberatung, Screenings, körperliche Diagnostik, Marketing und die Implementierung firmeneigener Gesundheits- und Fitnesszentren offeriert.

Entstehungshintergrund

Den Autoren zufolge erzeugt die für gesundheitsbezogene Interventionen typische Komplexität bei den involvierten Akteuren zuweilen Ratlosigkeit bis hin zu Bedrohungsgefühlen. Damit diese nicht in Motivationsverlust oder planloses Ad-Hoc-Handeln münden, möchte das Lehrbuch eine Navigationshilfe im Sinne einer Anleitung zum systematischen Vorgehen bieten. Angesichts der von den Verfassern beklagten Fülle von oftmals wenig qualitätsgesicherten gedruckten und elektronischen Empfehlungen und Erfahrungsberichten will das Lehrbuch die wesentlichen Fakten bündeln und jene Elemente zusammenfassen, die wissenschaftlich fundiert und ethisch legitimiert systematisches Vorgehen ausmachen.

Aufbau

Der insgesamt 184 Seiten umfassende und in elf Kapitel gegliederte Textteil wird ergänzt um einen 1,5-seitigen Anhang mit Websites zur systematischen Intervention sowie ein zweiseitiges Stichwortverzeichnis. Jedes Kapitel schließt mit einer knappen Zusammenfassung der wesentlichen Inhalte, mit Selbstkontrollfragen und einer Quellenliste.

Inhalte

Das Einstiegskapitel greift die im Vorwort beschriebene Absicht des Bandes auf und legitimiert die Notwendigkeit eines wissensbasierten systematischen Vorgehens mit dem Ziel, subjektive Unsicherheit zu reduzieren.

Darauf folgt in Kapitel 2 eine Auseinandersetzung mit menschlichem Entscheidungsverhalten. Angesichts der Erkenntnis eingeschränkter Rationalität heben die Autoren die Notwendigkeit systematischer Entscheidungsfindung hervor und stellen eine Reihe heuristischer und rationaler Techniken vor.

Das dritte Kapitel setzt sich mit Definitionen und Konzepten von Gesundheit auseinander, erläutert gesundheitswissenschaftliche Grundbegriffe und grenzt die Ansätze der Prävention und der Gesundheitsförderung voneinander ab.

Mit dem Ziel der Systematisierung von Interventionen plädieren die Verfasser in Kapitel 4 für ein theoriegeleitetes und evidenzbasiertes Vorgehen. Zur Identifikation geeigneter praxisbezogener Theorien wird das „Realist Synthesis Verfahren“ präsentiert. Abschließend empfehlen Schlicht und Zinsmeister das sozialökologische Paradigma als geeigneten theoretischen Rahmen für die Konzeption von Interventionen.

Kapitel 5 behandelt Theorien, die sich mit der Veränderung von Gesundheitsdeterminanten auf personaler und organisationaler Ebene beschäftigen. Ziel der Vorstellung dieser Zugänge ist es, dem Leser elaborierte Ansätze zur Verfügung zu stellen, die Interventionen leiten können.

Mit der Überschrift „Messen, bewerten, beschreiben, informieren“ wird Evaluation im sechsten Kapitel als prozessbegleitende Aktivität verstanden. Den dort vorgestellten Evaluationstypen und -generationen werden diverse Modelle und Methoden zugeordnet.

Kapitel sieben erläutert den Setting-Ansatz der Gesundheitsförderung. Diskutiert werden Interventionen im kommunalen und betrieblichen Bereich. Für das kommunale Setting wird insbesondere auf das Konzept des Community Capacity abgehoben, als theoretisches Interventionsmodell u.a. das CFIR vorgestellt. Für den Bereich der Betrieblichen Gesundheitsförderung stehen das Postulat der Partizipation, kennzahlenorientierte Zugänge sowie der Gesundheitsmanagementansatz im Mittelpunkt.

Kapitel 8 gibt einen Überblick über Planungsmodelle mit unterschiedlicher Reichweite und differenten inhaltlichen Bezügen, wie z.B. das Precede-Proceed Modell, das Intervention Mapping, das Logic Modelling, aber auch inhaltlich limitiertere Verfahren wie die Stakeholder-Analyse.

Aufbauend auf die Darstellung verhaltensbezogener kognitiver Konstrukte skizziert Kapitel 9 praxisbezogene Interventionsmodelle ebenso wie Taxonomien für die Auswahl geeigneter Tools zur Verhaltensänderung.

Die Kommunikation von Gesundheitsförderungsprogrammen ist Gegenstand des zehnten Kapitels. In Bezugnahme auf Konzepte des Social Marketing erläutern die Autoren einschlägige Begriffe und Kommunikationskonzepte.

Das Abschlusskapitel widmet sich der Frage nach Bedarf und Bedürfnissen der Zielgruppen, stellt Skalen zur Identifikation subjektiver Bedarfe vor und präsentiert Datenbeispiele aus der Umweltberichterstattung.

Der ca. 1,5-seitige Anhang enthält eine Kurzcharakteristik von insgesamt vier verschiedenen Webseiten, die über die bereits in den Kapiteln genannten Anwendungshilfen hinausgehende Tools zur systematischen Intervention mit Gesundheitsbezug unterhalten.

Diskussion

Im Hinblick auf die didaktische Vermittlung der einzelnen Inhalte gibt es im Lehrbuch von Wolfgang Schlicht und Marcus Zinsmeister zahlreiche gelungene Elemente: Die systematisch enthaltenen Zusammenfassungen und Verständnisfragen erleichtern die Arbeit mit dem Band ebenso wie Verschlagwortungen, fett hervorgehobene Schlüsselbegriffe, optisch akzentuierte Erläuterungen, weiterführende Informationen und zahlreiche Tabellen und Grafiken. Viele Fachbegriffe werden auf eine gut verständliche Weise erläutert und der Bogen, den die Autoren zwischen alltäglichen Erfahrungen hin zu deren kritischer Reflexion und zur fachlichen Argumentation spannen, gelingt oftmals gut.

Bemerkenswert ist der von den Verfassern getätigte Aufwand bei der Zusammenstellung einer außerordentlich hohen Zahl von Hilfen und Anleitungen für die systematische Umsetzung gesundheitsbezogener Interventionen. Diese Tools, Systematiken, Planungshilfen und Checklisten etc. sind zwar thematisch einzelnen Kapiteln zugeordnet, ihr konkreter Ziel- und Verwendungsbezug geht angesichts der Fülle und der damit verbundenen, inhaltlichen Überschneidungen jedoch insgesamt etwas verloren.

Für die auf dem Rückentext angesprochene Zielgruppe der Studierenden in gesundheitswissenschaftlichen Masterstudiengängen wären ein stärkerer Anwendungsbezug sowie mehr Orientierung und Transparenz – beispielsweise in Form einer abschließenden Gesamttabelle über alle Tools und deren Einsatzmöglichkeiten – wünschenswert gewesen.

Problematisch für einen sich als gesundheitswissenschaftliches Fachbuch verstehenden Titel ist zudem der Umgang mit dem Terminus der Gesundheitsförderung. Letzterer wird in dem Band für jegliches Intervenieren im Kontext von Gesundheit verwendet. Die in Kapitel drei vorgenommene Begriffsdifferenzierung ist vor diesem Hintergrund zwar fachlich korrekt, wirkt aber angesichts der sonstigen, im Buch praktizierten inflationären Verwendung des Begriffs Gesundheitsförderung unglaubwürdig.

Kritisch zu sehen ist zudem der Umstand, dass der zentrale Aspekt der sozial bedingten, gesundheitlichen Ungleichheit faktisch keine Rolle spielt. Unklar bleibt zudem, nach welcher Logik die einzelnen Kapitel aufeinander aufbauen. Eine schlüssige Argumentationsarchitektur hätte die von den Autoren angestrebte Transparenz und Hilfestellung für systematisches Vorgehen erheblich befördert.

Fazit

Das von Wolfgang Schlicht und Marcus Zinsmeister verfasste Lehrbuch ist eine Fundgrube an Techniken und Systematiken für die theoriebasierte Planung und Evaluation von gesundheitsbezogenen Interventionen. Um den eigenen Anspruch, in einem komplexen Handlungsfeld Transparenz zu schaffen, vollständig einlösen zu können, wären ein schlüssigerer Aufbau, eine Gesamtübersicht über die Bezüge, Verwertungsoptionen und Schnittstellen der vorgestellten Instrumente und ein differenzierterer Umgang mit dem Schlüsselbegriff der Gesundheitsförderung hilfreich gewesen.

Insgesamt ist der Band als Ergänzungsliteratur zu empfehlen, der gewisse Grundkenntnisse voraussetzt.


Rezensentin
Prof. Dr. Gudrun Faller
MPH, Professorin für Kommunikations- und Interventionsprozesse im Gesundheitswesen an der Hochschule für Gesundheit in Bochum
Homepage www.gudrun-faller.de
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Zitiervorschlag
Gudrun Faller. Rezension vom 07.12.2015 zu: Wolfgang Schlicht, Marcus Zinsmeister: Gesundheitsförderung systematisch planen und effektiv intervenieren. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2015. ISBN 978-3-662-46988-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19452.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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