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Paul Böhm: Einkommens­ungleichheit und Reichtum in Deutschland

Cover Paul Böhm: Einkommensungleichheit und Reichtum in Deutschland. Empirische Analyse der Bestimmungsgründe. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 185 Seiten. ISBN 978-3-8487-2205-1. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 48,90 sFr.
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Thema

Die Frage nach der optimalen Verteilung des Wohlstands einer Gesellschaft auf ihre einzelnen Mitglieder ist eines der zentralen Themen nicht nur des politischen, sondern auch des wissenschaftlichen Diskurses. Im wissenschaftlichen Kontext ist die Beschäftigung mit Verteilungsfragen ein Gebiet, das insbesondere Ökonomen, Soziologen und Politologen bearbeiten. Für die Politik ist das Thema von besonderem Interesse, weil sich mit der Beantwortung der Verteilungsfrage die zentralen Leitbilder politischer Denkrichtungen kommunizieren lassen. Welche Maßnahmen sollen von Politikern ergriffen werden, um die Verteilung des Wohlstands in der von ihnen gewünschten Richtung zu verändern? Um dies beurteilen zu können, ist es unabdingbar, die Faktoren eingehender zu analysieren, die die Ungleichheit in einer Gesellschaft beeinflussen. Die empirische Analyse dieser Faktoren und die Quantifizierung ihres Einflusses ist das zentrale Anliegen der vorliegenden Arbeit.

Autor

Dr. Paul Böhm arbeitet am Forschungsinstitut Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg.

Entstehungshintergrund

Bei dem Buch handelt es sich um die Dissertationsschrift des Autors, die 2014 am Forschungsinstitut Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg angenommen wurde.

Aufbau

Das Buch ist unterteilt in vier Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Theoretische Erklärungsansätze der Einkommensverteilung
  3. Determinanten der Einkommensungleichheit – Methodik und Empirie
  4. Einkommensungleichheit und Einkommensreichtum – Ergebnisse auf Basis von Einkommenssteuerdaten

Zu Kapitel 1

Die Wohlstandsverteilung einer Gesellschaft wird insbesondere durch die Situation an den Rändern der Verteilung bestimmt. Der untere Bereich wird generell als der kritische Teil betrachtet. Dementsprechend liegen auch zahlreiche Studien zu diesem Bereich vor, die sich mit Ausmaß und Bestimmungsgründen von Armut in der Gesellschaft beschäftigen. Der obere Bereich der Wohlstandsverteilung hingegen ist erst in den letzten Jahren vermehrt thematisiert worden. In Deutschland ist hierbei insbesondere die Bedeutung der von der Bundesregierung herausgegebenen Armuts- und Reichtumsberichte hervorzuheben, in deren Umfeld zahlreiche Analysen zum Thema Reichtum entstanden sind. In der vorliegenden Arbeit wird Reichtum zum einen unter dem Gesichtspunkt analysiert, ob und in welchem Maße Unterschiede zwischen Selbständigen und abhängig Beschäftigten in Bezug auf das Ausmaß von Reichtum bestehen. Zum anderen wird auf die spezifische Mobilität der Einkommen von Reichen eingegangen.

Zu Kapitel 2

Zunächst werden Theorien vorgestellt, mit denen die Einkommensungleichheit eines Landes erklärt werden kann. Zentraler Bestandteil ist dabei die Übertragung von mikroökonomisch basierten Theorien zur Erklärung des individuellen Einkommens auf Theorien, mit denen die Einkommensungleichheit einer Region begründet werden kann. Außerdem werden die wichtigsten Theorien der Makroebene für die Erklärung von Einkommensungleichheit thematisiert.

Zu Kapitel 3

In diesem Kapitel wird der Einfluss der aus den Theorien hergeleiteten Faktoren empirisch untersucht. Hierzu werden mit dem Ansatz von Fields, dem Ansatz von Morduch und Sicular, und dem Ansatz von Shapley drei Modelle der Regressionsbasierten Dekomposition angewendet. Als Datengrundlage für diese empirische Analyse wird das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) herangezogen. Die Entwicklung der Einkommensverteilung in Deutschland lässt sich in drei Phasen unterteilen. Die erste Phase dauerte bis in die 70er Jahre und ist verbunden mit einer deutlichen Abnahme Einkommensungleichheit. In einer zweiten Phase, die bis Mitte/Ende der 90er Jahre reicht, bleibt die Einkommensungleichheit in etwa auf dem gleichen Niveau. Seitdem nimmt die Einkommensungleichheit wieder zu.

Mittels der Analyse der Daten des SOEP konnten zwei zentrale Größen identifiziert werden, mit denen die Einkommensungleichheit in Deutschland erklärt werden kann: die Erwerbstätigkeit in den Haushalten einerseits und die Ausbildungsdauer der Erwerbstätigen andererseits.

Zu Kapitel 4

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit dem oberen Teil der Einkommensverteilung. Datenbasen sind die Lohn- und Einkommensteuerstatistik (FAST 2001) und das Taxpayer-Panel (2001-2003). Zunächst wird hierbei in einer Querschnittsanalyse das Ausmaß des Reichtums in Deutschland quantifiziert.

Die Ergebnisse zeigen, dass Reichtum insbesondere bei Selbständigen von Bedeutung ist. Allerdings gibt es teilweise recht deutliche Unterschiede zwischen Freiberuflern und der anderen Selbständigengruppe der Unternehmer. So ist Reichtum besonders stark bei Freiberuflern zu beobachten: Hier ist fast jeder dritte reich. Darüber hinaus haben Paare ohne Kinder die größte Wahrscheinlichkeit reich zu sein. Der Anteil der Reichen ist in den Westdeutschland deutlich höher als in Ostdeutschland. Hamburg, Hessen und Berlin sind hingegen die Bundesländer, in denen Reichtum nach allen Reichtumskennzahlen überdurchschnittlich ausgeprägt ist.

Abschließend wird in einer Längsschnittanalyse die Einkommensmobilität im Allgemeinen und die Reichtumsmobilität im Besonderen untersucht. Dabei zeigt sich, dass die Einkommen von Unternehmern im Vergleich zu den Einkommen von Freiberuflern und abhängig Beschäftigten die größte Einkommensmobilität aufweisen. Wird dagegen die Reichtumsmobilität betrachtet, ist es die Gruppe der Freiberufler, bei denen die größte Reichtumsmobilität festgestellt werden kann.

Diskussion

Auf Seite 129 schreibt der Autor: „Diskriminierung von Frauen führt somit der Tendenz nach zu einer Reduktion der Einkommensungleichheit“. Allerdings ist aus der empirischen Untersuchung nicht ersichtlich, wie der Autor zu diesem – etwas makabren – Ergebnis gelangt ist.

Vermisst wird außerdem, dass der Autor sich nicht die Mühe gemacht hat, Überlegungen dazu anzustellen, welche möglichen Schlussfolgerungen aus seinen umfangreichen Analysen gezogen werden können.

Zielgruppen

Zielgruppen sind Ökonomen und andere Wissenschaftler, die sich mit der Einkommens- und Reichtumsmessung in Deutschland beschäftigen.

Fazit

Die Studie liefert einige aktuelle Ergebnisse zur Einkommensungleichheit und zur Reichtumsverteilung in Deutschland.


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 18.09.2015 zu: Paul Böhm: Einkommensungleichheit und Reichtum in Deutschland. Empirische Analyse der Bestimmungsgründe. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-2205-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19457.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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