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Wolfgang Schroeder, Claudia Bogedan (Hrsg.): Gute Arbeit und soziale Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert

Cover Wolfgang Schroeder, Claudia Bogedan (Hrsg.): Gute Arbeit und soziale Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert. Bausteine einer sozialen Arbeitsgesellschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 143 Seiten. ISBN 978-3-8487-2408-6. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 23,50 sFr.
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Thema

Wie können individuelle Bedürfnisse der ArbeitnehmerInnen in dem epochalen Umbruch, in dem sich Wirtschaft und Arbeitswelt befinden, besser in kollektive Regelungen übersetzt werden? Wie können die Chancen, die der demographische und gesellschaftliche Wandel bieten, für alle genutzt werden? Die Autoren versuchen Annäherungen an eine praktikable Agenda für eine Gesellschaft im Umbruch.

AutorInnen- und HerausgeberInnen

Gewerkschaftliche Arbeitgeber im Lebenslauf ist der gemeinsame Nenner von sechs der acht AutorInnen. Die IG Metall wird im Autorenverzeichnis ausdrücklich genannt bei Dominik Haubner, Nils Heisterhagen, Jan Machnig und Ralf Rukwid. Bei Wolfgang Schröder, Mitherausgeber des Bandes und Professor für das Politische System der BRD in Kassel, fehlt der Hinweis, dass er von 1991 bis 2006 für die IG Metall gearbeitet hat, zuletzt als Leiter der Abteilung Sozialpolitik.

Die zweite Herausgeberin des Bandes, Dr. Claudia Bogedan, ist seit 1999 Mitglied der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und inzwischen Senatorin in Bremen für Kinder und Bildung. Im Autorenverzeichnis firmiert sie noch als Leiterin der Abteilung Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung. Keinen gewerkschaftlichen Arbeitgeber im Lebenslauf haben unter den Autoren der emeritierte Professor für Arbeits- und Sozialrecht, Dr. Ulrich Mückenberger, und der Referent im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Dr. Max Neufeind.

Entstehungshintergrund

Wachsende soziale Ungleichheit und ein Auseinanderdriften der Gesellschaft in Deutschland sind zentrale Begriffe für die Autoren, aus denen sie ihre Schlussfolgerungen ableiten. Die Analyse von Thomas Piketty „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, dass die zunehmende Vermögenskonzentration zu einer stagnierenden Wirtschaft und zur Gefährdung der Demokratie führen, bilden eine Grundlage der Argumentation. Außerdem gehen die Herausgeber davon aus, dass die Erwerbsarbeit durch die dritte industrielle Revolution geprägt ist, die mehr Mobilität erfordert und die Kommunikation tiefgreifend verändert. Die Arbeit der Zukunft wird „digitaler, mobiler, flexibler und individueller“ (S. 7).

Aufbau

Den fünf Einzelbeiträgen des Bandes ist eine Einleitung der Herausgeber vorangestellt, die nicht nur einen Überblick über die Beiträge des Bandes vermittelt, sondern auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erläutert, die den nachfolgenden Analysen zu Grunde liegen.

Inhalt

Welche Herausforderungen bringt der Umbruch in Wirtschaft und Arbeitswelt? Das ist die Leitfrage für die Einleitung, die die Herausgeber Wolfgang Schroeder und Claudia Bogedan verfasst haben. Sie beobachten die „Prekarisierung der Arbeit“ und ein „Auseinandertriften der Gesellschaft“ (S. 7), was sie als Verletzung „elementarer Gerechtigkeitsansprüche“ begreifen (S. 8). Trotz der Risiken der Digitalisierung, des Terrorismus und der Gefahr neuer Kriege wollen sie Wege aufzeigen, wie soziale Gerechtigkeit über „Gute Arbeit“ als „zentraler Wohlstandsquelle“ (S. 9) unter den Bedingungen des sich neu formierenden Kapitalismus möglich ist. Ziel des Buches für die Herausgeber ist es, Bausteine für eine Aufbruchs- und Reformstimmung zu liefern, um den Umbruch des Kapitalismus für die ArbeitnehmerInnen in Deutschland sozial gerecht zu gestalten.

Freiheitspolitik als neue progressive Metaerzählung: Das ist der Kerngedanke in Nils Heisterhagens Beitrag „Über Ökonomisierung. Zur Notwendigkeit einer neuen Freiheitsidee“. Sein Freiheitskonzept ist ein Gegenmodell zum neoliberalen Freiheitskonzept. Er wendet sich gegen die Ökonomisierung aller Lebensbereiche und will den Staat gegenüber dem Markt stärken, damit er über Sozialpolitik soziale Gerechtigkeit und damit Freiheit im eigentlichen Sinn ermöglichen kann. Er fordert einen „Herkunftsausgleich“ (S.45), um Aufstieg durch Bildung zu ermöglichen und eine Beteiligungsstrategie, „die darauf zielt, Bürger in reale Diskussionen zu bringen“ (S. 43).

Die Beteiligung der Bürger am Arbeitsplatz zu stärken ist die Perspektive, die Ulrich Mückenberger in seinem Beitrag „Bürger am Arbeitsplatz. Ein gewerkschafts- und gesellschaftspolitisches Leitbild“ entwickelt. Es zeigt die historischen Wurzeln und Entwicklungen von Bewegungen in den USA, Frankreich und Großbritannien auf, die auf „die Integration einer Bürgerstellung im Betrieb“ (S. 67) abzielen. Kern dieses „strategischen und utopischen Orientierungspunkts“ (S. 82) ist es, Whistleblower, die Missstände in ihrem Betrieb öffentlich machen, vor Entlassung zu schützen.

Um die Frage der Demokratie in der Wirtschaft geht es im Positionspapier der Grundsatzabteilung der IG Metall „Mitbestimmung und Beteiligung stärken“. Um die Wirtschaft leistungsfähig und die Demokratie lebendig zu erhalten, plädiert der Beitrag für eine Erneuerung der individuellen Beteiligung wie der kollektiven Mitbestimmung und formuliert dazu zehn Anforderungen an den Gesetzgeber und 14 Punkte einer „Agenda für mehr Demokratie in den Unternehmen“ (S. 99).

Mehr Zeitsouveränität ist die zentrale Forderung von Max Neufeind in seinem Beitrag zur „Arbeitszeitpolitik zwischen Selbststeuerung und Mitbestimmung“. Er will „die Verhandlungsposition der Beschäftigten nachhaltig stärken“, um „eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Leben“ zu erreichen (S. 125).

Beim Beitrag von Wolfgang Schroeder, Ralf Rukwid, Jan Machnig und Dominik Haubner zu „Fachkräftepolitik als Dreh- und Angelpunkt des Umbruchs in Wirtschaft und Arbeitswelt“ handelt es sich um die Zusammenfassung eines Fachkräftepapiers der IG Metall. Der Beitrag fokussiert auf Bildung und bessere Qualifizierungsmöglichkeiten, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Arbeitsverdichtung und der Druck, auch über die reguläre Arbeitszeit verfügbar zu sein, werden als „räuberischer Umgang mit der Arbeitskraft“ gebrandmarkt (S. 138). „Gute Arbeit“ manifestiert sich für die Autoren auch in guten Arbeitsbeziehungen, besserer Verzahnung von Beruf und Privatleben sowie mehr Aufstiegsmöglichkeiten. Vor allem aber gilt: „Gute Arbeit wird angemessen bezahlt, ist unbefristet und bietet stabile Arbeitsverhältnisse“ (S. 138).

Diskussion

Die Mitgliederentwicklung in den Gewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) ist in den letzten Jahren positiv, die Zahlen stiegen von knapp 4,2 Millionen in 2010 auf 6,2 Millionen in 2014. Die gesellschaftlichen Umbrüche und Krisen machen die Gewerkschaften also wieder für mehr Menschen attraktiv, wenn auch das Niveau des gewerkschaftlichen Organisationsgrades von 1991 (11,8 Millionen DGB-Mitglieder) noch weit entfernt liegt. Der vorliegende Band versucht in diesem Kontext die Botschaft zu vermitteln, dass der DGB nicht nur einen verlässlichen Orientierungsrahmen für die Probleme der Gegenwart bietet, sondern auch die visionäre Kraft zur Gestaltung der Zukunft hat. Die Herausgeber versuchen einen Dreiklang: aus wissenschaftlicher Analyse abgeleitete Handlungsempfehlungen, gewerkschaftspolitische Programmatik und Pflege des Feindbildes Neoliberalismus. Die Sprachstile der einzelnen Beiträge entsprechen diesem Dreiklang und sind mal wissenschaftlich-analytisch, mal selbstreferenziell und, für einen Band, der in einer Forschungsreihe erschienen ist und damit wissenschaftlichen Anspruch postuliert, zu häufig polemisch. Außerdem kontrastieren zum Teil umfassende Literaturlisten in einem Beitrag konzeptionell mit starken Behauptungen, die völlig ohne empirische Belege auskommen, in einem anderen Beitrag. Der Band ist eine Mischung aus Thinktank und 1. Mai Demonstration. Er enthält wichtige Denkanstöße, die eine breitere Diskussion verdienen. Um gesellschaftliche Wirkung zu entfalten, sind die Texte aber zu heterogen und damit zu wenig zielgruppenorientiert.

Fazit

Der Sammelband versucht aus gewerkschaftlicher Perspektive Antworten auf die dramatischen Veränderungen in Wirtschaft und Arbeitswelt. Die Vision der Freiheit durch soziale Gerechtigkeit wird dem Konzept des Neoliberalismus entgegen gestellt. Für die Arbeitswelt konkretisiert sich dies im Begriff der „guten Arbeit“, der definiert und für gewerkschaftliches und gesellschaftspolitisches Handeln operationalisiert wird. Die Beiträge verstehen sich als chancenorientierte Annäherungen an die neue Situation. Sie formulieren den Anspruch des DGB, gerade in Zeiten der digitalen Revolutionen und gesellschaftlichen Umbrüche gestaltende Kraft zu sein, die Orientierung gibt.


Rezensent
Dr. phil. Andreas Meusch
Direktor WINEG
Homepage www.andreas-meusch.de
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Zitiervorschlag
Andreas Meusch. Rezension vom 22.12.2015 zu: Wolfgang Schroeder, Claudia Bogedan (Hrsg.): Gute Arbeit und soziale Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert. Bausteine einer sozialen Arbeitsgesellschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-2408-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19458.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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