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Eva Weißmann: Lernen im Gleichgewicht

Cover Eva Weißmann: Lernen im Gleichgewicht. Wie Bewegung die emotionale und kognitive Entwicklung fördert. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2015. 250 Seiten. ISBN 978-3-95558-149-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Bewegung für das Leben

Bewegung und Berührung, das Zwillingspaar des Wohlfühlens und von Sinnlichkeit, wird im allgemeinen in unserem anthropologischen und rationalen Denken und unseren kulturellen Einstellungen eher den „weichen“, weiblichen Eigenschaften zugeordnet (Alcira Mariam Alizade, Weibliche Sinnlichkeit, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17558.php), im Gegensatz etwa zu asiatischen, afrikanischen oder auch lateinamerikanischen Auffassungen vom Leben. In psychologischen, psychoanalytischen und pädagogischen Diskursen freilich wird dem Körperlichen des Menschseins eine Aufmerksamkeit zugewandt, die der Ratio ein Gegengewicht zuweisen (Eugenio Gaddini, »Das Ich ist vor allem ein körperliches «. Beiträge zur Psychoanalyse, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19463.php). Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird deshalb im philosophischen Denken kulturell und interkulturell unterschiedlich beantwortet. In den östlichen Philosophien etwa vollzieht sich das Nachdenken über das Individuum und die Gemeinschaft, über das Weltliche und Göttliche, über Haben und Sein in anderer Weise als in den westlichen Kulturen (Volker Gerhardt,: Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18151.php).

Entstehungshintergrund

Die Sinologin Gudula Linck, die an den Universitäten Kiel und Freiburg lehrte, verweist in ihrem Vorwort zu einem Buch, das hier vorgestellt werden soll, darauf, „dass kreatives Tun, zwischenmenschliche Zuwendung und Zärtlichkeit in höchstem Maße heilsam sind“. Sie beklagt, dass in unserem modernen, stressgeplagtem, bewegungsarmem und nach außen gewandtem Dasein die Berührung als Akt der emotionalen Zuwendung verloren gegangen ist: „Aus sinologischer Perspektive frage ich zurück, ob schon im Berühren, das körperlich ist, oder erst im davon bewirkten Spüren, das leiblich ist, Selbsterleben und Selbstwirksamkeit begründet sind“.

Es geht um eine bemerkenswerte Veröffentlichung: Die ehemalige Freiburger Lehrerin, jetzige Tanz-, Psychotherapeutin und Dozentin Eva Weißmann legt ein Buch vor, das als Mischung zwischen Ratgeber, Lehrbuch, Analyse- und Meditationsinstrument charakterisiert werden kann. Sie nimmt sich dabei die „Mainstreamentwicklung unserer Zivilisation“, AD(H)S, als Lern- und Entwicklungsstörung vor und diagnostiziert: „Es gibt einen sehr engen Zusammenhang zwischen früher Kindheit, deren Beziehungs- und Bindungsgeschichte, Bewegungs- und Berührungserfahrungen und der Lernfähigkeit bzw. Lernproblemen“. Sie untersucht die Entstehung von Lernstörungen und zeigt auf, welche Präventionen und Hilfen Eltern, ÄrztInnen, TherapeutInnen und PädagogInnen bei Kindern leisten können. Und sie nimmt diese Defizite zum Anlass, grundsätzlich danach zu fragen, welche Bedeutung das Körperliche als Geistiges beim Menschen hat.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert das Buch in neun Kapitel.

  1. Im ersten, „Glück und Lernkonzentration“, arbeitet sie die Zusammenhänge heraus, die im pädagogischen Diskurs erst einmal den beiden Eigenschaften weniger zugesprochen werden.
  2. Im zweiten diskutiert sie die physiologischen und biologischen Bedeutungen der Körperlichkeit.
  3. Im dritten stellt sie die Ursachen und Bedingungen zusammen, die sich bei ADS / ADHS für das Lernen ergeben.
  4. Im vierten bezieht sie sich „unser Gehirn“ und arbeitet dabei die neueren hirnphysiologischen Erkenntnisse heraus.
  5. Im fünften stellt sie die „Kinästhetisch Orientierte Pädagogik“ (KOP) vor und zeigt Therapiemöglichkeiten auf.
  6. Im sechsten werden „Körper und Kreativität als Säulen von Unbeugsamkeit“ am Beispiel der Philosophie des „non-complians“ des britischen Kinderarztes und Psychoanalytikers Donald W. Winnicott (1896 – 1971) reflektiert.
  7. Im siebten werden Übungen zur Bewegungswahrnehmung angeboten.
  8. Im achten verdeutlichen Fallbeispiele die Zusammenhänge, Diagnosebefunde und Therapieansätze.
  9. Und im neunten und letzten Kapitel setzt sie sich mit sechs ausgewählten theoretischen und praktischen Konzepten zur „Kinästhetischen Intelligenz“ auseinander, wie sie in etwa 100 Jahren diskutiert und angewandt werden.

„Dass Lebensmittel von der Erde und der Arbeit des Menschen kommen und dass Liebe vom Miteinander zwischen Erde und Lebewesen lebt, darf kein theoretisches Wissen bleiben“. Diese Herausforderung könnte als Leitgedanke des Buches formuliert werden. Es sind die vielfältigen Zusammenhänge und Implikationen, die in der Verbindung von Körperlichkeit, seelischem Empfinden des Menschseins und der Entwicklungs- und Lernfähigkeit des anthrôpos zu suchen sind. Bewegung wird dabei sowohl als notwendiger, körperlicher Akt, wie als Kompetenz, sich zu verändern, verstanden. Der natürlich (vor-)gegebene Bewegungsdrang artikuliert sich nicht allein im selbst initiiertem und von außen auferlegtem Tun, sondern auch im physischen und psychischen Erfahren der eigenen Körperlichkeit. Damit hebt sich auch die Trennung von Körper und Geist auf und wird zur Inbesitznahme der Ganzheit des Humanum. Diese „kinästhetische Empathie“ ist es, die aus einem „funktionierenden“ Menschen ein „Körper-Geist-Wesen“ zu machen vermögen.

Mit der von der Autorin entwickelten, aus vielfältigen Konzepten, Theorien und Praktiken der Feldenkrais-Methode und der Kinästhetik zusammengesetzten „Kinästhetisch Orientierten Pädagogik“ (KOP) werden eine Fülle von praktischen Beispielen und Anregungen vermittelt, die für Bildung und Erziehung von Kindern, und zwar nicht nur von ADS/ADHS belasteten, individuell und in der Gruppe, etwa im „Tanzkindergarten“, oder in der Schule, eingesetzt werden können. In der Spannweite von Selbsterleben – Austausch (Dialog) – Respekt zeigt sich der interessante Ansatz von Bewegungsaktivität und -erfahrung, wie er sich im kinästhetischen Wissen um Körper und Geist darstellt: „Das kinästhetische Erkennen muss eine grundsätzliche Wertschätzung als kognitiver Prozess und lebensnotwendige Bewusstheit erfahren“.

Diskussion und Fazit

Eva Weißmann plädiert für eine integrierte Wahrnehmung und Einbeziehung des kinästhetischen (Bewegungs-) Wissens in den Theorie- und Praxisdiskurs um Bildung, Erziehung und Aufklärung bei den Geistes- und Naturwissenschaften: „Die Wissenschaftler der Bewegungs- und Körperkompetenz sollten sich mit den MainstreamwissenschaftlerInnen der Kompetenz in Entwicklungspsychologie und Tiefenpsychologie, in Lerntheorie und Bindungstheorie, in Säuglingsforschung und Prä- und Perinatalpsychologie und -medizin zusammentun“. Gewissermaßen als „Basis“-Verständigung hierfür schlägt sie vor, die Kriterien zugrunde zu legen, wie sie von Daniel Siegel und den VertreterInnen der Interpersonalen Neurobiologie als Modell für lebenslanges Lernen als Kreis aus sieben „Zeiten“ oder sieben Trainings in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht wurde, nämlich: „Innere Zeit – Entspannungszeit – Spielzeit – Zeit in der Verbindung mit anderen – fokussierte Zeit: Arbeit und Lernen – Zeit für Körperbewegung – Schlafenszeit“.

Ihr Konzept der „Kinästhetisch Orientierten Pädagogik“ (KOP) nimmt die wesentlichen Theorie- und Praxisaspekte für ein neues, ganzheitliches Lebens- und Lernverständnisses auf und fokussiert sie auf Lernentwicklung und Lernstörungen. Sie öffnet damit das Bewusstsein dafür, wie der in unserer Gesellschaft zunehmenden Körperentfremdung entgegengewirkt werden kann. Sie spricht sogar von der „Un-Lebendigkeit“, als Krankheit unserer Zeit, die einer anzustrebenden „seelisch-ganzzeitliche(n) Gesundheit und Gehirnstruktur“ im Wege steht, gemacht ist und daher auch verändert werden kann! Ein wichtiger, wissenschaftlicher Beitrag zum Sosein des Menschen als Lebewesen, das in der Lage ist, kraft seiner Vernunft, seinem Streben nach einem guten Leben und dem Bewusstsein, in Gemeinschaft mit den Mitmenschen lokal und global leben und überleben zu können.

Konzepte der kinästhetischen Bildung bereiten auch den Boden vor für ein Bewusstsein und eine Wirklichkeit, die von einer „globalen Ethik“ getragen werden, nämlich der Überzeugung, dass die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet, wie dies in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10 Dezember 1948 postuliert wird und von der UNESCO, der Bildungsorganisation der Vereinten Nationen, in der Empfehlung zur internationalen Erziehung vom 19. November 1974 zum Ausdruck kommt: „Erziehung umfasst den Gesamtprozess des sozialen Lebens, innerhalb dessen Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen es lernen, in ihrer eigenen Gesellschaft und im Rahmen der gesamten Weltgemeinschaft ihre persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, ihr Können und ihr Wissen bewusst und bestmöglich zu entfalten“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Empfehlung über die Erziehung zu internationaler Verständigung und Zusammenarbeit und zum Frieden in der Welt sowie die Erziehung zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten, 2. veränd. Auflage, Bonn 1990, S. 16).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.02.2016 zu: Eva Weißmann: Lernen im Gleichgewicht. Wie Bewegung die emotionale und kognitive Entwicklung fördert. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2015. ISBN 978-3-95558-149-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19465.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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