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Frank-Matthias Staemmler: Das dialogische Selbst

Cover Frank-Matthias Staemmler: Das dialogische Selbst. Postmodernes Menschenbild und psychotherapeutische Praxis. Schattauer (Stuttgart) 2015. 428 Seiten. ISBN 978-3-7945-3114-1. D: 49,99 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 66,90 sFr.
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Thema und Autor

Der Autor Frank Staemmler, Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut sowie Gestalttherapeut in Würzburg (mehr Information zur Person unter www.frank-staemmler.de) befasst sich im besagten Beitrag aus vielfältigen theoretischen und praktischen Bezügen heraus mit einem dialogischen Selbst, das vor dem Hintergrund eines postmodernen Menschenbilds psychotherapeutische Praxis anders, nämlich jenseits der bestehenden Konsistenznorm (S.269) auffasst.

Entstehungshintergrund

Bereits im Geleitwort Hubert Hermans´, welches den Beitrag prägnant in einen Kontext stellt, wird der Meilensteincharakter des Werks deutlich. Hermans weist hier auf gravierende Einschränkungen im Verstehen des Selbst hin, die ein Produkt der Aufklärung darstellen. Sie bestehen darin, „es“ als isoliert und fest umrissen, als idealtypisch konsistent zu entwerfen. Warum und inwiefern diese Sichtweise problematisch scheint, entfaltet der Beitrag auf 428 Seiten.

Aufbau und Inhalt

Zunächst eröffnet Staemmler im ersten von neun Kapiteln mit einem ausführlichen Vorwort aus unterschiedlichen Perspektiven seines Selbst (etwa Autor, Theoretiker, Psychotherapeut). Er gibt eine Übersicht über das Buch und bezieht auch Stellung zu seinem aus Sicht der Rezensentin auffallend persönlichen Schreibstil. Diese Anmerkungen sind hilfreich und wichtig für die Lektüre, vor allem weil der Autor hier bescheiden hervorhebt, dass die Erkenntnisse aus seinem Buch nicht neu seien. Die Neuleistung sei eher in einer Synthese zu sehen (S.12).

Im zweiten Kapitel nimmt Staemmler seine komplexe Beschreibung des Selbst auf (S.14 ff.). Er bezieht sich in seiner Argumentation unter Anderem auf dessen Prozesshaftigkeit, Leiblichkeit und Perspektivität. Dabei wird das Kapitel wie die meisten übrigen durch eine Einleitung und eine anschließende Zusammenfassung gerahmt.

Kapitel drei, der zweite Teil seiner Ausführungen zum Selbst, hat dessen Bezogenheitscharakter zum Schwerpunkt (S.56). Dabei geht es vor allem um leibliche und zwischenleibliche Prozesse.

Das vierte Kapitel, eine Auseinandersetzung mit Phänomenen wie Sprache, Gedächtnis, Narrativität und Spiritualität (S. 93 ff.) legt einen weiteren Stein in das Mosaik der Darstellung, bevor mit dem fünften Kapitel (S.167 ff.) Elemente einer dialogischen Selbsttheorie eingeführt werden.

Die Zusammenfassung dieser Ausführungen (Kapitel fünf, S. 236) hilft, das bisher Gesagte erneut einzuordnen.

Schließlich wird im sechsten Kapitel ausführlich zur Problematik des Konsistenzdrucks beziehungsweise der Konsistenznorm Stellung bezogen (S. 239), um in einem siebten Kapitel (S.276 ff.) Techniken zur Veränderung des dialogischen Selbst darzustellen.

Das Schlusswort und ein umfassendes Verzeichnis der zahlreichen Referenzen runden das Buch ab.

Diskussion und Fazit

Staemmler rekonstruiert in breiter Abhandlung die Notwendigkeit, Alterität des Selbst (S.236) als Voraussetzung von und Chance für gelingendes psychotherapeutisches Handeln anzunehmen. Im Anschluss an Bertau, dessen Einschätzung der Veröffentlichung ebenfalls auf der Homepage Staemmlers einsehbar ist, kann gesagt werden, dass der Beitrag eine reichhaltige Sammlung von Erfahrungen und Kontextwissen aus theoretischer wie praktischer Auseinandersetzung mit der Thematik bereitstellt (vgl. Bertau 2015, verfügbar unter www.frank-staemmler.de/www.frank-staemmler.de/Neuerscheinungen.html).

Die Feinheit des Denkens und die Gründlichkeit der Ausführungen machen das Buch auch Bertau zufolge zu einem wichtigen Bezugswerk im Hinblick auf ein dialogisches Menschenbild, das seit einigen Jahren als Alternative zum methodologischen Individualismus formuliert wird (vgl. ebd.). Es ist anzumerken, dass es trotz leserfreundlichem, persönlich gefärbten Schreibstil eine Herausforderung darstellt, die vielen Gedankenstränge zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Zahlreiche Exkurse und Randbezüge führen dazu, dass zur Wahrung eines Überblicks außerordentlich konzentriert gelesen werden muss.

Beabsichtigt ein_e Leser_in, die Komplexität der Thematik annähernd zu umreißen, so scheint dies jedoch ohnehin geboten. Wissenschaftler_innen, Therapeut_innen, aber auch anderen an der Beschaffenheit ihres Selbst Interessierten kann die Lektüre ausdrücklich empfohlen werden.


Rezension von
Viola Straubenmüller
Pflegewissenschaft M.A., Pflegepädagogik B.A.
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Zitiervorschlag
Viola Straubenmüller. Rezension vom 03.12.2015 zu: Frank-Matthias Staemmler: Das dialogische Selbst. Postmodernes Menschenbild und psychotherapeutische Praxis. Schattauer (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-7945-3114-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19468.php, Datum des Zugriffs 29.10.2020.


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