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Renate Freericks, Dieter Brinkmann (Hrsg.): Handbuch Freizeitsoziologie

Cover Renate Freericks, Dieter Brinkmann (Hrsg.): Handbuch Freizeitsoziologie. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 737 Seiten. ISBN 978-3-658-01519-0. D: 89,99 EUR, A: 71,95 EUR, CH: 87,50 sFr.
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Thema

Soziologie der Freizeit (Freizeitsoziologie) ist eine interdisziplinäre Wissenschaft.

Sie befasst sich grundsätzlich mit der Bevölkerungssoziologie und der Freizeitforschung u.a. Sport, Gesundheit, Freizeitkommunikation, Umweltschutz und Weiterbildung. Im deutschsprachigen Raum haben Opaschowski und Nahrstedt die Freizeitforschung entscheidend vorangetrieben.

Herausgeberin und Herausgeber

Dr. Renate Freericks ist Professorin an der Hochschule Bremen und lehrt Pädagogische Freizeit- und Tourismuswissenschaft; sie ist Autorin zahlreicher Bücher.

Dr. Dieter Brinkmann arbeitet als Lektor an der Hochschule Bremen (Fakultät Gesellschaftswissenschaften) und ist Verfasser zahlreicher Publikationen.

Den Herausgebern und den Autorinnen und Autoren gebührt Dank für diese umfangreiche und relevante Publikation.

Aufbau und ausgewählte Inhalt

An dieser Arbeit haben sich 33 Autorinnen und Autoren beteiligt. Alle Beiträge im einzelnen zu analysieren würde den Rahmen der Rezension sprengen.

Es besteht aus drei Teilen und befasst sich mit Antworten auf folgende Fragen:

  • Was bedeutet sinnvolle Freizeit?
  • Wie viel Freizeit braucht der Mensch individuell?
  • Warum spielt Freizeit für gemeinsame und soziale Aktivitäten immer größere Rolle?

Im ersten Teil werden die Grundlagen der Freizeitsoziologie analysiert.

Prahl beschreibt in seinem einführenden Aufsatz „Geschichte und Entwicklung der Freizeit“ das „Mensch -Natur-Verhältnis“ und betont, dass Freizeitgeschichte sich grundsätzlich an Zeiten des „Friedens und Wohlstandes“ (S. 26)orientiert; die Zeiten von Kriegen und Zeiten in Krankenhäusern werden kaum untersucht. Die Zeiten in den Kasernen bzw. in Gefängnissen, also Zeit als Mittel der Disziplinierung, bedürfen einer spezifischen Analyse.

Des Weiteren analysiert Opaschowskis in seinen Ausführungen unter der Überschrift „Vom Wohlleben zum Wohlergehen. Zukunftsperspektiven von Wohlstand und Lebensqualität“ (S. 85-107) die Zirkulation zwischen Wirtschaft, Wohlstand und Sozialem. Seine Mahnung ist: „Wir brauchen in Zukunft eine umfassende Folgenabschätzung des Wirtschaftswachstums – eine Art Fußabdruck mit ökonomischem und ökologischem, menschlichem und sozialem Profil. Das kann nur der Maßstab für den Fortschritt eines Landes sein. In diesem Sinne ist Fortschritt eine Garantie dafür, dass es der kommenden Generation besser geht als uns heute.“ (S. 87).

Anschließend analysieren Popp und Reinhard in ihrem Beitrag „Freizeit der Zukunft. Repräsentativ erhobene Zukunftsbilder auf dem Prüfstand“. Die Freizeitgestaltung der Zukunft beschreiben sie wie folgt: „Spontan genau das tun, wozu man gerade Lust hat“ (S. 137). Dem folgt Vesters umfangreicher Aufsatz mit der Überschrift. “Die Grundmuster der alltäglichen Lebensführung und der Alltagskultur der sozialen Milieus“ (S. 143-187). Er bezieht sich in seinen Ausführungen auf die Arbeiten von P. Bordieu, E. Durkheim, G. Schulze und M. Weber und untermauert damit die Relevanz der Soziologie in seiner Untersuchung.

Dieter Brinkmann weist in seinem Artikel „Freizeit im Kontext des demografischen Wandels“ auf wesentliche Entwicklungen in unserer Gesellschaft hin, indem er drei Tendenzen betont: Alterung der Gesellschaft, Rückgang der Zahl der Bevölkerung bei gleichzeitiger Zunahme der Bewohner in den deutschen Großstädten (vgl. 189f.).

Im Zweiten Teil werden vielseitige Freizeit-Analysen durchgeführt unter dem Titel „Schwerpunktthemen der Freizeit.“

Susanne Keuchel beginnt diesen Teil mit dem Aufsatz „Zur Soziologie kultureller und künstlerisch-kreativer Freizeitaktivitäten“ und stellt fest, dass die soziologische Formulierung „kulturelle Aktivitäten“ sehr breit gefächert ist.

Pamela Heise ist Autorin des Beitrages „Wellness und Gesundheitsförderung im Kontext sozialer Transformationsprozesse“. Sie setzt sich u.a. für ein Gesundheitskonzept ein.

Unter der Überschrift „Feste, Feiern und Events. Die etwas andere Freizeit“ beschreibt Winfried Gebhardt die Bedeutung der „akzelerierenden Zunahme von Events, d. h. einer `Eventisierung` der Kultur für Mensch und Gesellschaft“ (S. 415).

Johannes Fromme liefert einen wichtigen Aufsatz mit der Überschrift “Freizeit als Medienzeit. Wie digitale Medien den Alltag verändern“. Das Fazit seiner Untersuchung ist, dass Computer, Internet und Mobiltelefon gegenwärtig zur Standardausstattung der meisten Haushalte gehören. Historisch gesehen, gehörte nach dem Kriege das Lesen von Zeitschriften und Zeitungen zu den bevorzugten „Freizeitformen“ der Mediennutzung; erst durch die Verbreitung des Fernsehens in den 1960er Jahren fand ein Umbruch statt.

Silke Kleinhückelkotten liefert wichtige Überlegungen unter der Überschrift „Wochenend` und Sonnenschein – Freizeitstile und Nachhaltigkeit.“ Sie definiert den Freizeit-Begriff als „…selbstbestimmte Zeit: Zeit ohne äußere Zwänge, in der das Individuum tun kann, was es möchte. Freiwilligkeit und Selbstbestimmung sind wesentliche Bestimmungskriterien von Freizeit.“ (S. 513). Sie beruft sich in ihren Ausführungen auf die Klassiker der Freizeitforschung wie Tokarski, Schmitz-Scherzer, Opaschowski und Freericks.

Kai-Uwe Hellmann analysiert abschließend in seinem Artikel „Alles Konsum oder was? Zum Verhältnis von Freizeit und Konsum“ und stellt heraus, dass „Freizeitforschung in der Konsumforschung nicht einfach aufgeht“ (S. 551), sondern beide Eigenständigkeit bewahren sollen.

Der dritte Teil befasst sich mit der institutionellen Entwicklung von Freizeit. Die Beiträge zeigen, dass gegenwärtige Freizeitinstitutionen von zwei Strömungen geprägt werden. Erstens wird das Bewehrte gepflegt, zweitens beeinflussen neu entstandene Institutionen bzw. Freizeitsektoren diese Entwicklung.

Anhand einiger Beispiele wird verdeutlich, dass Kulturinstitutionen nach neuen Programmen und Orientierungen suchen.

Birgit Mandel stellt anfangs in ihrem Beitrag „Entwicklungen der Kulturinstitutionen und des Kulturbetriebs in Deutschland und neue kulturpolitische Herausforderungen“ fest, dass in Deutschland die hohe Zahl der Kulturinstitutionen öffentlich gefördert wird. Zu den Kulturinstitutionen zählt sie Theater, Symphonie – und Kammerorchester, Bibliotheken, Musikschulen und soziokulturellen Zentren.

Jürgen von Borstel greift mit seiner ganzen Erfahrung das Thema „Entwicklung soziokultureller Einrichtungen in Deutschland“ an. Es ist wichtig, wenn er unterstreicht, dass die soziokulturelle Zentren besonders den Besuchern aus Migrantenfamilien offen stehen. Zudem erfüllen sie den demokratischen Kultur-Auftrag.

Gilles Renout analysiert in seinem Beitrag über „Sportliche Aktivitäten in und jenseits von Verein und Fitnessstudio“ (S. 619f.), wie unterschiedlich Sport zu verstehen ist, z. B. „Leistungssport“ oder „Bewegungsspiel“ .

Renate Freericks beschreibt in „Erlebniswelten als inszenierte erlebnisorientierte Lernorte der Wissensgesellschaft“ hauptsächlich das Wesen des informellen Lernens in der Freizeit. Es werden die Lern-Chancen in Erlebniswelten in der Freizeit hervorgehoben im vierfachen Sinne:

  • „Erinnerungen an eigenes Tun und Erleben
  • Neues Wissen, Verknüpfungen,Regeln
  • Selbsterfahrung und neues Handeln
  • Wandel von Einstellungen und Emotionen.“ (S.682).

Freericks unterstreicht die nachhaltige Wirkung des Lernens in der Freizeit als Lernen ohne Druck von Außen. Diese signifikante Form des Lernens kann positiv die Qualität der Erlebniswelt in der Freizeit beeinflussen.

Klaus Nagorni setzt sich mit dem Thema „Kirche und Freizeit“ auseinander. Er beruft sich in seinen Ausführungen auf Webers „Affinität“ (S. 726) zwischen Glauben und Berufsethik ; dem folgt dann die Analyse des Verhältnisses von Freizeit und Arbeit aus pädagogischer Sicht.

Zielgruppen

Dieses wertvolle Handbuch ist primär Studenten der Soziologie, der Pädagogik und der Politikwissenschaften zu empfehlen.

Diskussion

Freizeitsoziologie kann in Deutschland auf ihre eigenen Erfahrungen zurückgreifen, indem sie u.a. die geschichtliche Entwicklung des Freizeitverständnisses verfolgt.

Bereits Friedrich Fröbel (1782-1852) hat Freizeit als „Zeit zu freier Beschäftigung, freier Selbsttätigkeit u. Selbstbestimmung“ definiert.

Habermas hat (1958) in seinen Aufsatz „Soziologische Notizen zum Verhältnis von Arbeit und Freizeit“ den Freizeitbegriff negativ beschrieben als „Freiheit von Arbeit“. Nahrstedt hat (1990 ) den Freizeitbegriff als „Freiheit auf Zeit“ definiert. Diese „Freizeit-Freiheit“ birgt zahlreiche Gefahren u.a. im psychischen , sozialen, ökonomischen und ökologischen Freizeitbereich (vgl. S. 26). Kleinhückelkotten sieht wiederum Freizeit als selbstbestimmte Zeit (S. 513). Diese Beispiele deuten darauf hin, wie unterschiedlich und zeitlich bedingt Freizeit zu verstehen ist.

Opaschowski analysiert in seinem kritischen Aufsatz die Zukunftsperspektiven der deutschen Gesellschaft, ohne den Freizeit-Begriff zu verwenden, für ihn haben Wohlstand und Wohlleben eine entscheidende Bedeutung. Freizeitsoziologische Relevanz hat in Opaschowskis Untersuchung die Frage wie wir in Zukunft leben möchten. Brinkmanns Einlassungen müssen künftig um den Aspekt der Alterung der Gesellschaft bzw. um die Herausforderungen in städtischen Quartieren im Sinne des Miteinanders zwischen „Jung und Alt“ erweitert werden sowie um den Aspekt der sozialen und konfliktfreien Kommunikation der „Kulturen des Respektes und der Akzeptanz des Anderen“ besonders zwischen jungen Migrant_innen und Einheimischen. 2015 werden nach Deutschland eine Million Migrant_innen kommen; Freizeitsoziologie muss sich künftig mit dieser Problematik intensiv befassen.

Es lassen sich grundsätzlich folgende Freizeit-Konzeptionen bzw. Freizeitaspekte hervorheben, die sich wiederum in konkreten Freizeit-Aktivitäten äußern u.a.

  1. „Künstlerisch-kreative Freizeitaktivitäten“,
  2. „Soziologie des Reisens“,
  3. „Freizeit und Gesundheitsförderung“,
  4. „Digitalisierung in der Freizeit“,
  5. „Freiwilliges Engagement in der Freizeit“,
  6. „Erlebnisorientierte Events“,
  7. „Freizeit für Menschen mit Behinderung“,
  8. „Sportaktivitäten in der Freizeit“,
  9. „Soziokulturelle Freizeitzentren“,
  10. „Freizeit und Lernen“,
  11. „Umweltschutz“ und
  12. „Konsum in der Freizeit“ .

Freizeitsoziologie muss sich mit dem Thema des sozialen Engagement und der Freiwilligkeit in der Freizeit intensiv auseinandersetzten. Gensicke ist zu verdanken, dass er in diesem Handbuch das Thema der Freizeit und des Ehrenamtes tiefgründig diskutiert. In Deutschland engagieren sich 36% der über 14-jährigen der Bevölkerung. Diese Entwicklung hat mehrere Ursachen , u.a. das finanzielle Versagen der staatlichen Institutionen. Ehrenamtlichkeit wird in in folgenden Bereichen bevorzugt: Schule und Kindergarten, Kirchen, sozialer Bereich, Kultur und Freizeit. Die am meisten dafür bevorzugten Zeitvolumen betragen bis zu 2 Stunden pro Woche.

Es ist gut, dass die Relevanz der Events in unserer Gesellschaft von Gebhardt behutsam erfasst wird. Das Thema der Eventkultur hat bereits Opaschowski (2000) in seinem Buch Kathedralen des 21. Jahrhunderts. Erlebniswelten im Zeitalter der Eventkultur“ beschrieben. Events können viele pädagogische Freizeitfunktionen erfüllen. Sie fördern u.a. soziale Kommunikation, Gemeinschaftserlebnis, prophylaktische Funktion, indem die Veranstalter z. B. mit Plakaten gegen Gewalt bzw. gegen Drogenkonsum werben.

Wilken als erfahrener Freizeitforscher von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen (in Deutschland spricht man von sieben Millionen) plädiert für mehr gesellschaftliche und öffentliche Präsenz der Themen der sozial-integrativen Gestaltungsinstitutionen. Inklusion und freizeit-kulturelle Partizipation dürfen sich in einer Wohlstandsgesellschaft nicht ausschließen. Er plädiert für eine umfassende und komplementäre Einordnung von Alltag, Arbeit und Freizeit.

Wohlers fördert in seinem Beitrag den Gedanken der informellen Umweltbildung in deutschen Nationalparks. Seine Botschaft ist klar; Nationalparks, Biosphärenreservate und Naturparks müssen geschützt werden. Sie bieten in der Freizeit Naturerlebnisse, fördern die „Grüne Lunge“ der Stadt und das Umweltbewusstsein in der Freizeit.

Fazit

Freizeitsoziologie befasst sich mit verschiedenen Aspekten der Freizeit. Opaschowskis denkwürdiges Lebenscredo für das 21. Jahrhundert lautet: „Wohlergehen für alle“; es geht dabei nicht mehr um den Konsum von Waren. In diesem Konzept müssen Ökonomie, Ökologie, Gesundheit, öffentliche und soziale Sicherheit des Einzelnen nachhaltig berücksichtigt werden.


Rezensent
Dr. Siegmund Pisarczyk
Diplompädagoge & Nonprofit Manager
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Zitiervorschlag
Siegmund Pisarczyk. Rezension vom 07.10.2015 zu: Renate Freericks, Dieter Brinkmann (Hrsg.): Handbuch Freizeitsoziologie. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-01519-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19474.php, Datum des Zugriffs 25.09.2017.


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