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Edwin Hoffman: Interkulturelle Gesprächsführung

Cover Edwin Hoffman: Interkulturelle Gesprächsführung. Theorie und Praxis des TOPOI-Modells. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 443 Seiten. ISBN 978-3-658-07191-2. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 56,00 sFr.
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Thema

Thema des Buches sind die Auswirkungen kultureller Differenzen auf die Gesprächsführung. Auf der Basis eines systemischen Ansatzes werden Erkenntnisse und praktische Anweisungen für den kommunikativen Umgang mit vorwiegend national-kulturellen, ethnisch-kulturellen und religiösen Unterschieden vorgestellt und das TOPOI-Modell als praktisches Hilfsmittel eingeführt (TOPOI ist ein aus den niederländischen Wörtern Taal (Sprache), Ordening (Sichtweise), Personen, Organisatie (Organisation) und Inzet (Wollen) gebildetes Akronym).

Autor

Edwin Hoffman ist in Indonesien geboren und in den Niederlanden aufgewachsen. Er lebt in Österreich und arbeitet als selbständiger Forscher und Berater zum Thema interkulturelle Kommunikation. An der Adria Universität in Klagenfurt nimmt er einen Lehrauftrag wahr.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort zu Anliegen und Aufbau des Buches finden sich zwölf Kapitel, die sich in zwei Teile gliedern lassen.

Die Kapitel 1 bis 6 behandeln theoretische Konzepte, die für die Betrachtung und Analyse interkultureller Gesprächsführung bedeutsam sind:

  • Einführung in die interkulturelle Gesprächsführung
  • Ein inklusiver systemischer Ansatz für interkulturelle Gesprächsführung
  • Kultur
  • Soziale Identitäten
  • Kollidierende Werte und Normen
  • Kulturelle Fremdheitserfahrungen, Diversitätskompetenz und das TOPOI-Modell

Die Darstellung des TOPOI-Modells und seine Anwendung in interkultureller Gesprächsführung sind Thema des zweiten Teiles mit den Kapiteln 7 bis 12:

  • Das TOPOI-Modell: Taal (Sprache)
  • Das TOPOI-Modell: Ordening (Sichtweise)
  • Das TOPOI-Modell: Personen
  • Das TOPOI-Modell: Organisatie (Organisation)
  • Das TOPOI-Modell: Inzet (Wollen)
  • Anwendung des TOPOI-Modells auf Situationen in der Praxis.

Die verwendete Literatur wird jeweils am Ende eines Kapitels aufgeführt. Das Buch schließt mit einem Sachverzeichnis.

In seiner Einführung hebt Hoffman hervor, dass seiner Ansicht nach Kommunikation zwischen Menschen verschiedener Herkunft nicht per definitionem problematisch ist und eine Unterscheidung zwischen intrakultureller und interkultureller Kommunikation für die alltägliche Praxis überflüssig ist. So will er die Bezeichnung Interkulturelle Kommunikation für das Fachgebiet reservieren, das sich mit den Auswirkungen von Kultur und Kulturunterschieden auf die Kommunikation auswirkt. Als Voraussetzung für eine unvoreingenommene Begegnung mit dem Fremden nennt er Achtsamkeit ohne vorgefasste Zielsetzungen und Erwartungen, ohne einschränkende Kategorien.

Gängige Theorien interkultureller Kommunikation wie z.B. die von Hofstede, von Trompenaars und von Thomas sieht Hoffman als kulturalistisch und damit als riskant, da seiner Meinung nach die Gefahr besteht, dass kulturelles Wissen als Vorschrift für effektive Kommunikation verstanden wird und dass kommunikatives Verhalten einer Person einfach aus dem ethnischen, nationalen oder religiösen Hintergrund erklärt wird. Dem will er inklusives Denken und Handeln, d.h. die gleichzeitige Anerkennung von Gleichheit und Verschiedenheit entgegensetzen. Relevant für Gesprächsführung in interkulturellen Konstellationen ist die Berücksichtigung der sozialen Systeme, denen eine Person angehört bzw. angehört hat – Hoffman bezieht sich hier auf die allgemeine System- und Kommunikationstheorie der Palo-Alto-Gruppe um Paul Watzlawick.

Eine traditionelle Kulturauffassung sieht Kultur nur als Verbindung mit einer Nation oder ethnischen Gruppe und betrachtet sie als homogen, kohärent und statisch, so nach Hoffman die Position des Kulturalismus. Demgegenüber ist für einen konstruktivistischen und systemischen Ansatz Kultur eine gemeinsame Welt von Bedeutungen, Erfahrungen, Werten, Symbolen, Wissen und Praktiken, und diese Welt ist offen, unbegrenzt, heterogen, dynamisch und beständig. Sie ist Merkmal und Produkt eines Kollektivs, und da jede Person einer Vielzahl von Kollektiven angehört, ist sie multikulturell.

Für die Gesprächsführung mit Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft spielt die soziale, vor allem ethnische Identität eine zentrale Rolle, und diese sind eng verbunden mit Kollektiven und deren Kulturen. Zu unterscheiden sind die objektive und die subjektive Identität. Erstere ist eine – von der Person unabhängige soziale Gegebenheit. Die Selbstdefinition einer Person, ihr Identitätserleben, ist die subjektiven Identität, die nicht mit der objektiven übereinstimmen muss. Ethnische Selbsteinschätzung hängt mit der Geschichte, Kultur und Tradition einer ethnischen Gruppierung zusammen. Welche soziale Identität einer Person zugeschrieben wird, und wie sie selbst diese erlebt, hängt stark vom Kontext ab; er bestimmt, welche persönliche Identität in einer konkreten Situation angesprochen wird: als Ausländer, als Frau, als Christ oder Muslim …

Welche – kulturell bestimmten – Werte und Normen dominieren, ist eine Machtfrage. Als Antwort auf die Frage, ob es universelle, nicht verhandelbare Werte und Normen gibt, nennt Hoffman drei Positionen:

  1. Der kulturelle Monismus geht davon aus, dass hinter der Verschiedenheit eine universelle Einheit liegt, dass es daher nur ein Wertesystem gibt (das westliche), dem alles unterzuordnen ist.
  2. Demgegenüber geht der Relativismus von der Verschiedenheit und der Anerkennung des Spezifischen aus. Kulturübergreifende Normen gibt es nicht; gefordert ist Toleranz und Respekt. In seiner extremen Variante – so Hoffman – ist die Kommunikation zwischen Menschen verschiedener Kulturkreise kaum möglich, aus Toleranz kann leicht Gleichgültigkeit werden.
  3. Zu einem demokratischen Rechtsstaat passt für Hoffman am ehesten die Position des kulturellen Pluralismus, für den es keine definitiven und universellen Wahrheiten und Maßstäbe gibt und der ein Plädoyer für Diversität darstellt.

Dennoch geht Hoffman davon aus, dass es universelle Grundwerte wie Demokratie, Freiheit und Menschenrechte gibt, die nicht verhandelbar sind.

Bei einer Kollision von Werten und deren Auslegung ist die Lösung im Dialog zu suchen – im Gegensatz zu Diskussion oder Debatte. Während letztere nicht frei, sondern interessengebunden und auf Ziele, Aktionen oder Resultate ausgerichtet sind, ist zentral für den Dialog, dass man wirklich etwas "miteinander zu tun haben will".

Die Erfahrung kultureller Fremdheit kann sowohl Bereicherung als auch Bedrohung mit sich bringen: Bedrohung, weil sie Selbstverständlichkeiten in Frage stellt – Bereicherung, wenn daraus Staunen und Faszination und explizite Wertschätzung bisheriger Selbstverständlichkeiten entsteht. Um Fremdheitserfahrungen positiv zu wenden, braucht es – so die häufigste Antwort – interkulturelle Kompetenz. Problematisch ist für Hoffman dabei die Koppelung dieses Begriffs ausschließlich an kulturelle Unterschiede; um deutlich zu machen, dass es um weiter geschichtete Verschiedenheit geht, verwendet er den Terminus Diversitätskompetenz.

Die Ausarbeitung zugehöriger Teilkompetenzen leitet auf der Basis der sog. pragmatischen Axiome von Watzlawick und der Palo-Alto-Gruppe über zur Praxis interkultureller Gesprächsführung, also zum TOPOI-Modell und damit zum zweiten Teil des Buches.

Sprache (Taal) – so Hoffmanordnet und strukturiert Wirklichkeit, und diese Ordnung und ihre Bewertung ist kulturell bestimmt. Diversitätsunterschiede im Bereich verbaler und nicht verbaler Sprache werden diskutiert und Vorschläge zur Begegnung von Missverständnissen gemacht.

Der Bereich Ordening (Sichtweise) betrifft Unterschiede in der Wirklichkeitsauffassung: wie sehen Menschen bestimmte Situationen – in der Gesprächsführung also z.B. die Themen – und welche Bedeutung messen sie ihnen bei? Eine wichtige Rolle spielt u.a. die Organisation der Kommunikation durch Interpunktion, auch hier wieder der Bezug zur Kommunikationstheorie von Watzlawick et.al. Die Bedeutung nationaler Kollektive für die Sichtweise der Realität ist Gegenstand der Globe Study, deren Untersuchungsdimensionen (Macht, Unsicherheitsvermeidung, Assertiveness (Bestimmtheit), Zukunftsorientierung, Leistungsorientierung, Gruppen/Familienorientierter Kollektivismus, Institutioneller Kollektivismus, Humanorientierung und Geschlechtergleichheit) von Hoffman ausführlich beschrieben werden. Der Versuch, Unterschiede in der Sichtweise zu beseitigen, sind – so Hoffman – vergeblich; ein effektiver Weg, mit ihnen umzugehen, ist, sie zu anzuerkennen, d.h. den Anderen anzuerkennen, von ihm zu verlangen, auf das Recht zu verzichten, nach seiner Sichtweise zu handeln und zu sehen, dass Unterschiede aus etwas Gemeinsamem erwachsen.

In jeder Kommunikation ist die Ebene der Beziehungen zwischen den beteiligten Personen wesentlich. Störungen in der interkulturellen Kommunikation sind primär und entscheidend solche auf der Beziehungsebene. Inhalts- und Beziehungsaspekt, kommunikative Rekursivität, persönliche und interpersonale Perspektiven, Selbstpräsentation und Rollen und Erwartungen sind zu berücksichtigen, ebenso der Einfluss sozialer Repräsentationen.

Der organisatorische Kontext und die strukturellen Machtverhältnisse werden im Bereich Organisation (Organisatie) betrachtet. Diese sind für eine Vielzahl von Missverständnissen und Konflikten verantwortlich, die – so Hoffman – nichts oder wenig mit kulturellen Unterschieden zu tun haben. So stellt die spezifische und differenzierte Organisation vieler sozialer Einrichtungen – für Mitarbeiter selbstverständlich – viele Menschen vor Kommunikationsprobleme; zumindest für Migranten stellt dies allerdings durchaus ein Resultat kulturbedingter Unterschiede dar.

Das organisationale Diversitätsmanagement richtet sich idealerweise auf die Schaffung einer Arbeitsumgebung, in der das kulturelle Kapital der Menschen, ihre Kompetenzen und Qualitäten genutzt werden. Zentraler Ausgangspunkt für das Managen von Diversität ist nach Hoffman inklusives Denken und Handeln mit den Prinzipien anerkannter Gleichheit und anerkannter Verschiedenheit.

Grundlage für den Bereich Inzet (Wollen) im TOPOI-Modell ist Watzlawicks Axiom, dass jedes Verhalten als Kommunikation zu begreifen ist. Die Schwierigkeit liegt darin, dass es für jedes Verhalten eine Vielzahl von (kulturell mitbestimmten) Interpretationen gibt, die nicht immer mit der beabsichtigten Sinngebung korrespondieren. Wichtig ist ein Bewusstsein dieser Interpretationsunterschiede und der Tatsache der zirkulären Beeinflussung der Kommunikationsteilnehmer. Anerkennen, Ablehnen und Missverstehen werden als grundlegende Erfahrungen in der Kommunikation beschrieben.

Das letzte Kapitel des Buches beschreibt die Anwendung des TOPOI-Modells auf Situationen der Praxis. Hilfreich dabei sind die schematischen Darstellungen der TOPOI-Bereiche zum einen, wenn man selbst Kommunikationsbeteiligter ist, zum anderen, wenn man sich in einer vermittelnden oder unterstützenden Funktion befindet.

Diskussion und Fazit

Der Umgang mit Fremdheit in der Kommunikation ist nicht neu. Die Globalisierung und die damit verbundene häufigere Begegnung mit Angehörigen anderer Kulturen zwingt allerdings dazu, theoretische Konstrukte zur Analyse und Fundierung interkultureller Kommunikationssituationen neu zu bedenken. Edwin Hoffman unternimmt dies im ersten Teil seines Buches; seine Analysen sind detailreich, gut rezipierbar und durch zahlreiche Praxisbeispiele verdeutlicht. Gängige Theorien betrachtet er als kulturalistisch; der Gefahr, (kommunikatives) Verhalten einer Person ausschließlich oder vorrangig auf kulturelle Faktoren zurückzuführen, will er durch inklusives Denken und Handeln auf der Basis eines konstruktivistischen und systemtheoretischen Ansatzes entgegenwirken.

Hinsichtlich der Frage, ob es universelle, also nicht kulturgebundene Werte und Normen gibt, stellt Hoffman dem kulturellen Monismus (für den es nur ein einziges Wertesystem gibt) und dem kulturellen Relativismus (Anerkennung kulturell spezifischer Werte, die im Extremfall Verständigung verschiedener Kulturkreise kaum möglich macht) die Position des kulturellen Pluralismus gegenüber. Für diesen gibt es keine definitiven und universellen Grundwerte, diese sind Produkte der jeweiligen Kultur. Konfliktlösungen sind im Dialog bei gleichzeitiger Anerkennung von Diversität und Gleichheit zu suchen. Allerdings hält Hoffman diesen pluralistischen und konstruktivistischen Ansatz nicht vollständig durch: für ihn sind Grundwerte wie Demokratie, Freiheit und Menschenrechte universell und nicht verhandelbar, ihre Herkunft bleibt unthematisiert und daher ein wenig mystisch – obwohl doch ein Blick in die (auch abendländische) Geschichte zeigt, dass diese Werte [1] so universell nicht sind, sondern mühsam erarbeitete kulturelle Errungenschaft, und ihre Nichtverhandelbarkeit nicht immanent, sondern kulturelle Setzung ist.

Die Anwendung der theoretischen Erträge auf die Praxis interkultureller Kommunikation im zweiten Teil des Buches ist ebenso gut nachvollziehbar und durch Beispiele verdeutlicht. So ist das Werk nicht nur für an Theorie Interessierte, sondern auch für die kommunikative Praxis interessant.

Auch wenn man Hoffmans Argumentation nicht in jedem Punkt folgen will, so ist die Lektüre dennoch – oder vielleicht sogar deshalb – lohnend.


[1] über deren inhaltliche Bestimmung im übrigen noch zu diskutieren ist.


Rezensent
Dr. Wolfgang Rechtien
Bis 2009 Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des Kurt Lewin Institutes für Psychologie der FernUniversität sowie Ausbildungsleiter für Psychologische Psychotherapie.
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Zitiervorschlag
Wolfgang Rechtien. Rezension vom 16.12.2015 zu: Edwin Hoffman: Interkulturelle Gesprächsführung. Theorie und Praxis des TOPOI-Modells. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-07191-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19480.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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