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Claudia Ang-Stein: Interkulturelles Training

Cover Claudia Ang-Stein: Interkulturelles Training. Systematisierung, Analyse und Konzeption einer Weiterbildung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 250 Seiten. ISBN 978-3-658-08883-5. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Es handelt sich um die Veröffentlichung einer – an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Jahr 2014 entstandene – Dissertation, in der eine Bestandsaufnahme und Analyse gängiger Konzepte des interkulturellen Trainings versucht wird. Diesen vielfach auf einem überholten Kultur- und Qualifikationsverständnis fußenden Ansätzen werden alternative Planungsansätze gegenübergestellt.

Autorin

Claudia Ang-Stein ist interkulturelle Beraterin, Trainerin und Coach mit dem Schwerpunkt kulturelle Diversität.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält nach einem Vorwort der Autorin und einem Abbildungs- und Tabellenverzeichnis neun Kapitel und ein Literaturverzeichnis.

  1. Einleitung (mit Darstellung zu Forschungsstand und Forschungsgegenstand Interkulturelles Training – IKT)
  2. Entwicklung der Forschungsmethoden
  3. Lernorientierter Problemkontext
  4. Legitimationsorientierter Problemkontext
  5. Arbeitsmarktorientierter Problemkontext
  6. Grundannahmen im IKT
  7. IKT im interdisziplinären Kontext
  8. Erwachsenenpädagogische Realisierung des IKT
  9. Abschließende Betrachtung

Gefördert vor allem durch die Internationalisierung von Organisationen, damit einhergehende Veränderung beruflicher Kompetenzprofile und die demografische Entwicklung nehmen Nachfrage und Angebot von Dienstleistungen mit interkultureller Thematik zu. Im Gegensatz dazu – darauf weist Claudia Ang-Stein in Kapitel 1 nachdrücklich hin – ist der entsprechende Forschungsstand defizitär. Insbesondere wissenschaftliche Arbeiten zu grundlagentheoretischen Fragen (Anthropologie, Bildungstheorie, Sozialgeschichte usw.) finden sich nicht. Mit einer grundlegenden Systematisierung von Theorien, Modellen und Methoden des ITK sowie einer Analyse ihrer immanenten Grundannahmen will die Autorin zu einer Verminderung diesen Mangels beitragen und Hinweise für eine angemessene Konzeption interkultureller Trainingsarbeit beitragen.

Die zur Realisierung dieses Anliegens verwendeten Forschungsmethoden werden in Kapitel 2 benannt:

  • Systematisierung von Konzepten nach Lernorientierung (Ziel-, Lehr- und Lernverständnis), Legitimationsorientierung (Kultur- und Akkulturationsverständnis) und Arbeitsmarktorientierung (Nutzenbewertung);
  • Methodologische Analyse mit Mensch- und Weltbildern, inhaltlichen und formal-methodologischen Theorien, der fachwissenschaftlichen Ebene und der methodischen Ebene;
  • Methodologische Konzeption mit einer Formulierung von Anhaltspunkten zur Konzeption von IKT auf der Basis der Analyseergebnisse.

Die der Konzeptsystematisierung zu Grunde gelegten Kriterien werden in den folgenden Kapiteln 3 bis 5 für die Diskussion verschiedener Ansätze des IKT genutzt. Die Betrachtung des lernorientierten Problemkontextes (Kapitel 3) richtet sich zunächst auf den Begriff der Kompetenz im handlungstheoretischen, behavioristischen, pädagogisch-anthropologischen und kritischen Ansatz. Das Lernverständnis wird im sozialkognitiven Ansatz, im Gestaltansatz, im kognitiven und im situativen Ansatz und schließlich das Lehrverständnis von informationsorientierten, kybernetisch-informationstheoretischen, gruppendynamischen und konstruktivistischen Methoden betrachtet. Jeder dieser Abschnitte schließt (ebenso wie die der folgenden Kapitel) mit einem „Zwischenstand“, in dem die Ergebnisse zusammengefasst, diskutiert und in den Kontext von Weiterbildung gestellt werden.

Die Vielfalt dessen, was unter Kultur verstanden wird (nicht nur im Alltagsverständnis, sondern auch im Verständnis einschlägiger Wissenschaftsdisziplinen), macht eine Begriffsklärung notwendig.

Claudia Ang-Stein unternimmt dies im Kapitel 4 Legitimationsorientierter Problemkontext. Sie analysiert das Kulturverständnis (im Kulturrelativismus, Evalutionismus, Postmodernismus, im strukturfunktionalistischen und im interpretativen Ansatz) und das Verständnis von Akkulturation (in Funktionalismus und Gestaltansatz / Kognitivismus).

Hinsichtlich der Ergebnisqualität von IKT finden sich – so die Autorin – zwei Ansätze: ein positivistischer und ein konstruktivistischer.

Diese werden im folgenden Kapitel 5 (Arbeitsmarktorientierter Problemkontext) dargestellt und kritisch diskutiert. In den Diskursen um die Evaluationsaufgabe im pädagogischen Kontext hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass die Qualität von Weiterbildung ein mehrdimensionales und relationales Konstrukt ist und dass Systemebenen wie die Gesamtheit des Weiterbildungssystems, unterschiedliche Zielvorstellungen, Interessenlagen usw. berücksichtigt werden müssen. In das gängige Evaluationskonzept des ITK hat – so schließt Claudia Ang-Stein - diese Entwicklung bislang keinen Eingang gefunden.

Die Analyseergebnisse der vorhergehenden Kapitel werden übersichtlich geordnet in einer Tabelle zusammengefasst und als Anhaltspunkte für eine Weiterentwicklung des IKT genutzt – auf der erkenntnistheoretischen Basis des Sozialkonstruktivismus und einem Eklektizismus, „der die Zugehörigkeitsgrade von Konzepten expliziert“ (S 171; Kapitel 6 Grundannahmen im IKT).

Auf dieser Basis will Ang-Stein eine disziplinübergreifende Beschreibung des IKT entwickeln (Kapitel 7 IKT im interdiszipliären Kontext). Sie plädiert für ein systemorientiertes Vorgehen, das IKT als Subsystem von Weiterbildung und von interkultureller Kommunikation betrachtet, welches die „Reproduktionsschwierigkeiten eines Systems individuellen, nicht realisierten Kommunikationen zuschreibt und mit interkultureller Kompetenz/interkultureller Inkompetenz codiert“ (S. 179).

Eine erwachsenenpädagogische Realisierung des IKT (Kapitel 8) muss – so Ang-Stein – beinhalten:

  • eine allgemeine didaktische Ebene mit Begriffsklärung, Theoriefundierung, Interdisziplinarität und Praxisnähe;
  • eine makrosoziale Ebene, auf der gesellschaftliche Entwicklung, Interkulturelle Forschung und Entwicklung der Weiterbildung berücksichtigt wird;
  • eine institutionelle Ebene (Wirtschaftlichkeit, Evaluation, Weiterbildungsformen);
  • und die mikrosoziale Ebene von Lernorganisation, Kompetenzentwicklung und Zugang zur kulturellen Thematik.

Zu den erziehungswissenschaftlichen Schlüsselbegriffen im IKT zählt Ang-Stein Selbstreferentialität (Anschluss an kognitive und emotionale Strukturen, sinnvolle und identitätsrelevante Themen) sowie Selbststeuerung, die die außengesteuerte Instruktion nicht ausschließt.

In ihrer abschließenden Betrachtung (Kapitel 9) konstatiert die Autorin weitreichende Defizite sowohl in der theoretischen als auch der praktischen Konzeptionierung interkultureller Trainingskonzepte. Das auf der Grundlage ihrer Analyse entwickelte neue Selbstverständnis des IKT könnte Zugänge ermöglichen, „welche die eigene Haltung und das eigene Menschenbild überdenken lassen, den Gegenstand IKT umfassend beschreiben können und Anhaltspunkte für die Planung eines konkreten Trainings geben“ (S. 225).

Fazit

Die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Kulturen sind ein Problemfeld mit langer Tradition. Im Zuge der Globalisierung gewinnen die damit zusammenhängenden Konfliktpotenziale neue Dimensionen und Handlungserfordernisse, denen allerdings zu oft noch auf der Basis herkömmlicher Kulturverständnisse begegnet wird. So ist es fraglos ein Verdienst dieses Werkes, dass es eine Analyse typischer Konzepte interkultureller Trainingskonzepte vornimmt und dabei deutlich macht, dass eine Weiterentwicklung nur wirklich gelingen kann, wenn diese auf den aktuellen theoretischen Erkenntnissen der Kulturwissenschaften basiert.

Der Weg von Ang-Stein´s Analyseergebnissen hin zu einer Umsetzung des neuen Selbstverständnisses in praktische Konzeptionierungen von interkulturellen Trainings, die jeweils auf die Realitätsverständnisse der fokussierten Kulturen abgestellt sind, ist allerdings noch weit, so dass das Buch wohl eher für Grundsatzüberlegungen hilfreich ist.

Dass der Text eher sperrig geraten ist, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass es sich um eine Dissertation handelt. Die Mühen einer Rezeption lohnen sich aber.


Rezensent
Dr. Wolfgang Rechtien
Bis 2009 Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des Kurt Lewin Institutes für Psychologie der FernUniversität sowie Ausbildungsleiter für Psychologische Psychotherapie.
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Zitiervorschlag
Wolfgang Rechtien. Rezension vom 28.09.2015 zu: Claudia Ang-Stein: Interkulturelles Training. Systematisierung, Analyse und Konzeption einer Weiterbildung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-08883-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19481.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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