socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christina Schulte-Scherlebeck, Corinna Lange u.a.: Lebenswege und Wohnungslosigkeit

Cover Christina Schulte-Scherlebeck, Corinna Lange, Tanja Kletzin: Lebenswege und Wohnungslosigkeit. Eine Analyse biografischer Interviews in Berlin. Logos Verlag (Berlin) 2015. 251 Seiten. ISBN 978-3-8325-3993-1. D: 16,80 EUR, A: 17,30 EUR, CH: 24,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Studie „Lebenswege und Wohnungslosigkeit“ schildert die Lebensgeschichten von fünf Männern, die Phasen der Wohnungslosigkeit erlebten. Es wird der Zusammenhang zwischen biografischen Erfahrungen, Orientierungs- und Deutungsmustern, gesellschaftlichen Positionierungen sowie Wohnungslosigkeit analysiert. Ziel der Autorinnen ist es, darzustellen, dass Wohnungslosigkeit keinesfalls in dem Fehlen von Wohnraum begründet ist, sondern komplexe biografische Prozesse diese befördern bzw. verhindern. Sie möchten durch ihre Studie den Blick auf Menschen werfen, die in ihrer alltäglichen Arbeit an der prekären und ausschließenden Lebenssituation weder von Politik noch von Wissenschaft gesehen werden.

Autorinnen

Christina Schulte-Scherlebeck, Corinna Lange und Tanja Kletzin studierten den Master Bildungswissenschaften an der Freien Universität Berlin und schlossen diesen mit der vorliegenden Studie ab.

Entstehungshintergrund

Die Studie ist die Masterarbeit der drei Autorinnen, die von Christoph Wulf sowie Ralf Bohnsack begutachtet wurde. Sie erscheint in der Buchreihe ‚Berliner Arbeiten zur Erziehungs- und Kulturwissenschaft‘ des Fachbereichs Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin, die das Ziel verfolgt, herausragende Abschlussarbeiten der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Aufbau

Die Studie ist in sieben Teile gegliedert. Ihre Struktur folgt weitestgehend der einer klassischen empirischen Arbeit:

  1. Einleitung,
  2. theoretische Hinführung zur Fragestellung unter Berücksichtigung des Forschungsstandes,
  3. Erläuterung des methodischen Vorgehens,
  4. Ergebnisdarstellung sowie
  5. Diskussion der Ergebnisse,
  6. deren Auswertung in Bezug auf Maßnahmen der Wohnungslosenhilfe und
  7. abschließendes Fazit.

Auffällig ist hier einzig Kapitel fünf, in dem mit der historischen Anthropologie ein spezifischer theoretischer Rahmen für die Ergebnisdarstellung eröffnet wird.

Inhalt

In der Einleitung stellen die Autorinnen heraus, dass qualitative Studien mit biografischer Ausrichtung in der Forschungslandschaft zu Wohnungslosigkeit eine Seltenheit sind. Dementsprechend zielt die Arbeit darauf, der Sicht von wohnungslosen Menschen Geltung zu verschaffen, indem ihre Lebenswege geschildert und analytisch bearbeitet werden. Hierzu konstatieren die Autorinnen, dass biografische Erfahrungen für die Entstehung, Überwindung sowie den individuellen Umgang mit Wohnungslosigkeit hoch relevant seien. Sie möchten ergründen „durch welche Faktoren der Entstehung von Wohnungslosigkeit Vorschub geleistet wird und warum Wohnungslosigkeit in einigen Lebensläufen zu einem längerfristigen Phänomen wird, während andere die Situation nach kurzer Zeit überwinden können“ (S. 8). Zur Bearbeitung dieser Fragen, wenden sich die Forscherinnen den Lebenswegen von Männern in Berlin zu, die von Wohnungslosigkeit betroffen waren oder aktuell betroffen sind. Im Anschluss an die Erörterung ihrer Fragestellungen führen sie kurz in den Aufbau ihrer Studie ein.

Im zweiten Kapitel nehmen die Autorinnen die für die Studie notwendigen Begriffsbestimmungen vor. Hierzu beschäftigen sie sich kritisch mit den Begriffen ‚Nichtsesshaftigkeit‘, ‚Obdachlosigkeit‘, ‚Wohnungsnotfall‘ und ‚Wohnungslosigkeit‘. Sie beziehen sich auf die Definition der Europäischen Kommission, die unter Wohnungslosigkeit das Fehlen eines mietrechtlich abgesicherten Wohnverhältnisses versteht. Im zweiten Teil des Kapitels umreißen sie den Forschungsstand und stellen insbesondere das Fehlen biografisch angelegter interpretativer qualitativer Studien heraus. Mit Bezug auf Susanne Gerull betonen sie, dass es in dem Bereich vor allem an Grundlagenforschung fehle, in der es um Entstehungsprozesse von Wohnungslosigkeit geht.

Ihr methodisches Vorgehen skizzieren die Forscherinnen im dritten Kapitel. Es geht ihnen um die „Erfassung des gesamten biografischen Lebenslaufs von Menschen mit Wohnungslosigkeitserfahrungen in seiner Komplexität und subjektiv-funktionalen Eigensinnigkeit“ (S. 21). Hierzu wählten sie die Erhebungsmethode des narrativ biografischen Interviews nach Fritz Schütze. Um deutungs- und handlungsgenerierende Strukturen der Interviewten zu rekonstruieren, bedienten sie sich der dokumentarischen Methode nach Ralf Bohnsack. Aufbauend auf methodologischen sowie methodischen Erläuterungen dieser Ansätze rekonstruktiver Sozialforschung stellen die Forscherinnen die Forschungsschritte im Einzelnen dar. Aufgrund der Schwierigkeiten im Rahmen einer Qualifikationsarbeit zeitnah Menschen zum Interview zu gewinnen, wurde die Zielgruppe um Männer erweitert, die wohnungslos waren und nicht mehr sind. Insgesamt wurden fünf Männer mit deutscher Staatsbürgerschaft im Alter von 35 bis 50 Jahren befragt, von denen zwei zum Untersuchungszeitraum wohnungslos und drei nicht mehr wohnungslos waren.

Mit der Ergebnisdarstellung folgt das vierte Kapitel, das mit 120 Seiten den Kern der vorliegenden Untersuchung ausmacht. Als für die Analyse relevante Kategorien erläutern die Autorinnen im ersten Teil folgende theoretischen Konzepte: Das Modell der Verlaufskurve nach Fritz Schütze, Bewältigungs- und Coping-Strategie, das Konzept der Selbstwirksamkeit und der Sinnhaftigkeit. Dann folgen ausführliche Darstellungen der Lebensgeschichten der fünf Männer mit Wohnungslosigkeitserfahrungen, die jeweils anhand der Kategorien familiäre Beziehungen in der primären und sekundären Sozialisation, Beziehungserfahrungen, Emotionalität, Bewältigungsstrategien, gesellschaftliche Verortung und Ausgrenzungserfahrungen, Umgang mit gesellschaftlichen Normen und Institutionen sowie sinnhafte Einbindung biografischer Erlebnisse analysiert werden. Hier stehen deutlich biografische Erklärungstheorien im Vordergrund, mit denen das soziale Handeln der Interviewten in frühkindlichen Erfahrungen begründet wird. Konkrete Bewältigungsstrategien des Lebens auf der Straße und die alltägliche Arbeit im Umgang mit Ausschließungsprozessen treten in den Hintergrund. Im Anschluss an die Fallanalysen nehmen die Autorinnen eine vergleichende Analyse anhand der schon genannten Kategorien vor. Diese mündet – entsprechend der dokumentarischen Methode – in zwei Typen, die sie als „Aktiv“ und als „Passiv“ (S. 150ff) bezeichnen. Die Autorinnen unterscheiden ein inneres Getriebensein, dass sich in intrinsisch motivierter Aktivität äußert von einem inneren Getriebenwerden, das durch ein Verharren in einem Abwartestatus auf eine von außen kommenden Veränderung kennzeichnet (S. 153). Zentral für die hier entfalteten Typen wird auch das Herkunftsmilieu benannt. Während der aktive Typ einem bildungsfernen Herkunftsmilieu zugeordnet wird, scheint der passive Typ an ein bildungsnahes Milieu gebunden (S. 156).

Im fünften Kapitel führen die Autorinnen einen bisher noch nicht erwähnten theoretischen Bezugsrahmen ein: Die historische Anthropologie nach Winfried Noak. Hierdurch möchten sie das Verständnis für die untersuchten Lebenswege erhöhen. Zunächst rezipieren sie Vorstellungen zum anthropologisch-lebensgeschichtlichen Prozess und ordnen den Lebensphasen (Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter) Aspekte der analysierten Lebensgeschichten zu. Hier geht es vor allem um Beeinträchtigungen der Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls aufgrund von Objektivierungen, die die Interviewten in ihrer Herkunftsfamilie erlebten (S. 171). Einzelne Aspekte wie Tod, Leid und Emotionalität werden anthropologisch erörtert und mit Äußerungen in den Interviews verbunden.

Im sechsten Kapitel bearbeiten die Autorinnen schließlich die Frage nach präventiven Möglichkeiten zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit. Hierbei stellen sie heraus, dass es verkürzt wäre, Wohnungslosigkeit ursächlich auf das Fehlen von Wohnraum zu reduzieren. Sie betonen, dass es höchst individuelle häufig in den biografischen Erfahrungen begründete Lebenssituationen sind, die zum Wohnungsverlust führen und das Finden einer neuen Wohnung erschweren. Auf diese Einzigartigkeiten müsse das Hilfesystem durch präventive und flexible Angebote reagieren.

Die Studie schließt mit einem kurzen Fazit, in dem sowohl die Schaffung von Wohnraum als auch subjektorientierte, niedrigschwellige Ansätze der Wohnungslosenhilfe gefordert werden.

Diskussion

Christina Schulte-Scherlebeck, Corinna Lange und Tanja Kletzin bereichern mit ihrer Studie die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Lebenswegen wohnungsloser Männer. Sie liefern durch ihren methodischen Zuschnitt biografische Erzählungen, die einen sehr guten Einblick in Prozesse in bzw. aus der Wohnungslosigkeit geben. Insbesondere der Zusammenhang zwischen biografischen Krisen und dem Verlust von Wohnraum wird sehr gut herausgearbeitet. Mit der Studie hätte aber eine Lücke in der Forschungslandschaft gefüllt werden können: Die Wohnungslosigkeitserfahrungen von Männern. Die Auseinandersetzung mit Geschlecht wagen die Autorinnen jedoch nicht. Ärgerlich ist in diesem Zusammenhang der Titel, durch den nicht ersichtlich wird, dass ausschließlich Männer interviewt wurden.

Im Gegensatz zu der sehr differenzierten analytischen Arbeit mit den Interviewtexten greift die Typenbildung deutlich zu kurz. Zum einen, weil mit den Begrifflichkeiten ‚aktiv‘ und ‚passiv‘ eine bewertende Zuschreibung vorgenommen wird, die vermutlich von dem Ideal einer sozial angepassten Lebensform ausgeht. ‚Aktiv‘ heißt hier die Phase der Wohnungslosigkeit zu überwinden. Zum anderen, weil diese Kategorien kaum die Ambivalenzen und gesellschaftlichen Selbst- und Fremdpositionierungen einfangen, die in den Falldarstellungen dargestellt werden. Und drittens erstaunt, dass nicht die Lebenssituation, aus der erzählt wird, in die Analyse miteinbezogen wurde. Eine zu prüfende These wäre, ob sich die Erzählungen nicht auch deshalb voneinander unterscheiden, weil ein Teil der Interviewten zum Zeitpunkt des Interviews nicht mehr wohnungslos ist. Und gerade diese sind es, die die Autorinnen dem Typus ‚aktiv‘ zuordnen. Methodologisch wäre hier zu fragen, inwiefern die aktuelle gesellschaftliche Positionierung der Interviewten die Art und Inhalte der Erzählung prägten.

Die These, die die Autorinnen darlegen, dass der Umgang mit biografischen Krisen sich auch in den Bewältigungsstrategien von Phasen der Wohnungslosigkeit widerspiegelt, hätte zudem in Bezug auf andere biografische Studien diskutiert werden müssen. Hier hätte die Studie von Clara Wesselmann zu biografischen Verläufen und Handlungsmustern wohnungsloser Frauen sehr gut als Vergleich gedient, um eigene Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Stattdessen setzen die Autorinnen ihre Ergebnisse in einen anthropologischen Bezugsrahmen, wodurch sie ihrer Perspektive auf gesellschaftliche Ausschließungsprozesse sowie Selbst- und Fremdzuschreibungen beraubt werden. Hier verliert sich die Spezifik der Lebenserfahrung Wohnungslosigkeit und der Handlungsstrategien, um in der Wohnungslosigkeit (über-)leben zu können, in verallgemeinernden Theorien des Lebenslaufes.

Der methodische Zuschnitt, die Typenbildung sowie der historisch-anthropologische Bezugsrahmen bergen letztlich die Gefahr, Lebenswege in und aus der Wohnungslosigkeit weniger im Kontext gesellschaftlicher Machtverhältnisse und Normativitäten eines angepassten Lebens zu sehen, als personale Eigenschaften und Fähigkeiten zuzuschreiben.

Fazit

Die Studie „Lebenswege und Wohnungslosigkeit“ gibt einen sehr guten Einblick in biografische Prozesse, die Phasen der Wohnungslosigkeit bedingen. Auf Grundlage biografischer Erzählungen werden fünf Fallstudien von Männern mit Wohnungslosigkeitserfahrungen vorgestellt, die schließlich in der Unterscheidung eines ‚aktiven‘ und ‚passiven‘ Typs münden. Die Autorinnen wählen einen anthropologischen Bezugsrahmen der Lebensphasen, um ihre Ergebnisse zu kontextualisieren und diskutieren schließlich mögliche Präventions- und Interventionsmaßnahmen. Sie stellen als zentrales Ergebnis ihrer Studie Wohnungslosigkeit als Folge biografischer Krisen, insbesondere in der Herkunftsfamilie heraus. Die Studie bietet einen differenzierten Einblick in die biografischen Selbstpräsentationen von Männern mit Erfahrungen der Wohnungslosigkeit. Insbesondere die Fallstudien können hervorragend für Lehrseminar in Studiengängen Sozialer Arbeit genutzt werden. Die Typenbildung sowie der Fokus auf anthropologische Theorien neigen aber dazu Komplexitäten zu verkürzen. Die Spezifik der ausschließenden Erfahrung von Wohnungslosigkeit tritt gegenüber verallgemeinernden Aussagen zum Lebenslauf in den Hintergrund.


Rezensentin
Dr. Rebekka Streck
Professorin für Sozialpädagogik an der Evangelischen Hochschule Berlin
E-Mail Mailformular


Alle 4 Rezensionen von Rebekka Streck anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Rebekka Streck. Rezension vom 15.09.2016 zu: Christina Schulte-Scherlebeck, Corinna Lange, Tanja Kletzin: Lebenswege und Wohnungslosigkeit. Eine Analyse biografischer Interviews in Berlin. Logos Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-8325-3993-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19482.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Kinderbetreuer/in (m/w/d), Sankt Augustin

Krippenleitung (w/m/d), Jesteburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung