socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Monika Litscher: Urbane Szenerien

Cover Monika Litscher: Urbane Szenerien. Ein Konzept im Repräsentationsmodus der ethnografischen Collage in Bild und Text. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. 220 Seiten. ISBN 978-3-8309-2972-7. D: 44,90 EUR, A: 46,20 EUR, CH: 59,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das Konzept der Szenerien aus der ethnografischen Forschung wird vorgestellt, auf urbane Räume angewendet und anhand von zwei Untersuchungsgebieten in Zürich konkretisiert.

Autorin

Monika Litscher ist Ethnologin, Kulturwissenschaftlerin und Stadtforscherin. Das vorliegende Buch ist ihre Dissertation, mit der sie 2012 am Institut für Populäre Kulturen der Universität Zürich promoviert hat.

Aufbau

Das Buch enthält vier inhaltliche Kapitel, das fünfte Kapitel besteht aus Literaturliste und Quellenangaben.

Im einleitenden Kapitel werden Fragestellung, Konzepte und die Untersuchungsfelder vorgestellt. Im umfangreichen zweiten Kapitel, mit „Grundlagen“ überschrieben, wird die Fragestellung theoretisch verankert und das methodische Vorgehen geschildert. Das dritte Kapitel ist mit „Auswertungen“ überschrieben, das vierte Kapitel trägt die Überschrift „Resümee“.

Inhalte

Zu Beginn des ersten Kapitels schildert die Autorin, wie sie zu der Fragestellung gelangt ist, wobei sie betont, dass die Thematik der öffentlichen Räume und des Stadtraums Konjunktur hat. Ein heuristischer Ansatz, um Stadtforschung zu betreiben, ist aus ihrer Sicht das Konzept der Szenerien. Zunächst stellt sie prominente soziologische Ansätze vor, darunter z. B. denjenigen von Richard Sennett, der zur Agora im antiken Athen bemerkt hat, dass diese als öffentlicher Raum gegolten habe, obwohl sie für bestimmte Bevölkerungsgruppen gar nicht zugänglich war. Litscher schiebt schließlich das Konzept des öffentlichen Raums beiseite und widmet sich im Folgenden den Stadt-Szenerien als einem Raumkonzept, dessen herausragendes Merkmal die Dynamik ist.

Litscher hat ihre Untersuchung in zwei öffentlichen Räumen Bellevue und Idaplatz in Zürich durchgeführt. Dementsprechend beschreibt sie anhand einer Fülle soziodemografischer und sozioökonomischer Daten die beiden Untersuchungsgebiete.

Das zweite Kapitel besteht aus zwei Teilen, wobei sich der erste Abschnitt mit den theoretischen Grundlagen, der zweite mit Fragen der Methodik befasst. Eingestreut in den theoretischen Teil sind zwei Exkurse, der eine davon setzt sich mit dem Begriff der Urbanität auseinander. Das Konzept der Szenerien wird als vielseitig und offen beschrieben. Dessen Komponenten sind Raum, Performanz und Akteursnetze. Die letztgenannte Komponente wird von Litscher unter dem Akronym ANT (= Akteur-Netzwerk-Theorie) abgehandelt. Der zweite Kapitelabschnitt beginnt mit Vorüberlegungen zur Feldforschung und zu ethnografisch geprägten Perspektiven. Man erfährt, dass teilnehmende Beobachtungen über längere Zeiträume das Herzstück einer multi-sited ethnografischen Forschung sind. Litscher beschreibt, wie ihre Forschung angelegt war, z. B. wurden außer Beobachtungen auch Texte und Bilder einbezogen. Auf die erste offene explorative Phase folgte eine zweite, in der fokussierter vorgegangen wurde und Interviews mit 8 Frauen und 2 Männern in den beiden Gebieten durchgeführt wurden. Die ausgewählten Personen sollten 15 Fotos zum jeweiligen Gebiet liefern: 5 von Dingen und Situationen, die ihnen gefallen, 5 von Dingen und Situationen, die missfallen, und 5 aus dem gesamtstädtischen Raum, auf denen etwas aus subjektiver Sicht Wichtiges zu sehen ist. In einer dritten Phase wurden Experten aus dem Fachbereich Architektur, Stadtplanung und Stadtentwicklung zu den beiden Untersuchungsgebieten befragt.

Das dritte Kapitel mit der knappen Überschrift „Auswertungen“ hat vor allem wegen der zahlreichen großformatigen Fotos einen beachtlichen Umfang. Umso mehr vermisst man eine systematische Untergliederung dieses Kapitels, die sich auch im Inhaltsverzeichnis widergespiegelt hätte. Die Autorin stellt zuerst diverse Beobachtungen, zwei Interviews (insgesamt 7 Personen waren in dem Gebiet befragt worden), Fotos und Recherchen zum Gebiet Bellevue vor. Dann folgt ein längerer Teil über Fragen zur Finanzwirtschaft, zur Stadtentwicklung und Gentrifizierung. Danach geht es dann unvermittelt mit dem Idaplatz weiter, der sehr viel kürzer abgehandelt wird, zu dem auch nur drei Personen befragt wurden, wobei die Autorin dann lediglich auf ein Interview eingeht.

Im vierten Kapitel erfolgt ein Resümee, das in weiten Teilen eher eine Zusammenfassung ist. Das Thema Gentrifizierung wird im Zusammenhang mit dem Idaplatz thematisiert. Hier taucht illustrierend das Interviewprotokoll einer befragten Person auf. Abschließend untersucht die Autorin, inwieweit das Konzept der Szenerien drei anderen theoretischen Ansätzen überlegen ist: den situativ-interaktionistischen Ansätzen, dem Konzept der Assemblage und den Global Cities. Sie gelangt zu dem Schluss, dass das Konzept der Szenerien in seiner Vielschichtigkeit vorzuziehen ist. Litscher bezieht sich in ihrer Argumentation nur wenig auf ihre empirische Untersuchung, sondern weist immer wieder aufs Neue auf die Qualitäten des Konzepts der Szenerien hin: seine Mehrschichtigkeit und Multiperspektivität.

Diskussion

Die Autorin begründet nicht, warum sie die Plätze Bellevue und Idaplatz in Zürich ausgewählt hat und sie stellt auch keinen Vergleich an. Ebenso wenig stellt sie die Fotos der Befragten einander gegenüber, die Dinge und Situationen zeigen, die gefallen bzw. missfallen. Die Möglichkeit, durch Vergleiche zu weiteren Erkenntnissen zu gelangen, wird nicht aufgegriffen.

Immer wieder taucht der Begriff der empirischen Suchbewegungen auf. Als ethnologisch nicht geprägter Leser versteht man kaum, was damit gemeint ist, auch fragt man sich, ob man dabei nicht auch in die Irre gehen kann, wenn es den Suchbewegungen möglicherweise an Systematik mangelt. Man hat es – so der Eindruck – mit einer sehr aufwändigen Vorgehensweise zu tun, bei der sich die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis gerade zu aufdrängt. Es wird in den vier Kapiteln viel berichtet und gesucht, was aber nicht unbedingt in klare Definitionen und wegweisende Aussagen mündet. Die Tendenz zu ausufernden Ausführungen findet sich nicht nur bei den Erörterungen des Konzepts der Szenerien, sondern darüber hinaus auch im theoretischen und methodischen Abschnitt im zweiten Kapitel „Grundlagen“. Im Übrigen ist das Buch wegen des (etwas unhandlichen) Querformats mit den ausgewiesenen 220 Seiten doppelt so lang wie ein Buch üblichen Formats.

Nicht ersichtlich ist, warum der Begriff der Urbanität in einem Exkurs abgehandelt wird, obwohl er für die Arbeit zentral ist, denn schließlich geht es um urbane Szenerien.

Ein konkreter Untersuchungsplan wird nicht vorgestellt, obwohl es sich um eine empirische Studie handelt, von der man eine gewisse Systematik erwartet, indem die Abschnitte Fragestellung, Untersuchungsplan und Methoden, Ergebnisse und Diskussion aufeinander folgen und nicht ineinander vermengt und auch nicht durch an der Stelle nicht passende Einschübe unterbrochen werden, wie z.B. im Kapitel „Auswertung“, in dem nach zwei Interviewprotokollen unvermittelt auf finanzwirtschaftliche und gesamtstädtische Fragen eingegangen wird.

Dass die Arbeit in der Ethnografie wurzelt, macht sie für Forscher in diesem Bereich sicherlich interessant. Nicht-Ethnografen haben es da weniger leicht. Es deutet sich kaum ein Interesse der Autorin an der Sichtweise anderer Disziplinen an, die ebenfalls Stadtforschung betreiben, was im Resümee-Kapitel zum Ausdruck hätte kommen können. Man bleibt bei seiner eigenen Terminologie. Das ist legitim, solange man urbane Szenerien im Resümee nicht z.B. mit Global Cities vergleicht, mit denen sich andere Forschungsbereiche wie insbesondere die Stadtgeografie, Stadtgeschichte und Stadtsoziologie mit ihren spezifischen Perspektiven sehr eingehend befasst haben [1]. Dabei hat die Autorin durchaus den Anspruch, über disziplinäre Grenzen hinaus zu denken und zu experimentieren (vgl. S. 67), was sie aber nicht realisiert. So bleibt schließlich offen, welchen Beitrag die Untersuchung von Litscher zur aktuellen interdisziplinären Stadtforschung liefert.

Man hätte übrigens gern erfahren, was den interviewten 10 Personen in dn beiden öffentlichen Räumen gefallen und missfallen hat, und was sie im gesamtstädtischen Raum für wichtig gehalten und deshalb fotografiert haben. Die gewonnenen Daten werden nicht ausreichend ausgeschöpft. Das kann aber vielleicht noch geschehen, denn das Forschungsfeld Stadt bietet, wie die Autorin am Ende ihres Resümee-Kapitels verkündet, nach wie vor einen großen, faszinierenden Fundus.

Fazit

Das Buch ist trotz der Offenheit, die prinzipiell vielerlei Anknüpfungspunkte für andere Fachrichtungen und Überlegungen zur interdisziplinären Stadtforschung birgt, in erster Linie an Experten und Expertinnen der ethnografischen und kulturwissenschaftlichen Forschung adressiert, die mit der Terminologie und der Herangehensweise der Ethnografie vertraut sind. Es erschließt sich weniger den in der geografischen, historischen, soziologischen und psychologischen Stadtforschung tätigen Fachleuten und noch weniger den in der Praxis tätigen Architekten und Planern und den an Fragen der Stadtforschung interessierten Laien. Für Studierende und Forschende in den Bereichen Ethnografie und Kulturwissenschaft mag es ein Gewinn sein.


[1] Hier ein Hinweis auf ein interdisziplinär angelegtes Buch zur Stadtforschung: Stadt und Gesellschaft im Fokus aktueller Stadtforschung. Konzepte – Herausforderungen – Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS Verlag 2015.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
E-Mail Mailformular


Alle 31 Rezensionen von Antje Flade anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 09.10.2015 zu: Monika Litscher: Urbane Szenerien. Ein Konzept im Repräsentationsmodus der ethnografischen Collage in Bild und Text. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. ISBN 978-3-8309-2972-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19487.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung