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Annalena Rhinow: School shootings

Rezensiert von Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch, 10.02.2016

Cover Annalena Rhinow: School shootings ISBN 978-3-643-12920-8

Annalena Rhinow: School shootings. Entwicklung eines Mehrebenenmodells unter besonderer Berücksichtigung der Feindbildproblematik. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. 143 Seiten. ISBN 978-3-643-12920-8.
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Thema

Die Autorin analysiert in diesem Buch das Phänomen "School Shooting" mit Hilfe von verschiedenen Theorien und empirischem Material. Dabei entwickelt sie ein Mehrebenenmodell, das sie mit einer besonderen Fokussierung auf das School Shooting von Emsdetten betrachtet und vorstellt.

Autorin

Annalena Rhinow absolviert nach dem Bachelor-Studium der Pädagogik an der LMU München das Masterstudium in Pädagogik.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist eine wissenschaftliche Abhandlung, welche die relevanten Untersuchungen und Modelle in Zusammenhang mit School Shooting betrachtet und hieraus ein Mehrebenenmodell entwickelt.

Aufbau

Dieses Werk ist in kleinere Abschnitte untergliedert und enthält insgesamt neun Kapitel.

  1. Einleitung
  2. Begriffliche Grundlagen
  3. School Shooting: Stand der Forschung
  4. Systematisierung des theoretischen Rahmens
  5. Synthese und Theorietransfer
  6. Exemplifizierung am Beispiel von Emsdetten
  7. Schlussbetrachtung und Konsequenzen
  8. Literaturverzeichnis
  9. Anhang

Den Schwerpunkt legen hierbei die Kapitel 3 und 4. Nach einer Einleitung mit der Einführung in die Thematik und der anschließenden Erläuterung zur Verwendung bzw. Nichtverwendung bestimmter, thematisch relevanter Begriffe geht die Autorin auf den Stand der Forschung bei School Shootings ein, wobei sie insbesondere die Ansätze bzw. Modelle von Frank J. Robertz, Herbert Scheithauer/ Rebecca Bondü sowie Robert Brumme heranzieht.

Im Folgenden entwickelt Annalena Rhinow ihr Mehrebenenmodell, ehe sie es beispielhaft an dem School Shooting von Emsdetten überprüft. Nach der Schlussbetrachtung und der nur textlich darstellten Konsequenzen, wird ein umfangreiches Literaturverzeichnis zur Verfügung gestellt und beispielhaft im Anhang der Auszug aus einer Internetseite abgebildet.

Inhalte

Im Einleitungsteil dieses Werkes erläutert Annlena Rhinow ausführlich, dass es ihr um einen weniger emotionsgeladenen Umgang mit dem Phänomen School Shooting geht und sie vor allem mit ihrer möglichst analytischen Herangehensweise betrachtet, welche Umstände einen School Shooting begünstigen. Daher vermeidet sie den Begriff "Amoklauf" oder "Massaker", sondern nutzt die Bezeichnung "School Shooting", da dieser präzise zum Ausdruck bringt, wo und um was es geht, ohne dabei schon Wertungen einfließen zu lassen. Unter "School Shooting " wird hier unter Zuhilfenahme der Definition von Rebcca Bondü und Herbert Scheithauer verstanden: "…gezielte Angriffe eines (ehemaligen) Schülers an seiner bewusst als Tatort ausgewählten Schule mit potenziell tödlichen Waffen und Tötungsabsicht. Die Tat ist durch individuell konstruierte Motive in Zusammenhang mit dem Schulkontext bedingt und richtet sich gegen mit der Schule assoziierte, zumindest teilweise zuvor ausgewählte Personen oder Personengruppen." (S.12) Ein kurzer Exkurs beschreibt dann noch genauer die Entwicklung von Feindbildern an sich und verdeutlicht damit, wie individuelle, soziale und poltische Faktoren sich gegenseitig beeinflussen. Damit wird es nämlich dem Verwender bzw. der Verwenderin eines Feindbildes ermöglicht, die Wirklichkeitswahrnehmung zu reduzieren und die Erklärung für seine persönlichen Ängste und Gewaltfantasien auf andere zu übertragen und sich selbst positiver zu betrachten.

Im Gegensatz zur allgemeinen Meinungsbildung zum Thema Amoklauf, bei dem als Ursache der Medienkonsum, das männliche Geschlecht und das Einzelgängertum beschrieben werden, gehen die gängigen Erklärungsansätze – so wie sie hier analysiert werden – von multikausalen Ursachen aus. So erläutert die Autorin, dass es für Amokläufe viele Erklärungsmodelle gibt, aber nicht alle ohne weiteres auf Europa bzw. Deutschland übertragen werden können. Sie beschreibt dann die drei gängigen Modelle von Robertz, Scheithauer/Bondü und Brumme. Diese betonen allesamt, dass es nicht ein einzelner Faktor ist, der zu einem School Shooting führt, sondern dass viele unterschiedliche Faktoren zusammenwirken. Neben der Fantasie spielt hier die Idee einer Umsetzung der Tat und die soziale Marginalisierung eine wichtige Rolle. Zugleich betonen die Erklärungsansätze auch verschiedene Phasen und die Möglichkeiten zur Erkennung eines sogenannten "Leaking". Annalena Rhinow stellt schließlich heraus, dass es für die Untersuchung von School Shooting zum Beispiel besonders darauf ankommt, sprachsensibel zu sein, die Komplexität und Dynamik im Auge zu behalten und neben der Rahmenbedingungen auf gesellschaftlicher und institutioneller Ebene auch zu problematisieren, dass es sich bei den Untersuchungen immer auch um Stichproben handelt. Um eine klarere Systematisierung zu erhalten, stellt sie die Akteur-Netzwerk-Theorie und die soziale Kontrolltheorie knapp vor hierauf aufbauend, ihr komplexeres Erklärungsmodell zu konstruieren. Dieses Modell wird in einer Graphik dargestellt und ausführlicher im Text beschrieben. Annalena Rhinow setzt sich hier noch mit den vier Phasen des Handlungsverlaufs für ein School Shooting auseinander und beschreibt die Abwäge-, Planungs-, Durchführungs- und Bewertungsphase sowie die Bedeutung der konkreten Fiattendenz. Die über 20seitige Beschreibung des Mehrebenenmodells, beispielhaft an dem Geschehen in Emsdetten, ist sehr stark recherchiert mit einer Vielzahl an Zitaten. Bei der Schlussbetrachtung wird deutlich, wie viel Forschungsbedarf noch besteht und dass es neben der Interventionsmaßnahmen auch der stärkeren Lösungsfokussierung in politischer Hinsicht bedarf, um die Bedingungen des Aufwachsens junger Menschen zu verändern.

Diskussion

Dieses Buch ist sehr gut gegliedert und gibt meist im ausgewogenen Maße sowohl theoretische Informationen als auch praxisrelevante Hilfestellungen bzw. Betrachtungshinweise. Die Ausführungen von Annalena Rhinow sind kritisch und wissenschaftlich fundiert. Es wäre in einige Textpassagen gut gewesen, neben dem textsprachlichen Teil auch Graphiken bzw. Tabellen einfließen zu lassen, um die angesprochenen Bereiche noch klarer verständlich zu machen. Der Abdruck des Mehrebenenenmodells von Annalena Rhinow hätte größer und in der Beschreibung noch deutlicher kommentiert werden können. Bei der Drucklegung des Buches wäre es zudem gut gewesen, hier noch hinsichtlich der Rechtschreibung bzw. Grammatik eine Überarbeitung vorzunehmen. Bei der Literatur ist die Auswahl breitgefächert und neben Buchtiteln sind viele Verweise auf Publikationen aus dem Internet enthalten.

Fazit

Im Gesamten ist dieses Buch ein gründliches, wissenschaftliches Werk, das den schmalen Grat zwischen Wissenschaftlichkeit und Hilfe für pädagogische bzw. psychologische Fachkräfte sorgfältig zu beschreiten versteht. Die intensive Auseinandersetzung mit dieser spezifischen Thematik wird sprachlich sehr sensibel geführt. Möge diese Arbeit – neben dem zweifelsohne vorhandenen, weiteren Forschungsbedarf – Anstöße geben, in den pädagogischen Handlungsfeldern die Hintergründe und Komplexität mehr in den Fokus zu stellen und entsprechend sensibel zu sein, wenn Problembewältigungsstrategien und Unterstützungsangebote entwickelt werden.

Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Dipl.Soz.päd., systemischer Familientherapeut, Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule, Kinderschutzfachberater
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Es gibt 64 Rezensionen von Detlef Rüsch.

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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 10.02.2016 zu: Annalena Rhinow: School shootings. Entwicklung eines Mehrebenenmodells unter besonderer Berücksichtigung der Feindbildproblematik. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. ISBN 978-3-643-12920-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19502.php, Datum des Zugriffs 14.08.2022.


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