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Julia Beermann, Franziska Hartmann: Sexualpädagogische Arbeit im Kontext Schule

Rezensiert von Prof.´in Dr. Anja Henningsen, 13.05.2016

Cover Julia Beermann, Franziska Hartmann: Sexualpädagogische Arbeit im Kontext Schule ISBN 978-3-86387-565-7

Julia Beermann, Franziska Hartmann: Sexualpädagogische Arbeit im Kontext Schule. Ein exemplarisches Konzept für Schulen im Landkreis Holzminden. Mensch & Buch Verlag (Berlin) 2015. 94 Seiten. ISBN 978-3-86387-565-7. D: 19,60 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

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Thema

Schulen sind nicht nur Lern- sondern auch Lebensorte für Kinder und Jugendliche – damit sind sie auch Orte sexueller Sozialisation. Es ergeben sich dort vielfältige freundschaftliche, partnerschaftliche sowie sexuelle Erfahrungen und Kontakte mit anderen Heranwachsenden aber auch ebenso drängende entwicklungsbedinge Fragen. Zentrale Studien unterstreichen, dass Schulen eine wichtige Rolle in der Sexualerziehung von Kindern und Jugendlichen einnehmen. Gleichzeitig besteht kaum Wissen über die Qualität der dortigen Sexualerziehung. Es deutet sich jedoch mehrheitlich an, dass die Sexualerziehung an deutschen Schulen in einer Misere steckt. Sie ist einerseits curricular verankert und festgeschriebener Unterrichtsgegenstand, andererseits hängt es oftmals an den jeweiligen Lehrkräften, ob und inwiefern SchülerInnen ein hilfreiches Angebot erhalten.

Die Autorinnen betrachten „Sexualpädagogische Arbeit im Kontext Schule“. Sie stellen Anregungen und Forderungen zusammen, die eine sexualpädagogische Konzeptentwicklung nachhaltig unterstützen sollen. Grundlage dieser Empfehlungen ist eine Situationsanalyse, die an zwei weiterführenden Schulen durchgeführt und systematisch ausgewertet wurde. Auch wenn sich die Forschungsergebnisse auf den Landkreis Holzminden und die schulischen Richtlinien in Niedersachsen stützen, sind darüber hinaus Erkenntnisse für Schulen andernorts abzuleiten.

Autorinnen

Julia Beermann und Franziska Hartmann sind ehemalige Bachelorstudentinnen im Fach Soziale Arbeit an der Hochschule Holzminden. Diese Veröffentlichung entstand aus ihren Bachelorarbeiten, die im Zuge einer Prämierung publiziert wurden.

Aufbau

Das Buch umfasst drei Teile.

Zu 1. Theoretische und konzeptionelle Ausgangslage

Zunächst werden begriffliche Klärungen vorgenommen, um die theoretische Ausgangslage sexualpädagogischer Konzepte darzulegen. Sexualität, sexuelle Sozialisation und die daraus folgenden Entwicklungsaufgaben von Heranwachsenden werden einleitend erörtert. Die Autorinnen beziehen sich dabei vorwiegend auf Publikationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sowie einschlägig bekannte wissenschaftliche Veröffentlichungen, die hauptsächlich einer emanzipatorischen und in deren Weiterführung kritisch-reflexiven Sexualpädagogik folgen. Dem aktuellen Konsens entsprechend wird Sexualität daher als ein menschliches Grundbedürfnis verstanden. Eltern und Schulen als zentrale SozialisationsagentInnen sind verantwortlich im Rahmen einer Lebenskompetenzförderung auch Sexualität zu betrachten – nämlich als Anteil der Persönlichkeit und Beziehungen bei Jugendlichen. Um den körperlichen und psychosexuellen Entwicklungsprozess und die damit verbundenen Entwicklungsaufgaben bei Jugendlichen zu verdeutlichen, werden diese kurz skizziert. Allerdings verwundert, dass damit erst ab dem Einsetzen der Pubertät begonnen wird. Die Autorinnen passen ihre Zusammenfassung an dieser Stelle bereits curricularen Vorgaben für weiterführende Schulen an. Sie vernachlässigen jedoch sexuelle Entwicklungsfragen, die bereits vor der Pubertät eine Rolle spielen. In dieser knappen Betrachtung liegt ein Schwerpunkt auf Herausforderungen durch biologische, psychische, emotionale und soziale Veränderungen und deren Bewältigung.

Im Folgenden wird Sexualpädagogik disziplinär verortet und Sexualerziehung von der praktischen Handlungsausrichtung bis zur Methodik erläutert. Mit Bezug auf historische Entwicklungen und auf Sielert (2013) werden emanzipatorische Konzepte verfolgt, die Hilfestellungen zur sexuellen Selbstbestimmung intendieren. Sexuelle Bildung als eine fortführende Konzeption in der Sexualpädagogik wird dabei nicht integriert. Begründbar wird dies durch die später folgende Analyse der Schulkonzepte, da dort, dem Verständnis der Autorinnen gemäß, eine Angebotsstruktur vorfindbar ist, die zwischen einer Sexualaufklärung und Sexualerziehung anzusiedeln ist. Erweiternde Hinweise hätten ein Fortdenken unterstützen können.

Zu 2. Sexualerziehung in der Schule

Auch das historische Tauziehen um schulische Sexualerziehung wird zunächst beleuchtet, um die Ausrichtung bestehender Rahmenverordnungen nachzuvollziehen. Nach wie vor grundlegend ist das seit 1977 gleichrangige Recht der Eltern und des Staates in der Sexualerziehung. Es spricht beiden Parteien einen Erziehungsauftrag zu und sieht damit eine kooperierende Zusammenarbeit vor. In der Schule ist Sexualerziehung fächerübergreifend angelegt. Sie soll gegenüber verschiedenen Wertvorstellungen einen Offenheit zeigen, altersgemäß gestaltet und auf die Stärkung des Selbstbewusstseins bei Heranwachsenden ausgerichtet sein. Die Autorinnen passen in diesen breiten Auftrag Themen, Ziele und Methoden der emanzipatorischen Sexualerziehung ein.

Aufgaben und Ziele schulischer Sexualerziehung werden durch Richtlinien der jeweiligen Bundesländer klar definiert. In den Länderregelungen finden sich dementsprechend unterschiedliche Vorgaben – insbesondere in der thematischen Ausrichtung und Gewichtung. Exemplarisch wird ein Auszug aus den Rahmenrichtlinien für Oberschulen in Niedersachen vorgestellt, der Inhalte zur Sexualerziehung in den Fächern Biologie, Werte und Normen sowie Evangelische und Katholische Religion vorsieht. Eine Bearbeitung wird in den Klassenstufen 5/6, 7/8 und 9/10 vorgeschlagen. Diese formale Ausrichtung wird kritisch durchleuchtet, in dem ihr die Einschätzung Jugendlicher zur schulischen Sexualerziehung gegenübergestellt wird. In einer Studie der BZgA geben diese an, dass sich der Unterricht bisher auf eine klassische Wissensvermittlung – also im Sinne einer Sexualaufklärung – bewegt. „Im Vordergrund der schulischen Sexualaufklärung stehen somit vor allem die Körperanatomie, die Reproduktion und die Verhütung. […] ungeachtet bleiben Themen wie Schwangerschaftsabbruch, Homosexualität, sexuelle Gewalt sowie sexuelle Praktiken“ (S. 23). Auch wenn die in Niedersachen erarbeiteten Handreichungen zur Sexualerziehung gleichberechtigte und partnerschaftliche Verhältnisse der Geschlechter sowie vielfältigen Lebens- und Liebesweisen thematisieren und methodisch anregen wollen, bleiben die Rahmenrichtlinien in Niedersachen diesbezüglich zurückhalten.

Da die Rahmenrichtlinien folglich nicht ausreichend Konkretion bieten, formulieren Beermann und Hartmann ein kurzes und klares Aufgabenprofil der Schule, sowie erste systemspezifische Potentiale und Hindernisse für Sexualerziehung. Sie stellen dabei die Relevanz der schulischen Wissensvermittlung als auch der Lehrkräfte als AnsprechpartnerInnen hervor. Gleichfalls werden die Hürden schulischer Sexualerziehung benannt und auf die Bedeutung von externen Fachkräften, die sexualpädagogische Angebote unterstützen können, hingewiesen.

Zu 3. Exemplarische Analyse im Kreis Holzminden

In nächster Konsequenz leiten die Autorinnen in ihre Situationsanalyse an zwei Schulen und deren Konzeptualisierung von Sexualpädagogik ein. Innerhalb eines qualitativen Forschungsdesigns gehen sie anhand Leitfadeninterviews und einer qualitativen Inhaltsanalyse methodisch vor, um den Ist-Zustand zu erheben. Von Interesse sind dabei die Verortung in den Unterrichtsfächern, thematische Ausrichtungen und methodische Durchführungsweisen.

Verglichen werden eine große Gesamtschule mit einem sozialpädagogischen Team, einem Koordinator für Gesundheitserziehung und Suchtprävention mit einer kleineren Schule, die lediglich über eine Schulsozialarbeiterin verfügt. Beide Schulen sind in verschiedenen Fächern sexualpädagogisch tätig, kooperieren mit außerschulischen Fachstellen und setzen eine Methodenvarianz ein.

Aus diesen recht unterschiedlichen schulischen Setting führen die AutorInnen als zentrales Ergebnis ab: Ein beständiger und tragfähiger Rahmen sichert fächerübergreifende und qualifizierte Sexualerziehung. Vielfach hängt es vom Engagement der einzelnen Lehrkraft ab, wie und ob ein sexualpädagogisches Angebot stattfindet. Um die Arbeit der Lehrkräfte fächerübergreifend zu verbinden, braucht es eine koordinierende Lehrkraft. Auch SchulsozialarbeiterInnen können eine wichtige Funktion einnehmen. Sie sind ebenfalls mögliche Knotenpunkte für die kontinuierliche vernetzte Zusammenarbeit mit spezialisierten Fachstellen. Eine solche vernetzte Zusammenarbeit unterstützt nicht nur die sexualpädagogische Arbeit in den Schulklassen, sondern sichert auch durch Fachberatungen mit Lehrkräften die Qualität. Externe und interne Qualitätssicherung an Schulen scheint insbesondere in Niedersachen sowie anderen Bundesländern, in denen die Rahmenrichtlinien wenig Orientierung bieten. Lehrkräfte sind jedoch ihrerseits auf fachliche und methodische Unterstützung angewiesen, um ein jugendgerechtes Angebot zu gestalten, das eine angenehme sowie angemessene Gesprächsatmosphäre herstellt und dabei Heranwachsenden tatsächlich sexuelle Handlungskompetenz vermittelt. Neben diversen benannten Unterrichtsfächern sind daher themenorientierte Projekte ebenfalls ein gutes Angebot an Schulen. Aufgrund des strukturellen und materiellen Mangels an Sicherungsmaßnahmen bleibt die Situation an den Schulen vermutlich wie sie ist: Einzelne Lehrkräfte sind aufgefordert sich um Fortbildungen zu bemühen und ihren Unterricht so gut es geht mit KollegInnen abzustimmen – wenn sie denn wollen und Interesse zeigen.

Diskussion

Beermann und Hartmann stellen ein theoretisch fundiertes und auf die konkrete Situation in Holzminden bezogenes Konzept für Sexualerziehung in Schulen zusammen. Ihre Studie ist klar aufgebaut und die Ergebnisse sauber erarbeitet. Auch wenn die Analyse aufgrund der Rahmenrichtlinien in Niedersachsen und der Holzmindener Fachberatungsstellenlandschaft erfolgt, bietet sie Anleihen für engagierte pädagogische und schulische Fachkräfte, die Unterstützung bei ihrer konzeptionellen Arbeit suchen. Die Autorinnen bieten jeweils knappe Zusammenfassungen, die sich an prominente Publikationen zu Sexualerziehung in Schulen stützen. Einige auch neuere Publikationen bleiben jedoch unbeachtet. Dies ist sicherlich dem komprimierten Zugang geschuldet. Problematisch ist, dass WissenschaftlerInnen in einen direkten Textzusammenhang gebracht wurden, deren Positionen diametral gegenüberstehen und in der kurzen Darstellungsweise nur vermeintlich vereinbar erscheinen. Diese fachinterne Debatte bleibt von den Autorinnen unberücksichtigt.

Für eine fundierte Konzeptentwicklung sind darüber hinaus weitere sexualpädagogische und -wissenschaftliche Bezüge hilfreich, unter anderem zur psychosexuellen Entwicklung – auch von Kindern. Die AutorInnen bemängeln zu Recht, dass sich Schulen auf einer verkürzten Sexualaufklärung ausruhen. Ein Abgleich mit dem sexualpädagogischen Themenkatalog zeigt jedoch, dass auch in dieser Arbeit Dimensionen wie sexuelle Vielfalt, sexuelle Gewalt, Migration oder Behinderung an den Rand rücken. Auch die besonders „heißen Eisen“ wie Pornografiekonsum Jugendlicher bleiben etwas zurück. Eine fundierte Konzeptentwicklung braucht vertiefte inhaltliche sowie methodische Anregungen zur sexualpädagogischen Arbeit.

Lobend ist hervorzuheben, dass die Autorinnen erste Hinweise auf zentrale Faktoren zusammentragen, die in dieser Weise bisher noch nicht versammelt wurden. Es ist ein nächster Schritt gemacht, um Schulen ein Hilfeinstrument an die Hand zu geben. Erkennbar wird aber auch, welche weiteren Schritte notwendig sind, um schulische Sexualerziehung flächendeckender zu unterstützen. Neben den genannten zentralen Elementen sind weitere Fragen zur Prozessgestaltung zu bearbeiten u.a. auch in Hinblick auf eine partizipative Konzeptentwicklung mit Heranwachsenden sowie methodische Anregungen zur Implementation durch Schulleitungen und Kollegien. Abermals wird deutlich, dass eine fundierte sexualpädagogische Arbeit in Schulen voraussetzungsreich ist und nicht en passant hergestellt werden kann.

Fazit

Die klar aufgebaute und leicht zugängliche Publikation kann als ein kompakter Wegweiser für Schulen und die dort arbeitenden Fachkräfte dienen. Für sie liefern die Autorinnen wichtige Hinweise auf zentrale Stellschrauben. Auch für PädagogInnen in kooperierenden Fachstellen kann somit erhellt werden, wie Kooperationen möglicherweise besser gelingen. Für eine inhaltlich versierte Konzeptionierung braucht es allerdings weitere Starthilfen, um den Unterricht nicht nur den curricularen Vorgaben entsprechend, sondern auch inhaltlich und methodisch versiert zu gestalten. Mit ihrer Situationsanalyse liefern Beermann und Hartmann einen weiteren Beleg, dass Sexualpädagogik an Schulen weiterhin eine verkannte Rolle spielt. Schulen hängen ihrem gesetzlichen Anspruch hinterher. Die AutorInnen enden daher auch mit dem deutlichen Apell an das Land Niedersachen und fordern „sich gemeinsam mit den Schulen den Herausforderungen [zu] stellen, damit die Heranwachsenden aus den zukünftigen Entwicklungen profitieren“ (S. 80).

Rezension von
Prof.´in Dr. Anja Henningsen
Juniorprofessorin für Sexualpädagogik mit dem Schwerpunkt Gewaltprävention, Institut für Pädagogik, Abteilung Sozialpädagogik, Christian-Albrechts-Universität Kiel
Website

Es gibt 4 Rezensionen von Anja Henningsen.

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ISSN 2190-9245