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Gerd Lehmkuhl, Fritz Poustka u.a. (Hrsg.): Praxishandbuch Kinder- und Jugendpsychiatrie

Cover Gerd Lehmkuhl, Fritz Poustka, Martin Holtmann, Hans Steiner (Hrsg.): Praxishandbuch Kinder- und Jugendpsychiatrie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. 402 Seiten. ISBN 978-3-8017-2538-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,50 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Herausgeber haben bereits 2013 ein zweibändiges Lehrbuch veröffentlicht (vgl. die Rezension). Zwei Jahr später folgte ein Praxishandbuch, das die im Lehrbuch auf 1520 Seiten enthaltenen Informationen nun auf 402 Seiten komprimiert zusammenfasst. Im Vorwort erläutern die Herausgeber, warum diese Veröffentlichung zustande gekommen ist: „Das Praxishandbuch soll einerseits eine rasche Orientierung bei Fragestellungen in der täglichen klinischen Arbeit ermöglichen und andererseits als Einführung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie dienen“ (S. V). Insbesondere sollte entsprechendes Fachwissen bereits im Medizinstudium vermittelt werden, damit die Studierenden im Hinblick auf ihre spätere Tätigkeit für das relevante Thema sensibilisiert werden.

Herausgeber

  • Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Gerd Lehmkuhl ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universität zu Köln.
  • Prof. Dr. med. Fritz Poustka ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Universitätsklinikum Frankfurt am Main und in einer Privatpraxis tätig.
  • Prof. Dr. Dr. med. Martin Holtmann ist Direktor der LWL-Universitätsklinik Hamm, Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik.
  • Prof. Dr. med. Hans Steiner ist emeritierter Professor der Stanford University (Psychiatrie, School of Medicine, Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters und Entwicklungswissenschaften).

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch ist in drei Teile gegliedert:

  1. Allgemeine Grundlagen
  2. Störungsbilder
  3. Perspektiven für die Praxis

Zusätzlich gibt es im Anhang eine Liste der renommierten Autoren und Autorinnen, sowie ein Sachregister.

Allgemeine Grundlagen. Hier werden folgende Inhalte auf insgesamt 110 Seiten abgearbeitet:

  • Theoretische und klinische Grundlagen und pathogenetische Modelle
  • Diagnostische Methoden und Untersuchungsverfahren
  • Diagnostik, Befunddokumentation und Klassifikation
  • Grundlagen für Therapie und Beratung
  • Grundlagen der Psychopharmakotherapie
  • Psychiatrische Notfälle und Krisen
  • Rechtliche Grundlagen

Störungsbilder von A bis Z. Hier werden sämtliche aktuell diagnostizierbaren Störungsbilder der Achse 1 nach ICD-10 und DSM auf knapp 260 Seiten vorgestellt. Konkret sind dies:

  • Affektive Störungen (Depression und bipolare Störung)
  • Angststörungen
  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen
  • Ausscheidungsstörungen
  • Autismus und tiefgreifende Entwicklungsstörungen: Autismus-Spektrum-Störung (ASS)
  • Borderline-Persönlichkeitsstörung und Selbstverletzungen
  • Dissoziative Störungen und Konversionsstörungen
  • Essstörungen
  • Posttraumatische Belastungsstörungen
  • Schizophrenie
  • Störungen im Säuglings- und Kleinkindalter
  • Störungen des Sozialverhaltens, Dissozialität und Delinquenz
  • Suchterkrankungen
  • Tic-Störungen
  • Zwangsstörungen

Diagnosen, die auf anderen Achsen der ICD-10 gestellt werden können (beispielsweise Teilleistungsschwächen oder Beeinträchtigungen der Intelligenzleistung) werden nicht, oder nur am Rande der anderen Störungsbilder, beschrieben. Es gibt zudem kein eigenes Kapitel über Therapiemethoden; diese werden jeweils bei den beschriebenen Störungsbildern dargestellt. Jedes Kapitel (selbst das Vorwort) endet mit einer knappen Literaturempfehlung die untergliedert ist in:

  • Literatur für Kliniker,
  • Literatur für Eltern, Lehrer und Erzieher,
  • Literatur für Kinder und Jugendliche/Bilderbücher und
  • Hinweise auf Webseiten und Internetforen.

Diskussion

Das Handbuch ist sehr übersichtlich gestaltet und bietet insbesondere Laien einen guten Einstieg ins Thema. Das Ziel, einen kurzen Überblick über die Kinder- und Jugendpsychiatrie zu liefern, wird vollumfänglich erreicht.

Das fehlende Kapitel über Therapiemethoden ist sicher dem Ziel, das Buch kurz zu halten, geschuldet. Da sich das Handbuch insbesondere jedoch auch an Laien richtet, fehlt dieser Überblick ein wenig. Sehr hilfreich sind die Literaturangaben am Ende der jeweiligen Kapitel. Besonders hervorzuheben ist der hohe wissenschaftliche Standard.

Aktuelle Diskussionen der Diagnostik, die nach Veröffentlichung des DSM-5 in Amerika auch im Hinblick auf die ICD-11 geführt werden, werden im Buch aufgegriffen. So wird beispielsweise die Einführung einer neuen Kategorie des sogenannten „Disruptive Mood Dysregulation Disorder (DMDD)“, das in der DSM-5 als frühe Form der bipolaren Störung eingeführt wurde, kritisch gewürdigt. Die hiesige Haltung dazu ist, dies eher als Unterklasse des sogenannten oppositionellen Trotzverhaltens zu diagnostizieren (Birkle et al., 2016).

Kleine Fehler (so wird beispielsweise in der Liste der Testverfahren für die Diagnostik von PTBS das ETI-KJ mit einer falschen Bezugsquelle genannt), können bei einer Erstauflage immer auftreten.

Weiterhin ließe sich kritisieren, dass die in der Öffentlichkeit leider immer noch kontrovers geführte Debatte um das Störungsbild ADHS im betreffenden Kapitel so gar nicht gewürdigt wird. Geht man davon aus, dass hier der aktuelle wissenschaftliche Stand dargestellt wird, macht das auch Sinn. Als Laie – zum Beispiel als Lehrkraft – wird man jedoch mit dieser Diskussion immer wieder im Alltag konfrontiert; sowohl von Eltern als auch Kollegen und Kolleginnen. Wenn ich mir ein entsprechendes Handbuch zulege, würde ich mir diesbezüglich eine Argumentationshilfe wahrscheinlich erhoffen. Andere kritische Diskussionen – zum Beispiel die der früheren Diagnosestellung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter – werden jedoch durchaus geführt.

Fazit

Das Handbuch wird dem im Vorwort geäußerten Ziel, Fachwissen bereits im Medizinstudium zu vermitteln, gerecht. Es sollte unbedingt zur Pflichtlektüre im Medizinstudium werden. Für andere Zielgruppen, die sich in das Thema einlesen wollen (z.B.: Jugendamtsmitarbeitende, Lehrkräfte, Eltern, etc.) ist das Buch ebenfalls sehr zu empfehlen. Des Weiteren kann es Fachpersonen (Kinder- und Jugendpsychiatern oder -psychotherapeuten) als schnelles Nachschlagwerk ebenfalls wertvolle Dienste leisten. Zum entsprechenden Einstieg in das Berufsleben an einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie gefällt mir persönlich das Lehrbuch von Robert Goodmann (2015, vgl. die Rezension) jedoch besser. Für die Prüfungsvorbereitung und zum tieferen Einarbeiten in die Thematik sollte besser eins der umfassenden Lehrbücher gewählt werden – zum Beispiel das der Herausgeber.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 06.02.2017 zu: Gerd Lehmkuhl, Fritz Poustka, Martin Holtmann, Hans Steiner (Hrsg.): Praxishandbuch Kinder- und Jugendpsychiatrie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-8017-2538-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19509.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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