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Nadja Müller: Kriminalprävention durch Baugestaltung

Cover Nadja Müller: Kriminalprävention durch Baugestaltung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. 736 Seiten. ISBN 978-3-643-12904-8. 74,90 EUR.
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Thema

Das Buch liefert einen umfassenden Überblick über Theorien, Projekte und Befunde zur Frage des Zusammenhangs zwischen Kriminalität und baulicher Gestaltung. Es ist im Rahmen der Dissertation der Autorin entstanden.

Autorin

Nadja Müller ist Rechtsanwältin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg.

Aufbau

Das bemerkenswert umfangreiche Buch besteht aus sechs Teilen, die mehrfach alphabetisch und numerisch untergliedert sind.

  1. Im ersten Teil wird in das Thema Kriminalität und Raum eingeführt,
  2. der zweite Teil ist mit Kriminalprävention überschrieben,
  3. im dritten Teil werden die Entwicklungen und Bewertungen kriminalpräventiver Ansätze sowie etliche Projekte geschildert,
  4. im vierten Teil wird eine eigene Untersuchung vorgestellt,
  5. der fünfte Teil behandelt die Umsetzung kriminalpräventiver Ansätze durch bauliche Gestaltung und
  6. der abschließende sechste Teil fasst die Ergebnisse zusammen.

Es folgen das Literaturverzeichnis und ein Anhang mit der statistischen Auswertung der PKS in den sechs von der Autorin untersuchten Kreisstädten.

Inhalte

Im ersten Teil werden erst einmal Zahlen und Trends der Kriminalität in Deutschland vorgestellt, wobei sich die Autorin auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) bezieht. Müller bewertet die PKS mit dem Hinweis auf die beachtliche Dunkelziffer und dem Hinweis auf implizite Fehlerquellen jedoch kritisch. Es folgen Ausführungen über die Raumgestaltung. Danach stellt die Autorin eine Verbindung zwischen Kriminalität und räumlichen Merkmalen her. Dies geschieht zum einen in Bezug auf die registrierten Straftaten und Ordnungswidrigkeiten, zum anderen bezogen auf die Wahrnehmung von Kriminalität. Bei der Erörterung des Begriffs der Gelegenheitsstruktur bezieht sich Müller insbesondere auf Brantingham und Brantingham. Weitere Themenblöcke im ersten Teil sind die Kriminalgeographie, die sich mit der räumlichen Verteilung der Kriminalität befasst, aber ohne den Anspruch, die Kriminalität zu erklären, und die Kriminalitätsfurcht, die zur Folge hat, dass Räume zu Angsträumen werden. Müller konstatiert, dass Kriminalitätsfurcht eine internationale Fragestellung ist, über die viel geforscht wurde und wird. Drei theoretische Positionen zur Erklärung der Kriminalitätsfurcht werden vorgestellt, die jeweils unterschiedliche Akzente setzen: die individuelle Furchtsamkeit und Verletzlichkeit des Menschen, der Einfluss der Mediendarstellungen über Kriminalität und der Verlust der sozialen Kontrolle, derer sichtbarer Ausdruck Incivilities sind.

Der zweite Teil ist der Prävention von Kriminalität und Kriminalitätsfurcht gewidmet. Wie weit gespannt das Thema ist, zeigt zum einen die Unterscheidung zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Prävention, zum anderen die Unterscheidung zwischen objektiver Kriminalität und subjektiver Kriminalitätsfurcht. Hauptanliegen präventiver Maßnahmen sind die Reduzierung von Kriminalität und Kriminalitätsfurcht. Müller stellt verschiedenen Konzepte vor, wobei sie auch auf mögliche negative Begleiterscheinungen der Kriminalprävention hinweist wie z.B. politische Interessen, unliebsame Personen zu marginalisieren, und die Tendenz, Verhaltensweisen zu kriminalisieren.

Im umfangreichen dritten Teil steuert die Autorin auf das Kernthema zu: Kriminalprävention durch bauliche Gestaltung. Etliche theoretische Ansätze darunter diejenigen der Chicago School, Rational Choice Theorien, der Broken-Windows Ansatz und das Defensible Space Konzept von Newman mit seinen konkreten Planungsansätzen werden ausführlich geschildert. Es folgen Ausführungen zu den Überlegungen von Jacobs über Nutzungsmischung, von Brantingham und Brantingham über Kriminalitätsschwerpunkte (hot spots), zur Crime Prevention Through Environmental Design (CPTED) von Jeffrey, zur Gestaltungssprache (pattern language) von Alexander und zu etlichen weiteren Ansätzen. Nach der Vorstellung zahlreicher Kriminalpräventions- Projekte in den USA und Kanada betrachtet Müller Projekte in England und in den Niederlanden. Nicht nur staatliche, sondern auch privat organisierte Projekte wie die Neighbourhood Watch Initiativen werden geschildert. Als übertragbar auf Europa erscheinen der Autorin vor allem Ansätze, die auf Veränderungen von Gelegenheitsstrukturen abzielen. Basis für die Entwicklung einer europäischen Norm zur Kriminalprävention ist das CPTED. Bei den erfolgreicheren Projekten wurden bauliche mit sozialen und organisatorischen Maßnahmen verknüpft. In Großbritannien und den Niederlanden wird der Kriminalprävention durch bauliche Gestaltung im Unterschied zu Deutschland ein hoher Stellenwert beigemessen. In Deutschland ist die Kriminalprävention Ländersache, auch wenn es durchaus bundesweite Projekte gibt wie die auf verschiedenen Datenquellen beruhende KRA (kriminologische Regionalanalyse), die Soziale Stadt, die den Fokus auf Stadtteile mit schwierigen Lebensverhältnissen richtet, und das Forschungsprojekt „Die sichere Stadt“, in dem die Kriminalität in Großwohnsiedlungen untersucht wurde. Anschließend schildert Müller den Stand der Kriminalprävention in den einzelnen Bundesländern, wobei sie deutliche Länderunterschiede feststellt. Innerhalb Deutschlands am weitesten fortgeschritten sind die Länder Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein.

Im vierten Teil stellt Müller ihre eigene Untersuchung vor, in der sie der Frage nachgeht, welche baulich-räumlichen Merkmale einen Menschen zu sozialschädlichem Verhalten veranlassen und inwieweit diese Merkmale Unsicherheitsgefühle hervorrufen. Das Untersuchungsgebiet setzte sich aus sechs Kreisstädten im Rhein-Neckar-Raum zusammen, berücksichtigt wurden Delikte mit Raumbezug sowie die der Polizei gemeldeten Ordnungsstörungen. Erhebungsmethoden waren Befragungen der Polizei in den örtlichen Revieren, die Auswertung der PKS in den untersuchten Kreisstädten aus den Jahren 2007 und 2008 und sechs Experteninterviews, zwei davon mit Architekten. Eine Reihe von Graphiken zur Auswertung der PKS ist im Anhang zu finden. Wie sich zeigte, sind bedeutende Faktoren, die bei kriminalpräventiven Maßnahmen zu berücksichtigen sind, die Altersgruppe der Jugendlichen und Heranwachsenden, Gelegenheitsstrukturen, die soziale Kontrolle, die Baustruktur sowie die Nutzungs- und sozialen Mischung in Wohngebieten. Hot Spots sind insbesondere Innenstadtbereiche und Parks. Eine Konvergenz zwischen registrierten Taten und Kriminalitätsfurcht war bei den Ordnungsstörungen bzw. Incivilities festzustellen. Die Experten verwiesen auf die Bedeutung der Gelegenheitsstruktur und der sozialen Kontrolle, zugleich aber auch darauf, dass der Anspruch nicht so hoch sein kann, durch bauliche Gestaltung Kriminalität und Unsicherheitsgefühle zu verhindern.

Im fünften Teil werden praktische Vorschläge zur Kriminalprävention durch Baugestaltung gemacht. Müller stellt erst einmal fest, dass die Kommunen, private Bauherren, Wohnungsbaugesellschaften und Bauträger für die Baugestaltung zuständig sind, und verweist auf die Flächennutzungs- und Bauleitplanung als den Instrumenten, um die Belange der Kriminalprävention umzusetzen. Dazu macht sie konkrete Formulierungsvorschläge. Dann folgen Vorschläge zur Gestaltung von Freiräumen und Grünflächen, Parkplätzen, Parkhäusern und Tiefgaragen, Fuß- und Radwegen Bahnhöfen und Haltestellen, Tunnel und Unterführungen und schließlich Empfehlungen zur Gestaltung oder Umgestaltung vom Mehrfamilienhäusern. Abschließend betont Müller die Bedeutung flankierender Maßnahmen zur Förderung des Gemeinwesens und sozial stabiler Nachbarschaften.

Der sechste abschließende Teil ist im Wesentlichen ein Resümee, das einige weiterführende Gedanken enthält wie die Public Health Thematik. Müller hebt noch einmal die Gelegenheitsstruktur als vorrangigen kriminogenen Faktor hervor und zeigt abschließend noch einmal das weite Spektrum baugestalterischer Maßnahmen zur Kriminalprävention auf.

Diskussion

Das Buch enthält eine Fülle an Informationen, es ist ein profundes Kompendium für jeden, der etwas über die theoretischen Grundlagen, Ansätze und Projekte zur Prävention von Kriminalität und Kriminalitätsfurcht erfahren möchte. Der Leser hätte es jedoch leichter gehabt, wenn er die zahlreichen Präventionsprojekte, die Müller vorstellt, auch einmal in Form einer tabellarischen Auflistung hätte sichten können. Ähnliches gilt für die diversen theoretischen Ansätze. Die Gliederung ist in ihrer Kleinteiligkeit etwas unübersichtlich, so dass es günstiger gewesen wäre, an den Anfang ein nur bis zur dritten Ebene reichendes Inhaltsverzeichnis zu setzen und dann den einzelnen Kapiteln die jeweilige Detailgliederung voran zu stellen.

Dass Kriminalitätsfurcht ein komplexes Phänomen ist, macht die Autorin deutlich, indem sie auf die kognitive, die affektive und die konative Dimension von Furcht hinweist. Deshalb überrascht ihre Bemerkung dass sich die Kriminalitätsfurcht einer Steuerung durch die Vernunft entzieht, obwohl sie zuvor explizit auf die affektive Dimension von Furcht hingewiesen hatte. Müller lässt auch das Kriminalitätsfurchtparadox unkommentiert stehen, obwohl sie es im Zusammenhang mit ihrer detaillierten Analyse leicht auf das Vermeidungsverhalten hätte zurück führen können: Angstorte werden gemieden, so dass dort auch keine kriminellen Taten geschehen können, Kriminalität und Kriminalitätsfurcht dementsprechend auch nicht korrelieren. Wenn Müller bemerkt, dass man Unsicherheitsgefühle von Menschen ernst nehmen müsse, deutet sie damit an, dass es oftmals nicht der Fall ist. Sie hätte das Ernstnehmen müssen jedoch begründen müssen, damit es nicht nur ein Appell bleibt: Unsicherheitsgefühle sind verhaltensrelevant. Wer sich unsicher fühlt, igelt sich ein, er schöpft die Angebote der Umwelt nicht aus. Die Folge ist, dass sich Angstorte in lost places wandeln, weil niemand mehr dort hingeht.

Zur Erklärung der Kriminalitätsfurcht führt Müller drei theoretische Ansätze an; es fehlt jedoch die von Fisher und Nasar begründete Prospect-Refuge-Theorie, die im Hinblick auf das Unsicherheitserleben und gestalterische Präventionsmaßnahmen zu den heuristischen Ansätzen zu rechnen ist. Dafür wird ausführlich auf den Zero-Toleranz Ansatz eingegangen, der eine (theoriebasierte) Strategie, aber keine Theorie ist. Bei der Aufführung von Projekten nennt die Autorin auch Pruitt Igoe, das kaum als Präventionsprojekt gelten kann – ganz im Gegenteil. Doch diese nicht ganz stimmigen Einordnungen fallen angesichts der Fülle an Überlegungen und Ansätzen, wie man Kriminalität und Kriminalitätsfurcht verringern könnte, nicht ins Gewicht.

In ihrer eigenen Untersuchung in sechs Kreisstädten im Rhein-Neckar-Raum greift die Autorin auf drei Erhebungsmethoden zurück. Sie befragt Mitarbeiter der örtlichen Polizeireviere, Kriminalbeamte und Architekten, sie wertet die PKS aus den Jahren 2007 und 2008 aus, aber sie befragt keine Bewohner über deren erlebte Unsicherheit im öffentlichen Raum und über die Gründe, warum sie sich nicht sicher fühlen. Hier stützt sie sich auf eine im Jahr 2008 von Dieter Hermann an den gleichen Orten durchgeführte Befragung. Der Vergleich der Ergebnisse der beiden Untersuchungen zeigt wie erwartet, dass von einer Kongruenz von objektiver und subjektiver Sicherheit nicht die Rede sein kann.

Die Autorin gibt die Experteninterviews im Wortlaut wieder. Interessant wäre eine vergleichende Analyse der mit den Architekten und der mit den Kriminalexperten geführten Interviews gewesen, um die unterschiedlichen Perspektiven herauszuarbeiten. Die Äußerungen der Architekten lassen auf eine latente Befürchtung schließen, dass man mit der Kriminalprävention zu weit gehen könnte, indem diese nicht nur den Handlungsfreiraum der Menschen einengen würde, sondern auch noch den Architekten die Arbeit erschweren könnte. Eine um zwei bis drei weitere Interviews erweiterte Architektenbefragung wäre sinnvoll gewesen, denn Architekten sind schließlich die für die Baugestaltung Verantwortlichen und diejenigen, die mit der Umsetzung der Empfehlungen befasst sind.

Zusammenfassung und Fazit

Das Buch liefert einen unfassenden Überblick über Theorien, Projekte und Befunde zur Frage des Zusammenhangs zwischen Kriminalität und baulicher Gestaltung. Die Autorin greift damit ein aktuelles Thema auf, auch wenn sich bereits neue Fragestellungen wie die Cyberkriminalität abzuzeichnen beginnen, der nicht mit baulichen Maßnahmen beizukommen ist. Ziel ist die Prävention ortsbezogener Delikte und die Verringerung von Unsicherheitsgefühlen im öffentlichen Raum. Die Autorin hat ein Kompendium zur Kriminalprävention durch Baugestaltung geschaffen, das sowohl für Polizei- und Kriminalbeamte, Kriminologen und Sozialwissenschaftler als auch für Architekten und Stadtplaner von Nutzen ist.

Summary

This book provides a comprehensive summary of wide-ranging theories, projects, strategies and empirical results pertaining to the relationship between crime and physical design. The author picks up an ongoing socially important topic without touching on aspects of cybercrime where the physical design of everyday environments is no longer significant. The objective is the prevention of place-based crime and a reduction of subjective insecurity in public places. To this end, the book provides a compendium of crime prevention theories and methods in terms of physical design which is useful to the police force, criminologists, social scientists, inhabitants as well as to architects and urban planners.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 27.11.2015 zu: Nadja Müller: Kriminalprävention durch Baugestaltung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. ISBN 978-3-643-12904-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19514.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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