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Jörn Borke, Joscha Kärtner u.a.: Kultur - Entwicklung - Beratung

Cover Jörn Borke, Joscha Kärtner, Eva-Maria Schiller, Angelika Schöllhorn: Kultur - Entwicklung - Beratung. Kultursensitive Therapie und Beratung für Familien mit Säuglingen und Kleinkindern ; [mit 4 Tabellen]. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. 244 Seiten. ISBN 978-3-525-40252-8. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Thema

Neben der Frage, wie man Eltern mit z.B. „Schrei- und Trotzkindern“ professionell unterstützen kann, geht es auch um die Frage: Wie dabei Eltern aus verschiedenen Kulturen auf diese Entwicklungsherausforderungen reagieren. Im Kontext von Beratung und Therapie ergeben sich dann zwangläufig ganz praktische Herausforderungen, die Erkenntnisse der kulturvergleichenden Entwicklungspsychologie und natürlich die in der jeweiligen Praxis gemachten (Grenz-)Erfahrungen aufzugreifen und professionell für die Anliegen der jeweiligen Familien nutzbar zu machen.

Autorinnen und Autoren

  • Jörn Borke ist Professor für Entwicklungspsychologie der Kindheit an der Hochschule Magdeburg-Stendal und war von 2004-2014 Leiter der Babysprechstunde Osnabrück.
  • Eva-Maria Schiller ist Akademische Rätin in der Arbeitseinheit Entwicklungspsychologie an der Universität Münster und Leiterin des Münsteraner Beratungslabors.
  • Angelika Schöllhorn ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Supervisorin und Dozentin im Masterstudiengang „Frühe Kindheit“ an der Pädagogischen Hochschule Thurgau, Schweiz.
  • Joscha Kärtner ist Professor für Entwicklungspsychologie am Institut für Psychologie an der Universität Münster.
  • Ute Ziegenhain leitet die Sektion Pädagogik, Jugendhilfe, Bindungsforschung und Entwicklungspsychopathologie der Kinder- und Jugendpsychiatrie / Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm.

Entstehungshintergrund

Für das Autorenkollektiv waren zwei Entwicklungen Auslöser für dieses Buch. Zum einen sei die Nachfrage nach spezialisierten Beratungsangeboten deutlich angestiegen. Zum anderen haben sich auch die Beratungs- und Therapieansätze immer weiter entwickelt. Im Rahmen der letzteren Entwicklung zeige sich, dass bereits verschiedene Ebenen und Faktoren bei der Beratung von Familien mit Kindern einbezogen werden, so z.B. Einflussfaktoren aufseiten des Kindes, der Eltern und aufseiten des sozialen Umfeldes sowie Wechselwirkungen zwischen diesen Ebenen. Eine Ebene fand dabei bisher weniger Berücksichtigung, nämlich der kulturelle Kontext und der damit besondere Bezug zu Eltern mit Kindern im Säuglings- und Kleinkindalter. Das vorliegende Buch möchte daher diese Lücke schließen und „Grundzüge einer kultursensitiven beraterischen und therapeutischen Arbeit mit Eltern von Säuglingen und Kleinkindern“ entwickeln.

Aufbau, Vorwort und Einleitung

Die Publikation untergliedert sich in ein kurzes Vorwort von Ute Ziegenhain, eine Einleitung und zwei Teile, mit je vier Kapiteln. Jedes Kapitel wiederum hat mehrere Unterkapitel mit Teilüberschriften. Nach Vorwort und Einleitung ist das Buch wie folgt untergliedert:

    Teil 1: Kultursensitive Beratung und Therapie: Theoretische Grundlagen und konzeptionelle Herausforderungen

  1. Frühkindliche Entwicklung aus kulturvergleichender Sicht
  2. Entwicklungspsychopathologie in der frühen Kindheit
  3. Kommunikation und Beziehungsgestaltung aus kulturvergleichender Sicht
  4. Unterschiedliche Beratungs-und Therapieansätze und Kultursensitivität

    Teil 2: Kultursensitive Beratung und Therapie: Praktische Umsetzung

  5. Die professionelle Haltung in der interkulturellen Beratung und Therapie
  6. Praxis der kultursensitiven Beratung und Therapie – Struktur und Ablauf
  7. Regulationsprobleme: Ausblick auf das spätere Lebensalter
  8. Evaluation von Beratung und Therapie

Vorwort. Im Vorwort wird auf die Bedeutung der Auseinandersetzung mit der frühkindlichen Entwicklung verwiesen, nicht zuletzt, weil dies in der Vergangenheit bisher zu kurz gekommen sei.

Einleitung. Hier werden Ausgangspunkt, Fragen und Erfahrungen zum Thema formuliert. Gleichzeitig werden die Struktur und der Aufbau der Publikation dargestellt.

Zu Teil 1

Erstes Kapitel. Das erste Kapitel geht, mittels selektiver Auswahl der Frage nach, was eigentlich optimale Entwicklung und optimales Elternverhalten ist. Dabei werden das Rahmenmodell von Papousek und Papousek und bindungstheoretische Überlegungen als zwei theoretische Grundlagen in ihren Berührungspunkten dargestellt, wobei es um die konkrete Beleuchtung von Ko-Regulation und Selbstregulation in der frühkindlichen Entwicklung geht. Die Frage, was Entwicklung mit Kultur zu tun habe schließt sich dem an. Hierbei gelangen die AutorInnen von der Klärung eines möglichen Verständnisses von Kultur und die Bezugnahme auf die kulturvergleichende Entwicklungspsychologie zur Beschreibung dessen, wie kulturelle Unterschiede in der Entwicklung entstehen können. Weiter wird danach fragt, was überhaupt Kultur ist und wie viele Kulturen es gibt. Die Antwort auf den letzten Teil dieser Frage mündet in zwei Prototypen, die im weiteren Verlauf in ihrer Spezifik befragt werden. Es handelt sich dabei 1. um den Prototyp der psychologischen Autonomie und 2. um den Prototyp der hierarchischen Relationalität. Zusätzlich wird zudem die Bandbreite kultureller Modelle, jenseits dieser Prototypen diskutiert, demnach kulturelle Modelle, die als Anpassungen an spezifische Lebenswelten verstanden werden. Das Kapitel schließt damit ab, sich kritisch mit der Normativität von Entwicklungstheorien zu befassen und aus der Perspektive der kulturvergleichenden Entwicklungspsychologie zu erweitern.

Zweites Kapitel. Hier wird der Frage nachgegangen, wie im Beratungs- und Therapieprozess eine angemessene Einschätzung der Bewertbarkeit des Verhaltens der Eltern und des Kindes und ihrer Interaktion miteinander, gelingen kann. Dazu werden zunächst zwei Thesen aus bindungstheoretischer Perspektive aufgemacht, die eine scheinbare Klarheit über optimales Elternverhalten und optimale Bindungsentwicklung ergeben. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Gefahr eines normativen Blickes führt die AutorInnen dann jedoch zu der Aufforderung, dass es dringend geboten sei, sich für eine kontextsensitive und kulturspezifische Betrachtungsweise zu öffnen und die zuvor herausgearbeiteten normativen Anteile in Theorie und Praxis anzuerkennen. Dazu diskutieren sie die Erkenntnisse der kulturvergleichenden Bindungsforschung und setzen diese zu den zuvor entwickelten zwei Thesen in Beziehung. Da der Fokus auf Regulationsprozesse zentral für entwicklungspsychologische Erklärungsmodelle sei und das Konzept der Regulationsstörungen eine der bedeutendsten Theorien zur Beschreibung von Entstehung und Aufrechterhaltung von Problemen und Störungen in der frühen Kindheit darstelle, vertiefen die AutorInnen an dieser Stelle den Ansatz zur Bedeutung ko-regulativer Interaktionsprozesse von Papousek und entwickeln eine Konzeptbeschreibung aus kultursensitiver Sicht. Unterstützend werden in diesem Rahmen auch kulturspezifische Regulationsherausforderungen anhand von Beispielen verdeutlicht, um dann verschiedene Zugänge und Orientierungspunkte für ein kultursensitives Vorgehen im Diagnoseprozess daraus abzuleiten.

Drittes Kapitel. In diesem Kapitel geht es um die Berücksichtigung von kulturvergleichenden Erkenntnissen über die Gestaltung von sozialen Beziehungen und Kommunikationsprozessen, insbesondere um kulturelle Unterschiede bezogen auf die Kommunikation mit Eltern und die Beziehungsgestaltung in Beratungs- und Therapieprozessen. Anhand von jeweiligen Beispielen werden dabei der unterschiedliche Umgang mit Direktivität und Non-Direktivität, das Ansprechen von Gefühlen und persönlichen Themen und Erwartungen an Beratungs- bzw. Therapieinhalte thematisiert und ihre kulturelle Unterschiedlichkeit resp. deren Konsequenzen beleuchtet.

Viertes Kapitel. Hier nähern sich die AutorInnen einer pragmatischen Betrachtung der bereits dargestellten Inhalte, indem sie anhand eines Fallbeispiels, vier Beratungs- und Therapieansätze und Kultursensitivität, in ihren Potenzialen bzw. Chancen, aber auch in ihren Begrenzungen darstellen. Es handelt sich dabei um: psychodynamisch-tiefenpsychologisch orientierte Ansätze, verhaltensorientierte, humanistische Beratungs- und Therapieansätze und um systemisch-familientherapeutische Ansätze. Jeder Ansatz wird dabei zunächst einmal in seiner geschichtlichen Entwicklung dargestellt, bevor auf wesentliche Paradigmen des jeweiligen Ansatzes eingegangen wird. Danach erfolgt die Anwendung bezogen auf die Arbeit mit Familien mit Säuglingen und Kleinkindern, unter Bezugnahme auf den eingangs dargestellten Fall. Zum Schluss werden die Chancen und Grenzen des Ansatzes in einer kultursensitiven Beratung und Therapie diskutiert.

Zu Teil 2

Fünftes Kapitel. Eine praktische Umsetzung fragt hier nicht zuerst nach Techniken und Verfahren, sondern fragt nach professioneller Haltung in der interkulturellen Beratung und Therapie. Dabei erfolgt zuerst eine Begriffsklärung zum Begriff der professionellen Haltung. Folgend darauf, werden unterschiedliche Dimensionen einer interkulturellen Haltung auseinandergesetzt, so z.B. die selbstreflexive Haltung, die Haltungen der Offenheit, der aktiv bejahenden Vielfalt, der Bereitschaft, sich in bisherigen Überzeugungen irritieren zu lassen, der inneren Toleranz gegenüber Unsicherheiten, Ungewissheiten und Widersprüchlichkeiten, die multiperspektivische Haltung, die respektvolle Haltung und die kommunikative und konfliktbereite Haltung.

Sechstes Kapitel. Erst in diesem Kapitel wenden sich die AutorInnen einem vierschrittigen Prozessmodell, unter Nutzung einer anschaulichen grafischen Abbildung zu, welches an den üblichen Schritten eines lösungsorientierten Beratungs- und Therapieprozesses orientiert ist. Diese einzelnen Schritte; Klärung des Anliegens, Fit-Misfit-analyse und Zieldefinition, Beratungsgestaltung und Intervention, werden zunächst in ihrer allgemeinen Bedeutung und darauf folgend in ihrer kulturellen Bezugnahme dargestellt. Untermauert und somit praxisnah, wird das Ganze mit Beispielen aus der Praxis. Das heißt, anhand verschiedener Beratungsanlässe werden dann kultursensitive Vorgehensweisen exemplarisch dargestellt. Im Rahmen eines eingeflochtenen Exkurses werden die Bedeutung und Einordnung von Migrationsprozessen reflektiert.

Siebentes Kapitel. Hier wird der Frage nachgegangen, welche Folgeproblematiken sich aus übermäßigem Schreiverhalten, Ein-und Durchschlafschwierigkeiten sowie übermäßigem Trotzverhalten ergeben. Dazu werden die vorhandenen Studien genutzt und herangezogen, die sich jedoch insbesondere auf autonomieorientierte Familien beschränken. Potenzielle Problembereiche werden diskutiert, um dann Implikationen für verbundenheitsorientierte Kontexte abzuleiten. Außerdem werden Entwicklungsverläufe im Hinblick auf Trotzverhalten in verschiedenen kulturellen Kontexten dargestellt und einhergehende mögliche Beratungsanlässe im späteren Lebensalter abgeleitet.

Achtes Kapitel. Das Kapitel ist überschrieben mit: Evaluation von Beratung und Therapie und befasst sich mit Evaluationsmöglichkeiten von Beratungen und Therapien von Familien mit Säuglingen und Kleinkindern. Dazu wird zunächst in das Themenfeld Evaluation mit einer Begriffsklärung und der Darstellung eines allgemeinen Evaluationsmodells eingeführt. Anschließend werden die mit der Evaluation kultursensitiver Beratung und Therapie verbundenen Herausforderungen diskutiert. Das Kapitel schließt mit Strukturierungshilfen zur Selbstevaluation für die eigene kultursensitive beraterische und therapeutische Arbeit ab.

Diskussion

Die AutorInnen folgten in dem vorliegenden Buch konsequent der eingangs dargestellten Intention, „Grundzüge einer kultursensitiven beraterischen und therapeutischen Arbeit mit Eltern von Säuglingen und Kleinkindern“ entwickeln zu wollen. Mit der Nutzung der Prototypendifferenzierung in autonomieorientierte und verbundenheitsorientierte Familien gelingt eine grundlegende und auch praktisch greifbare Differenzierung, die die Entwicklung kultursensitiver Beratung und Therapie zur Unterscheidbarkeit von expliziten Besonderheiten führt. Dies lässt sich an dieser Publikation besonders hervorheben, auch vor dem Hintergrund, dass andere Versuche einer kultursensiblen oder kultursensitiven Arbeitsweise eher bei Darstellungen allgemein nützlicher Haltungen verbleiben oder / und allein im Appell des Sich-bewusst-werdens über mögliche Unterscheidungen verharren. Hier werden vier Ansätze in ihren Möglichkeiten und Grenzen im Hinblick auf ihre Kultursensitivität geprüft und konsequent, aus der Perspektive einer kulturvergleichenden Entwicklungspsychologie mittels tiefgehender Diskussion des Kulturverständnisses bzw.-begriffes, praxisorientierte Bezüge zum Verständnis von und der Arbeit mit Familien mit Säuglingen und Kleinkindern, hergestellt.

Fazit

Ein anregendes Fachbuch zum Nachdenken und zur Auseinandersetzung mit Beratung und Therapie mit kultursensitiver Perspektive in der Arbeit insbesondere mit Familien mit Säuglingen und Kleinkindern.


Rezensentin
Dr. phil. Oda Baldauf-Himmelmann
Ausgebildete systemische Therapeutin / Familientherapeutin, Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin und Kulturwissenschaftlerin. Arbeitet als Akademische MA an der Brandenburgisch-Technischen Universität Cottbus/Senftenberg (BTU CS)
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Zitiervorschlag
Oda Baldauf-Himmelmann. Rezension vom 17.03.2016 zu: Jörn Borke, Joscha Kärtner, Eva-Maria Schiller, Angelika Schöllhorn: Kultur - Entwicklung - Beratung. Kultursensitive Therapie und Beratung für Familien mit Säuglingen und Kleinkindern ; [mit 4 Tabellen]. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-525-40252-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19515.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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