socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Dierk Borstel, Christina Tappe: Partizipation psychisch Erkrankter

Cover Dierk Borstel, Christina Tappe: Partizipation psychisch Erkrankter. Psychosoziale Interventionsmöglichkeiten zur Partizipationsbefähigung. Monsenstein und Vannerdat (Münster) 2015. 132 Seiten. ISBN 978-3-95645-534-6. 10,30 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die „Partizipation psychisch Erkrankter“ ist seit rund drei Jahrzehnten ein zunehmend intensiver diskutiertes Thema, welches sich z.B. im Rahmen der Etablierung von Psychoseseminaren, Trialog, Bundesarbeitsgemeinschaften von Angehörigen und Psychiatrie-Erfahrenen artikuliert und verknüpft ist mit Empowerment- und Recovery-Prozessen. Rückenwind bekam es u.a. durch die UN-Behindertenrechtkonvention.

Autor und Autorin

Dierk Borstel ist Professor für praxisorientierte Politikwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund und hat dort 2014 zusammen mit Claudia Luzar, Politologin, die „Arbeitsstelle Deradikalisierung und Demokratieentwicklung“ gegründet.

Christina Tappe hat an der Fachhochschule Dortmund studiert und arbeitet seit 2014 als Sozialarbeiterin „im ambulanten Dienst der Sozialpsychiatrie“.

Entstehungshintergrund

Die Publikation, eine überarbeitete Abschlussarbeit, ist der erste Band der neuen Schriftenreihe der og. Arbeitsstelle. Diese will sich sowohl theoretisch wie in der Praxis der Arbeit mit radikalisierten Menschen einerseits der Demokratieentwicklung auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen zuwenden, andererseits dem individuellen Prozess der Deradikalisierung.

Aufbau

Herr Borstel stellt zunächst die Arbeitsstelle Deradikalisierung und Demokratieentwicklung vor.

Die sich anschließende Arbeit im Umfang von knapp 100 Seiten von Frau Tappe gliedert sich nach der Einleitung in fünf Kapitel.

  1. Partizipation als wissenschaftlicher Begriff
  2. Psychische Erkrankungen und Gesellschaft
  3. Perspektiven der Partizipationsbefähigung
  4. Psychosoziale Interventionen
  5. Fazit.

Ein Literaturverzeichnis schließt diese Arbeit ab.

Inhalt

Ausgangspunkt der Arbeit von Frau Tappe ist die Feststellung, „dass psychisch erkrankte Menschen oft keine Therapie bekommen, da die Versorgungsstrukturen in Deutschland als mangelhaft einzustufen sind.“ (S. 18) Hinzu kämen Umgang mit Diskriminierung und Selbststigmatisierung. „Partizipation soll in diesem Zusammenhang als ein mögliches Konstrukt dienen, dies >gemeint sind Entscheidungsprozesse des eigenen Lebens< zu ermöglichen, aber auch gleichzeitig zeigen, in welch schwieriger Position sich psychisch Erkrankte in der Gesellschaft befinden.“ (S. 18)

Kapitel 1 stellt Formen der Partizipation, Teilhabe als Menschenrecht, Faktoren der Beeinflussung von gesellschaftlicher Teilhabe und Partizipationschancen und Zugangsbarrieren dar und leitet zum 2. Kapitel über, in dem das Krankheitsbild der Depression, das Krankheitsbild der Schizophrenie, Stigma und Stigmatisierungen, und Betreuungsformen für Menschen mit psychischen Erkrankungen vorgestellt werden. Das 3. Kapitel präsentiert die Perspektiven der Politik, der Angehörigen und der Sozialen Arbeit, sodann Partizipation in der Sozialpsychiatrie. Als psychosoziale Interventionen werden Entscheidungsteilhabe durch Empowerment, den Recovery-Ansatz und das Weddinger Modell erläutert.

Diskussion und Fazit

Herr Borstel stellt anfänglich heraus, welches das Anliegen der Arbeitsstelle für Deradikalisierung und Demokratieentwicklung darstellt. Darüber geriet ich als Leserin mit mehreren Jahrzehnten einschlägiger Berufserfahrung ins Grübeln: Sind radikale Menschen per se psychisch erkrankt? Umgekehrt: besondere Auffälligkeiten hinsichtlich der politischen Einstellungen von Menschen mit einer psychischen Erkrankung im Vergleich zur „Allgemein“bevölkerung sind mir nicht bekannt.

Die Frage nach der Rechtssituation von Menschen mit psychischen Erkrankungen muss fortlaufend gesellschaftlich thematisiert werden, hier ist allerdings seit Jahrzehnten erhebliches geschehen, siehe z.B. im Familienrecht, im Betreuungsrecht und in einer Reihe von Psychisch-Kranken-Gesetzen verschiedener Bundesländer. Möglicherweise hat sich die Politikwissenschaft nicht damit beschäftigt (S. 14), andere Fachwissenschaften aber schon.

Frau Tappe legt eine engagiert geschriebene Arbeit vor, die ein weites Spektrum an Themen anspricht, die vieles notwendigerweise nur im Überblick darstellen kann. Dem mögen gelegentliche Pauschalisierungen geschuldet sein, die hier nur gestreift werden können. Als Beispiel diene das Eingangszitat, „dass psychisch erkrankte Menschen oft keine Therapie bekommen, da die Versorgungsstrukturen in Deutschland als mangelhaft einzustufen sind.“ (S. 18) Geht man der dankenswerterweise genau angegebenen Quelle nach, so bezieht sich die Aussage auf schwer depressiv erkrankte Personen; die nicht Leitlinien gemäß behandelt werden. Ob das allein ein geeigneter Maßstab zur Einschätzung der Versorgungsstrukturen darstellt ist mir fraglich. Darüber hinaus weist die Quelle auf erhebliche regionale Unterschiede in der Versorgung hin. Zweites Beispiel: Es wird auf den Zusammenhang zwischen Armut und Partizipation hingewiesen, ohne zwischen den verschiedenen Formen von Armut bzw. Armutsrisiken zu differenzieren. Drittes Beispiel: Unter der Perspektive der Politik wird ein Psychisch-Kranken-Gesetz herangezogen, ohne das erwähnt wird, welches Bundesland es erlassen hat.

Die Darstellung der Krankheitsbilder Depression und Schizophrenie ist wohl exemplarisch gemeint, warum aber gerade diese ausgewählt wurden, wird nicht recht deutlich.

Ich habe auch Schwierigkeiten damit, dass nach der an sich richtigen Darstellung der Teilhaberechte Menschen mit psychischen Erkrankungen pauschal der Gruppe der Behinderten zugerechnet werden, um dann die Rechtsansprüche gemäß UN-Behindertenrecht-Konvention in Anspruch nehmen zu können. Abgesehen davon, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht automatisch behindert sind, führt die Konvention im Detail aus, wie die allgemeinen Menschenrechte auch für Menschen, die als behindert gelten, zu konkretisieren sind. Als normativer Rahmen ist die UN-Behindertenrecht-Konvention sehr hilfreich, Recht und gesellschaftliche Realität in Richtung auf die allen gemeinsamen Menschenrechte weiter zu entwickeln.

Im Kapitel 3 – Perspektiven der Partizipationsbefähigung – fehlt mir die Perspektive der Betroffenen.

So begrüßenswert der Ansatz der Arbeitsstelle insgesamt ist, so engagiert die Arbeit von Tappe ist, verbleiben doch wie oben skizziert Irritationen.


Rezensentin
Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski
Seniorprofessorin Evangelische Hochschule Darmstadt
E-Mail Mailformular


Alle 25 Rezensionen von Alexa Köhler-Offierski anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexa Köhler-Offierski. Rezension vom 11.12.2015 zu: Dierk Borstel, Christina Tappe: Partizipation psychisch Erkrankter. Psychosoziale Interventionsmöglichkeiten zur Partizipationsbefähigung. Monsenstein und Vannerdat (Münster) 2015. ISBN 978-3-95645-534-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19517.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung