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Simone Gaiss: Kunstpädagogik und Kunsttherapie

Cover Simone Gaiss: Kunstpädagogik und Kunsttherapie. Entwicklungsförderung zwischen Kindheit und Jugend anhand sinnlicher Wahrnehmung und ästhetisch-bildnerischer Erfahrung. Herbert Utz Verlag (München) 2015. 48 Seiten. ISBN 978-3-8316-4376-9. D: 41,00 EUR, A: 42,20 EUR, CH: 54,90 sFr.

Schriften zur interdisziplinären Bildungsdidaktik, Bd. 28.
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Thema

Das vorliegende Buch befasst sich mit den Möglichkeiten kunstpädagogischer und kunsttherapeutischer Projekte und Methoden, die hilfreich zur Entwicklungsförderung in der Schwellenphase zwischen Kindheit und Jugend eingesetzt werden können.

Autorin

Simone Gaiss ist Kunsttherapeutin und verfeinerte, reflektierte und evaluierte im Rahmen ihrer Dissertation diese bildungsdidaktischen Überlegungen und kunsttherapeutischen Methoden.

Entstehungshintergrund

Simone Gaiss (2015, S. 7) gibt an, sie sei in den letzten Jahren vermehrt mit „Beeinträchtigungen, die vermutlich allein in der Komplexität der biografischen Entwicklungsphase [Schwellenübergang Kindheit zur Jugend] resultierten“, konfrontiert gewesen. Daher stellte sie sich der Autorin die Frage, „inwieweit ästhetisch-bildnerische Angebote dazu beitragen können, die Entwicklungsschritte in dieser Lebensphase zu unterstützen …“ (ebd.).

Aufbau

Da es sich um eine veröffentlichte Dissertation handelt, gliedert sich das Buch in die üblichen Abschnitte (Einleitung, Hauptteil und Zusammenfassung) einer wissenschaftlichen Arbeit.

Inhalt

In der „Hinführung“ wird die Motivation für diese Thematik dargelegt (siehe Entstehungshintergrund) und das inhaltliche und methodische Vorgehen verdeutlicht (S. 7 – 15).

Im zweiten Kapitel „Grundlegende Zusammenhänge“ (S. 16 – 28) wird zunächst das Kontinuum Gesundheit-Krankheit verknüpfend mit den Ideen der Salutogenese versus Pathogenese beleuchtet. Darüber hinaus werden die Begriffe Heterostase, Kohärenz und Resilienz dargelegt und in Bezugnahme zu ästhetischen Erfahrungsprozessen gesetzt. Weiters werden KIGGS und die BELLA-Studie mit ihren Hauptergebnissen thematisiert, wonach die Autorin resümiert, dass psychische Störungen und chronische Erkrankungen wie Asthma, Allergien, Adipositas sowie Störungen der Entwicklung, der Emotionalität und des Sozialverhaltens im Kindes- und Jugendalter zwischen 2002 und 2009 zugenommen haben (vgl. www.gesundheitsforschung-bmbf.de, Stand: 6.6.209; www.kiggs.de, Stand: 5.3.2012 zit. n. Gaiss 2015, S. 22 f.). Gaiss (2015. S. 24) verdeutlicht hier im Ansatz die Möglichkeiten von Kunstpädagogik und Kunsttherapie im Sinne der Förderung von Gesundheitspotenzialen bei Kindern und Jugendlichen. Auch wird kurz ein Zugang im Sinne eines humanistischen Bildungsbegriffs und eines „erweiterten Kunstbegriff“ nach Beuys (1990) verdeutlicht, um schließlich der These „Sinneskonstruktion als Basis für Gesundheit und Bildung“ in Bezugnahme auf Buschkühles (1997, S. 55) Ausspruch „ >fabricando fabricamur< – durch unser Gestalten erhalten wir selbst Gestalt“ (zit. n. Gaiss 2015, S. 26 ) nach zu gehen.

Das dritte Kapitel „Wahrnehmung“ (S. 29 – 55) behandelt die Beziehung zwischen „Ästhetischer Erziehung“ und „Ästhetischer Bildung“ (S. 29 f.) um schließlich sinnliche Wahrnehmung, ästhetische Erfahrung und ästhetisches Verhalten und Denken zu differenzieren. Dabei verdeutlicht die Autorin Inhalte und Ziele ästhetischer Bildung, wenn sie meint: „Die Ausbildung der Fähigkeit, Wahrnehmungen zu differenzieren, sie in körperliche Empfindungen, Gefühlskategorien, Denkleistungen und Handlungsmotivatoren einzuteilen, diese sinnvoll zu kombinieren und aus deren Qualitäten Selbst- und Welterkenntnis zu gewinnen, ist ein notwendiger Entwicklungsweg auf der Bildungslandkarte jedes heranwachsenden Menschen“ (Gaiss 2015, S. 32). Darüber hinaus wird eine „Annäherung an den Begriff des ästhetischen Prozesse“ (S. 39 f.) vorgenommen und in Beziehung zur Thematik Entwicklungsförderung gebracht. Schließlich wird der Versuch unternommen ein „erweitertes Verständnis des Zwölf-Sinnes-Modells nach Rudolf Steiner“ (S. 47 – 55) darzulegen.

Im vierten Kapitel wird der „biografische Übergang zwischen Kindheit und Jugend“ (S. 56 – 67) behandelt. Dabei werden wesentliche Entwicklungen und Entwicklungsaufgaben sowie soziale und biologische und psychische Faktoren dieses auch „kritischen Lebensereignisses“ (Gaiss 2015, S. 58) knapp behandelt. Auch Möglichkeiten der „Krisenbewältigung“ (S. 61 f.) werden kurz skizziert, um schließlich „neurophysiologische Gesichtspunkte“ (S. 62 – 67) darzulegen. Mit dem Unterkapitel „Vorstellungen und >>innere Bilder<<“ wird der Begriff „innere Bilder“ aus neurowissenschaftlicher Sicht in Bezugnahme auf Hüther (2006) auch für die Kunsttherapie geklärt, wenn die Autorin zusammenfasst: „Innere Bilder entstehen also vor dem Hintergrund dessen, wie und wofür das Gehirn benutzt wird und prägen individuelle Denkmuster, Gefühlsstrukturen und sowie die Ausbildung von Fähigkeiten und Fertigkeiten“ (Gaiss 2015, S. 65).

Das fünfte Kapitel „Entwicklungsförderung anhand ästhetischer Strategien“ (S. 68 – 86) verdeutlicht die Möglichkeiten innerhalb der „Schnittmenge der beiden Disziplinen Kunstpädagogik und Kunsttherapie“ (Gaiss 2015, S. 68). Es werden hier von der Autorin Simone Gaiss (2015) „die Werkstatt als geschützter Gestaltungsraum“ (S. 69 f.) skizziert, dar Zeitrahmen (S. 71 ff.) und die Bedeutung von „shared attention“ (Hüther 2010 zit. n. Gaiss 2015, S. 74) innerhalb ästhetischer Förderungsstrategien und Projekte beschrieben. Zusätzlich wird in Bezugnahme auf die humanistisch-therapeutische Gesprächsführung nach Carl Rogers (1973) und Beschreibungen zur Beziehungsgestaltung nach Martin Buber (1997) die Haltung der Autorin innerhalb ästhetisch-bildnerischer Angebote in ihrer Praxis verdeutlicht (S. 75 f.). Abschließend thematisiert Gaiss (2015, S. 76 – 86) Bildbetrachtung aus kunsttherapeutischer und kunstpädagogischer Sicht und stellt das von ihr entwickelte Modell der „Bildbetrachtung anhand der zwölf Sinne“ dar.

Im sechsten Kapitel „Das Modell Kunstbaustelle >>Kunst trifft Leben<<“verdeutlicht Simone Gaiss (2015, S. 87 – 107) das von ihr entwickelte Modell „zur Entwicklungsförderung anhand ästhetisch-bildnerischer Erfahrung für Kinder im biografischen Übergang zur Jugend“. Dabei hebt Gaiss (2015) hervor, warum sie sinnliche Wahrnehmungsprozesse gezielt einbaut und wie sie diese methodisch und didaktisch im Rahmen der Kunstbaustelle einsetzt. Sie geht dabei auf den Entstehungshintergrund dieses Modells ein (Gaiss 2015, S. 90 – 92) und verdeutlicht Bedingungsfaktoren, so wie die Projektausschreibung und das Vortreffen und die Projektstruktur. Weiters werden die Ziele von „Kunst trifft Leben“ als „ästhetisch-bildnerische Ziele“, „soziale Ziele“ und „Ziele der Salutogenese“ dargelegt (S. 95 f.). Auch Inhalte und Themen dieses Projekts werden verdeutlicht (S. 96 f.). Weiters werden „Materialien und Medien“ (S. 100 f.) in ihrer Bandbreite und das „Ideen-Skizzen-Buch“ als Hilfsmittel beschrieben. „Bezüge zu kunstpädagogischen und künstlerischen Ansätzen“ werden in ihren Bezugspunkten zur ästhetischen Forschung (Kämpf-Jansen 2000, Franke 2007) und zur Embodiment-Forschung verdeutlicht.

Das siebente Kapitel „Zwei Fallbeispiele“ (S. 108 – 112) verdeutlicht die in der auch theoretischen Auseinandersetzung aufgestellten Thesen zur Entwicklungsförderung von Kindern in der Schwellenphase zur Jugend mithilfe kunstpädagogisch und kunsttherapeutischer Interventionen. Hier wird die Forschungsmethodik (S. 108) als Feldforschung knapp beschrieben. Zusätzlich werden die beiden Bilderserien zweier Mädchen zum Thema „Eine Künstlerin wohnt in mir“, jene zweier Burschen mit dem Thema „Freundschaft hat Bedeutung“ und anderer Themenanregungen beschrieben und im Anhang (ab S. 139) auch bildlich dargelegt.

Das achte Kapitel „Zusammenfassung“ (S. 113 – 118) schließlich führt die Ergebnisse und Erkenntnisse dieser als Buch publizierten Dissertation an. Dies geschieht in der thematischen Gliederung Möglichkeiten, Grenzen und Verortung um schließlich im knapp gehaltenen Fazit mit einem Zitat von Früchtl (1998) zur „positiven Chance [von Kunsterfahrung] zur Einübung von Differenzierungsbewusstsein innerhalb einer plural geprägten Welt“ (Gaiss 2015, S. 118) zu beenden.

Diskussion

Das vorliegende Buch von Simone Gaiss (2015) stellt als veröffentlichte Dissertation eine gute Möglichkeit dar, sich in die Theorie und Praxis kunstpädagogisch-kunsttherapeutischen Handelns zu vertiefen. Leider sind gerade die Zusammenfassung und das Fazit sehr knapp ausgefallen, was im Sinne der zu markierenden Ergebnisse und Erkenntnisse bedauerlich ist.

Fazit

Das vorliegende Werk von Simone Gaiss (2015) unternimmt den Versuch, anhand des von der Autorin entwickelten Modells Kunstbaustelle „Kunst trifft Leben“ im Rahmen ihrer Dissertation zu verdeutlichen, inwiefern Entwicklungsförderung an der Schwellenphase zwischen Kindheit zur Jugend durch ästhetisch-bildnerische Erfahrungen unterstützt werden kann und inwiefern sich dies auch theoretisch begründen lässt. Das gelingt streckenweise nachvollziehbar und fachlich, jedoch fallen manche Begründungen und Argumentationsketten leider eher knapp aus.

Simone Gaiss argumentiert in Bezugnahme zu Erkenntnissen der Salutogenese, den Grundargumenten ästhetischer Bildung und einer humanistisch-therapeutischen orientierten Sicht, was eine sinnvolle und befruchtende Zusammenführung ergibt. Das Buch wird durch farbiges Bildmaterial, das die Ausdrucksentwicklung einiger Kinder in der Schwellenphase zur Jugend innerhalb der Kunstbaustelle verdeutlichen soll, ergänzt.

Besonders die konkrete Darlegung des Modells „Bildbetrachtung anhand der zwölf Sinne“ (S. 83 f.) mit dem anwendungsbezogenen Fragenkatalog lässt das Buch zu einem hilfreichen Werk für die praktische Anwendung im Rahmen kunstpädagogisch und/oder kunsttherapeutischer Projekte werden.

In Summe kann dieses Buch vor allem interessierten Fachleuten aus dem Bereich der Kunstpädagogik und Kunsttherapie empfohlen werden.

Literatur und Quellen:

  • Beuys, Joseph (1990): „Kunst ist ja Therapie“ und „Jeder Mensch ist ein Künstler“, In: Petzold,
  • Hilarion (Hrsg.): Die neuen Kreativitätstherapien/Handbuch Kunsttherapie, Band 1, Paderborn.
  • Buber, Martin (1997/2011): Ich und Du. 11.Aufl., Stuttgart.
  • Buschkühle, Carl-Peter (1997): Wärmezeit. Zur Kunst als Kunstpädagogik bei Joseph Beuys, Frankfurt am Main.
  • Franke, Annette (2007): Aktuelle Konzeption der Ästhetischen Erziehung, München.
  • Früchtl, Josef (1998): Ästhetisches Denken und wissenschaftliche Ausbildung. In: Uni Kunst Kultur, Münster, S. 7 – 12.
  • Hüther, Gerald (2006): Die Ausbildung der Methakompetenzen und Ich-Funktionen während der Kindheit. In: Neider, Andreas (Hrsg.): Bildung ist mehr als Lernen, Stuttgart.
  • Hüther, Gerald (2010): Die Stärkung von Selbstheilungskräften aus neurobiologischer Sicht. Vortrag vom 11.1.2010 auf CD, Mühlheim.
  • Kämpf-Jansen, Helga (2000): Ästhetische Forschung, Aspekte eines innovativen Konzeptes ästhetischer Bildung. In: Blohm, Manfred (Hrsg.): Leerstellen. Perspektiven für ästhetisches Lernen in Schule und Hochschule, Köln, S. 83 – 114.
  • Rogers, Carl (1973/1985): Die Entwicklung der Persönlichkeit, 5. Aufl., Stuttgart.

Internetquellen:


Rezensentin
Mag.a Dr.in Marianne Forstner
Hauptberuflich Lehrende und Koordinatorin im Bereich Pädagogik am Lehrgang Sozialpädagogische/r FachbetreuerIn in der Kinder und Jugendhilfe, Fachhochschule Linz, Österreich. Supervisorin und Mal- und Gestaltungstherapeutin
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Zitiervorschlag
Marianne Forstner. Rezension vom 04.12.2015 zu: Simone Gaiss: Kunstpädagogik und Kunsttherapie. Entwicklungsförderung zwischen Kindheit und Jugend anhand sinnlicher Wahrnehmung und ästhetisch-bildnerischer Erfahrung. Herbert Utz Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-8316-4376-9. Schriften zur interdisziplinären Bildungsdidaktik, Bd. 28. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19524.php, Datum des Zugriffs 15.06.2019.


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