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Tanja Jungmann, Ulrike Morawiak u.a.: Überall steckt Sprache drin

Cover Tanja Jungmann, Ulrike Morawiak, Marlene Meindl: Überall steckt Sprache drin. Alltagsintegrierte Sprach- und Literacy-Förderung für 3- bis 6-jährige Kinder. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2015. 154 Seiten. ISBN 978-3-497-02520-6. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Hinter dem Begriff Literacy verbirgt sich eines der Hauptthemen frühpädagogischer Förderung. Der erste Kontakt zur Sprache und ihren Schriftzeichen sowie das Leben mit und das Erleben von Büchern gelten als wesentliche Indikatoren für späteren schulischen Erfolg. Literacy-Erziehung ist in den Bildungsplänen aller Bundsländer verankert. In den Kindertagesstätten spielt sie vor allem eine entscheidende Rolle für Kinder, die aus einem anregungsarmen Umfeld kommen.

Das vorliegende Buch reiht sich ein in eine schier unüberschaubare Fülle an On- und Offline-Publikationen zum Thema.

Autorinnen

Tanja Jungmann lehrt als Professorin für sonderpädagogische Frühförderung und Sprachbehindertenpädagogik an der Universität Rostock.

Die Diplom-Sprechwissenschaftlerin Ulrike Morawiak und die Diplom-Reha-Pädagogin Marlene Meindl sind an derselben Universität als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen beschäftigt.

Entstehungshintergrund

„Überall steckt Sprache drin“ ist als dritter Band im Bereich Frühpädagogik des Ernst Reinhard-Verlages erschienen.

Aufbau

Das Buch greift in vier großen Kapiteln Fragen auf, die den Autorinnen im Zuge der Fortbildungen und Coachings des Forschungsprojektes KOMPASS begegnet sind. Auf einen theoretisch orientierten Einstieg folgen Ausführungen zur „alltagsintegrierten Förderung von Sprache und Literacy“ und zu einem „Tag in der Kita“, bevor eine umfassende „Spielesammlung“ den Band beschließt.

Inhalt

Das erste Kapitel („Sprachliche und frühe literale Kompetenzen“) informiert zunächst in sehr kondensierter Form über „Meilensteine des Spracherwerbs“, über „Meilensteine der frühen literalen Kompetenzen“ und „Auffälligkeiten in der Entwicklung von Sprache und Literacy“. Es streicht sodann die Bedeutung der Beobachtung und Dokumentation von Sprache und Literacy hervor und skizziert die „Beziehung zu anderen Entwicklungsbereichen“.

Dass es ihnen weniger um die „additive Sprachförderung“ als vielmehr um die „alltagsintegrierte Förderung von Sprache und Literacy“ geht, verdeutlichen die Autorinnen in ihrem zweiten Kapitel. In diesem „ressourcenorientierten Ansatz zur Förderung aller Kinder im Sinne der Inklusion“ (S. 39) ist die Rolle der pädagogischen Fachkräfte nicht zu unterschätzen, sind sie doch sprachliche Vorbilder, „die sich bewusst mit ihrem eigenen Umgang mit Sprache auseinandersetzen“ (S. 41) und sich darüber im Klaren sein sollten, dass sie unter Umständen den Mangel an frühen häuslichen Erfahrungen mit Schrift kompensieren müssen. Ein solches Ziel lässt sich am besten in Räumen erreichen, die einerseits Geborgenheit vermitteln, andererseits „bedeutsame Lernumgebungen“ kreieren und damit die Neugier der Kinder immer wieder entfachen. Im Abschnitt „Förderliche Raumgestaltung“ finden sich eine Fülle von Beispielen – vom „Wochenplan“ über die „Geburtstagsgirlande“ bis hin zur „Rucksackbibliothek“ und der „Schreibecke“.

Im dritten Kapitel sind die LeserInnen eingeladen einem „Tag in der Kita“ zu folgen. Vor der Skizzierung „spezifischer Alltagssituationen“ erfolgt die Darstellung „vorausgehender“ und „nachfolgender Sprachmodelle“. Während die ersten vorwiegend aus „sprachanregenden Fragen“ bestehen, beinhalten die zweiten das sogenannte „korrektive Feedback“ (S. 50/51), also „die verbesserte Wiederholung“ (S. 52). Literacy-Erwerb in „spezifischen Alltagssituationen“ (S. 53 ff.) bedeute nicht, dass „alle möglichen didaktisch-methodischen Elemente in jeder Situation zur Anwendung kommen“ (S. 53), sondern sehe in erster Linie die abwechslungsreiche Gestaltung kita-typischer Situationen vor. In diesem Zusammenhang erläutern die Autorinnen die „Begrüßung“ (kurzes Gespräch nach dem Gruß selbst), den „Morgenkreis“ (Übung in Erzählfertigkeit), das „Freispiel“ (pädagogische Fachkraft erweitert den Wortschatz der Kinder), die „Mahlzeiten“, das Betrachten von Bilderbüchern, schließlich „Malen, Basteln und andere kreative Tätigkeiten“, „Auf dem Spielplatz“ sowie „Gemeinsam musizieren“. Alle Bereiche ermöglichen vielfältige Formen spielerischer Sprachförderung.

Die „Spielesammlung“ (Kapitel 4) ist nach den in Kapitel 1 aufgeführten „Meilensteinen des Spracherwerbs“ gegliedert. So zerfallen die insgesamt 60 Spielideen fast paritätisch in die Kategorien „Aussprache“, „Phonologische Bewusstheit“, „Wortschatz“, „Grammatik“, „Erzählfertigkeit“ und zu guter Letzt „Symbol-, Zeichen-, Schrift- und Buchstabenkenntnis“. Zu finden sind hier Anregungen für die tägliche Arbeit mit Kindern, die entweder ganz ohne Materialien auskommen oder ein Equipment brauchen, das in jeder Kita vorrätig ist. Außerdem ist jedes Spiel mit Angaben zur benötigten Zeit, zur Gruppengröße, zum Schwierigkeitsgrad und zu den Förderzielen versehen. Online-Materialien runden das Angebot ab.

Diskussion

Jungmann, Morawiak und Meindl sind, so ist zu vermuten, den Vorgaben des Verlages gefolgt. Weshalb hätten sie sonst diesen Titel (auch noch ohne Anführungszeichen) für ein Buch gewählt, das die pädagogische Fachkraft als Vorbild anpreist? „Überall steckt Sprache drin“ ist sehr populär formuliert und lässt sich nur nachvollziehen, wenn man hier eine Analogie zu den ersten Bänden der Reihe, „Überall steckt Mathe drin“ und „Überall stecken Gefühle drin“, annimmt. Was jedoch zulasten des schreibenden Trios geht, ist ein Vorwort, in dem versäumt wird die Abkürzung „KOMPASS“ aufzulösen. Nicht jeder weiß, was sich dahinter verbirgt (um anderen das Googeln zu ersparen: „Kompetenzen alltagsintegriert schützen und stärken“, vgl. www.sopaed.uni-rostock.de ).

Der Dank am Ende des Vorwortes richtet sich unter anderem an „Frau Thasler, Frau Kühne und Herrn Theiler“ (S. 10). Haben diese Menschen denn keine Vornamen? Bei einer solchen Listung diese wegzulassen ist verbal genauso schlimm wie als Selbstbenennung, etwa als Briefunterschrift, lediglich „Frau XY“ oder „Herr Z“ zu schreiben.

Ein kritischer Blick ist zudem auf das 1. Kapitel zu werfen. Zunächst einmal hätte man, das gilt für alle Kapitel, auf plumpe „Richtungsanweisungen“ zu Beginn verzichten können, vor allem dann, wenn eine solche Reihung wie „werden“…„wird“…„werden“ (S. 11) offensichtlich nicht zu vermeiden war. Zum Inhalt kommt die Frage auf, ob es nicht besser gewesen wäre ganz bewusst die extrem knappen und daher unvollständigen Darstellungen auszulassen und dafür die Praxisrelevanz des Buches in das Zentrum zu stellen. Gerade bei den Meilensteinen des Spracherwerbs fehlt der interdisziplinäre Ansatz, ein Verweis auf die Linguistik etwa, der leider auch in den Literaturangaben am Ende des Kapitels, die an sich sehr positiv hervorzuheben sind, zu vermissen bleibt.

Störend in allen Kapiteln, dafür zeichnet ohne Zweifel auch der Verlag verantwortlich, wirken die Randnotizen bzw. Illustrationen. „Definitionen“ und „Beispiele“ jeweils als solche zu deklarieren, erscheint durchaus sinnvoll, aber müssen noch Zeichnungen zu der Nennung der Begriffe treten? Der kleine Junge mit Lupe und die Legosteine mögen dabei noch angehen, aber was bedeutet die Abbildung des Jungen, der sich den Kopf shampooniert? Seift er sich den Merksatz ein? Hier kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die kognitive Reife pädagogischer Fachkräfte ad absurdum geführt wird.

Lässt man die kritischen Randnotizen beiseite, dann tritt die eigentliche Leistung hervor: die schlichtweg grandiose Spielesammlung, die kaum Wünsche offen lässt. Leider hängt sie ein bisschen in der Luft, denn ein Nachwort hätte man erwarten dürfen.

Fazit

„Überall steckt Sprache drin“ besticht nach einem sehr knappen theoretischen Einstieg (den man problemlos überlesen kann) zum einen mit dem Abschnitt „Förderliche Raumgestaltung“, zum anderen und insbesondere mit einer ausführlichen Spielesammlung, die mit Online-Materialien angereichert werden kann. Das Buch ist allen zu empfehlen, die praktische Anregungen für die Literacy-Arbeit suchen.


Rezensentin
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 05.11.2015 zu: Tanja Jungmann, Ulrike Morawiak, Marlene Meindl: Überall steckt Sprache drin. Alltagsintegrierte Sprach- und Literacy-Förderung für 3- bis 6-jährige Kinder. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-497-02520-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19525.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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