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Regine Winkelmann: Früher war ich falsch, heute bin ich anders

Cover Regine Winkelmann: Früher war ich falsch, heute bin ich anders. Pro Business (Berlin) 2015. 218 Seiten. ISBN 978-3-86460-265-8. 19,90 EUR.
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Thema

Erst im Laufe des Lebens erkennt die Autorin, dass sie Autistin ist. Zu der Zeit hat sie vier Kinder, die auch alle „betroffen“ (Klappentext) sind. Das Buch handelt von der Geschichte der Autorin und ihrer Familie, die unter den Bedingungen von Autismus leben, von ihren Schwierigkeiten in einer neurotypisch geprägten Welt, die oft unverständlich erscheint und nicht selten an Grenzen bringt oder sogar krank machen kann.

Autorin

Regine Winkelmann hat Design studiert. Nach dem dritten Kind macht sie eine Ausbildung zur Heilpraktikerin und bildet neben ihrer Praxis Heilpraktiker aus. Sie hält Vorträge und führt Fortbildung zum Thema Autismus Spektrum Störung z.B. an Schulen durch.

Aufbau und Inhalt

Auf 218 Seiten findet man 50 Überschriften, die nicht durchnummeriert sind. Manche Überschriften sind kursiv und als Zitat gedruckt. Schwarz-weiße Illustrationen der Autorin lockern die Texte auf. Neben Berichten zu einzelnen Lebensabschnitten findet die Leserschaft Eintragungen in kursiver Schrift. Hier beschreibt die Autorin Bilder, in denen sie denkt und die ihr aus der Erinnerung in den Kopf kommen.

  • Vorwort
  • Beziehungen aus meiner (autistischen) Sicht
  • „Kindergarten“
  • Frau G., meine Klassenlehrerin in der 1.Klasse.
  • „Bitte helfen Sie mir“, dachte ich so laut ich nur konnte
  • Mein Gehirn
  • Beziehungen oder Abhängigkeiten
  • Flucht in die Magersucht ist auch keine Lösung
  • „Ich denke in Bildern“
  • „Rechenoperationen“
  • Bleibt in meiner Nähe,… wenn ich allein sein muss … seid einfach ehrlich!
  • Wenn die Wahrheit nicht passt, machen wir eine Lüge daraus!
  • Von der Kunst zu (über)leben
  • Das Praktikum…
  • Ein Job
  • Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit
  • Freunde sind Menschen, auf die man sich verlassen kann
  • „verlassen und verloren“
  • Jedes Ding erfüllt (s) einen Zweck
  • Ein Saxophon
  • Verbindlichkeiten erleichtern den Alltag
  • Sonntage sind leere Tage
  • versprochen ist versprochen!
  • Hereingefallen!
  • Seltene Unterhaltung
  • Was ist die Steigerung von Freundschaft?
  • Wir genügen uns selbst, hieß es.
  • Stimmen in meinem Kopf
  • „Mach nicht schon wieder so ein Gesicht!“
  • So sein wie alle anderen wollte ich – nicht anders.
  • Angst vor Veränderungen
  • Ein neues Leben
  • Ein neuer Name
  • Unter der Eckbank
  • „Mit dir schaffe ich alles!“
  • Eine Familie
  • Sie sind wie ich. Eben anders.
  • Die Schule
  • Schule und der „Ernst“ des Lebens
  • Problemkinder oder Kinder mit Problemen?
  • Die andere Hälfte der Wahrheit
  • „Das wächst sich aus.“
  • Störungsbild „Autismus“
  • „Und jetzt“?
  • Endlich ehrlich sein dürfen
  • Das Buch
  • Danke…
  • Kontakte und Websites

Am Anfang des Buches beschreibt die Autorin, warum sie dieses Buch geschrieben hat, am Ende des Buches berichtet sie, wie es entstanden ist.

Ihre Erzählung beginnt mit der Kindergartenzeit aus ihrer persönlichen (autistischen) Perspektive. Neben Erläuterungen zu einzelnen Lebensabschnitten findet die Leserschaft Eintragungen in kursiver Schrift. Hier beschreibt sie Bilder, die ihr aus der Erinnerung in den Kopf kommen. Aus der Zeit der Grundschule erinnert sich die Autorin an Frau G., die Klassenlehrerin der 1.Klasse. Sie erinnert sich, wie sie innerlich so laut sie nur konnte nach Hilfe rief: „Bitte helfen Sie mir“. Es folgen Erklärungen, wie ihr Gehirn funktioniert, wie es ihr in Beziehungen (oder Abhängigkeiten) ergeht.

Eine Frage zieht sich durch und taucht immer wieder auf: warum bin ich so anders? Oft versteht sie die Dinge wortwörtlich, davon schreibt sie im Beispiel aus einem Nachhilfeinstitut für Mathematik, aus dem sie panisch flieht, weil sie den Begriff „Rechenoperationen“ falsch verstanden hat.

Hinter der Überschrift „Bleibt in meiner Nähe,… wenn ich allein sein muss“ schreibt sie über den Umzug weg von zuhause, weil das Studium beginnt. Sie macht ein Praktikum und erzählt von ihrem Nebenjob. Im Alltag muss sie erkennen, dass sie an Grenzen kommt, auch weil sie soziale Dynamiken nicht durchblickt. Dieses Gefühl erlebt sie schon ganz früh, mit 4 Jahren, wovon sie in der Rückblende „verlassen und verloren“ berichtet.

Der Leser erhält Einblicke in Zeiten der Kindheit und Jugend, in der sie sich mit Gegenständen exzessiv beschäftigt und dadurch Halt und Sicherheit findet. Insgesamt stellt sie immer wieder fest, dass sie bei Ereignissen einen anderen Fokus hat als z.B. ihre Kommilitonin Karin beim Musizieren.

Sie strukturiert ihren Alltag und erlebt freie Zeiten, wie an den Sonntagen als „leere Tage“. Auch hier findet man wieder Rückblenden wie „versprochen ist versprochen!“ oder „Hereingefallen!“. Die Autorin reflektiert über die Kommunikation oder die Steigerung von Freundschaft – ihre Definition des Beginns einer Beziehung zu einem Mann.

Sie ziehen zusammen, sie wird schwanger und sie heiraten. Ihr Mann Volker erklärt ihr die Welt und sie hat das Gefühl „Mit dir schaffe ich alles!“. Es kommen in kurzen Abständen weitere Kinder und so wird aus zwei Menschen eine Familie. Mit den Kindern erlebt sie das, was sie selber als Kind erlebt hat. Der Umwelt fallen Unterschiede für Verhaltensweisen auf, die für sie völlig normal sind. Sie schreibt über die Kinder: „Sie sind wie ich. Eben anders“.

Die Schulzeit der Kinder ist ein Spiegel der eigenen Schulzeit. Trotz Schulwechsel erlebt die Familie keine Normalität und Entlastung, immer wieder tauchen neue Probleme auf und die Lösungen z.B. anderer Eltern passen nicht. Nicht selten erlebt Regine Winkelmann Gefühle von Ohnmacht, ohne zu wissen, was die Ursache für die unzähligen Probleme ist.

Nach vielen Fehldiagnosen nimmt ein Wort immer mehr Gestalt an: „Autismus“. Mit der Diagnose ihrer Kinder wird ihr bewusst, dass auch sie Autistin ist. Ihr Therapeut ermuntert sie, ihre Erfahrungen zusammenzufassen. Das Schreiben fällt ihr leichter als das Reden. Regine Winkelmann schreibt ihm 400 Briefe und daraus entstand dieses Buch.

Das Buch endet mit einer Danksagung und Hinweisen zu ihr wichtigen Kontakten und Webseiten.

Diskussion

Regine Winkelmann lebt unter den Bedingungen von Autismus so wie ihre vier Kinder. Ein Arzt stellt diese Diagnose. Bis dahin hat es schon viele Fehldiagnosen gegeben. Die Autorin erinnert sich, dass es schon vorher Hinweise auf Autismus gab, diese aber nicht in ihr Bewusstsein vorgedrungen sind.

Das Buch ist eine Erzählung über das eigene Leben und das ihrer Kinder. An vielen Stellen findet die Leserschaft Rückblenden, die davon berichten, was die Autorin erlebt hat und wie sie sich gefühlt hat. Wie ein roter Faden zieht sich das Gefühl „falsch“ zu sein durch das Buch.

Die Autorin erzählt und beschreibt aus eigener Sicht, berichtet von ihren Problemen ohne zu verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sie erlebt. Damit ermöglicht sie dem Leser Einblicke in das Leben und Erleben eines Menschen, der unter den Bedingungen von Autismus in einer Welt lebt, die oft unverständlich ist.

Aus meiner neurotypischen Sicht erlebe ich beim Lesen viele Überraschungen und Aha-Erlebnisse. Ich bin erstaunt über die Sichtweise und die Schlussfolgerungen der Autorin. Aus meiner neurotypischen Außensicht erscheinen die Probleme in der Schule eindeutig, sie hat eine andere Sicht. Es gelingt Regine Winkelmann sehr gut, deutlich zu machen, dass die Dinge aus ihrer Innensicht anders erscheinen und wahrgenommen werden und sie deshalb zu anderen Schlussfolgerungen und Verhaltensweisen kommt.

Der Stil des Buches ist verständlich und einfach. Es liest sich an vielen Stellen wie ein Tagebuch. Ich bin sehr dankbar, dass es Menschen wie Regine Winkelmann gibt, die den Mut und die Kraft haben, so ein Buch zu schreiben und damit Einblicke in ihr privates Leben, in ihre Probleme und in ihre Art die Dinge wahrzunehmen, zu geben. Obwohl das Buch von seiner Form her kein Fachbuch ist, eröffnet es die Möglichkeit sehr viel zu lernen über das Leben unter der Bedingung von Autismus in einer neurotypisch geprägten Welt, deren Mechanismen für Menschen mit Autismus oft Hindernisse bzw hohe Hürden darstellen.

Es ist zu wünschen, dass das Buch zur Erkenntnis beiträgt, dass es nicht um richtig oder falsch geht, sondern um eine andere Form der Lebensgestaltung. Wir alle können dazu beitragen, dass die Welt so gestaltet wird, dass alle Menschen, ob autistisch oder neurotypisch geprägt, ob schwarz oder weiß, groß oder klein, jung oder alt einen Platz zum Leben, Lieben und Lernen finden. Ich schließe mit einer zentralen Aussage der Autorin: Es ist normal verschieden zu sein (und einige sind anders).

Fazit

Erst im Laufe des Lebens erkennt die Autorin, dass sie Autistin ist. Zu der Zeit hat sie vier Kinder, die auch alle „betroffen“ (Klappentext) sind. Das Buch handelt von der Geschichte der Autorin und ihrer Familie, die unter den Bedingungen von Autismus leben, von den Schwierigkeiten in einer neurotypisch geprägten Welt, die oft unverständlich erscheint und nicht selten an Grenzen bringt oder sogar krank machen kann. Der Markt für Fachliteratur über Autismus ist in den letzten Jahren quasi explodiert. Viele Bücher sind von Fach-Personen aus einer Außensicht geschrieben. Solche Bücher wie das hier vorgestellte, geschrieben aus einer Innensicht, vervollständigen das Wissen über Autismus in notwendiger Weise.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 22.10.2015 zu: Regine Winkelmann: Früher war ich falsch, heute bin ich anders. Pro Business (Berlin) 2015. ISBN 978-3-86460-265-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19528.php, Datum des Zugriffs 27.05.2019.


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