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Felix Wassermann: Asymmetrische Kriege

Cover Felix Wassermann: Asymmetrische Kriege. Eine politiktheoretische Untersuchung zur Kriegführung im 21. Jahrhundert. Campus Verlag (Frankfurt) 2015. 357 Seiten. ISBN 978-3-593-50314-1. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,00 sFr.
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Kultur des Krieges oder Kultur des Friedens?

Aus Anlass der 50jährigen Wiederkehr der Veröffentlichung der UN-Menschenrechtsdeklaration von 1948 hat der damalige Generalsekretär der UNESCO, Federico Mayor dazu aufgerufen, endlich von einer Kultur des Krieges zu einer Kultur des Friedens zu kommen (vgl. dazu auch: Ulrike Borchardt, u.a., Hrsg., Friedensbildung, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17493.php). Ob Krieg der Urgedanke des Kampfes der Menschen um Macht, Einfluss, Besitz, Herrschaft, Höherwertigkeitsstreben und gewaltsamer Durchsetzung von eigenen Vorstellungen und Ideologien ist, oder ob Frieden als „eine ganz menschliche Verhaltensweise“ betrachtet werden kann, wie dies die UNESCO in der „Deklaration von Yamoussoukro“ 1989 als eine der wesentlichen Herausforderungen für „Frieden im Denken der Menschen“ bezeichnet hat (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Wer hasst, verliert die eigene Orientierung. Eine didaktische Herausforderung, 09.10.2015, in: Schnurers Beiträge/), diese kontroversen Auffassungen bestimmen bis heute den Diskurs über das Menschenbild. Eine globale Ethik, wie sie in der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck kommt – die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt – ist immer noch nicht global gültig.

Entstehungshintergrund und Autor

Wir reden hier nicht von persönlichen Konflikten, wie etwa vom „Rosenkrieg“, sondern von kriegerischen Ereignissen zwischen Völkern, Regionen und Machtzentren mit dem Ziel der Unterwerfung oder gar Vernichtung von menschlichen Gemeinschaften zum Nutzen und zur Durchsetzung von Politiken, Ideologien, Weltanschauungen oder wirtschaftlichen und kulturellen Interessen. „Was die meisten Menschen Frieden nennen, das ist nur eine Vorstellung; in der Wirklichkeit herrscht von Natur aus ständig unerklärter Krieg von allen Städten gegen alle anderen Städte“[, diese vom antiken Philosophen Platon ganz selbstverständlich geäußerte Überzeugung hat über Jahrtausende hinweg die anthropologische Einstellung zu Krieg und Frieden bestimmt (Michael Lausberg, Die Vorstellung Platons von Krieg und Frieden, www.tabularasamagazin.de), wie wir sehen, bis heute! Für die Propagierung von Kriegsanlässen werden sogar Begriffe wie „Heiliger Krieg“ benutzt, und zwar nicht nur von Islamisten (Guido Knopp / Stefan Brauburger / Peter Arens, Der Heilige Krieg. Mohammed, die Kreuzritter und der 11. September, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/14134.php). In den Zeiten der (scheinbar) grenzenlosen, globalisierten Entwicklung und eines (scheinbar) aufgeklärten, globalen Bewusstseins scheinen sogar kriegerische Konflikte zuzunehmen (Matthias Lutz-Bachmann / Andreas Niederberger, Hrsg., Krieg und Frieden im Prozess der Globalisierung, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8045.php). In der Friedens- und Zukunftsforschung werden neue Fragen und Situationen analysiert, wie zukünftig lokale, regionale und globale Konflikte und Entwicklungen zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen können (Andreas Rinke / Christian Schwägerl, 11 drohende Kriege. Künftige Konflikte um Technologien, Rohstoffe, Territorien und Nahrung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14132.php).

Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl Theorie der Politik des Instituts für Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität in Berlin, Felix Wassermann, hat 2013/14 eine Dissertation zum Thema „Der Dschungel des asymmetrischen Krieges. Eine politik- und strategietheoretische Expedition“ vorgelegt, die er mit dem Titel „Asymmetrische Kriege. Eine politiktheoretische Untersuchung zur Kriegführung im 21. Jahrhundert“ veröffentlicht. Die Verwendung des Begriffs „Dschungel“ verdeutlicht schon, dass sein Diskursterrain nicht einfach begehbar, von Fallstricken, unsicherem Boden, unübersichtlichemk Gelände, unübersehbaren Ereignissen und nur schwer durchschaubaren Richtungen bestückt ist und kaum ein Ordnungsprinzip erkennen lässt (Ulrich Menzel, Die Ordnung der Welt. Imperium oder Hegemonie in der Hierarchie der Staatenwelt, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18967.php). Auch der Begriff der „Expedition“ ist nicht schlecht gewählt, weil er das Ziel der Forschungsarbeit verdeutlicht, „das gegenwärtige Dickicht im Diskurs über den asymmetrischen Krieg zu lichten, um die Orientierung im Kriegsdschungel des 21. Jahrhunderts zu erleichtern“.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit wird in fünf Kapitel gegliedert.

Im ersten setzt sich Felix Wassermann mit dem Dschungel als „Terrain des asymmetrischen Krieges“ auseinander; im zweiten geht er historisch und wissenschaftstheoretisch auf die „Entstehung des Dschungels“ ein; im dritten macht er sich auf den Weg zur „Durchdringung des Dschungels, indem er Diskurspfade durch den asymmetrischen Krieg zieht; im vierten zeigt er Strategien auf, wie „Überleben im Dschungel“ möglich wird; und im fünften und letzten Kapitel formuliert er Überlegungen, wie die „Zukunft des Krieges“ sich entwickeln könnten und Alternativen für eine (kriegslose) zukünftige Weltordnung denkbar (und machbar) wären.

Soll ein Perspektivenwechsel von einer „Kultur des Krieges“ hin zu einer “Kultur des Friedens“ gelingen, kann auf die historische Nachschau darüber, wie Kriege begründet wurden, entstanden sind und welche Lehren die Menschen daraus (nicht) gezogen haben, nicht verzichtet werden. Er benutzt die Strategien, wie sie bei traditionellen, symmetrischen Konflikten praktiziert wurden – „Geometrie der Gleichartigkeit, Zentralität der Staatlichkeit, Linearität der Strategie“ – um die Asymmetrie der Kriegsführung dagegen zu stellen. Bedeutsam sind die Fragestellungen deshalb, weil im politikwissenschaftlichen und -strategischen Diskurs die Auseinandersetzungen um Sicherheit und Risiko äußerst kontrovers diskutiert werden (Herfried Münkler / Matthias Bohlender / Sabine Meurer, Hrsg., Sicherheit und Risiko. Über den Umgang mit Gefahr im 21. Jahrhundert, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9484.php). Dass Wassermann dabei ausgerechnet vom preußischen General Clausewitz als einen Weggefährten auf seiner Dschungelexpedition wählt, ist erst einmal irritierend, macht aber für das Ordnen der Ordnungsstrukturen Sinn.

Die Zielsetzung der Forschungsarbeit besteht nicht nur im Anspruch, den kontroversen und eher unübersichtlichen, öffentlichen, politischen und wissenschaftlichen Diskurs um „asymmetrische Kriege“ zu ordnen, sondern auch darin, zu einer Übersichtlichkeit und Vereinheitlichung der Begriffsbildungen beizutragen. Der Autor zeigt auf, dass die Differenzierungen, wie sie zwischen symmetrischen und asymmetrischen Kriegsführungen vorgenommen werden, erstmals in der Folge der Konflikte nach dem Zweiten Weltkrieg entstehen, und zwar von den Machtzentren hin zu den Peripherien, etwa den Auseinandersetzungen um die Befreiungen von der Kolonialherrschaft, von Befreiungskriegen und den Stellvertreterkriegen während des Kalten Krieges, bis hin zu den Entwicklungen hin zu einer „unipolaren Weltordnung“ nach 1991. Damit trägt der Autor zu einer Klärung (und Verständigung?) der auch im politikwissenschaftlichen Diskurs benutzten „Asymmetrie-Semantik“ bei.

Während „asymmetrische Kriege“ im allgemeinen Sprachgebrauch als Bedrohungen aufgefasst werden, „die sich erheblich von denjenigen unterscheiden, die eine Gesellschaft als ‚gewöhnlich‘ ansieht“, konfrontiert der Autor die Leser mit den zahlreichen, in wissenschaftlichen Analysen und Theoriebildungen benutzten Definitionen. Daraus filtert er „seinen“ Asymmetriebegriff, indem er, anstelle einer „ebenen, hügellosen und flachen (Kriegs-)Landkarte, ein „hügeliges Asymmetrie-Gelände“ zeichnet und daraus den Dreischritt – „Asymmetrie der Kraft“, „Asymmetrie der Organisationsform“, „Asymmetrie der Strategie“ – bildet und eine Typenbildung vornimmt: Asymmetrie der Entschlossenheit, der Verwundbarkeit, der Selbstbindung, der Legitimität, des Raums und der Zeit.

Welche Strategien lassen sich demnach aus dem hügeligen („erhöhten“ Clausewitzschen) Blickwinkel für das Überleben im Dschungel der asymmetrischen Kriege erkennen? Da ist sicherlich das monetäre, strategische und machtpolitische Kosten-Nutzen-Kalkül zu beachten; und – diese Aufzählung lässt sich beinahe wie eine Gebotstafel lesen – es sind die Dschungelgesetze, die interessanterweise als zehn Handlungsstrategien daher kommen: Stärke deine Kräfte! – Denke viel und anders! – Sieh das Ganze! – Nutze Hebel! – Erkenne Schwächen! – Mache dich unverwundbar! – Stärke deinen Willen! Meide – und nutze Fessel! – Sorge dich um deinen Ruf! – Sei biegsam!. Diesen Handlungsmustern stellt er Stärken und Schwächen von Gegnern („Schurken“) gegenüber und zeigt Strategien gegen sie auf.

Wie also könnte bei der Benutzung der Dschungelgesetze bei asymmetrischem Kriegsgeschehen zukünftiges, politisches Denken und Handeln aussehen – und welche Perspektiven lassen sich denken bei der Grundlegung der Gesetze der Vernunft? Diese Fragen werden vom Autor historisch, politikwissenschaftlich, lokal und global diskutiert. Die anfangs gestellte Frage: Was sind asymmetrische Kriege?, lässt sich aus der Fülle der Argumente, Theoriebildungen und Wirklichkeiten so beantworten: „Der asymmetrische Krieg ist der Krieg zwischen Gegnern, die einander – anders als unter Bedingungen der Symmetrie – wechselseitig in einem solchen Maß als ungleichartig wahrnehmen, dass sie, wenn sie ihre umfassenden, politisch-militärischen Grand Strategies und die darin eingebetteten Kampfstrategien formulieren und anwenden, sich stärker an der wahrgenommenen Ungleichartigkeit als an einer tatsächlichen oder unterstellten Gleichartigkeit orientieren“.

Fazit

Die eigentlich nicht überraschende Analyse, dass „der Krieg der Zukunft und die Zukunft des Krieges ( ) weder durch die Symmetrie, noch durch die Asymmetrie, sondern vielmehr durch die spezifische Verbindung und Vermischung beider charakterisiert“ wird und sich für die wissenschaftliche Forschung und praktische Politik als „Syn-Metrie“ darstellt, als „angemessene“ und „wohlgeordnete“ Weise betrachtet werden muss, verweist auf die Herausforderungen, die sich für die menschlichen Gesellschaften, Ideologien und Machtverhältnisse ergeben und deutlich machen, dass eine Balance zwischen den Gesetzen des Dschungels und denen der Vernunft gesucht werden muss. Nur wenn es gelingt, Kriege als mit anthropologischer Kompetenz zu beherrschende und überwindbare Ausnahmesituationen zu begreifen, gelingt es, im Dschungel der symmetrischen und asymmetrischen Konflikte das zu erreichen, was Menschsein ausmacht: Friedfertigkeit und Humanität!

Derzeit ist wieder das Wort „Krieg“ in vieler Munde. Angesichts der terroristischen Bedrohungen durch den so genannten IS hat sich eine „Anti-Terror-Front“ gebildet, um das unmenschliche Terrornetz mit allen militärischen Mitteln zu bekämpfen. Die Imponderabilien, Querschüsse, ideologischen und machtpolitischen Interessen allerdings machen deutlich, dass ein Ende von Kriegen und Kriegsdenken in weiter, menschlicher Ferne liegt!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.12.2015 zu: Felix Wassermann: Asymmetrische Kriege. Eine politiktheoretische Untersuchung zur Kriegführung im 21. Jahrhundert. Campus Verlag (Frankfurt) 2015. ISBN 978-3-593-50314-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19529.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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