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Günther Deegener, Wilhelm Körner (Hrsg.): Kindesmisshandlung und Vernachlässigung

Cover Günther Deegener, Wilhelm Körner (Hrsg.): Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Ein Handbuch. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. 874 Seiten. ISBN 978-3-8017-1746-9. 79,95 EUR, CH: 134,00 sFr.
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Themen und Anliegen

Die Formen der Kindesmisshandlung und Vernachlässigung sind vielfältig und zahlreich und umfassen u.a. körperliche Misshandlung, sexuellen Missbrauch, seelische Gewalt, Vernachlässigung, erlebte Gewalt unter Eltern und Gewalt in der Schule. Gleichwohl sind diese unterschiedlichen Aspekte der Gewalt gegen Mädchen und Jungen in den letzten Jahren nicht gleichermaßen in Öffentlichkeit, Forschung, Diagnostik, Therapie und Prävention thematisiert worden. Nach Meinung der Herausgeber macht die festzustellende Konzentration auf die Problematik der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der jüngeren Vergangenheit eine Integration der verschiedenen Formen der Kindesmisshandlungen und gewaltförmigen Beziehungen in die fachliche und öffentliche Diskussion notwendig. Das vorliegende Handbuch versteht sich als Standardwerk, "das die verschiedenen Strömungen, Professionen und Praxisfelder zusammenfassend darstellt". Neben umfassenden Informationen zum aktuellen Kenntnisstand über Formen, Ursachen, Bedingungen, Häufigkeiten und Folgen der unterschiedlichen Formen von Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung werden auch die Überlagerungen, Wechselwirkungen und Zusammenhänge der unterschiedlichen Gewaltformen aufgezeigt. Vermittelt werden des weiteren Handlungskonzepte der Intervention und Prävention, die im Kontext der Gewalterfahrungen von Mädchen und Jungen Relevanz haben.

Über 50 AutorInnen haben in Form von 45 Beiträgen an der Entstehung des Handbuches und der Verwirklichung seines Anspruches mitgewirkt. Die überwiegende Zahl der AutorInnen hat in der Fachwelt einen hohen Bekanntheitsgrad und genießt Expertenstatus für die unterschiedlichen Facetten der Kindesmisshandlung und Vernachlässigung oder entsprechender Handlungskonzepte. Gemäß dem Anspruch der Veröffentlichung setzen sich die AutorInnen multidisziplinär aus den Bereichen Psychologie, Erziehungs-, Rechts- und Sozialwissenschaften, Therapie, Psychiatrie, Medizin und Sozialarbeit zusammen und bringen ihre Kenntnisse aus Forschung oder Praxis ein.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich insgesamt in 6 Kapitel, die zwischen 2 und 18 Artikel umfassen.

  1. Kapitel 1 gewährt einen kurzen Einblick in die Geschichte der Kindesmisshandlung. Der erste Beitrag (1) bietet einen kurzen Abriss der Gewalt gegen Kinder von der Antike bis heute, der zweite (2) stellt die Misshandlungs- und Kinderschutzarbeit national und international seit den 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts bis in die Gegenwart dar und zeigt zukünftige Themenschwerpunkte auf.
  2. Kapitel 2 informiert über Formen, Häufigkeiten und Folgen von Kindesmisshandlungen. Neben einer Darstellung der (3) unterschiedlichen Gewalterfahrungen von Kindern und ihrer Häufigkeit werden auch (4) Beziehungen zum psychischen Befinden im Erwachsenenalter hergestellt und es wird ein Überblick über (5) die Folgen von Kindesmisshandlung geboten. Mit der Beschreibung der (6) Auswirkungen von Partnerschaftsgewalt auf Kinder beginnt die Befassung mit spezifischen Formen der Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern wie dem (7) Münchhausen-by-proxy-Syndrom, der (8) Misshandlung und Vernachlässigung durch psychisch kranke Eltern, (9) der Misshandlung und Vernachlässigung durch süchtige Eltern, (10) der individuellen und strukturellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung, (11) der Kindesmisshandlung und Vernachlässigung in Migrantenfamilien, (12) der Gewalt und Gewaltprävention in der und durch die Schule und (13) der Kinderarbeit.
  3. In Kapitel 3 werden Kindesmisshandlung und Vernachlässigung im Hinblick auf die Themen Erziehung, Gewalt und Recht betrachtet und Wechselwirkungen aufgezeigt. Abhandlungen über (14) das erzieherische Gewaltverhältnis und Kindesmisshandlung, (15) das Verbot elterlicher Gewalt gegen Kinder - Auswirkungen des Rechts auf gewaltfreie Erziehung, (16) rechtliche Konsequenzen des neuen Rechts auf gewaltfreie Erziehung, (17) Kindeswohl und Kindeswille - Interessenvertretung des Kindes und (18) rechtliche Grundlagen der Intervention bei Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch machen die Zusammenhänge deutlich.
  4. Die Beiträge in Kapitel 4 gehen auf die Bedingungen und Ursachen von Kindesmisshandlung ein. (19) Erziehungsstile und kindliche Entwicklung sowie ihre entwicklungshemmenden wie entwicklungsfördernden Aspekte werden ebenso aufgezeigt wie (20) Risiko- und Schutzfaktoren für die Misshandlung von Kindern und (21) die Bindungsentwicklung bei Kindern und Jugendlichen mit Misshandlungs- und Missbrauchserfahrung.
  5. Kapitel 5 umfasst die größte Anzahl von Beiträgen zur Darstellung der vorhandenen Handlungskonzepte und möglichen Interventionen bei Kindesmisshandlung, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch. Nach einer Skizzierung des (22) Forschungsstandes zur Intervention wird ein Forschungsüberblick über die (23) Verfahren zur Einschätzung der Gefahr zukünftiger Misshandlung bzw. Vernachlässigung geboten. Die Notwendigkeit der (24) Kooperation der verschiedenen Dienste bei Kindesmisshandlung, -vernachlässigung und sexuellem Missbrauch wird ebenso betont wie die der (25) geschlechtsspezifischen Hilfen bei Kindesmisshandlung. Weitere Beiträge widmen sich den Aufgaben und Möglichkeiten des (26) Allgemeinen Sozialen Dienstes im sozialpädagogischen Handlungsfeld von Kindesmisshandlung, sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung, der (27) medizinischen Diagnostik von Kindesgefährdung, des (28) qualifizierten Erkennens und Beurteilens - vom Aktenvermerk zum qualifizierten Beobachtungskatalog, des (30) Stuttgarter Kinderschutzbogens als Diagnoseinstrument bei Kindeswohlgefährdung zum Erkennen, Bewerten und Handeln, der (31) Inobhutnahme als sozialpädagogischer Krisenintervention, der (32) Ressourcenfindung in der Arbeit mit vernachlässigenden Familien - (un)möglich in der sozialpädagogischen Familienhilfe, der (33) Familienaktivierung, der (34) aufsuchenden Familientherapie im Kinderschutz, der (35) Konzepte der Erziehungsberatung bei elterlicher Gewalt, der (36) Familien-Mediation im Kinderschutz, des (37) Konzepts und der Praxis des hilfeorientierten Kinderschutzes in den Kinderschutz-Zentren, des (38) betreuten Umgangs als Maßnahme des Kinderschutzbundes bei der Indikation familiärer Gewalt und der (39) stationären Erziehungshilfen und Pflegefamilien als neuem Lebensort.
  6. Kapitel 6 beschäftigt sich mit der Darstellung der unterschiedlichen Konzepte im Bereich der Prävention der Gewalt gegen Kinder. (40) Prävention und Intervention in der frühen Kindheit, (41) Soziale Frühwarnsysteme - Frühe Hilfen für Kinder und Familien, (42) innovative Formen der Stärkung der Elternkompetenz: Elternbriefe - Elternkurse - Elternbildung, (43) ein Vergleich von und die kritische Auseinandersetzung mit den Elternkursen Starke Eltern - Starke Kinder¨ und Triple P, (44) Prävention gegen sexuellen Missbrauch an Kindern und (45) Familien - und Sozialpolitik gegen Kinderarmut schließen die Beiträge des Buches ab.

Kommentar

Das Handbuch löst das ein, was die Herausgeber als Ziel versprechen: Es ist ein Standardwerk über alle uns gegenwärtig bekannten Formen der Kindesmisshandlung, das die unterschiedlichen Professionen, Arbeitsfelder, Forschungsbereiche und Handlungsansätze zusammenfassend darstellt. Darüber hinaus ist es der besondere Verdienst dieses Buches, die Verschränkungen der verschiedenen Formen der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in vielen Beiträgen aufzuzeigen und damit der tatsächlichen Lebenssituation und -erfahrung vieler Mädchen und Jungen Rechnung zu tragen. Somit sollte dieses Fachbuch in keiner Institution oder freien Praxis fehlen, in der mit Kindern und/oder Eltern oder anderen Bezugspersonen gearbeitet wird. Und dies gilt nicht nur für Einrichtungen, die Betroffene beraten und unterstützen. Denn: Gewalterfahrungen in ihren unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen machen hierzulande viel zu viele Kinder, und es gilt in vielen Arbeitsbereichen sensibler für diese unterschiedlichen Gewaltformen zu sein, auch das zeigen etliche Beiträge eindrücklich.

Das Handbuch kann als reichhaltige Informationsquelle genutzt werden, gerade auch durch die Verschränkung von Forschung und Praxis und die dargestellten zahlreichen Daten und Fakten. Gleichzeitig gibt es einen guten Überblick über aktuelle Diskurse und (neuere) Handlungsansätze der Praxis sowohl im Bereich der Intervention wie der Prävention. Insbesondere den Beiträgen, die die Einschätzung des Risikopotentials für Kinder in Gewaltsituationen behandeln, sind die Instrumente und Arbeitshilfen den Texten als Anhänge beigefügt. Somit ist dieses Standardwerk auch für Fachleute im Bereich der Gewalt gegen Kinder ein wichtiges Nachschlagewerk.

Die Gestaltung des Buches ist übersichtlich und erleichtert die Suche nach bestimmten Inhalten. Die einzelnen Beiträge sind gut lesbar, verständlich und strukturiert. Oftmals erlaubt ein Fazit oder Ausblick am Ende des Textes einen Eindruck, bevor sich die Leserin oder der Leser zu einer vertiefenden Beschäftigung mit den Inhalten entscheidet.


Rezension von
Martina Huxoll-von Ahn
Stellv. Geschäftsführerin Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
Homepage www.dksb.de
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Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 26.07.2005 zu: Günther Deegener, Wilhelm Körner (Hrsg.): Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Ein Handbuch. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. ISBN 978-3-8017-1746-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1953.php, Datum des Zugriffs 24.11.2020.


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