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Boike Rehbein: Reproduktion sozialer Ungleichheit in Deutschland

Cover Boike Rehbein: Reproduktion sozialer Ungleichheit in Deutschland. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2015. 250 Seiten. ISBN 978-3-86764-627-7. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Thema

Die Frage ist müßig, ob ein kleiner Angestellter mit einem 30-Millionen-Euro-Gewinn danach aus dem Stand so leben kann wie reiche Deutsche wie Susanne Klatten oder Hubert Burda. Er kann es nicht, weil sein Lebensstil, sein Benehmen und seine Verhaltensprägung andere sind als die der Klattens, Quandts, Burdas und Schaefflers. Auch die alltäglichere Frage, ob die Hälfte der vermögenslosen Deutschen jemals ohne überraschende Glücks-Ereignisse wie Spielgewinn oder Erbschaft nennenswerte Vermögensbestände erwerben können, lässt sich nur negativ beantworten. Niemand vom Fußvolk hat den finanziellen Marschallstab im Tornister. Die sozialen Klassen scheinen zementiert. Dem spüren Forscher um Boike Rehbein von der Berliner Humboldt-Universität ohne sozio-ökonomische Analysen und erst recht ohne neomarxistische Theoreme von der sozialpsychologischen Verhaltensseite nach: Kraft ihrer sozialen Grundhaltungen und ihres Habitus verharren die Menschen in Deutschland auf ihren über ihre Herkunft zugewiesenen Rangplätzen. Die sozialstrukturellen Milieu-Positionen reproduzieren sich, auch wenn die Antriebsmomente für die Lebensführung und die ethischen Verhaltensgrundsätze um die den Klassen idealtypisch zugewiesenen Maßstäbe oszillieren.

Autor

Professor Dr. phil. Boike Rehbein lehrt und forscht zu Fragen der Gesellschaft und der Transformation in Asien und Afrika an der Humboldt-Universität Berlin.

Aufbau und Inhalt

Der Band „Die Reproduktion sozialer Ungleichheit in Deutschland“ umfasst zwei große Kapitel.

  1. Im ersten Kapital werden auf der Grundlage der Kapitalformen nach Pierre Bourdieu die Begriffe Klassen, Habitus und Kapital erörtert.
  2. Das zweite Hauptkapitel beschäftigt sich mit den individuell durch harmonisierende Arrangements hingenommenen, die überkommenen Statuslagen reproduzierenden sozialen Zuweisungen und beklagt das Fehlen von Bemühungen um soziale Strukturveränderungen.

In einer multiplen Korrespondenzanalyse MCA bilden die Autoren um Boike Rehbein aus der Summe von Ressourcen-Kapital und den verinnerlichten Habitus-Handlungsmustern ihre Grundklassen der

  • Enthobenen (0,1 %),
  • Etablierten (15 %),
  • aufstrebenden und defensiven Kämpfer (65 %) und
  • der Marginalisierten (20 %).

Bis auf die der Leistung entpflichtete dünne oberste Grundklasse der Enthobenen gelten Arbeit und Leistung selbst für die Marginalisierten als grundlegende Kategorie. Für die Reproduktion dieser Struktur sind alle vier Kapitalformen, nämlich

  1. das ökonomische,
  2. das kulturelle,
  3. das soziale und
  4. das symbolische Kapital

bedeutsam. Neben den vier Grundklassen werden über qualitative Erhebungen in den einher gehenden, spezifischen Sozialmilieus die sechs Habitus-Typen

  • Konventionelle (14 %),
  • ambitionierte und offene Aufstiegskämpfer (20 % bzw. 25 %),
  • Bodenständige (20 %),
  • Verzagte (15 %) und
  • Antriebslose (6 %)

entwickelt. Auch bei der Migration nach Deutschland werden Ungleichheits-Zuordnungen akzeptiert. Mitgebrachte statische Verhaltensleitungen ohne Vorausschau sind hinderlich zum Erreichen erwünschter Positionierungen, prospektives Denken ist diesen eher förderlich.

Bei der reproduzierenden Praxis beruht die derzeitige Klassifikation in Deutschland auf Kapital und Habitus. Denn über den realen ökonomischen Ungleichverteilungen existiert ein sie über angebliche Leistung rechtfertigendes, historisch gewachsenes symbolisches Universum. Es fußt außer seiner historischen Überlieferung auf Macht. Die Transformation der Migranten in die deutsche Sozialstruktur hängt ab von den staatlichen Beziehungen zum Herkunftsland, von Arbeitsmarktinteressen und von der Dichte des Qualifikationsreglements im Herkunftsstaat. Frauen haben bei der Positionierung mit dem ihnen angesonnenen Familiensinn zu kämpfen, den die rechtlichen Gleichstellungsbemühungen ins Unbewußte abdrängen und so noch wirksamer machen.

Durch homogene Partnerselektionen rangieren die Frauen auf gleicher Habitus-Ebene wie ihre Partner und Ehegatten. Die mit Klasse und Habitus korrespondierenden ethischen Grundhaltungen (sog. Ethoi) bestehen in Enthusiasmus, Normalisierung, Anpassung, alternativer Kritik, Rebellion oder Resignation. Klasse und Lebensstil dürfen zwar nicht eng geführt werden. Dabei wirkt der von der Klasse nicht unabhängige Habitus doch stark auf den Lebensstil ein. Bei ihrer Verortung arrangieren sich die Individuen mit den auf sie zukommenden Restriktionen. Sie nehmen eine subjektiv konstruierte Deutung ihrer Lage vor, die Statusarrangements nach sich ziehen können mit einer Selbst-Konstitution im Zuge ihrer Identitätssuche. Die werden dann als individuelle Optionen erlebt, um vor sich selbst Autonomie und Kohärenz aufrecht erhalten zu können. Sicherheitsstreben und Anpassung an Strukturen werden subjektiv wichtiger als gemeinsame Bemühungen um gesellschaftliche Strukturveränderungen. Unter den Benachteiligten sind die Resignierten zahlreicher als die Rebellen. Das reproduziert Ungleichheit.

Diskussion

Der mit qualitativen Interviews untermauerte Band „Die Reproduktion sozialer Ungleichheit in Deutschland“ zeichnet aufgrund der eruierten Verhaltensleitungen ein pessimistisches Bild im Hinblick auf für die Mehrzahl förderliche sozialstrukturelle Veränderungen. Die Ursache liegt in der über habituelle Einstellungen abgestützten ideologisierten Hinnahme der vorhandenen Ungleichverteilung nicht nur der ökonomischen und sozialen Kapitalien, sondern auch des kulturellen und symbolischen Kapitals.

Im Ergebnis spricht einiges für die Schlussfolgerung Boike Rehbeins und seiner Mitautoren, dass ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland die Alltagszwänge unter der ideologischen Prämisse des meritokratischen Mythos der Belohnung nur aus Arbeit hinnimmt. Für die Möglichkeit, dass unter den ethischen Grundhaltungen Resignation und alternative Kritik auf breiter Front in Rebellion umschlagen könnten, sprechen die empirischen Befunde derzeit nicht. Aber Wutbürgertum und Wir-sind-das-Volk-Haltungen könnten sich verbreitern. Hier hätte tiefer nachgehakt werden können.

Die hohe Zahl an Erklärungskonstrukten für die Verhaltenssteuerung verwirrt eher, als dass sie zur Klärung beiträgt. Zum einen grenzt die Untersuchung in Kapitel 1.3 die verschiedenen Kapitalformen ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital nicht mit der gebotenen Schärfe voneinander ab. Sodann arbeitet sie bei der Schilderung der Verhaltensleitung mit vier Grundklassen, verschiedenen Sozialmilieus, sechs Habitus-Typen und den sechs „Ethoi“ genannten ethischen Grundsätzen der Akteure. Außerdem ist die Rede von Lebensstilen. Diese Pluralität an Artefakten verwirrt eher als dass sie Klarheit schafft. Durch Überlappung der verschiedenen Habitus-Typen in den sozialen Feldern der Grundklassen ergeben sich auch mehrfach skizzenhaft abgebildete, clusterartige Koordinatenfelder mit Kürzeln, die auf den ersten Blick keinen Erklärungswert haben. Der Leser empfindet, dass der Gesellschaft ein schillerndes Vexierbild übergestülpt wird.

Ob die Zugehörigen der dünnen Grundklasse der Enthobenen in den Medien wirklich, wie auf Seite 144 behauptet, nicht sichtbar sind, kann bestritten werden. Superreiche wie die Quandts, Klassens, Albrechts, Würths, Schwarz und von Thurn und Taxis haben durchaus Prominenten-Image.

Zu vielen Ergebnissen von Rehbeins Studie gibt es bereits in der klassischen Soziologie und Sozialpsychologie Erkenntnisse, auf die hätte verwiesen werden können. So ähneln die angepassten Marginalisierten den Ritualisten Robert Mertons. Die reduktionistischen Arrangements und Selbst-Konstitutionen der Angepassten und Resignierten zu ihrer sie zufrieden stellenden Identitäts-Bildung hätten mit der Lehre vom Abbau der kognitiven Dissonanz nach Leon Festinger und Wilbur Schramm untermauert werden können.

Von den in der Einleitung des Bandes versprochenen Parallelbefunden im lateinamerikanischen und fernöstlichen Raum (Brasilien, Laos) ist in der Folge nicht mehr die Rede. Ob die im Gender-Kapitel 2.3 auf Seite 169 behauptete Verstärkung weiblicher, am Familiensinn orientierter Verhaltensleitungen gerade durch die politischen Gleichstellungsbemühungen verursacht wird, steht dahin und wird nur mit unterbewussten Verschiebungen gestützt.

In der Satzmontage ergeben sich in einigen Fällen beim Seitenwechsel störende Textüberläufe, so von Seiten 26 auf 27, 46 auf 47 und 137 auf 138.

Fazit

Die Sozialstruktur hat jenseits der unterschiedlichen Subsistenz-Stratifizierung auch eine Innenseite. Hier findet die neue Studie zur Reproduktion der sozialen Ungleichheit in Deutschland vielfältige sozialpsychologische Erklärungsansätze für die Akzeptanz der weit auseinander laufenden Kompensationen der Menschen für ihre Beiträge. Befragt werden vor allem Lebensstile und Habitus-Typen der Akteure. Wege zu einer stärkeren Egalisierung werden leider nicht aufgezeigt.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 25.11.2016 zu: Boike Rehbein: Reproduktion sozialer Ungleichheit in Deutschland. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2015. ISBN 978-3-86764-627-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19533.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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