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Klaus Antons, Monika Stützle-Hebel (Hrsg.): Feldkräfte im Hier und Jetzt

Cover Klaus Antons, Monika Stützle-Hebel (Hrsg.): Feldkräfte im Hier und Jetzt. Antworten von Lewins Feldtheorie auf aktuelle Fragestellungen in Führung, Beratung und Therapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2015. 386 Seiten. ISBN 978-3-89670-991-2. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch befasst sich in verschiedener Autorenschaft mit der Frage, inwieweit Lewins Feldtheorie heute noch Beiträge für die Arbeit in Beratung und Therapie in verschiedenen Kontexten liefern kann – wo doch die generelle Rezeption in der akademischen und praktischen Psychologie der Feldtheorie eher gering ist.

Herausgeber und Herausgeberin

Klaus Antons ist habilitierter und promovierter Diplom Psychologe, war langjährig an der Universität tätig und arbeitet heute als Trainer und Supervisior in Gruppendynamik.

Monika Stützle-Hebel arbeitet als Trainerin in verschiedenen Arbeitsfeldern mit gruppendynamischen Prozessen und deren Beeinflussung- auch sie ist promovierte Diplom Psychologin.

Entstehungshintergrund

Mit dem vorliegenden Band setzen die Autoren und Herausgeber die Idee um, im Rahmen einer Fachtagung der DGGO (Deutsche Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsdynamik e.V.) den am 9.9.2015 gefeierten 125. Geburtstag von Kurt Lewin zu würdigen – den Vater der Feldtheorie und damit auch einer wichtigen und handlungs-leitenden Theorie der Gruppendynamik. Dies erscheint den Autoren notwendig, weil sie in der heutigen lehrrelevanten Psychologie die Feldtheorie eher vernachlässigt finden. Deshalb haben die Herausgeber verschiedene Autoren (insbesondere solche, die in der DGGO Mitglieder sind) gebeten, möglichst praxisnahe Beispiele für die Anwendung der Feldtheorie in verschiedenen Arbeitsfeldern für den vorliegenden Sammelband zu liefern. Zehn Autoren schreiben Artikel für dieses Buch, dessen Vorwort ein Chairman der deutschen Sozialpsychologie schreibt, Heiner Keupp.

Aufbau

Das Buch ist in fünf Teile eingeteilt, die ihrerseits untergliedert sind- ein dreiseitiges Inhaltsverzeichnis gibt hierüber Auskunft.

Im 5. Teil schließt ein Literaturverzeichnis, eine Bibliographie Lewinscher Werke und Glossar (auf das in den einzelnen Texten immer wieder verwiesen wird und in dem relevante Begrifflichkeiten der Feldtheorie erläutert/ definiert werden) und ein Autorenverzeichnis das Werk ab.

Inhalt

In seinem Vorwort weist Keupp darauf hin, dass die Feldtheorie eher ein Schattendasein in der heutigen akademischen Psychologie fristet. In Reflexion der Biographie Lewins und hierbei insbesondere der erzwungenen Emigration in die USA während der Nazi-Herrschaft sieht Keupp einen Hauptgrund für die Sensibilität Lewins , kulturelle Einflüsse im Sinne des Lebensraumes auf individuelle Entwicklungen zu beachten und die Bedeutsamkeit einer Analyse der Tiefenstruktur von Machtverhältnissen zu berücksichtigen, wenn es darum geht, Kulturwandel in Sinne einer Demokratisierung von Gesellschaft zu fördern. Dass er hierbei auch methodisch weg vom damaligen behavioristischen Mainstream sich entwickelt habe, belegt die Entwicklung und Nutzung der Aktionsforschung, der Weg vom Labor ins Feld.

Den 1. Teil des Buches nennen die Autoren „Hinführungen“- im ersten Beitrag legen die Herausgeber die Idee des Buches dar und machen sich Gedanken über die Zwiespältigkeit in der Rezeption Lewins: einerseits gelobt als einer der wichtigsten Forscher und Lehrer der Psychologie überhaupt, andererseits seine relative Vernachlässigung in der aktuell gelehrten Psychologie. Im 2. Beitrag geht es Lück darum, die Person und den Forscher Lewin dem Leser nahezubringen, bevor in zwei weiteren Artikeln in diesem Teil insbesondere das Konzept „Hier-und-Jetzt“, welches nicht als Absage an die Historizität menschlichen Handelns zu verstehenist, dargelegt wird und einige andere Grundlagen (Autorin: Soff) der Feldtheorie zusammen gefasst werden.

Teil 2 versucht die Aktualität Lewins herauszuarbeiten, in dem die hier beteiligten Autoren sowohl aktuelle Fragestellungen ( z.B. Vorstands.- Frauen-Quote) als auch Erweiterungen der ökonomischen Sicht in der Organisationspsychologie thematisieren, oder darstellen, wie z.B. das Problem von Überforderung/ Burn-Out in pädagogischen Arbeitsfeldern unter Lewinscher Perspektive als „Sättigung“ aufgefasst werden kann (Autorin: Soff).

Teil 3 beschäftigt sich dann eher wissenschaftshistorisch und -theoretisch mit der Einordnung Lewins. Hier erscheint der Artikel von Kriz wichtig, der Bezüge zwischen der Feldtheorie und der Systemtheorie herstellt- auf diesen Artikel soll inhaltlich weiter unten eingegangen werden.

Teil 4 des Buches versucht ein Fazit, in dem es in erster Linie darum geht, abzuschätzen, wie und wo die Feldtheorie heute gefördert und vertieft werden könnte und kann.

Im 5. Teil schließlich ist ein bibliographischer Teil – siehe oben.

Kriz setzt sich im Kapitel 3.2 mit Lewin als einem frühen Systemiker auseinander. Er fußt auf den Grundannahmen der Gestalttheorie, nach denen psychisches Geschehen systemisch, dynamisch, selbstorganisiert, zielgerichtet auf höhere Ordnung hin zu betrachten ist und zudem zu neuen – emergenten – Zuständen führt und von keiner Instanz „gesteuert“ wird, sondern sich selbst organisiert. In einem Feld laufen alle Prozesse in wechselseitiger Abhängigkeit, wobei sich das psychische System (Person) von der Umgebung (Umwelt) abgrenzt. Ordnende Gestaltprozesse differenziert Kriz auf drei Prozessebenen: Wahrnehmung, kognitive Prozesse und gruppendynamische Prozesse.

Im Folgenden stellt er Beispiele vor und verdeutlicht hieran die Grundannahmen der Gestalttheorie zunächst am Beispiel einer Melodie (Wahrnehmung) als sinnhaft Ganzheitliches, welches erhalten bleibt, auch wenn die Melodie transponiert wird. Ähnlich bezüglich der Kommunikation, bei der es ja im Gespräch nicht um Schwingungen der Luft geht, sondern vielmehr um eine sinnvoll wahrgenommene Äußerung. Gruppendynamisch lassen sich ähnlich Prozesse beobachten, wenn neue Gruppenmitglieder in einer Gruppe Prozesse der Neuorientierung und -strukturierung auslösen. Im Weiteren erläutert der Autor den Zusammenhang zwischen Strukturierung Bottom-Up und Top-Down; der vermeintlich und physikalisch gleiche Ton wird in unterschiedlichen Kontexten (Top-Down) anders wahrgenommen. Der Autor geht dann auf die Vereinbarkeit von Systemtheorie ( hervorgegangen und weiterentwickelt auf der Basis der Synergetik) und Feldtheorie ein. Lewin sei methodisch noch nicht in der Lage gewesen, die Zusammenhänge zu formalisieren- gleichwohl hat er dies topographisch i.S. der Vektorenrechnung versucht- vielleicht war und ist er auch deshalb heute so wenig in der (mathematik-skeptischen) akademischen Psychologie repräsentiert. Kriz erläutert Konzepte wie Emergenz, Nichtlinearität und Bildung systeminhärenter Ordnungen im Prozess der Selbststeuerung.

Im nachfolgenden Ansatz verdeutlicht er die Schwierigkeit, die theoretischen Ansätze von Feld- aber auch Systemtheorie auf Alltagsprobleme zu übertragen, was zumindest teilweise daran liegt, sich von mechanistischen und deterministischen Vorstellungen zur Erklärung menschlichen Handelns und Erlebens zu lösen. Kriz erläutert schließlich ein Konzept für ein dynamisches Verständnis von Entwicklung und distanziert sich dabei i.S. der Systemtheorie von klassisch linearen Ursache-Wirkungsvorstellung. In solchen Kontexten wird Beratung gezielt „verstören“ müssen, um festgefahrene und überstabile Muster zu destabilisieren und sie für neue Selbstorganisationsprozesse zu öffnen. Resümierend hält der Autor fest, dass sowohl Feld- als auch Systemtheorie Veränderungen über Veränderungen von Randbedingungen selbstorgansiert anstoßen will. Lewin bezieht sich hierbei auf die phänomenale Welt des Individuums. Bei der Systemtheorie ist der Zusammenhang zu den objektiven physischen und sozialen Gegebenheiten interdisziplinär präziser. Es kommt hinzu, dass die Praxis bspw. in der Familientherapie sich mit effizienten, gleichwohl theoretisch nicht abschließend fundierten Methoden von der Theorie gelöst hat. In Würdigung Lewins hält der Autor abschließend fest, dass gerade die formulierten dynamischen Konzepte (etwa: Unfreezing-Changing-Refreezing) Lewin zu einem frühen Systemiker machen.

Diskussion und Fazit

Zunächst ist festzustellen, dass das vorliegende Buch nicht zum Ziel hat, die Lewinsche Theorie lehrbuchartig vorzustellen – vielmehr soll reflektierend und in Auseinandersetzung mit der Praxis eine Würdigung der heutigen Bedeutung der Feldtheorie erfolgen. Dies geschieht aus parteiischer Sicht: die Autoren sind in der DGGO organisiert und schließlich erarbeiten sie einen Band zum 125. Geburtstag Lewins. Nur bei hinreichender Beschäftigung mit der Feldtheorie kann der Leser deshalb von den Beiträgen profitieren. Dann wird sie/er sicherlich auch eine Krux der Theorie erkennen: es lassen sich mit der Feldtheorie keine Vorhersagen machen- vielmehr werden die Wechselwirkungen von Person und Umgebung (Person- und Umweltmodell) nachträglich erfasst. Was in der Systemtheorie nicht-deterministisch die Selbstorganisation leistet und im Ergebnis immanent nichtvorhersagbar ist, versucht Lewin noch topographisch und mathematisch zu formalisieren. Dies mag ein Grund sein, warum er in der heutigen Psychologie eigentlich nur noch historisch betrachtet wird. Ein anderer ist sicher die mittlerweile allenthalben akzeptierte Konzeption menschlichen Handelns und Erlebens als dynamisch, ergebnisoffen sich aus der Wechselwirkung von Person und Situation ergebend. Wenn man so will, ist diese Sichtweise allerdings auch gerade durch Lewin initiiert worden…

Einem eingeschränktem Leserkreis aus der „Fraktion der Gruppendynamiker“ wird dieses Buch Anregung zur praktischen Umsetzung und theoretischen Auseinandersetzung trotz der qualitativ unterschiedlichen Beiträge sein.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 17.11.2015 zu: Klaus Antons, Monika Stützle-Hebel (Hrsg.): Feldkräfte im Hier und Jetzt. Antworten von Lewins Feldtheorie auf aktuelle Fragestellungen in Führung, Beratung und Therapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2015. ISBN 978-3-89670-991-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19534.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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