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Caroline Schmitt, Asta Vonderau (Hrsg.): Transnationalität und Öffentlichkeit

Cover Caroline Schmitt, Asta Vonderau (Hrsg.): Transnationalität und Öffentlichkeit. Interdisziplinäre Perspektiven. transcript (Bielefeld) 2014. 340 Seiten. ISBN 978-3-8376-2154-9. 34,99 EUR.
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Thema

Im Zug der Globalisierung stellt sich die Frage, ob und wo sich transnationale Öffentlichkeiten zur Kontrolle globaler Entwicklungen herausbilden. Die Herausgeberinnen haben „Bühnen“ im Blick, „die Individuen oder Organisationen eine Präsenz verschaffen, die neue Formen gesellschaftlicher Diskussion und Teilhabe ermöglicht“ (7). Dabei stehen auch die Konzepte von Öffentlichkeit zur Diskussion.

Herausgeberinnen und Autor/inn/en

Caroline Schmitt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Mainz. Asta Vonderau ist Juniorprofessorin für Kulturanthropologie an derselben Universität.

Die Autorinnen und Autoren kommen mehrheitlich aus der Kulturwissenschaft einschließlich der Ethnologie, im Übrigen aus der Erziehungswissenschaft, der Politikwissenschaft, der Geographie und Kommunikationswissenschaft.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeberinnen, die einleitend verschiedene Aspekte des Themas beleuchten, haben die elf Beiträge in vier Gruppen unterteilt, die verschiedene Perspektiven, angezeigt durch die jeweilige Überschrift, repräsentieren sollen.

Den meisten Beiträgen liegen empirische Fallstudien zugrunde. Die theoretischen Konzepte, derer sich die Autori/inn/en bei der Interpretation bedienen, variieren. Häufig wird, was nicht überrascht, auf den Öffentlichkeitsbegriff von Jürgen Habermas und das dazu kontroverse Konzept von Nancy Fraser Bezug genommen, unter anderem auch auf Michel Foucault.

In der ersten Gruppe von Beiträgen, überschrieben „Praktiken und Bühnen des Öffentlich-Werdens“, analysiert die Ethnologin Ina Dietzsch die Position einer Quartierszeitung in einem multikulturellen Stadtteil von Basel im Kontext der lokalen Medienvielfalt. Außerdem identifiziert sie diverse Verständnisse von urbaner Öffentlichkeit.

Kristine Krause hat Gemeinden einer afrikanischen Pfingstkirche mit internationaler Verortung in Hamburg und Ghana untersucht und stellt die Frage nach dem Zugang der Mitglieder zu den „transnationalen Arenen“ (71) und nach ihrem transnationalen Zugehörigkeitsgefühl.

Peter Mörtenbeck geht der Frage nach, ob informelle Märkte, häufig in grenznahen Zonen angesiedelt, als „eine Plattform für eine Öffentlichkeit von unten“ (86), betrachtet werden können. Auf eine mögliche subversive Funktion solcher Märkte deutet für ihn die Reaktion des politischen Systems hin.

In dem ersten Beitrag zu „Situative Sichtbarkeiten“ prüft Lena Laube die Annahme, dass mit vorgelagerten, exterritorialen Grenzkontrollen, z. B. in Transitzonen, ein „Moment transnationaler Öffentlichkeit“ (135) produziert wird oder werden kann.

Antonie Schmiz berichtet von einer Studie über vietnamesische Migrantengemeinden und ein vietnamesisches Großhandelszentrum in Berlin, wobei sie unter der für den Band leitenden Fragestellung die divergente Bindung der Vereine an die VR Vietnam und den Einsatz für nationalstaatliche Interessen des Herkunftslandes thematisiert.

Unter der Ankündigung „Wissensvermittler und multiple Engagements“ folgt zuerst ein Beitrag von Hansjörg Dilger über AIDS-Aktivisten in Tansania. Der Verf. fragt, ob sich dort eine kritische Öffentlichkeit in der Antwort auf AIDS formiert.

Die Arbeit eines Unterstützungsvereins für Migrantinnen aus Brasilien ist Gegenstand des Aufsatzes von Annemarie Duscha. Der Verein bilde eine Grenzen überspannende „kommunikative Arena“ (222), seine Wirksamkeit aber sei „national gerahmt“ (227).

Christiane Frantz referiert über „Nichtregierungsorganisationen als Interessenvertreter und Politikvermittler in einer transnationalen Öffentlichkeit“, wobei sie am Beispiel Care international die nationale Differenzierung bei transnationaler Ausrichtung zeigt (253f.).

Das doppelte Engagement von senegalesischen Migrantenvereinen in Italien und im Herkunftsland lässt nach Bruno Riccio Ansätze von „transnational public spheres“ erkennen.

Der letzte Teil „Digitale und translokale Koalitionen“ umfasst zwei Beiträge. Jeffrey Wimmer überprüft die Chancen, die das Internet eröffnet, transnationale Öffentlichkeiten und speziell Gegenöffentlichkeiten herzustellen. Das Ergebnis ist eher ernüchternd (302).

Eher positiv bis euphorisch ist dagegen die Sicht von Arne Schäfer und Matthias Witte in ihrem Aufsatz über „Jugendprotest und transnationale Öffentlichkeit“ am Beispiel der Protestaktionen gegen den G8-Gipfel von 2007 und des sog. arabischen Frühlings.

Diskussion

Der Band leidet unter begrifflicher Unschärfe. Erst Antonie Schmiz und Jeffrey Wimmer stellen den Leser nach seitenlanger Lektüre mit Definitionen von Öffentlichkeit (Ö.) zufrieden, die einen Maßstab für das bieten, was jeweils dargestellt wird, die eine unter Bezug auf Luhmann (146), der andere unter Bezug auf Habermas. Wimmer erliegt nicht dem Irrtum, die Bestimmungen von Habermas könnten wegen der gewandelten Verhältnisse nicht mehr als Diskussionsbasis dienen. Bei einiger begrifflicher Schärfe wird fraglich, ob z.B. das gesellige Beisammensein vor einer Kneipe (46) als Ö. gelten kann. Oft ist von „Bühnen“, „Arenen“ (71, 91) oder „Netzwerken“ (91, 97) die Rede, die zwar einen Raum für Ö. schaffen mögen, aber noch keine Ö. bilden. Wo es schwer fällt, eine Ö. auszumachen, wird sie zum „Projekt“ (Mörtenbeck, 90). Noch mehr Fragen wirft die Deutung einiger sozialer Erscheinungen als „transnational“ auf. Haben z.B. Mitglieder einer Kirchengemeinde nur durch Spenden und fremde Besucher an einer „transnationalen Ö.“ teil? (Krause, 69). Überinterpretiert erscheinen besonders die Folgen „exterritorialer Grenzpolitik“, die zwar „öffentliche Aufmerksamkeit“ (116) beim politisch wachen heimischen Publikum erregen mögen. Aber entsteht damit eine transnationale Ö.? Bezeichnenderweise bescheidet sich die Verf. mit einem „Moment transnationaler Ö.“ (135). Vorsichtig spricht Riccio nach der Darstellung des Engagements afrikanischer Migrantenvereine von „transnational public spheres in the making“ (276).

Fazit

Wissenschaftler/innen aus verschiedenen Disziplinen sind in dem Band bemüht, bei sozialen Initiativen und Organisationen Ansätze transnationaler Öffentlichkeit auszumachen. Das im Titel formulierte Versprechen wird inhaltlich nur von einigen Beiträgen eingelöst. Darunter sind Studien über Migrantenvereine, die unter migrationssoziologischem Aspekt von Interesse sein mögen.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 10.11.2015 zu: Caroline Schmitt, Asta Vonderau (Hrsg.): Transnationalität und Öffentlichkeit. Interdisziplinäre Perspektiven. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2154-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19535.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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