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Roswitha Ertl-Schmuck, Ulrike Greb (Hrsg.): Pflegedidaktische Forschungsfelder

Cover Roswitha Ertl-Schmuck, Ulrike Greb (Hrsg.): Pflegedidaktische Forschungsfelder. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-2403-6. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Mit der Akademisierung und Verwissenschaftlichung der Pflege ab den 1990er Jahren entwickelte sich auch die Pflegedidaktik heraus. Heute wird die Entwicklung der wissenschaftlichen Disziplin Pflegedidaktik als zwingend notwendig für eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung von Lehrkräften in der beruflichen Fachrichtung Pflege erachtet, um eine qualitativ hochwertige Ausbildung von Pflegefachkräften abzusichern. Das hier rezensierte Buch unternimmt den Versuch, durch die Vorstellung pflegedidaktischer Forschungsprojekte, bei denen es sich zumeist um Dissertationen handelt, Felder der pflegedidaktischen Forschung zu sondieren.

Herausgeberinnen

Prof.´in Dr. phil. Roswitha Ertl-Schmuck ist Professorin für Gesundheit und Pflege/Berufliche Didaktik im „Lehramtsbezogenen Studiengang berufsbildende Schulen, Fachrichtung Gesundheit und Pflege“ an der Technischen Universität Dresden. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Lehrerinnenbildung in den Berufsfeldern Gesundheit und Pflege, Weiterentwicklung der Disziplin Pflegedidaktik, Entwicklung subjektorientierter Ansätze in Lehr-Lern- und Pflegeprozessen.

Prof.´in Dr. phil. Ulrike Greb ist Professorin für Berufspädagogik mit dem Schwerpunkt Didaktik der Beruflichen Fachrichtung Gesundheit an der Universität Hamburg, Institut für Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Fakultät Erziehungswissenschaft. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Entwicklung fachdidaktischer Kriteriensätze im Strukturgitteransatz, Bildungsforschung, Hochschuldidaktik, Lehrerinnenbildung in den Berufsfeldern Gesundheit und Pflege und Bildung für eine nachhaltige Entwicklung (BBfnE).

Entstehungshintergrund

Die junge Fachdisziplin Pflegedidaktik beansprucht für sich, in den letzten Jahren disziplinäre Eigenständigkeit entwickelt zu haben, sieht aber auch die Notwendigkeit, die eigene Disziplin zu konsolidieren und im Kanon der Disziplinen zu integrieren. Aus diesem Grund wurde ein Handbuch zur Fachdisziplin Pflegedidaktik vorgelegt, das sich mit dem Selbstverständnis, den Rahmenbedingungen und den Entwicklungslinien der Fachdisziplin Pflegedidaktik auseinandersetzt, Theorien und Modelle der Pflegedidaktik vorstellt sowie Handlungsfelder der Pflegedidaktik auslotet. Das hier rezensierte Buch ist der vierte und letzte Band des Handbuchs zur Disziplin Pflegedidaktik und eruiert pflegedidaktische Forschungsfelder. Zuvor sind erschienen:

  1. Ertl-Schmuck, Roswitha/Fichtmüller, Franziska (2009): Pflegedidaktik als Disziplin. Eine systematische Einführung. Weinheim und München.
  2. Ertl-Schmuck, Roswitha/Fichtmüller, Franziska (Hrsg.) (2010): Theorien und Modelle der Pflegedidaktik. Eine Einführung. Weinheim und München.
  3. Ertl-Schmuck, Roswitha/Greb, Ulrike (2013): Pflegedidaktische Handlungsfelder. Weinheim und Basel.

Aufbau

Der vorliegende Band besteht aus zwölf Beiträgen.

Nach einer Einleitung der Herausgeberinnen folgen zwei Beiträge, die den Kontext der pflegedidaktischen Forschung aufzeigen: Zum einen wird der Zusammenhang zwischen Geschlecht und (für-)sorgender Arbeit dargelegt, zum anderen wird sich auf Basis einer theoretischen Erörterung dem Thema Family Nursing – für das es derzeit schwer ist, eine wirklich gute deutsche Übersetzung zu finden – gewidmet. In den folgenden acht Beiträgen werden Einblicke in zumeist abgeschlossene bzw. laufende Dissertationsprojekte gegeben.

Eine Synopse der Herausgeberinnen, in der sowohl Erreichtes als auch Forschungsdesiderata in den Blick genommen werden, rundet den Band ab.

Inhalt

In der Einleitung verorten Roswitha Ertl-Schmuck und Ulrike Greb den vorliegenden Sammelband im vierbändigen Handbuch und stellen den Aufbau des Buches vor. Sie betonen, dass Forschung immer innerhalb eines gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kontextes erfolgt, und verankern die pflegedidaktische Forschung in der Tradition der Kritischen Theorie: „Im Kontext der Kritischen Theorie setzen wir uns für eine Wissenschaft ein, die repressive Strukturen und ideologische Implikationen von Forschungsergebnissen aufdeckt und Stellung bezieht zu den Motiven und subtilen Machtverhältnissen im Wissenschaftsbetrieb.“ (S. 7)

Im zweiten Beitrag zeigt Marianne Friese auf, wie die Kategorie Geschlecht Berufsausbildung und Berufstätigkeit zum einen verhindert, zum anderen ermöglicht. Sie verdeutlicht, das Genderstrukturen auf drei Ebenen wirkmächtig sind:

  1. in den personenbezogenen Dienstleistungsberufen, insbesondere den Pflegeberufen,
  2. in den Ausbildungsstrukturen, wenn nämlich „Frauenberufe“ im vollzeitschulischen System und nicht im dualen System ausgebildet werden, und
  3. in der Etablierung von Lehramtsstudiengängen für personenbezogene Fachrichtungen, die deutlich später an Universitäten eingerichtet wurden als bspw. gewerblich-technische Fachrichtungen.

Der dritte Beitrag widmet sich dem Thema Family Nursing. Im Vergleich zwischen dem angloamerikanischen und dem deutschen Raum zeigt Christina Köhlen die geschichtliche Entwicklung und aktuelle Herausforderungen auf. Interessant ist die angloamerikanische Praktik, die pflegewissenschaftlich fundierte Ausdehnung der pflegerischen Orientierung vom einzelnen Individuum zum System Familie pflegedidaktisch zu berücksichtigen, indem zunächst Individually focused Family Nursing erlernt und praktiziert wird und mit fortschreitendem Kompetenzaufbau Family System Nursing durchgeführt wird. Für Deutschland konstatiert Köhlen jedoch, werde der theoretisch fundierte Diskurs zum Thema Family Nursing kaum geführt. Family Nursing sei jedoch aufgrund seines Querschnittscharakters zu einer Vielzahl an pflegerelevanten Themen von besonderer Bedeutung für die Pflegepraxis. Die besondere Leistung dieses Beitrags besteht darin, theoretische Ansätze und wissenschaftliche Traditionen in komprimierter Form für die Leserschaft verständlich nachzuzeichnen. Damit wird der Beitrag der Forderung der Autorin nach einem theoretisch geführten Diskurs über Family Nursing in besonderer Weise gerecht.

Kirsten Barre widmet sich im vierten Beitrag der „Pflegedidaktik evidenzbasierter Pflege“. Hierfür zeigt sie zunächst das Spannungsgefüge auf, das sich zwischen der Forderung nach einer pflegeberuflichen Erstausbildung, in der pflegewissenschaftliche Inhalte verankert sein sollen, und dem „begründeten Zweifel an der erforderlichen Qualifizierung der verantwortlichen Lehrenden“ (S. 58) für die Autorin auftat. Vor diesem Hintergrund entwickelt sie das Forschungsdesign ihres Promotionsprojektes, für das sie die Reflexionskategorien des Strukturgitteransatzes des identitätskritischen-konstellativen Modells von Ulrike Greb verwendet. Ihre Analyse zeigt Ergebnisse auf, die sowohl auf Ebene der pflegeberuflichen Ausbildung als auch der hochschulischen Bildung angehender Lehrkräfte für Pflegeberufe von Bedeutung sind, bspw. ideologische Aspekte hinsichtlich der Diskrepanz zwischen medizinischem und pflegewissenschaftlichem Verständnis von evidenzbasierter Pflege, der „Verstrickung von EbN in den Widerspruch von Humanisierung und Sozialtechnologie“ oder das „Gefangensein von EbN zwischen Tradition und Emanzipation“.

Im fünften Beitrag zeigt Sabine Balzer auf, wie Gesundheits- und Krankenpflegeschülerinnen in einem „Spannungsfeld von Anpassung und Widerstand“ die „Chamäleonkompetenz“ (S. 74) ausbilden: Zwischen pflegetheoretischem Anspruch, der in der Ausbildung gleichsam als Soll-Wert vermittelt wird, und einer Pflegepraxis, die unter steigendem ökonomischen Druck leidet, und gleichsam die Ist-Situation abbildet, entwickeln die Auszubildenden verschiedene Strategien, den an sie herangetragenen Erwartungen gerecht zu werden: „unreflektierte Anpassung an Stationsroutinen“, „bewusste Missachtung, Reduktion und vorsätzliche fehlerhafte Durchführung pflegerischer Interventionen“, „eigenständige Organisation und Koordination pflegerischer Abläufe“ bis hin zu „eigenständiger Entwicklung pflegerischer Maßnahmen, die dann autonom ohne Wissen der Pflegenden am Patienten ‚getestet‘ werden“. Die Ergebnisse sind für Lehrkräfte relevant, da sie die subjektiven Perspektiven der angehenden Pflegekräfte in besonderer Weise veranschaulichen, die pflegedidaktisch unbedingt Berücksichtigung finden müssen.

Den Forschungsfokus ebenfalls auf die subjektive Perspektiv der Lernenden in der pflegepraktischen Ausbildung gerichtet, stellt Benjamin Kühme im sechsten Beitrag seine Untersuchung zur Identitätsentwicklung angehender Pflegefachkräfte dar. Mithilfe narrativer Interviews und dem narrationsstrukturellen Auswertungserfahren gelingt es ihm, „identitätstheoretische Verarbeitungsweisen“ und „differenztheoretische Verarbeitungsweisen“ aufzuzeigen. Passen sich Auszubildende, die die erstere Verarbeitungsstrategie nutzen, eher an den Stationsalltag an, opponieren Auszubildende, die die letztgenannte Verarbeitungsweise nutzen, eher und versuchen, allem Widerstand zum Trotze, das am Lernort Schule erworbene Wissen und Können im Pflegealltag anzuwenden. Auch diese Arbeit leistet einen wichtigen Beitrag zur didaktischen Analyse von Unterricht durch Pflegelehrkräfte. Offen bleibt im Beitrag einzig die Frage, wie der Kriterienansatz innerhalb der Auswertung der narrativen Interviews methodisch zur Anwendung kam. Hierfür muss auf die Dissertation zurückgegriffen werden.

Das informelle Lernen in der pflegepraktischen Ausbildung ist Forschungsgegenstand der Dissertation von Annerose Bohrer. Im siebten Beitrag konzentriert sie sich den Beitrag eröffnend und, anders als die vorangegangenen Autorinnen und Autoren, nicht auf die theoretische Rahmung, sondern auf das methodische Design ihrer Studie: Grounded Theory als Methodologie, teilnehmende Beobachtung, Interviews mit Lernenden und Feldgespräche mit Praxisanleitenden als Methoden der Datenerhebung und die Kodierschritte der Grounded Theory als Methode der Datenauswertung. Entlang des Kodierparadigmas stellt sie anschaulich die Kernkategorie „Selbstständigwerden“ als zentrales Phänomen des informellen Lernens in der pflegepraktischen Ausbildung dar.

Nadin Dütthorn geht im achten Beitrag der Frage nach, „welche pflegespezifischen Kompetenzen sich im europäischen Bildungsraum empirisch fundieren lassen“ (S. 149). Hintergrund dieser Fragestellung ist einerseits die bildungspolitische Forderung nach einer Harmonisierung der in Europa vorhandenen Bildungs- und Ausbildungssysteme und andererseits die Tatsache, dass bislang kein einheitlicher Kompetenzbegriff – weder national noch international – vorliegt. In einem Ländervergleich zwischen Schottland, Deutschland und der Schweiz zeigt sie mithilfe problemzentrierter Interviews und multiperspektivischer Falldiskussionen mit Lehrenden und Lernenden, dass es – trotz aller Unterschiedlichkeit im Kompetenzverständnis und in den länderspezifischen Ausbildungsstrukturen – eine gemeinsame pflegespezifische Kernkompetenz gibt, „Pflegerische Beziehung gestalten“. Diese Kernkategorie bringt zum Ausdruck, dass es den Befragten in allen drei Ländern darum geht, a) die Beziehung zwischen Pflegefachkraft und pflegebedürftiger Person vonseiten der professionell Pflegenden b) aktiv herzustellen.

Der neunte Beitrag thematisiert das „Sollen und Sein im Pflegeunterricht“. Mit diesem Beitrag von Karin Kersting wird zugleich – wenn alle Beiträge in der Gesamtschau betrachtet werden – ein Perspektivwechsel vollzogen: In diesem und den zwei folgenden Beiträgen steht nicht wie zuvor der Lernort Praxis, sondern der Lernort Schule im Mittelpunkt. Auch wird im vorliegenden Beitrag die Perspektive der Lehrenden, nicht die der Lernenden in der empirischen Untersuchung fokussiert. In pflegewissenschaftlichen und pflegedidaktischen Arbeiten wird oftmals eine Theorie-Praxis-Diskrepanz beschrieben. Kersting macht hingegen – sehr plausibel – deutlich, dass es sich stattdessen um ein „dialektisches Verhältnis“ (S.182) handelt: Pflegekräfte sind sowohl mit der Erwartung einer notwendigen Patientenorientierung als auch einer notwendigen Systemrationalität (vgl. S. 182) konfrontiert. Hieraus ergibt sich für Pflegelehrkräfte wiederum die pflegedidaktisch relevante Frage, wie sie ihre Pflegeschülerinnen auf den Umgang mit beiden, sich konträr gegenüberstehenden Erwartungen vorbereiten können. Ob und in welcher Form auch Pflegelehrkräfte „auf Kälte mit Kälte“ reagieren, ist die Forschungsfrage ihres Beitrag, der sich auf Arbeiten einer ganzen Reihe von Forschungsarbeiten stützt – hier lässt sich dann auch von einem bereits etablierten Forschungsfeld sprechen. Im Beitrag werden dann drei Reaktionsmuster von Pflegepädagoginnen, mit der Diskrepanz von Sollen und Sein umzugehen, vorgestellt: „Fraglose Übernahme Kälte verursachender Strukturen“, „Idealisierung falscher Praxis“, „Reflektierte Hinnahme Kälte verursachender Strukturen“.

Die Begriffe Bild und Bildung liegen etymologisch nah beieinander. Das Pflegerische im Bild ist, vor allem aus pflegedidaktischer Perspektive, bislang jedoch kaum untersucht worden. Wolfgang Hoops zeigt im zehnten Beitrag auf, wie er sich der Analyse von Bildern aus dem öffentlichen Raum, nämlich einem Foto, das die Bundesregierung verwendet, ein Foto, das eine überregionale Zeitung abgedruckt hat, und ein Foto, wie es zumeist Kliniken in der Selbstdarstellung verwenden, sowie ein Gemälde von Picasso mithilfe zweier Analysefragen nähert. Diese Fragen sind zum einen „Wie erzeugt das Bild Sinn?“, zum anderen „Was will das Bild beziehungsweise was wünscht es sich?“. Im Ergebnis kann Hoops ein „pflegedidaktisches Tableau“ zeigen, welches „das Pflegerische als different“ darstellt.

Im elften Beitrag wird die Leserschaft mit dem Begriff der „zarten Empirie“ vertraut gemacht, der für diesen Beitrag gleich doppelte Bedeutung gewinnt, da dieses Promotionsprojekt noch am Anfang steht: Jonas Hänel umreist, welches Bildungspotential dem Film in pflegedidaktischer Hinsicht innewohnt. Filmanalysen werden derzeit jedoch weder in pflegedidaktisch-forschender, noch pflegedidaktisch-praktischer Hinsicht genutzt. Wird der Film als Datengrundlage verwendet, so sei vor allem eine Forschungshaltung notwendig, die sich in Anlehnung an Manuel Zahn und Bernhard Waldenfels als „zarte Empirie“ der ästhetischen Erfahrung beschreiben lässt, einer Haltung, „die Raum lässt für das, was sich dem methodischen Zugriff und den Modellen der jeweiligen Theorien entzieht.“ (S. 246)

Im zwölften und letzten Beitrag, der Synopse der Herausgeberinnen Roswitha Ertl-Schmuck und Ulrike Greb, werden Zusammenhänge und Verbindungen zwischen den einzelnen Projekten aufgezeigt. Die Herausgeberinnen des Bandes sind sich der Notwendigkeit der weiteren pflegedidaktischen Forschung umfänglich bewusst: Sie fordern u.a. einen wissenschaftlichen Austausch, z.B. in Form von Fachtagungen, Forschungsverbünden und Graduiertenkollegs, um zum einen „Rezeptionsprobleme anzusprechen und Barrieren abzubauen“ und zum anderen „Arbeitshypothesen für zielführende Forschung zu generieren“ (S. 281). Ziel dieser Bemühungen muss es sein, „eine individualisierte patientenorientierte Pflege und kritische Bildungsprozesse endlich voran(zu)bringen, statt im sogenannten Elfenbeinturm auf Abstand gehalten zu werden“ (S. 281).

Der sowohl für den Band als auch für das vierbändige Handbuch wichtigen Synopse schließt sich ein Anhang an, in dem Ulrike Greb und Roswitha Ertl-Schmuck erkenntnistheoretische Zusammenhänge in kompakter Form darstellen, die besonders für den wissenschaftlichen Nachwuchs eine erste theoretische und methodologische Orientierung bieten.

Diskussion

Der Titel des Buches „Pflegedidaktische Forschungsfelder“ lässt auf eine Systematisierung des wissenschaftstheoretischen Diskurses innerhalb der Disziplin Pflegedidaktik schließen. In der Einleitung wird diese Annahme dann aber von den beiden Herausgeberinnen selbst relativiert, wenn sie schreiben: „In diesem letzten Band beschäftigen wir uns nun mit Fragen der pflegedidaktischen Forschung“ (S.7) Von ausgemachten Forschungsfeldern kann derzeit nicht gesprochen werden, wobei dies keine Frage der Qualität der vorliegenden Arbeiten ist, sondern schlicht der Anzahl der Forschungsaktivitäten geschuldet ist, die sich zu „Feldern“ pflegedidaktischer Forschung bislang kaum clustern lassen – so ist dann auch eine Unterteilung in größere Teilkapitel bzw. in Forschungsfelder, wie sie Band 1 und Band 3 aufweisen, derzeit kaum möglich.

Immer wieder wird in den Beiträgen das Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis, zwischen Patientenorientierung und Institutionenorientierung thematisiert, sei es in genderspezifischer Weise (Marianne Friese) oder hinsichtlich der notwendigen Berücksichtigung des Konzepts Family Nursing (Christina Köhlen). Besonders in den Blick gerät das Spannungsverhältnis in den empirischen Arbeiten im Kontext der pflegepraktischen Ausbildung (Sabine Balzer, Benjamin Kühme, Annerose Bohrer). Und auch in der internationalen Vergleichsstudie von Nadin Dütthorn wird die Diskrepanzerfahrung zwischen Theorie und Praxis zum Thema. Interessant wäre hier eine fachdidaktische Diskussion dieser Arbeiten unter der von Karin Kersting aufgeworfenen – und eher quer zu den anderen Arbeiten liegenden – Perspektive des Sollens und Seins.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Fragestellungen in den einzelnen Artikeln, sind doch alle davon getragen, die jeweiligen Ergebnisse vor dem Hintergrund der theoretischen Rahmung und des methodischen Designs anschaulich und sehr lesefreundlich zu verdeutlichen. Die Beiträge zeigen damit Forschungsergebnisse aktueller Untersuchungen auf, die größtenteils als Qualifikationsarbeiten vorgelegt wurden bzw. noch im Entstehen sind. Dieser nächsten Generation pflegedidaktischer Arbeiten ist zu wünschen, dass sie den wissenschaftstheoretischen Diskurs weiter beflügeln und sich auch bislang noch nicht in den Blick genommene Fragen annehmen, bspw. der Frage nach der Etablierung pflegedidaktischer Modelle in der Praxis. Auch diese noch ausstehenden Ergebnisse zur vorhandenen oder bereits überwundenen Diskrepanz zwischen pflegedidaktischer Theorieentwicklung und pflegedidaktischer Praxis würde der Hochschuldidaktik in positiver Weise neue Impulse verleihen.

Fazit

Der Beitrag zeigt anhand aktueller Forschungsprojekte Forschungsaktivitäten in der relativ jungen Fachdisziplin Pflegedidaktik auf. Das von den Herausgeberinnen in der Einleitung gegenüber dem Buchtitel relativierte Vorhaben, sich mit „Fragen der pflegedidaktischen Forschung“ (S. 7), statt mit ausgewiesenen Forschungsfeldern zu beschäftigen, wird vollends eingelöst. Lesenswert sind die Beiträge insbesondere für Studierende der beruflichen Fachrichtung Pflege bzw. der Pflegedidaktik/Pflegepädagogik und für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Promotions- oder Habilitationsphase, da die Beiträge zum einen wertvolle Ergebnisse liefern, zum anderen aber auch – in der Gesamtschau aller Beiträge – einen guten Einblick in die aktuelle Forschungslandschaft geben und dabei gleichzeitig Forschungsdesiderata und Anregungen für weitere Qualifikationsarbeiten aufzeigen.

Summary

The article shows research activities in the relatively young field of nursing didactics taking current research projects as a basis. The editors' intention - in the introduction relativized versus the book title - to deal with "issues of nursing didactic research" (p. 7) instead of acknowledged research areas has been completely implemented. The contributions are worth reading, in particular for students of the vocational discipline of nursing or, respectively, nursing didactics/nursing education, as well as for young scientists working on their doctoral or post-doctoral qualifications. On the one hand, the articles offer valuable results, however, on the other hand ˗ considering the contributions in total - they also provide good insights into the current research landscape while pointing out research desiderata and ideas for further qualification projects.


Rezensentin
Jun.-Prof. Astrid Seltrecht
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Fakultät für Humanwissenschaften, Institut I, Fachdiziplin Berufs- und Betriebspädagogik. Schwerpunkte: Fachdidaktik Gesundheit und Pflege, Gesundheits- und Pflegewissenschaft, Erziehungswissenschaft, Hochschuldidaktik
Homepage www.ibbp.ovgu.de/Institut/Fachdidaktik+Gesundheits_ ...
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Zitiervorschlag
Astrid Seltrecht. Rezension vom 12.04.2016 zu: Roswitha Ertl-Schmuck, Ulrike Greb (Hrsg.): Pflegedidaktische Forschungsfelder. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-2403-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19537.php, Datum des Zugriffs 10.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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