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Michael Burawoy, Brigitte Aulenbacher u.a. (Hrsg.): Public sociology

Cover Michael Burawoy, Brigitte Aulenbacher, Klaus Dörre (Hrsg.): Public sociology. Öffentliche Soziologie gegen Marktfundamentalismus und globale Ungleichheit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 258 Seiten. ISBN 978-3-7799-3047-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Der Verf. intendiert eine Neuorientierung der Soziologie mit dem Ziel, sie wieder zu einem nützlichen Organ für die Gesellschaft, speziell für soziale Bewegungen, zu machen. Diese Intention verbirgt sich hinter der Begriffsschöpfung „öffentliche Soziologie“ (öS).

Autoren und Herausgeber

Michael Burawoy ist Professor für Soziologie an der University of California Berkeley. 2003/04 war er Präsident der American Sociological Association (ASA) und von 2010 bis 2014 Präsident der International Sociological Association (ISA), wofür ihn weltweite Forschungskontakte prädestinierten.

Brigitte Aulenbacher ist Professorin der Soziologie an der Universität Linz mit dem Schwerpunkt auf Care Work und feministischer Soziologie.

Klaus Dörre ist Professor für Soziologie an der Universität Jena und Direktor der Forschungsgruppe Postwachstumsgesellschaften. Er hat sich mit Arbeiten über Prozesse der Prekarisierung profiliert.

Hans-Jürgen Urban ist Vorstandsmitglied der IG Metall und Privatdozent an der Universität Jena.

Entstehungshintergrund

Vor Jahren wurde innerhalb der Soziologie eine Debatte über „öffentliche Soziologie“ angestoßen, die mittlerweile international geführt wird und kaum noch zu überblicken ist. Die damit verbundene Bestrebung, soziologische Forschung wieder stärker dem politischen Engagement dienstbar zu machen, kommt den Zielsetzungen der Jenaer Soziologie entgegen (Urban, 228). Die von dem US-Soziologen Burawoy propagierte öS trägt auch zur Legitimation des dortigen Forschungsansatzes bei, was wohl u.a. ein Motiv der Herausgeber für die deutsche Ausgabe seiner Aufsätze gewesen sein dürfte.

Aufbau und Inhalt

Aulenbacher und Dörre führen unter dem Titel „Michael Burawoys Soziologie – eine kapitalismus- und wissenschaftskritische Herausforderung“ in den Ansatz ein. Sie heben den „Brückenschlag zwischen Kapitalismus- und Wissenschaftskritik“ (17) sowie den von B. angestoßenen „Dialog zwischen Soziologinnen und Soziologen aus dem globalen Norden und Süden, aus West und Ost“ (20) hervor.

Den Hauptteil mit sieben Aufsätzen von B. haben die Herausgeber/innen in drei Kapitel untergliedert, deren Überschriften unterschiedliche Perspektiven von B.s Wissenschaftsprogramm verdeutlichen sollen, die aber nur bedingt zur Differenzierung taugen, da sich die Grundaussagen des Autors wiederholen.

Der „Versuch eines vorausschauenden Nachworts“ von H.-J. Urban über „Soziologie, Öffentlichkeit und Gewerkschaften“ schließt den Band ab. Urban beleuchtet die Anschlussmöglichkeiten für die Jenaer Gewerkschaftsforschung und hält politische Denkanstöße für die Gewerkschaftsbewegung fest.

B.s Funktion als Präsident der ASA und der ISA macht sich nach Eindruck des Rezensenten in den meisten Beiträgen des Bandes bemerkbar. Der letzte geht auf eine Rede zurück, die er 2014 vor der ISA gehalten hat. Alle Aufsätze haben einen stark programmatischen Charakter.

B. verlangt der Soziologie wieder mehr öffentliches Engagement bzw. die Unterstützung eines solchen Engagements ab, geht dabei aber bedachtsam vor. Er unterscheidet, quasi zur Beruhigung seiner Fachkolleginnen und -kollegen, vier gleich berechtigte Kategorien von Soziologie innerhalb eines arbeitsteiligen Systems, nämlich die „professionelle Soziologie“, deren Paradigmata und Erkenntnisinteressen die „kritische Soziologie“ reflektiert, und diesen beiden gegenüberstehend, mehr der Praxis zugewandt, die „angewandte Soziologie“, mehr oder weniger identisch mit Auftragsforschung, und die öS. Zwischen diesen Arbeitsfeldern kann es nach B. durchaus zu Überschneidungen und gegenseitigen Anregungen kommen. Generell verortet B. die Soziologie in der „Zivilgesellschaft“, deren „Standpunkt“ sie einnimmt (23, 40). Damit grenzt er sie gegen die Politikwissenschaft und die Wirtschaftswissenschaft ab. Erstere hat ihren „Ort“ im Staat, letztere in der Wirtschaft. B. behauptet damit das Spezifikum und die Autonomie seines Faches.

Ist „die Verteidigung des Sozialen“ generell der Standpunkt der Soziologie (89), so hat die öS wiederum besondere Aufgaben, wobei B. der „traditionellen öS“ die heute geforderte „organische öS“ gegenüberstellt (38). Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich den sozialen Bewegungen selbst zuwendet (192). Sie stehen „im Zentrum einer neuen kritischen Soziologie“ (200). Soziolog/inn/en müssen die Bedingungen der Möglichkeit von Gegenbewegungen gegen Ungleichheit und sozialen Ausschluss erforschen (209). Sie sind Beobachter/innen und zugleich Teilhaber/innen der Gesellschaft (218) bzw. ihrer jeweiligen Gesellschaft. B. hebt mehrmals hervor, dass zwar die Anstöße für soziale Bewegungen weltweit gleich oder ähnlich sind, dass aber „ihr nationaler Hintergrund der Antrieb für ihre jeweils besondere Dynamik“ ist (198, vgl. 201, 217), weshalb er den Universalitätsanspruch manch westlicher, speziell US-amerikanischer Erklärungsansätze zurückweist. Die für die Gegenwehr unverzichtbare „globale Soziologie“ kann sich nur aus dem Dialog ergeben (85, 217).

Auf welche Herausforderungen aber reagieren soziale Bewegungen heute? Diese Frage beschäftigt B. in mehreren Beiträgen des Bandes. Er setzt sich dort mit dem – etwas vergröbert dargestellten – klassischen Marxismus auseinander und entwickelt unter Rückgriff auf Polanyis „The Great Transformation“ eine Theorie stufenweiser Kommodifizierung oder „Vermarktlichung“ von Arbeit (genauer Arbeitskraft), Geld und Boden/ Natur, aktuell erweitert um die Kommodifizierung von Wissen. Die Bedrohung für das gesellschaftliche Leben und das Überleben ergibt sich aus der uneingeschränkten Vermarktlichung aufgrund der politischen „Entbettung“ der Märkte. In der totalen Kommodifizierung vermutet B. „das Schlüsselerlebnis“ für Massen von Menschen, während Ausbeutung „zwar für jede Analyse des Kapitalismus wesentlich ist, aber nicht als solche erfahren wird“ (137, Hervorh. im Original). Die Antwort von B. ist ein „soziologischer Marxismus“ (160).

Diskussion

Fast alle Beiträge des Bandes sind an Soziologinnen und Soziologen adressiert und insoweit nur von fachinternem Interesse. Breitere Aufmerksamkeit und Diskussion verdient aber die dort wiederholt ausgeführte Theorie der Vermarktlichung mit der damit verbundenen Erklärung oder Interpretation sozialer Bewegungen. Unstrittig dürfte sein, dass die gewerkschaftliche Verteidigung von Arbeitnehmerinteressen heute den Kampf gegen die Kommodifizierung der Natur und des Geldes, also gegen Umweltzerstörung und Finanzialisierung einschließen muss (Urban, 227). Ob aber die öS quasi den Marxismus beerben kann, den B. immerhin noch als „eine lebendige Tradition“ anerkennt (146), sei dahin gestellt. Etwas befremdlich wirkt dabei, dass B. stets nur von der Gesellschaft spricht, die damit klassenlos erscheint. Einem US-typischen Bias zuzuschreiben ist wohl die antietatistische, dabei widersprüchliche Sicht auf den Staat (125, 155).

Fazit

Für Soziolog/inn/en dürfte die Lektüre ohnehin ein „must“ sein. Wer als Nicht-Soziologin oder Nicht-Soziologe den Band selektiv liest, kann als politisch oder sozial engagierter Zeitgenosse einigen Gewinn aus der Lektüre ziehen. Empfehlenswert für dieses Publikum wären Aufsätze in den Kapiteln B und C.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 19.10.2015 zu: Michael Burawoy, Brigitte Aulenbacher, Klaus Dörre (Hrsg.): Public sociology. Öffentliche Soziologie gegen Marktfundamentalismus und globale Ungleichheit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3047-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19542.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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