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Marc Weinhardt (Hrsg.): Psychosoziale Beratungskompetenz

Cover Marc Weinhardt (Hrsg.): Psychosoziale Beratungskompetenz. Pilotstudien aus der Arbeitsstelle für Beratungsforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 154 Seiten. ISBN 978-3-7799-3271-0. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema und Zielgruppe

Das Buch publiziert Pilotstudien aus der hochschulübergreifenden Arbeitsstelle für Beratungsforschung, die wesentlich von der Universität Tübingen und der Evangelischen Hochschule Darmstadt getragen wird. Es geht insbesondere um Fragestellungen, wie Studierende und Praktiker Beratungskompetenzen erwerben. So besteht die Zielgruppe aus Forschern, Lehrenden und Forschungsinteressierten aus pädagogischen und sozialpädagogischen Arbeitsbereichen.

Herausgeber und AutorInnen

Prof. Dr. Marc Weinhardt – der Herausgeber- ist Professor für psychosoziale Beratung an der Evangelischen Hochschule Darmstadt.

Mitgewirkt haben noch zehn weitere Autorinnen und Autoren: Sie sind akademische MitarbeiterInnen an Hochschulen oder Beratungsstellen und Professorinnen und Professoren, letztere kommentieren jeweils die Kapitel mit den Forschungsergebnissen der MitarbeiterInnen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach der Einleitung des Herausgebers in fünf Forschungsbeiträge:

  • Hiervon werten die ersten beiden narrativ-biographische Interviews mit Hilfe der Objektiven Hermeneutik aus. Die Interviews wurden mit Studierenden durchgeführt, die ein Praktikum an einer Online- Beratungsstelle absolvieren. Das Augenmerk bei der Auswertung lag auf biographisch-informellen Einflüssen, die auf die Bildungsprozesse der Studierenden einwirken.
  • Der dritte Beitrag befasst sich mit der Nutzung von Simulationsklienten im Rahmen der Beratungsausbildung und untersucht insbesondere die Einflüsse der Vorerfahrung auf die Lernergebnisse und die Auswirkungen zusätzlicher Theorieseminare. Die Gespräche der Studierenden mit den Simulationsklienten wurden videographiert und mit Hilfe eines standardisierten Instrumentes ausgewertet.
  • Der vierte Beitrag thematisiert die subjektiven Bewertung der Vorerfahrungen von Bachelor-und Diplomstudierenden. Er bezieht sich auf Leitfrageninterviews, die qualitativ inhaltsanalytisch ausgewertet wurden.
  • Im letzten Beitrag wird die Entwicklung eines Inventars zur beraterischen Selbstwirksamkeit dargestellt.

Inhalt

Zunächst skizziert der Herausgeber ein Kompetenzmodell psychosozialer Beratung. Dieses ist weder arbeitsfeld- noch methodenspezifisch konzipiert. Die professionelle Handlungskompetenz wird hierbei von den Bereichen: Wissen, Können und biographisch-informellen Kontexten geprägt. Letztere umfassen Überzeugungen/Werthaltungen, motivationale Orientierungen und selbstregulative Fähigkeiten.

Die ersten beiden Forschungsbeiträge beziehen sich auf ein Projekt der Arbeitsstelle für Beratungsforschung der Universität Tübingen. Hierbei werden sieben Studierende des Bachelor-Studiengangs der Erziehungswissenschaft während ihrer gesamten Studienzeit mit dem Ziel begleitet, die biographisch-informellen Einflüsse während des Studiums und des Beratungspraktikums zu erforschen. Die befragten Studierenden absolvieren ein Praktikum an einer Online-Beratungsstelle. Mithilfe der Objektiven Hermeneutik nach Oevermann werden aus narrativen Interviews sozio-kulturelle Deutungsmuster in ihrem Einfluss auf die Lernprozesse während Studium und Praktikum herausgearbeitet. Weiterhin geht es um Bildungskrisen und Unsicherheiten, die dadurch entstehen, dass biographisch erworbene Routinen ins Wanken gebracht werden.

In der ersten Fallanalyse wird deutlich, dass die beratende Tätigkeit für die befragte Studentin einen Zwischenraum eröffnet, der Persönliches wie Berufliches zu vereinen vermag. In der Fallstruktur wird ein Spannungsverhältnis zwischen dem Berufskonzept und der Bedeutung des helfenden Tätigseins für die Lebenspraxis deutlich: Die Arbeitsethik in der modernen Gesellschaft hält dazu an, die Berufsrolle rational-planmäßig unter methodischer Selbstkontrolle auszuführen, was zu einer Art Selbstverleugnung führen kann. Demgegenüber wird im Gesprächsprotokoll deutlich, dass die helfende Praxis eher ein tiefes inneres Bedürfnis befriedigt. So leitet die Autorin dieses Beitrages, Felicitas Lauinger, die These ab, dass eine Auseinandersetzung mit dem eigenen biographisch gewachsenen Berufs-und Helfer-Verständnis bereits während der Studienzeit von Bedeutung sei. Die Universität müsse sich hochschuldidaktisch auf eine regere Form der Aneignung von theoretischem Wissen einlassen.

Der zweite Beitrag, der sich auf das gleiche Forschungsprojekt bezieht, arbeitet insbesondere heraus, wie stark die Abnabelung vom Elternhaus und die Suche nach einer Zukunftsperspektive die Studierende im ersten Studienjahr beschäftigen. Schlussfolgernd wird deutlich, dass ein mit dem Bologna-Prozess in Verbindung stehendes Effizienzdenken im Sinne kürzerer Studiendauern an Grenzen stößt. Denn es braucht Zeit, um vom additiven unzusammenhängenden Lernen zum Verstehen von Sinnzusammenhängen und dem Ausbau von Reflexionsprozessen zu gelangen und schließlich eine eigene kritische Haltung zu entwickeln.

Die dritte dargestellte Untersuchung bezieht sich auf videographierte Übungsgespräche von Studierenden mit Simulationsklienten. Diese Übungsgespräche wurden mit einem standardisierten Instrument zur Messung von Beratungskompetenz codiert. Untersucht wurde dann insbesondere der Einfluss der Vorerfahrung auf die Beratungskompetenz und die Auswirkung eines zusätzlichen Theorieseminars. Interessanterweise führte die Teilnahme am Theorieseminar bei wenig vorerfahrenen Teilnehmerinnen eher zur Abnahme der Kompetenzwerte. Die Fülle an neuen Informationen sowie das Fehlen nützlicher Verarbeitungsschemata schien bei wenig erfahrenen Studierenden zur Überforderung und (vorübergehenden?) Reduzierung der Lernleistung zu führen.

Der vierte Beitrag – Selbsteinschätzung und Vorerfahrung – reflektiert insbesondere Unterschiede zwischen Diplom- und Bachelorstudierenden sowie den Einfluss unterschiedlicher beraterischer Vorerfahrungen. Die Studierenden selber betonen bei der Frage nach ihren Vorerfahrungen insbesondere die Erfahrungen im Praktikum, während informelle Beratungen im sozialen Nahfeld weniger als Vorerfahrung gedeutet werden. Die gemachten Erfahrungen – so wird geschlussfolgert – führen erst dann zum Erkenntniszuwachs, wenn sie reflektiert und verarbeitet werden.

Der letzte Beitrag entwickelt aus internationalen Skalen ein standardisiertes Inventar zur Erfassung der beraterischen Selbstwirksamkeit. Die eingedeutschten und weiterentwickelten Fragen werden faktorenanalytisch zu fünf Dimensionen zusammengeführt: Prozesskompetenz, Haltung im Umgang mit den KlientInnen, Offenheit gegenüber Heterogenität, Auftreten und Haltung in der Beraterrolle in der Beratungsbeziehung und kommunikatives Verstehen.

Diskussion

Insbesondere der zweite Beitrag von Katharina Harter imponiert durch große objektiv hermeneutische Kunstfertigkeit, so dass exemplarisch aus kurzen Interviewpassagen hochinteressante Analysen entstehen. Die beiden ersten Beiträge – die sich allerdings jeweils nur mit einem narrativen Interview befassen – geben interessante Denkanstöße. Allerdings wäre es hilfreich gewesen, wenn die in der Transkription verwendeten Zeichen im Anhang erläutert worden wären. Das Buch kombiniert qualitative und quantitative Forschungsbeiträge, so dass vermutlich nicht jeder Leser sowohl die Transkriptionsregeln als auch alle statistischen Feinheiten bei der Anwendung der Faktorenanalyse beherrscht. In der Zusammenführung von qualitativen und quantitativen Methoden in einem Buch liegt jedoch eine große Chance der wechselseitigen methodischen Befruchtung.

Der letzte Beitrag geht zeitweilig sehr in statistische Details der angewendeten Faktorenanalyse, die von mir nicht vollständig nachvollzogen werden konnten, zumal auf einen Appendix verwiesen wird, der im Buch gar nicht enthalten ist. Er entfernt sich im Ergebnis meiner Meinung nach etwas von der inhaltlichen Frage, ob Kernaspekte der Selbstwirksamkeit ausreichend von erlernten Kompetenzen abgegrenzt werden.

Die fünf Beiträge sind insgesamt recht heterogen. Sie zeigen eine Bandbreite möglicher Forschungszugänge, inspirieren, thematisieren jedoch Pilotstudien, die noch weiter ausgearbeitet werden (müssten). Der vierte Beitrag bezieht sich vermutlich auf eine recht kleine Fallzahl, dargestellt werden acht, verallgemeinert jedoch in der Auswertung an vielen Stellen.

Das Schaubild in Abbildung 1 zum Beratungskompetenzmodell sollte drucktechnisch verbessert werden.

Fazit

Es handelt sich um unterschiedlich gelagerte interessante Pilotstudien zum Kompetenzerwerb in der psychosozialen Beratung. Hierbei werden insbesondere frühe Stadien des Kompetenzerwerbs und das Beratungslernen an Hochschulen in den Blick genommen. Methodisch kommen sowohl qualitative als auch quantitative Vorgehensweisen zum Tragen. Die Lektüre bereichert an Forschungsfragen interessierte oder in der Lehre engagierte LeserInnen aus (sozial-)pädagogischen Arbeitsfeldern, insbesondere aus dem hochschulischen Bereich, und gibt neue Denkanstöße zum Zusammenwirken zwischen biographisch geprägten informellen Aspekten und dem Kompetenzerwerb im Rahmen von unterschiedlich gelagerten Lehrveranstaltungen. Man darf gespannt sein auf die Ergebnisse weiterer Forschungsprojekte, die inzwischen aus den Pilotstudien erwachsen sind.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 11.01.2016 zu: Marc Weinhardt (Hrsg.): Psychosoziale Beratungskompetenz. Pilotstudien aus der Arbeitsstelle für Beratungsforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3271-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19546.php, Datum des Zugriffs 21.07.2018.


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