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Zindel V. Segal, J. Mark G. Williams u.a.: Die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie der Depression

Cover Zindel V. Segal, J. Mark G. Williams, John D. Teasdale: Die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie der Depression. Ein neuer Ansatz zur Rückfallprävention. dgvt-Verlag (Tübingen) 2015. 2., erweiterte und überarbeitete Auflage. 496 Seiten. ISBN 978-3-87159-240-9. D: 48,00 EUR, A: 49,40 EUR, CH: 63,90 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit einer Weiterentwicklung der (kognitiven) Verhaltenstherapie – der achtsamkeitsbasierten kognitiven Therapie bei depressiven Störungen (MBCT). In der vorliegenden 2. überarbeiteten und erweiterten Auflage gehen insbesondere die Erfahrungen mit der Anwendung dieser Methode ein, was auch beinhaltet, dass neue Kapitel (z.B. Kap 12 – Inquiry ) und außerdem neue Arbeitsblätter (auf beiliegender CD zum Ausdrucken) und Audioaufnahmen einiger Übungen auf CD im MP 3 -Format. Die Therapie selbst umfasst 8 Sitzungen, die vorzugsweise im Gruppenkontext durchgeführt werden und -nomen est omen- Achtsamkeit in den Mittelpunkt stellen.

Autoren und Herausgeber der deutschen Übersetzung

  • Zindel V. Segal ist Professor für Psychiatrie an der University of Toronto und leitet die Behavioral Therapy Clinic.
  • J.Mark G. Williams ist Professor für Klein. Psychologie an der University of Oxford. Dort leitet er auch das Oxford Mindfullness Centre.
  • John D. Teasdale leitet eine Forschungsabteilung am United Kingdom Medical Research Council in Cambridge.

Herausgeber der deutschen Übersetzung sind Johannes Michalak, Petra Meibert und Thomas Heidenreich – alle Psychologen und ausgewiesen im Bereich der achtsamkeitsbasierten Therapie in Forschung, Lehre und Praxis.

Entstehungshintergrund

Auf der Basis der früheren Veröffentlichungen zum Thema stellen die Autoren die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre vor. Hierbei legen sie Wert darauf, den theoretischen Hintergrund des Therapieprogramms zu verdeutlichen und sich viel Raum im Manual für Schwierigkeiten und Besonderheiten bei der Umsetzung zu nehmen, zudem Therapieaus-schnitte als Transskripte zur Veranschaulichung heranzuziehen.

Aufbau und Inhalt

Nach Vorwort (Jon Kabat-Zinn) und Danksagungen sowie einem Vorwort der Herausgeber der deutschen Ausgabe ist das Buch in 21 Kapitel untergliedert, die wiederum in drei Teilen organisiert sind. Epilog, Literatur- und Stichwortregister schließen sich neben einer Yoga- Übungsreihe (Katharina Meinhard) und Hinweisen zur beigefügten CD an.

Der Autoren nennen Teil I (für ein ausführliches Inhaltsverzeichnis siehe gerne unter http://www.dgvt-verlag.de/index.html?buch.php~Main) „Die Depression- eine Herausforderung“. In der Einleitung zu diesem Teil betonen die Autoren das Hauptziel der vorgestellten Therapie: Reduzierung des bekannten Rückfallrisikos bei rezidivierenden Depressionen. Sie legen Wert auf die Bedeutung von Selbsterfahrung und Übungspraxis auf Seiten der „Lehrer“ (bewusst sagen die Autoren nicht „Therapeuten“), um überzeugend Achtsamkeit vermitteln zu können.

Im Kap. 1 beschreiben die Autoren das Störungsbild der Depression, die Epidemiologie und die Komorbidität – sie bewegen sich hier im Rahmen üblicher Darstellungen. Zu dem bekannten Therapieformen zählen sie die verhaltenstherapeutischen Ansätze, die Kognitive Therapie und die interpersonelle Therapie. Ohne die Wirksamkeit dieser Ansätze in Frage zu stellen, kritisieren die Autoren allerdings eine Vernachlässigung der hohen Rezidivraten- hier soll ihr Therapieprogramm als Erhaltungstherapie Abhilfe schaffen. Im Kap. 2 setzen sich die Autoren ausführlich mit dem Rückfallrisiko bei depressiv erkrankten Menschen auseinander – sie betonen hierbei, dass sich in Erweiterung des Kognitiven Modell bei langanhaltenden Erfolgen in der Therapie nicht nur der Inhalt störender Gedanken verändert, sondern die Beziehung der Betroffenen zu ihren Gedanken im Sinne von größerem inneren Abstand. Deshalb entwickeln sie ein Programm welches helfen soll, sich von negativen Gedanken und Gefühlen distanzieren zu können und den „frei“ werden Raum mit genau den Mitteln zu füllen, die dieses „Dezentrieren“ ermöglicht – Achtsamkeit für den gegenwärtigen Moment erscheint ihnen die Methode der Wahl zu sein. Die aus diesen Überlegungen entwickelte Therapie wird in Kap 3 knapp vorgestellt, wobei die Autoren Wert darauf legen, die „Selbsterziehung“ in Achtsamkeit von denjenigen zu fordern, die später Lehrer für rückfallgefährdete depressive Klienten sein sollen und wollen.

Im Teil II des Buches wird in 15 Kapiteln das eigentliche Therapieproramm mit seinen 8 Sitzungen ausführlich und detailliert vorgestellt. Drei Kapitel haben eher einleitende Funktion- das beinhaltete Vorstellungsgespräch ist hierbei auch aus motivationalen Gründen besonders wichtig. Schließlich müssen die Teilnehmer erkennen, dass die reine Veränderung kognitiv negativer Überzeugungen allein nicht hilft, wenn diese Veränderung im bekannten „Geistmodus des Nachdenkens“ zu Grübeleien (rumination) führt, sie selbst depressions-triggernd wirken. Der eingeschaltete Diskrepanz-Monitor prüft dann ständig auf der Basis bestimmter Standards, verstrickt den Betroffenen allerdings in abwertende Grübeleien. Die Autoren benutzen hierzu ein Bild, um „Geist-Modi“ zu unterschieden, besonders den Modus des Tuns und der Getriebenheit und den des Seins. Genau hierauf konzentriert sich das nachfolgend vorgestellt Programm.

Sitzung 1-4 fokussiert das Erlernen von Achtsamkeit. Hierbei lernen die Teilnehmer zu erkennen, wie sehr sie im Tun-Modus gefangen sind, lernen, den Geist wieder zu einem einzigen Objekt zurückzubringen (Bezugnahme auf verschiedene Bereiche des Körpers und dann des Atems), um schließlich auch zu erkennen, wie das Abschweifen die Entstehung von negativen Gedanken und Gefühlen fördern kann. Die „Lehrer“ sollen gerade im Vorstellungsgespräch die Verletzbarkeit der Klienten bezüglich des Rückfallrisikos erkennen und benutzen, um den Teilnehmern die Kurs-Idee zu vermitteln und hierdurch die Motivation herzustellen, den teilweise schwierigen Umlernprozess unter Nutzung von Achtsamkeit einzuüben. Handouts konkretisieren das Vorgehen und sind gleichzeitig Handreichungen für Therapeuten, die mit diesem Programm arbeiten wollen- sie gibt es für jedes der folgenden Kapitel und sind zudem über die CD verfügbar.

Die einzelnen Sitzungen werden von den Autoren überaus detailliert vermittelt- sie benutzen hierzu auch graphisch Kästen, in denen das Thema der jeweiligen Sitzung vorgestellt wird, der Aufbau, notwendige Vorbereitungsmaßnahmen schließlich die Auflistung benötigter handouts ( vgl. bspw. S. 134,135) verdeutlicht werden.

Für die folgenden Sitzungen seien nur die Kapitel-Titel genannt: Zulassen/Seinlassen, Gedanken sind keine Tatsachen, Wie kann ich am besten für mich sorgen (Sitzung 7) Das Gelernte anwenden und erweitern in der letzten, der achten Sitzung.

In III. Teil des Buches widmen sich die Autoren der Frage nach der Wirksamkeit der Therapie und zitieren hierzu erste positive Studien, sie setzen sich nochmals mit möglichen Wirkfaktoren auseinander und fordern gerade auch für die Umsetzung in der Praxis geeignete Kontextbedingungen.

Ein Epilog und ein Sachanhang schließen das 494seitige Buch ab.

Diskussion

In dieser Buchbesprechung kann und soll keine umfassende psychologisch-theoretische Auseinandersetzung mit der Kognitiven Therapie und ihrer achtsamkeitsfokussierten Variante erfolgen. Der Hinwies darauf, dass diese Methode Anerkennung und rasche Verbreitung findet, zeigt allerdings, dass hier ein „Nerv“ getroffen wurde: Achtsamkeit kann quasi als Heilmittel für eine gedankengetriebene Zeit angesehen werden und zweifelsfrei helfen, auch von potentiell depressionsauslösenden Gedanken und Gefühlen ( und von anderem auch!) Abstand zu bekommen. Und wer wollte behaupten, dass diese Form der Distanzierung und die damit verbundene Aussicht, eher zwischen Ich-Selbst und bestimmten Inhalten des „Geistes“ differenzieren zu können nicht eine ganz allgemeine Fähigkeit des Menschen im Umgang und in Bewältigung von Schwierigkeiten/ Problemen ist?! Entscheidend scheint mir, an wen sich das Buch warum wendet.

Beim Lesen ist man etwas verwirrt, ob man als Betroffener und Depressionsrückfallgefährdeter angesprochen wird, oder als „Lehrer“. So schwankt das Buch zwischen Anleitung zu Selbsttherapie und Anleitung zur Anwendung des Manuals in therapeutischer Praxis – dies kann eigentlich nicht Ansicht der Autoren sein. Wenn sie sich allerdings an Therapeuten wenden, sind die Ausführungen vielfältig redundant, weil durch Therapieausbildung und -praxis hinreichend bekannt – hoffentlich. Es kann andererseits bestimmt nicht Absicht der Autoren sein, eine Handreichung für nicht psychologisch gründlich geschulte „Lehrer“ anzubieten, die dann quasi in schulischen Kontexten (z.B. Volkshochschule) ein solches Programm vermitteln…oder? So hilfreich die Vermittlung von Bewältigungskompetenz bspw. im Sinne eines auch Achtsamkeit-basierten Stress-Bewältigungstraining in solchen Kontexten sein kann – es darf kein Zweifel aufkommen, dass die Arbeit mit depressiv gestörten Menschen in die Hände qualifizierter Fachleute – eben von Therapeuten und nicht Lehrern- gehört. Für die allerdings darf der Inhalt des Buches erheblich gestrafft werden.

Fazit

Eine ausführliche und breit entwickelte Darstellung des Achtsamkeits-Konzepts, seiner Bedeutung für die Reduzierung von Rückfallrisiko bei depressiv Erkrankten und seine Konkretisierung in einer acht Sitzung umfassenden, wohl zumeist im Gruppenkontext durchzuführenden Behandlung. Bei der fraglosen Bedeutsamkeit von Achtsamkeit in Veränderungsprozessen bleibt der Eindruck weitgehender Redundanz gerade für therapeutisch Geschulte.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 27.01.2016 zu: Zindel V. Segal, J. Mark G. Williams, John D. Teasdale: Die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie der Depression. Ein neuer Ansatz zur Rückfallprävention. dgvt-Verlag (Tübingen) 2015. 2., erweiterte und überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-87159-240-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19547.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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