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Dorothee Doerfel-Baasen, Oksana Baitinger: GANZes Kind den ganzen TAG?

Rezensiert von Dr. Thomas Markert, 06.10.2015

Cover Dorothee Doerfel-Baasen, Oksana Baitinger: GANZes Kind den ganzen TAG? ISBN 978-3-7329-0121-0

Dorothee Doerfel-Baasen, Oksana Baitinger: GANZes Kind den ganzen TAG? Frank & Timme (Berlin) 2015. 144 Seiten. ISBN 978-3-7329-0121-0. D: 24,80 EUR, A: 24,80 EUR, CH: 37,20 sFr.

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Thema

Das Buch beschäftigt sich, wie im Titel schon stilistisch hervorgehoben, mit dem GANZTAG von Kindern im Grundschulalter. Ausgangspunkt ist die Frage „Was wissen wir über ‚das ganze Kind den ganzen Tag‘?“ (S. 14, Hervorhebung unterstrichen im Original). Zur Beantwortung der Frage haben die Autorinnen eine als „Pilotuntersuchung“ bezeichnete Studie durchgeführt, die Sozialisations- und Bildungsprozesse in Schule, Familie, Peers und Hort erkundet, deren Ergebnisse nun in der vorliegenden Schrift vorgelegt werden.

Autorinnen

Dorothee Doerfel-Baasen ist promovierte Diplom Psychologin und aktuell als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Rostock tätig.

Oksana Baitinger, so die Information des Klappentextes, ist promoviert und mit dem Schwerpunkt „Kinder und Jugendliche in besonderen Lebenslagen“ an der AWO Akademie Potsdam und der EURO Akademie Berlin beschäftigt.

Entstehungshintergrund

In den einführenden Absätzen erklären die Autorinnen, dass der Ganztagsschule (GTS) eine eigene Theorie fehlt und in den einschlägigen Forschungen die Perspektive der Kinder nur unzureichend erkundet wird. Der genaue Anlass und die Funktion der „Pilotuntersuchung“, die an der Universität Rostock im Zeitraum 2009 bis 2012 durchgeführt wurde, sind aber nicht weiter erläutert.

Aufbau

  • Nach einer Einführung wird im ersten Teil der theoretische und empirische Forschungsstand zum Themenfeld Ganztags-Grundschule, Familie und Peers zusammengetragen.
  • Kapitel zwei dient der Darstellung von Aufbau und methodischem Design der Studie.
  • Der dritte Abschnitt widmet sich dann einer detaillierten Ergebnisdarstellung, die in einem
  • anschließenden vierten Teil noch einmal um die Auswahl von Ergebnissen ergänzt wird, die einen schnellen Überblick über den Ertrag der Studie ermöglichen.
  • Daran schließt sich die Diskussion der Erträge an.
  • An den Schluss des Buches sind noch drei Anhänge geordnet, die Items der eingesetzten Fragebögen dokumentieren.

Inhalt

Das erste Kapitel ist mit der Feststellung „Ganztagsschule als neue Sozialisationsinstanz im Grundschulalter“ (S.17) überschrieben. Diesen theoretischen Vorschlag zum Verständnis der GTS untersetzen die Autorinnen in vier Schritten. Erstens arbeiten sie den für ihre Studie grundlegenden theoretischen Rahmen aus. Ausgangspunkte sind Zinneckers Metatheorie der Selbstsozialisation (a) und das Modell des Kindes als Produzent seiner Entwicklung (b), wie es von Oerter und Dreher vorgelegt wurde. Darüber werden (a) die Beziehung von „Selbst- und Fremdsozialisation“ (S. 17) als entgegengesetzte, aber systemisch verbundene Pole deutlich, wie zudem (b) auf einer „individuellen psychologischen Ebene […] die reziproke Dynamik, dass das Kind den sozialen und physikalischen Kontext, der ihn beeinflusst, auch selbst beeinflussen kann“ (S. 18). Daraus schlussfolgern die Autorinnen, dass es unabdingbar ist, die Prozesse der Selbstsozialisation im Verlauf eines Tages aus Schule, Betreuungsangeboten, Familie und Peers in den Blick zu nehmen und zudem das Zusammenwirken der einzelnen Systeme und deren Folgen zu betrachten.

Zweitens widmen sich die Autorinnen dem Themenfeld „Kind in der (Ganztags)Schule: zwischen Bildung und Erziehung“ (S. 21). Resümee des zusammengetragenen Forschungsstandes ist, dass der „tatsächliche Output der erzieherischen Leistung der Schule – z. B. Kompetenzen, Haltungen, Bewältigungsstrategien der Kinder – […] sich somit nur aus der Perspektive der Kinder selbst ermitteln“ (S. 25) lässt. Dem Spannungsverhältnis zwischen Schule und Familie gehen die Autorinnen in einem dritten Abschnitt anhand des Gegenstandes der Hausaufgaben nach. Der vierte Abschnitt erörtert die Stellung des Kindes „zwischen Schulzeit und Freizeit“ (S. 31) innerhalb der dahingehend hybriden Organisation GTS. Fazit des ersten Kapitels ist, dass in der vorgelegten Studie die „GTS als qualitativ neues Sozialisationsfeld des Kindes“ betrachtet werden muss, „in dem sich die Entwicklung und das Lernen des Kindes nicht vom Geschehen in allen kindlichen Lebensräumen loslösen lassen: Schule, ganztägige Betreuung (GTS oder Hort), Familie, Peers, Freizeit.“ (S. 35).

Im zweiten Kapitel wird das methodische Design der Studie vorgestellt. Zunächst wird der regionale Fokus der Studie deutlich. Es geht nicht mehr um die Ganztagsschule, sondern um die „Erforschung von Wirkungen von Ganztagsbetreuung auf Sozialisations- und Lernprozesse von Grundschülern/innen in Mecklenburg-Vorpommern“ (S. 37), was mit der regionalen Verfügbarkeit begründet wird.

Nachdem die mehr als zehn zentralen Fragestellungen der Untersuchung gelistet werden, finden sich Ausführungen zur Auswahl der Stichprobe. An der Studie waren maximal 19 Kinder mit ihren Familien beteiligt, die in der ersten Klassenstufe durch „die Lehrerinnen […] rekrutiert“ (S. 38) wurden. Ebenso wurden die (wahrscheinlich) Klassenlehrerinnen der Kinder in die Studie per Fragebogen einbezogen. Der Einbezug der Väter scheiterte an deren Teilnahme, so dass als Familien nur die Mütter befragt wurden. Hinsichtlich der Repräsentativität der Stichprobe finden sich keine Aussagen. Allerdings merken die Autorinnen an, dass es wohl eine „Besonderheit der Stichprobe“ sei, dass zum ersten Erhebungszeitpunkt mehr als die Hälfte der Familien in der gesamten Woche nur aus einem anwesenden Elternteil besteht, da die Partnerin/der Partner berufsbedingt abwesend ist.

Unter den detailliert vorgestellten Erhebungsinstrumenten finden sich Fragebatterien bekannter Untersuchungen und von den Autorinnen selbst entworfene Fragekomplexe, die in der Fragebogenerhebung in Interviewform bei Kindern und Müttern oder als unbegleitete Befragung der Lehrerinnen zum Einsatz kamen. Diese splitten sich in folgende Themenkomplexe:

  1. Kind in der Schule
  2. Hort
  3. Persönlichkeitseinschätzungen
  4. Problemverhalten
  5. Stresserleben und Stressbewältigungsstrategien
  6. Familie
  7. Peers
  8. Zusammenarbeit Eltern-Schule
  9. Hausaufgabenerledigung
  10. Mediennutzung/Freizeit

Neben den klassischen Fragebogeninstrumenten heben sich Techniken heraus, in denen die Autorinnen die Perspektive des Kindes mittels der teilweise durch Illustrationen unterstützten Aufforderung erkunden wollen, fiktive oder erlebte Geschehnisse in Schule und Hort zu erzählen.

Die in Abschnitt drei verfasste detaillierte Ergebnisdarstellung nimmt die Gliederung der Themenkomplexe umfangreich auf. Für die Auswertung sind zwei Umstände entscheidend: Methodisch die an sich geringe Fallzahl und inhaltlich der Umstand, dass die Anzahl der Kinder, die einen Hort aufsuchten, von 14 zu Beginn der Studie auf 10 zum letzten Messzeitpunkt sank. Die erhobenen Daten werden umfangreich dargestellt und mit – wenn möglich – Befunden repräsentativer Stichproben in Beziehung gesetzt.

Innerhalb der fokussierten Ergebnisdarstellung (Kapitel 4) geben die Autorinnen zur Kenntnis, dass sie ihre eigentliche Fragestellung, die Wirkung/das Zusammenwirken der „Sozialisationsinstanzen ‚Familie‘, ‚Schule‘, ‚Hort‘“ (S. 117) aus der Perspektive der Kinder untersuchen zu wollen, nicht umsetzen konnten. Denn aus der geringen Stichprobengröße ergaben sich nur unzureichend zwei getrennte Gruppen, die den Hort besuchen bzw. eben nach Hause gehen. Stattdessen finden die Autorinnen aber anhand der Schulfreude zwei statistisch signifikant differente Gruppen und nutzen diese, um das Zusammenwirken der „Sozialisationsinstanzen“ zu untersuchen. Daraus lässt sich bspw. folgender Befunde generieren: Die Schulleistung steht nicht im Zusammenhang mit dem Hortbesuch, aber Kinder, die gern die Schule besuchen, haben signifikant die besseren Noten im Fach Deutsch.

Diskussion

Die vorliegende Studie scheint im Hinblick darauf, was eine Sozialisationsinstanz ist und wie die Perspektive des Kindes methodisch erkundet werden kann, wenig systematisch und konsistent. Ebenso wirkt der Bildungsbegriff primär schulisch formalisiert. Zugleich bleibt es unbegründet, warum die traditionelle Grundschule – Hort Struktur, so dass Zusammenspiel zweier institutionell getrennter Einrichtungen als Feld für die Erkundung der Fragestellung genutzt wurde. In diesem Feld sind die herausgearbeiteten, die Ganztagsschulentwicklung problematisierenden Ergebnisse zum „ganzen Kind“ und „Ganztag“ wenig überraschend. Die Stichprobenziehung erscheint willkürlich-fremdgesteuert.

Der Befund der Autorinnen, dass es eine „Neudefinition der Bildung am Nachmittag“ und eine „Neuorganisation der Bildungsinstitutionen“ braucht, um den „Bildungserfolg der Kinder vom Bildungsstatus der Familien“ (Klappentext) zu entkoppeln, hätte nicht dieser Studie bedurft, da dieser Gedanke ja Ausgangspunkt der Ganztagsschulentwicklung vor mehr als zehn Jahren war. Dass dieser Anspruch in der Ganztagsschulentwicklung, besonders in der Grundschule-Hort-Struktur, weiterhin mangelhaft umgesetzt wird, zeigt die Ganztagsschulforschung in ihren bundesweiten und regionalen Projekten in empirisch überzeugender Form.

Fazit

Die Veröffentlichung eignet sich als Lektüre für Studierende und in der Forschung Tätige, um einen psychologisch orientierten Zugang zum Themenfeld (Ganztags-)Schule – Hort – Familie nachzulesen. Das Werk ist keinesfalls als Quelle geeignet, um sich ein Bild über die Arbeit des Hortes zu verschaffen, da die Studie dessen Funktion nicht erfasst.

Rezension von
Dr. Thomas Markert
Hochschule Neubrandenburg, Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung
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Es gibt 11 Rezensionen von Thomas Markert.

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Zitiervorschlag
Thomas Markert. Rezension vom 06.10.2015 zu: Dorothee Doerfel-Baasen, Oksana Baitinger: GANZes Kind den ganzen TAG? Frank & Timme (Berlin) 2015. ISBN 978-3-7329-0121-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19548.php, Datum des Zugriffs 25.02.2024.


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