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Wolf Rainer Wendt: Soziale Versorgung bewirtschaften

Cover Wolf Rainer Wendt: Soziale Versorgung bewirtschaften. Studien zur Sozialwirtschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 190 Seiten. ISBN 978-3-8487-2179-5. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 49,90 sFr.
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Thema

Der Autor beschäftigt sich in diesem Buch mit dem Versorgungsgeschehen im Sozial- und Gesundheitswesen. Die Aspekte des persönlichen, des gemeinschaftlichen und des wirtschaftlichen Sorgens werden in Form von sechs Studien beleuchtet.

Autor

Wolf Rainer Wendt (geboren 1939) hat Philosophie, Psychologie, Soziologie und Kunstgeschichte an der Universität Tübingen und an der Technischen Universität Berlin studiert.
Der Autor war viele Jahre als Praktiker (Jugendamt Stuttgart) und als Dozent an mehreren Hochschulen tätig, von 1977-2004 Leiter des Studienbereichs Sozialwesen der Berufsakademie Stuttgart (jetzt DHBW Stuttgart). Wendts Arbeitsschwerpunkte sind Geschichte der Sozialen Arbeit, Sozialwirtschaftslehre und Case Management. Er ist in zahlreichen Organisationen der Sozialen Arbeit tätig, unter anderem von 1993 bis 2009 Vorsitzender des Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA.
Wolf Rainer Wendt beteiligt sich als Autor und Herausgeber seit Jahren und mit zahlreichen Veröffentlichungen am sozialwirtschaftlichen Theoriediskurs.

Entstehungshintergrund

Wendt beschreibt in der Einleitung: „Die sechs Studien sollen reflektieren, erläutern und ergänzen, was bisher schon zur Sozialwirtschaftslehre ausgeführt wurde, und zu ihrer weiteren Entwicklung beitragen.“ (S.9)

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Wolf Rainer Wendt entwickelt seine Reflexionen in Form von sechs Studien:

  1. Das sozialwirtschaftliche Theorieprogramm
  2. Weiterungen der Sozialwirtschaft
  3. Sorgen und Versorgung
  4. Soziale Produktivität
  5. Soziale Güter und ihre Verteilung
  6. Soziale Wirtlichkeit. Zur Ökologie der Sozialwirtschaft

Die Studien umkreisen allesamt die o.g. Aspekte des persönlichen, des gemeinschaftlichen und des wirtschaftlichen Sorgens. Es ist Wendts Grundtenor, dass alle 3 Aspekte gesehen werden sollen.

Ich werde mich im Folgenden mit der Studie 4. Soziale Produktivität auseinandersetzen. Um einen authentischen Eindruck von Wendts Stil zu geben, werde ich längere Passagen zitieren.

Fazit und Diskussion beziehen sich aber auf alle sechs Studien.

Zu 4. Soziale Produktivität

„Sorgende Menschen sind produktiv in dem, was sie für sich und füreinander leisten. Die Produktivität ihrer Sorgearbeit erscheint nicht in Warenbeziehungen wie in der Erwerbswirtschaft und besteht nicht in dem Mehrwert, den warenförmigen Produkte monetär abwerfen. die Produktivität der Sorgearbeit erweist sich in dem Wohl, das sie mit sich bringt … In der herkömmlichen klassischen Wirtschaftstheorie sind Unternehmen die Produzenten und Haushalte die Konsumenten … In ihr interessiert nicht, was gebraucht wird, sondern was sich absetzen lässt.“ (S.105)

„Die Sozialwirtschaftslehre betrachtet [demgegenüber] Personenhaushalte als die primären produktiven Akteure.“ (S.106)

„Nun ist die Rede von Produkten bei Diensten, die am Menschen für sie und mit ihnen geleistet werden, durchaus unangemessen: Persönliche Zuwendung, eine achtsame Behandlung, Pflege, Erziehung oder Förderung werden nicht fabriziert; sie passen nicht in die Warenform eines Produkts. Die bei Einführung des New Public Management bzw. der Neuen Steuerung im Sozial- und Gesundheitswesen in Verwaltungen und bei Diensten aufgekommene Sprachregelung zur Outputorientierung (Produkt als im Leistungsauftrag definierter Output) war auch gar nicht auf die Unmittelbarkeit einer Sorgearbeit bezogen, sondern sollte „marktlich“ die betriebliche Performanz von Einrichtungen und Diensten zum Ausdruck bringen. Aus dem gleichen Grunde präsentierten sich karitative und andere helfende Institutionen als Sozialunternehmen – und verstehen seither Sozialwirtschaft als Horizont ihres ökonomischen Auftritts im Wettbewerb und in einem Markt.“ (S.107, Kursivsetzungen im Original)

Wendt reflektiert die Produktion von Wohlfahrt in dieser Studie in drei Schritten

  1. „ … auf Beweggründe des Handelns zu physischem Wohlergehen und im Streben nach sozialer Anerkennung zurückzugehen und auf dieser Basis die Produktivität der individuellen Lebenspraxis im biografischen Kontext auszuloten.“
  2. „ … zu betrachten, wie eine Nutzengenerierung aus versorgenden Systemen bzw. durch externe Leistungserbringer effektiv in Anknüpfung an und in Verbindung mit der Produktivität der Endnutzer zustande kommt.“
  3. „Die Verbindung über Leistungen kann … im System der Versorgung effizient oder ineffizient erfolgen.“ (S.110f)

Wendt betont im ersten Schritt, dass die individuelle Wohlfahrtsproduktion einen eigensinnigen Charakter hat, woraus ein längerer Aushandlungsweg entsteht. Hier wie auch in den weiteren Schritten stellt der Autor die Widersprüche heraus, die sich aus den unterschiedlichen Blickwinkeln ergeben. Dafür möchte ich Beispiele zitieren. Die Beispiele wirken aus dem Zusammenhang entnommen möglicherweise sehr provokant, sie illustrieren allerdings die o.g. Widersprüche sehr prägnant und sachlich.

Im ersten Schritt: „Wenn ein junger Mensch in seinem Milieu mit dem Drogengebrauch neben der körperlichen und psychischen Stimulation zugleich eine Verhaltensbestätigung und einen Statusgewinn in der Peergroup erfährt, handelt er insoweit produktiv … Seine Ratio widerspricht der Ratio professioneller Drogenhilfe…“ (S.112f)

Im zweiten Schritt: „Es ist ein Unterschied, ob man in der Verwertungslogik der neoklassischen Mikroökonomie den Kapitalertrag ausrechnet … oder ob nach der sozialen Angemessenheit und Wohlfahrtsdienlichkeit seines Handelns gefragt wird … Für deren Leistungsträger verschieben sich mit der Prävention eventuell nur die Kosten nach hinten und ökonomisch erscheint es am Ende besser, die Ausgaben für die Vorbeugung zu sparen … Beispielsweise lässt sich ausrechnen, dass Raucher wegen ihres früheren Ablebens Kosten sparen, weshalb sich Programme gegen das Rauchen „nicht lohnen“. Mit der gleichen Argumentation wären durchweg bei Beitragszahlern lebensverlängernde Maßnahmen nicht angebracht.“ (S.116)

Im dritten Schritt und daran anschließenden Unterkapiteln erläutert Wolf Rainer Wendt die Vernetzungsmöglichkeiten. „Dem komplexen Versorgungsbedarf kommt ein einzelner Dienst oder eine bestimmte Einrichtung allein kaum nach. Bei der vorhandenen, zumeist fragmentierten Struktur im Sozial- und Gesundheitswesen wird nach einer integrierten Versorgung gesucht und dazu die Bildung von Netzwerken vorgenommen.“ Und er bilanziert: „Während gewöhnlich nur auf der Betriebsebene untersucht und per Controlling erfasst wird, wie es um die Effektivität und Effizienz steht, ist sozialwirtschaftlich der Blick auf die Systemebene der personenbezogenen Wohlfahrtsproduktion angebracht. Sie ist insgesamt kostenwirksam gestaltet, wenn die Ressourcen, die sie in Anspruch nimmt, optimal den Dienstleistungen zugute kommen, mit denen der Bedarf der Nutzer gedeckt wird.“ (beide S.117)

Diskussion und Fazit

Das Buch „Soziale Versorgung bewirtschaften“ ist eine Sammlung von sechs Studien. Entsprechend dieser Darstellungsform (Studien) sollten Leserinnen und Leser keine durchgehende Darstellung des aktuellen Standes der Sozialwirtschaftslehre – auch nicht des Theoriediskurses der Sozialwirtschaftslehre – erwarten.

In der ersten Studie beschreibt Wendt seinen grundsätzlichen Ansatz: „Dieser Praxis zugeordnet und übergeordnet gibt es Institutionen, welche in Belangen des Ergehens Einzelner und der Bevölkerung eine Vorsorge und Fürsorge regeln, sichern, gestalten und übernehmen. Zur Mikroebene des persönlichen, familiären und lebensgemeinschaftlichen Haushaltens mit verfügbaren Mitteln kommen die Mesoebene der Organisationen und Unternehmungen, die Aufgaben der sozialen und gesundheitlichen Besorgung gewidmet sind, und die Makroebene der Politik in den gleichen Belangen.“ (S.17, Kursivsetzungen im Original)

Dieser Ansatz wird in den Studien aus unterschiedlichen Blickwinkeln variiert und vertieft. Das Buch wird dadurch zu einer langen Reflexion über die Soziale Arbeit, die Sozialwirtschaftslehre und die Sozialwirtschaft.

Wendts Sprache in diesen Studien ist oft kompliziert. Das mag ein bisschen dem Theoriediskurs geschuldet sein. Es führt aber dazu, dass die Texte etwas schwer lesbar sind.


Rezension von
Dr. Thomas Kowalczyk
Geschäftsführer COMES e.V., Berlin
Homepage www.comes-berlin.de
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Zitiervorschlag
Thomas Kowalczyk. Rezension vom 30.09.2015 zu: Wolf Rainer Wendt: Soziale Versorgung bewirtschaften. Studien zur Sozialwirtschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-2179-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19552.php, Datum des Zugriffs 21.01.2022.


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