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Kai Born: Qualitätsmanagement für die Psychotherapie QMP

Cover Kai Born: Qualitätsmanagement für die Psychotherapie QMP. Praxisorientierte QM-Systematik mit Musterhandbüchern für verschiedene Praxisformen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 280 Seiten. ISBN 978-3-621-28222-2. D: 128,00 EUR, A: 131,60 EUR, CH: 160,00 sFr.
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Thema

Qualitätssicherung im Gesundheitswesen ist nun wahrlich kein neues Thema, sondern wird in Einrichtungen des Gesundheitswesens seit Jahrzehnten praktiziert. Die explizite Verpflichtung dazu besteht in Deutschland seit Januar 2004 auch für ambulante Leistungserbringer wie ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen. Qualitätsmanagement ist ein in der Wirtschaft entwickeltes Selbstkontrollsystem, das letztlich der Profitmaximierung (und auch dem Kunden) dient. Die Verordnung von Qualität durch die Politik läuft den Intentionen von Qualitätssicherung eigentlich zuwider, jedoch bleibt die Auseinandersetzung mit diesem Thema den Berufsgruppen nicht erspart.

Autor

Dr. med. Kai Born ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (Verhaltenstherapie) mit eigener Praxis in Wiesbaden. Seine vorangegangenen Publikationen weisen ihn als Experten der Verhaltenstherapie aus, der Autor hat zusätzlich auch vielfältige Erfahrungen in der Anwendung von Qualitätsmanagement.

Entstehungshintergrund

Der Autor widmet sich dem Qualitätsmanagement, einem Thema, dem von der Mehrzahl der Angehörige helfender Berufe meist mit Stöhnen und nicht selten mit Widerstand begegnet wird und das aus gutem Grund: Es wird verbunden mit dem Zwang zu Einsparungen, der Reduktion von Ressourcen im Gesundheitswesen und z.T. tatsächlich absurd hohem bürokratischem Aufwand zur Erfüllung der von der Politik vorgegebenen statistischen Anforderungen. Die ständig an der Grenze zum Burn-Out arbeitende Berufsgruppe soll sich nun verordneter Weise auch noch zum Thema Qualitätsmanagement fortbilden, Konzepte und Dokumente erstellen, Qualitätszirkel bilden und sich vielleicht auch noch regelmäßig zertifizieren lassen. Der Autor ist sich dieser Widersprüchlichkeiten jedoch bewusst, sie werden thematisiert und es wird sehr plausibel versucht, das ungeliebte, verordnete Thema Qualitätsmanagement aus der Rolle der/des nach Qualität strebenden Professionistin/Professionisten zu erläutern.

Aufbau und Inhalt

Das Werk kommt in Form eines A4-Ordners und besteht aus den Teilen

  • „Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung“,
  • „Praxisziele und Umsetzungsvorschläge“,
  • einem umfangreichen Anhang mit den Musterdokumenten
  • und einer CD-Rom.

Die Auslieferung als A4-Ordner ist offensichtlich der besseren Übersicht geschuldet.

Die Einleitung ist kurz gehalten. Sie thematisiert die Widersprüchlichkeiten des Themas, um schließlich zu betonen, dass es um die Qualität der Versorgung der Bevölkerung mit der ärztlichen bzw. psychotherapeutischen Dienstleistung geht und Qualitätsmanagement ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen helfen kann gute Arbeit zu leisten und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Der konkrete Aufbau von Qualitätsmanagement wird im vorliegenden Werk eingeschränkt auf den ambulanten Bereich, der Fokus liegt auf psychotherapeutische Einzelpraxen, Berufsausübungsgemeinschaften (Praxengemeinschaften und Gemeinschaftspraxen) und Ambulanzen. Für alle relevanten Prozesse sind Musterdokumente im Anhang, aber auch in elektronisch bearbeitbarer Form auf einer CD-Rom hinterlegt.

Im Teil I werden, neben der Einführung, das Kapitel 2 „Grundlagen des Qualitätsmanagement“ und das Kapitel 3 „Praktische Umsetzung“ vorgestellt. Kapitel 2 behandelt die Rahmenbedingungen (eingeschränkt auf Deutschland), die Entwicklungsgeschichte des Qualitätsmanagement und gibt einen Überblick über gängige Qualitätsmanagementsysteme im Gesundheitswesen. Letzteres allerdings etwas knapp, sodass Uneingeweihte ev. eher abgeschreckt werden. Kapitel 3 gibt wichtige Hinweise auf die Planung und Umsetzung und erklärt den Aufbau eines Qualitätsmanagement Handbuchs und eine Übersicht über die Musterdokumente.

Im Teil II wird die Umsetzung konkretisiert, anhand der Kategorien: Praxisphilosophie, Praxisführung und Praxisorganisation, Mitarbeiter und Fortbildung, Patientenrechte und Patientenschutz und Patientenversorgung. Spätestens an dieser Stelle wird dem Leser/der Leserin klar, dass die Einführung von Qualitätsmanagement mit einigem Aufwand verbunden ist, allerdings wird anhand der Kategorien auch der Wert dieses Aufwands plausibel dargelegt. Ein Literaturverzeichnis beendet den Teil II und es folgt der schon erwähnte Anhang, der die Kategorien noch einmal präzisiert und Musterdokumente zur Verfügung stellt.

Diskussion

Der Autor legt eine Hilfestellung zum Aufbau von Qualitätsmanagement in der ambulanten therapeutischen Praxis vor, ein heikles Thema insofern, als der Zwang dazu eigentlich den Intentionen von Qualitätsmanagement widerspricht. Der letztlich sehr pragmatische Zugang, der die Vorteile von Qualitätssicherung für die ProfessionistInnen deutlich macht und eine sinnvolle Struktur vorgibt, erleichtert die Auseinandersetzung und gibt sehr brauchbare Hinweise für die Umsetzung. Besonders anhand der Kategorien wird deutlich, dass es sich um Bemühungen der Qualitätssteigerung in wichtigen Bereichen der Praxisführung handelt, die dem Leser/ der Leserin im beruflichen Handeln sicher auch ein Anliegen sind.

Der Versuch sowohl psychotherapeutische, als auch ärztliche Praxen sowie auch Praxisgemeinschaften und Gemeinschaftspraxen mit dem nötigen Know-How zu beliefern, führt zu einer etwas schwierigen Lesbarkeit, besonders für Einzelpraxen im psychotherapeutischen Bereich. Hier ist der Leser/die Leserin immer wieder zur Übersetzungsarbeit gezwungen, bzw. muss sich mit der höheren Komplexität von Berufsausübungsgemeinschaften auseinander setzen. Die geringe Standardisierung im Bereich der Psychotherapie wird zwar angesprochen, schließlich wird aber an einigen Stellen auf die Standards der Verhaltenstherapie verwiesen, wahrscheinlich aus dem beruflichen Hintergrund des Autors. Dass die geringe Standardisierung bei einer individualisierenden Behandlung durchaus Sinn macht und die schematischen Vorgangsweisen der Verhaltenstherapie nicht unbedingt für alle Individuen und Problemlagen zielführend sind, wird wenig thematisiert. Insofern muss die Qualitätssicherung auf einer oberflächlichen Ebene bleiben und die psychotherapeutisch wichtige Qualität der Begegnung und Beziehung entzieht sich (weiterhin) der Messung. Tiefenpsychologische und humanistische Verfahren könnten daher eventuell etwas weniger von der Lektüre profitieren, bzw. müssen vielleicht das Kategoriensystem erweitern.

Fazit

Das vorliegende Werk bietet einen ausgezeichneten Einstieg in die Thematik des Qualitätsmanagements, der durchaus praktisch angelegt ist und wesentliche Aspekte abdeckt. Der Autor kommt seinem Ziel, den KollegInnen die Vorteile von Qualitätsmanagement schmackhaft zu machen, (wider Erwarten) sehr nahe, eine Spezifizierung auf Einzelpraxen und die vertiefte Diskussion anderer Methoden als der Verhaltenstherapie wären noch wünschenswert.


Rezensent
Prof. Kurt Fellöcker
MA, MSc, DSA, Psychotherapeut (PD), Fachhochschule St. Pölten
Homepage www.fh-stpoelten.ac.at
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Zitiervorschlag
Kurt Fellöcker. Rezension vom 05.02.2016 zu: Kai Born: Qualitätsmanagement für die Psychotherapie QMP. Praxisorientierte QM-Systematik mit Musterhandbüchern für verschiedene Praxisformen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. ISBN 978-3-621-28222-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19556.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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