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Julia Döring: Peinlichkeit

Cover Julia Döring: Peinlichkeit. Formen und Funktionen eines kommunikativ konstruierten Phänomens. transcript (Bielefeld) 2015. 264 Seiten. ISBN 978-3-8376-3145-6. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Julia Döring versteht Peinlichkeit als genuin kommunikatives Phänomen, bei dem eine innere Erfahrungs- von einer äußeren Ereignisebene unterschieden werden kann. Vor diesem Hintergrund entwickelt sie ein umfassendes Begriffsinventar der Peinlichkeit, das auch Sonderformen des Peinlichen wie die z. B. die „Fremdscham“ berücksichtigt. Anhand einer empirischen Studie über moderne Junggesellenabschiede zeigt sie zudem Bedeutungs- und Funktionsmöglichkeiten ritualisierter Peinlichkeit auf.

Autorin

Julia Döring ist Kommunikationswissenschaftlerin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind kommunikationstheoretische Grundlagen der Gesprächsführung, Kommunikation und Emotion sowie nachhaltige Organisationsentwicklung und Führung.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Dörings Buch umfasst fünf inhaltliche Kapitel

  1. Einleitung
  2. Begriffe und Merkmale von Peinlichkeit
  3. Peinlichkeit als kommunikative Erfahrung
  4. Peinlichkeit als kommunikatives Ereignis
  5. Ritualisierte Peinlichkeit.

Beispielhaft sei hier das zweite Kapitel „Begriffe und Merkmale von Peinlichkeit“ genauer beleuchtet. Das Kapitel gliedert sich in fünf Unterkapitel:

  • „Peinlichkeit“ als Bezeichnung
  • Peinlichkeit als sozialer Orgnisationsmechanismus
  • Peinlichkeit als Emotion der Selbstbewertung
  • Peinlichkeit als emotionaler Reaktionsmechanismus
  • Kommunikationswissenschaftliches Zwischenfazit.

Die Autorin nähert sich einer Begriffsklärung zunächst etymologisch an. Ursprünglich bezogen sich peinlich oder Peinlichkeit ausschließlich auf körperliche Qual oder Not. Unser heutiges Verständnis von Peinlichkeit im Sinne von Bloßstellung oder Blamage wird selbst in Grimms Wörterbuch von 1854 im heutigen Verständnis nicht verzeichnet. Der Begriff Peinlichkeit hat demnach einen grundlegenden Bedeutungswandel erfahren: „Bei der ‚modernen‘ Peinlichkeit kommt es zu einer ‚Verstümmelung der Willkürhandlung‘“ (Higuti 1925: 384), also keiner physisch, sondern psychisch bedingten Verstümmelung, einem psychisch bedingten Defekt, der einen daran hindert, sich so zu verhalten, wie man eigentlich möchte.“ (23) Die Autorin verweist im alltagssprachlichen Rahmen auf drei Kontexte: die deskriptive, die normative und die expressive Dimension von Peinlichkeit. Im wissenschaftlichen Kontext bezieht sich Döring in der Definition vor allem auf das rollentheoretische Paradigma Erving Goffmans, der Peinlichkeit definiert als: „bedauerliche Abweichung von der Normalität (Goffman 1986: 106), …die durch misslungene Selbstdarstellungen oder dramaturgische Störungen in sozialen Interaktionen evoziert wird.“ (28). Peinlichkeit stellt eine Irritation der etablierten sozialen Ordnung dar. Als solche fordert sie „die Interaktionskompetenz der Situationsteilnehmer deshalb in besonderem Maße: die Interaktanten müssen alle ihre Interaktionressourcen mobilisieren, um die Ordnung auf irgendeine Art weiter aufrechtzuerhalten, gefasst zu bleiben beziehungsweise zurück „ins Spiel“ zu gelangen. (28). Demnach erfüllt Peinlichkeit laut Goffman die Funktion, organisatorische Prinzipien und soziale Strukturen zu bestärken.

Im weiteren Verlauf dieses Kapitels widmet sich Döring dem Thema „Peinlichkeit als Emotion der Selbstbewertung“. Die Autorin geht davon aus, dass „Peinlichkeit als emotionale Erfahrung eines betroffenen Individuums betrachtet werden [kann], der spezifische kognitive Strukturmerkmale der Bewertung zugrunde liegen, die sich von anderen Emotionen unterscheiden.“ (33). Im Folgenden grenzt sie Peinlichkeit insbesondere von Scham ab. Sie verweist dabei darauf, dass bei der Scham der „Bezug zu unserem individuellen Selbst als „Ich““ (35) stärker ist und dass Peinlichkeit einen stärkere Öffentlichkeitskomponente besitzt: „Schamphänomene lassen sich von Peinlichkeitsphänomenen also dadurch abgrenzen, dass die Öffentlichkeitskomponente für erstere keine notwendige Bedingung darstellt…Bei Peinlichkeiten hingegen kommen in irgendeiner Weise immer situative Komponenten dazu, die die Außenperspektive betreffen.“ (38). Beiden gemeinsam ist, dass beide eine Beschädigung des Selbstbildes implizieren. Scham bezieht sich grundlegend auf das „core self“ (das Bild, das ein Individuum von sich selbst als individueller Persönlichkeit hat) die, Peinlichkeit auf das „presented self“. Bei Scham kommt es zu einer negativen Diskrepanz zwischen Ich und Ich-Ideal (39). Sie betont außerdem die doppelte Dimension des Schambegriffes: „Der Schambegriff hat folglich zwei komplementäre Seiten: Scham bewahrt den Menschen einerseits davor, bestimmte Tabus zu brechen und Grenzen zu überschreiten, aktiviert sich andererseits, wenn genau das geschieht.“ (45). Döring empfiehlt in diesem Zusammenhang die Unterscheidung von Scham einerseits und Schamgefühl andererseits.

Im weiteren Verlauf ihres Textes grenzt sie Peinlichkeit von Schuld, Stolz und Überraschung ab:

  • Peinlichkeit und Schuld. Während bei Peinlichkeit und Scham der Fokus auf einer Bewertung des Selbst liegen, geht es bei Schuld insbesondere um die Bewertung der Handlungen und Taten des Selbst: „Schuldgefühle stellen sich nur dann ein, wenn der Betroffene davon ausgeht, dass sein Handeln negative Folgen für andere hat oder zumindest haben könnte, die er aufrichtig anerkennt und die Bedauern oder Mitgefühl in ihm auslösen. Aktive Konsequenzen nur insofern eine Rolle, als man sie für sich selbst (sein Image) befürchtet.“ (47). Die Unterscheidung von Peinlichkeit und Schuld ist kulturell variabel, denn sie ist abhängig von der jeweiligen Bewertung und Klassifizierung.
  • Peinlichkeit und Stolz. Döring macht deutlich, dass Scham, Stolz und Peinlichkeit in Selbstbezug und Selbstwertrelevanz übereinstimmen und ansonsten eher komplementär zu sehen sind, da Stolz sich aus einer Deckungsgleichheit mit den eigenen Idealen und Selbstansprüchen ergibt und nicht aus einer negativen Diskrepanz. Stolz kann gleichermaßen für eigene Erfolge empfunden werden wie für Leistungen anderer.
  • Peinlichkeit und Überraschung. Döring versteht Überraschung als ein begleitendes Merkmal für viele Peinlichkeitsphänomene, aber nicht konstitutiv für Peinlichkeit.

Im weiteren Verlauf ihres Textes präsentiert Döring verschiedene sozialpsychologische Klassifizierungsmodelle zur Entstehung von Peinlichkeit, dabei erläutert sie insbesondere das „Dramaturgic Model“ von Silver in Anlehnung an Goffman und das „Personal Standard Model“ von Babcock.

Das erstgenannte Modell nimmt Peinlichkeit als dramaturgische Störung an, in dem Sinne, dass Peinlichkeit stets aus einer schlechten Rollendarstellung resultiert und die eigentliche Peinlichkeit darin besteht, die eigene situative Rollendarstellung nicht weiter wie geplant ausführen zu können (53). Das „Personal Standard Model“ von Babcock versteht als Ursache von Peinlichkeit die Inkongruenz mit persönlichen Verhaltensstandards. Damit ist folglich – in diesem Modell – Öffentlichkeit auch keine notwendige Begriffskomponente.

Fazit

Dörings Abhandlung zu den Formen und Funktionen von Peinlichkeit ist eine solide Auseinandersetzung mit der Thematik. Sie setzt sich gleichermaßen mit alltagssprachlichen wie wissenschaftlichen Fragestellungen auseinander. Dabei gelingt es ihr hervorragend, den grundlegenden kommunikativen Charakter von Peinlichkeit herauszuarbeiten und darzustellen, aus welchen strukturellen kommunikativen Voraussetzungen und Bedingungen Peinlichkeit entsteht und wie sie bei der betroffenen Person ihre Wirkungsweise entfalten. Sie grenzt Peinlichkeit von anderen verwandten Emotionen und Phänomenen ab, ordnet sie begründet und nachvollziehbar als kommunikatives Phänomen (kommunikative Erfahrung und kommunikatives Ereignis) ein und unterstützt ihre Ausführungen durch eine empirische Auseinandersetzung mit der Thematik anhand von Junggesell*innen-Abschieden. Sehr lesenswert!


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 04.11.2015 zu: Julia Döring: Peinlichkeit. Formen und Funktionen eines kommunikativ konstruierten Phänomens. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3145-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19558.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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