socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Max Bolze, Cordula Endter u.a. (Hrsg.): Prozesse des Alterns

Cover Max Bolze, Cordula Endter, Marie Gunreben, Sven Schwabe, Eva Styn (Hrsg.): Prozesse des Alterns. Konzepte - Narrative - Praktiken. transcript (Bielefeld) 2015. 320 Seiten. ISBN 978-3-8376-2941-5. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 45,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema, Herausgeberinnen und Herausgeber

Die geisteswissenschaftliche Alternsforschung (Geschichte, Kunst, Literatur) ist gegenüber der Gerontologie oder Geriatrie vergleichsweise jung und wird zudem noch kaum wahrgenommen. Mit der vorliegenden Publikation soll diesem Image gegengesteuert werden.

Die Herausgeber des Bandes sind alle Promovierende am Graduiertenkolleg „Alter(n) als kulturelle Konzeption und Praxis“ an der Universität Düsseldorf.

  • Max Bolze studierte an der Universität Mainz Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Sportwissenschaften,
  • Cordula Endter, Kollegiatin am genannten Graduiertenkolleg und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie der Universität Hamburg,
  • Marie Gunreben, ebenfalls Kollegiatin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft der Universität Bamberg. Des Weiteren
  • Sven Schwabe, er studierte Soziologie und Politikwissenschaften in Osnabrück und Jena und promoviert gegenwärtig am Graduiertenkolleg in Düsseldorf und
  • Eva Styn, die Kunstgeschichte und Geschichte an der Universität Düsseldorf studierte und dort gegenwärtig ebenfalls promoviert.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist neben einer Einleitung in drei Teile mit Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert – Konzepte, Narrative und Praktiken.

In der „Einleitung“ wird Altern als ein Prozess, der uns lebenslang begleite, der jeden Augenblick für alle und überall geschehe und der Veränderung über die Zeit sei, beschrieben. Prozesse des Alterns seien vor allem kulturell erzeugte Denkschemata, historisch bedingte Narrative und Handlungsskripte, die immer neu angeeignet würden (S. 19).

Die Beiträge des vorliegenden Bandes sind nach inhaltlichen und methodischen Gemeinsamkeiten in drei Sektionen untergliedert. In den Kapiteln unter „Konzepte“ werden Prozesse des Alterns verschiedener Fachrichtungen thematisiert. Die zweite Sektion „Narrative“ beschäftigt sich mit Alterungsprozessen in der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte, wie sie in Texten, Bildern und Diskursen erzählt werden und die dritte Sektion setzt sich mit den Praktiken des Alterns auseinander.

Der Teil „Konzepte“ wird mit einem Kapitel „Chronologie und Biologie“ von Tobias Hainz eingeleitet, der zwei Formen des Alterns und ihre Implikationen beschreibt. So gäbe es seit Jahren eine Debatte über das Altern einerseits und die Aktivität, Produktivität, den Erfolg und das Engagement andererseits. Danach arbeitet er heraus, dass das chronologische und biologische Altern zwei unterschiedliche Prozesse seien. Chronologisch alterten Menschen vom Zeitpunkt ihrer Geburt an und dieser Prozess endet mit dem Tod. Biologisch altere man erst dann, wenn Körperfunktionen nachließen und dieser Prozess trete später als zum Zeitpunkt der Geburt ein. Insofern sei das chronologische und biologische Alter nicht nur nicht identisch, sondern sie liefen noch nicht einmal über die Lebenszeit parallel zueinander ab (S. 39).

Das zweite Kapitel „Altern als Paradigma menschlicher Zeiterfahrung“ von Claudio Bozzaro verfasst, setzt sich mit der zeitlichen Struktur unseres Lebens im Alter auseinander. So spüre man, dass die Zeit vergangen ist, jeder eine Vergangenheit habe, die uns auf das bisher Getane und auf das, was wir geworden sind, festlege (S. 60). Altern gehe mit einem Prozess der Selbstentfremdung ebenso wie mit einem Prozess des Werdens zu sich selbst einher. Im Alter intensiviere sich dieser Prozess, weil am Ende die Geschichte jedes Einzelnen offensichtlich werde. Es bestehe zudem die Chance, menschlich Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Die Fähigkeit zur distanzierten und überlegten Betrachtung sollte zu einem Zeitpunkt des Lebens erreicht werden, an dem noch vieles zu gestalten und zu leben sei.

Mit „Die Prokrastination des Altseins“ ist das folgende Kapitel, das von Max Bolze und Sven Schwabe verfasst wurde, überschrieben. Wer alt ist und wer dieser Kategorie zugerechnet würde, sei immer das Ergebnis einer sozialen Konstruktionsleistung, wobei unklar sei, ob das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben weiterhin die stärkste Alterszuschreibung bleibe. Es scheine einen Konsens darüber zu geben, dass das funktionale Alter als eine neue Altersmarkierung an Bedeutung gewinne. Hier gehe es vor allem um den Gesundheitszustand, von dem die eigenständige Bewältigung des Alltags abhänge. Im Durchschnitt werde der Altersbeginn im 73. Lebensjahr verortet, wobei sich die Grenze, ab der sich Menschen als alt bezeichnen, im Lebenslauf nach hinten verschoben werde (S. 71 ff). Erst dann gestehe man sich das Altsein, ein wenn es eine gravierende Verschlechterung des Gesundheitszustandes und damit verbundener Verluste von Handlungsmöglichkeiten gäbe.

Kapitel vier unter dem Teil „Konzepte“ von Sabine Kampmann thematisiert die Visualisierung von Lebenszeit in der Kunst am Beispiel Roman Opalkas und ist mit dem Titel „1 bis ∞“ versehen. Sie beschreibt das Zeitkonzept des Malers Opalka, das er mit seiner Lebenszeit parallel fortschreibe. Bei seinem Lebenswerk hätte man es mit einem Kunstwerk zu tun, bei dem eine Vorstellung vom Altern als einem permanenten, lebensbegleitenden Zeit- Fluss bestehe.

„Spuren der Zeit“ von Hanno Baro ist die Überschrift des fünften Kapitels in dem er sich fragt, wie Kunst altert. Er bedient sich dabei des Bildes „Epidermis“ von Jorge Otera- Pailos, das Letzterer für die Biennale in Venedig angefertigt hat. Es bestehe aus Rückständen der Zeit, die sich über Jahrhunderte auf den Außenmauern des Palazzo Ducale angesammelt hätten, wobei das Verfahren an eine Häutung erinnere. Um diesen Vorgang zu realisieren, trug er flüssiges Latex auf die Oberfläche, die durch das Trocknen die Spuren der Zeit mit aufnehme. Infolge des Alterungsprozesses der „Haut“, die ein semantisches und materielles Eigenleben führe, gehe sie wieder in den ewigen Kreislauf des „Werdens und Vergehens“ ein.

Der zweite Teil „Narrative“ beginnt mit einem Kapitel von Georg Rudinger „Alter(n)sbilder und -prozesse von der Antike über die Renaissance bis in die Gegenwart im ‚Brennglas‘ von Theodosius Schoepffers Gerontologia seu Tractatus de jure senum (1705)“. So scheine es den Begriff „Gerontologie/Gerontologia“ in seiner heutigen Bedeutung erst seit 1705 zu geben. Allerdings fände sich der griechische Begriff (Colloqium senile) schon bei Erasmus von Rotterdam (1469 – 1536). Schoepffer verwendete eine Methaper für sein Altersbild: „Daher haben alle Menschen nur zwei Augen, Greise dagegen drei wegen ihrer praktischen Erfahrung in vielen Dingen, was man als drittes Auge bezeichnet“ (Becker et.al. 2011;16). Deshalb sei es durchaus in der Tradition der Gerontologia gelegen, dass es heute viele Möglichkeiten für die Zukunft der Alten gäbe gesellschaftlich relevante Aktivitäten mit nachhaltiger Wirkung zu entfalten (S. 155).

Matthias Ruoss überschreibt sein Kapitel mit „Aktives Alter(n) in der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft“. Zunächst geht er davon aus, dass Altersbilder und -stereotype vielfältige, auch entgegengesetzte Positionen umfassten, so dass jede negative Bewertung des Alters auch von einer positiven konterkariere und umgekehrt. Er fragt sich, warum sich das Konzept des Ruhestandes überhaupt durchsetzen konnte, denn aus der Sicht der kapitalistischen, auf Wertschöpfung der Arbeitsgesellschaft erscheine er irrational.

Elena Kletter und Meike Dackweiler sind die Autoren des Kapitels „The Aging Individual in Cross – cultural Context“. Sie beschreiben die kulturellen Unterschiede der Altenpflege in zwei unterschiedlichen Familien anhand von Romanen. Während in der westlichen Kultur physische und kognitive Einbußen durch das Gesundheitswesen und deren Institutionen kurativ behandelbar seien, führe man in der indianischen Kultur sowohl die Demenz als auch die Parkinson Krankheit auf schlechte Familienbeziehungen zurück.

Der dritte Teil des Bandes „Praktiken“ beginnt mit einem Kapitel von Thomas Küpper „… und stülpe mir das Diadem auf die weißen Haare“. Es geht davon aus, dass sich Mode als ein Faktor bei der Konstruktion von Alterungsprozessen erweise und Mode ebenso Vorstellungen präge, was als altersgemäß gelte. Anhand eines Romans wird dargestellt, wie zwei gleichaltrige Frauen, die sich unterschiedlicher Modevorstellungen bedienen, den Körper nicht nur übergehen könne, sondern in seinem Werden auch die Mode (S. 246).

Cordula Endter beschreibt in ihrem Kapitel „Alltagsmobilitäten im Alter“. Es geht hier als Metapher für wenig entwickelte ländliche Räume um einen Bürgerbus, der die von dem ÖPNV nicht bedienten Strecken überwindet. Ein Dorf fährt Bus steht dabei für die Fragmentierung sozialer Ordnungen und das demografische Schrumpfen, dem sich die Akteure des Bürgerbusses widersetzten, indem sie sich widerständig gegen die öffentliche Zuschreibung und vermeintliche Ausschlusskriterien eines Raumes verhielten.

Von Männerhaushalten und ‚anderen neuen Moden‘“ handelt das vorletzte Kapitel, das von Roberta Mandoki und Annika Mayer verfasst wurde. Sie wollen sich in ihren Ausführungen aus ethnologischer Sicht dem Thema nähern. Obgleich die Wissenschaft immer wieder die Prozesshaftigkeit der Alterungsprozesse betone, würde die bürokratische Einordung dazu beitragen, dass Ältere als separate gesellschaftliche Gruppe wahrgenommen werde (S. 273). Infolge verschiedener Zeitlichkeiten und Lebensrealitäten könnten Spannungen zwischen den Generationen entstehen. So beschreiben Mandoki und Mayer anhand zweier Fallvignetten im urbanen Kontext Südostasiens wie Altern sozial normiert und dennoch individuell gestaltet werden kann bis dahin, dass es zu einer Neugestaltung von Wohn- und Familienformen komme.

Im letzten Kapitel „Bestellt und hoffentlich abgeholt“ stellen sich Cordula Endter und Nicolas Haverkamp die Frage, was unter erfolgreichem Altern eigentlich zu verstehen sei und wie die Grundbedürfnisse in ländlichen Räumen heute noch befriedigt werden können. So bedürfe Mobilität in diesen Räumen der Kooperation verbunden mit bürgerschaftlich freiwilligem Engagement, was allerdings einen Abbau öffentlicher Angebote legitimieren könnte.

Fazit

Die vorliegende Publikation ist eine Bereicherung der theoretischen Bearbeitung eines Themas, das alt daher kommt aber erfrischend neu bearbeitet wurde. Die wissenschaftliche Tiefgründigkeit der Aufarbeitung des Alters und Alterns aus kunsthistorischer Sicht ist belebend für die Thematik und bringt ganz neue und differenzierte Herangehensweisen hervor. Die Arbeit des Graduiertenkollegs der Universität Düsseldorf, dem alle Autoren angehören, ist eine sehr gelungene trotz oder gerade wegen der akademisierten Sprache.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
E-Mail Mailformular


Alle 140 Rezensionen von Gisela Thiele anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 16.12.2015 zu: Max Bolze, Cordula Endter, Marie Gunreben, Sven Schwabe, Eva Styn (Hrsg.): Prozesse des Alterns. Konzepte - Narrative - Praktiken. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-2941-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19559.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung