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Stefan Schneider: Bilingualer Erstspracherwerb

Cover Stefan Schneider: Bilingualer Erstspracherwerb. UTB (Stuttgart) 2015. 315 Seiten. ISBN 978-3-8252-4348-7. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Autor

Prof. Dr. Stefan Schneider lehrt Romanische Sprachwissenschaften an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Thema

Mehrsprachigkeit ist ein alltägliches Phänomen; Millionen von Kinder erwerben und verwenden mehrere Sprachen gleichzeitig. Die geringe Anzahl deutschsprachiger einführender Werke zum bilingualen Erstspracherwerb bewegten Stefan Schneider, dessen eigene Töchter deutsch-italienischsprachig aufwuchsen, zum Schreiben dieses Buches. Entstanden ist es aus seinen Skripten zu Vorlesungen und Seminaren. Das Buch ist als wissenschaftliche Einführung konzipiert.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einführung erläutern Kapitel 2 und 3 theoretische und forschungstechnische Aspekte.

In Kapitel 2 werden grundlegende Konzepte vorgestellt und die wichtigen Begriffe der Bilingualität und des Bilingualismus erklärt, wobei vor allem die bilinguale Kommunikation in der Familie und in ihrem Umfeld im Mittelpunkt steht mit den Konzepten „eine Person? eine Sprache“ und „Familien? Umgebungssprache“.

In Kapitel 3 wird die Veränderung von forschungs- und praxisrelevanten Fragestellungen, Hypothesen und Methoden im letzten Jahrhundert bis heute nachvollzogen.

Kapitel 4 und 5 geben einen Forschungsüberblick.

Kapitel 4 stellt vor allem die frühen Studien von Ronjat (1013) und Leopold (1939 – 1949) vor.

In Kapitel 5 zeichnet der Autor neuere Entwicklung ab 1978 anhand prägender Studien nach. Meist handelt es sich um Langzeitbeobachtungen einzelner Kinder; größere Probandenzahlen haben nur die Untersuchungen aus Deutschland.

Der Erstspracherwerb ist eingebettet in die Gesamtentwicklung des Kindes. Stefan Schneider stellt im sechsten Kapitel die wichtigen Schritte des Erstspracherwerbs dar wobei er die monolinguale Entwicklung und dazu Gemeinsamkeiten und Unterschiede der bilingualen Entwicklung beschreibt. Er geht auf die Aspekte Perzeption und Verarbeitung von Lauten, Erkennen von Wortgrenzen, frühkindliches Lallen, erste Wörter, Wortschatz (und Äquivalente in beiden Sprachen), erste Mehrwortäußerungen und die Quantität und Qualität des Inputs ein.

Im siebten Kapitel vergleicht der Autor nochmals spezifische Aspekte der bilingualen und monolingualen Sprachentwicklung, vor allem bzgl. Wortschatz (der Gesamtwortschatz scheint durchschnittlich bei bilingualen Kindern etwas größer, der Wortschatz in den einzelnen Sprachen etwas geringer als bei monolingualen Kindern zu sein, wobei ein hoher Prozentsatz der frühkindlichen Äußerungen keiner spezifischen Sprache zugeordnet werden kann) und Sprachstörungen (Forschungsstand zur Häufigkeit des Entwicklungsstotterns).

Sprachmischung ist zentrales Thema der gegenwärtigen Forschung zum bilingualen Erstspracherwerb (Kapitel 8). Es ist ein sehr allgemeiner Begriff; verschiedene Aspekte (Ausmaß, Arten, Ursachen, Matrixsprache und eingebettete Sprache) werden aufgegriffen.

Im nächsten Kapitel werden die kognitiven Aspekte der Bilingualität diskutiert. Wie ist generell der Zusammenhang zwischen Sprache und Denken? Gibt es Unterschiede zwischen monolingualen und bilingualen Personen hinsichtlich neuronaler Entwicklungen, Intelligenz und Denkfähigkeiten, Mentalisierungsfähigkeit, metalinguistischem Bewusstsein oder beim Erwerb weiterer Sprachen.

Im abschließenden Kapitel bespricht Stefan Schneider Aspekte erzieherischen Verhaltens und kultureller Zugehörigkeit, die für ein Gelingen des bilingualen Erstspracherwerbs hinderlich oder förderlich sein können.

Diskussion

Der Autor greift vielfältige Aspekte des Themas auf, beginnend mit einer Einführung in wissenschaftliche Konzepte und Forschungsfragen. Wissenschaftliche Untersuchung, häufig längsschnittliche Einzelfallstudien, werden forschungsgeschichtlich eingeordnet und in chronologischer Reihenfolge vorgestellt. Diese Studien nehmen eine zentrale Position im Buch ein; sie werden sehr ausführlich dargestellt und sind – so wie der Autor es richtig einschätzt – wohl nur für die besonders an der Forschung interessierten Leser in diesem Maße relevant.

Verständlich werden die Schritte der Entwicklung aufgegliedert in deren Komponenten dargestellt. Auch Fragen der Kognition, der Erziehung und der Kultur werden diskutiert.

Es zeigt sich, bilingualer Spracherwerb ist a priori kein Risikofaktor. Für eine erfolgreiche Bilingualität gibt es Voraussetzungen, zu denen u.a. eine positive Einstellung zur Bilingualität, die Wertschätzung beider Sprachen und Kulturen, intensive emotionale und sprachliche Zuwendung beider Elternteile und ein regelmäßiger und dauerhafter Kontakt mit Sprechern beider Sprachen gehören.

Das Buch ist nicht als praktische Anleitung zur bilingualen Erziehung gedacht. Es ist vielmehr eine wissenschaftliche Einführung, die allen, die sich mit bilingualem Spracherwerb beschäftigen (wollen), zu empfehlen ist.

Zielgruppen

Personen, die sich im Laufe der universitären oder beruflichen Ausbildung mit bilingualem Erstspracherwerb befassen; aber auch Personen ohne spezielle Fachkenntnisse

Fazit

Das Buch beschäftigt sich mit Fragen des bilingualen Spracherwerbs. Theoretische Konzepte, Forschungsmethoden, viele einschlägige wissenschaftliche Studien, der Verlauf des bilingualen Spracherwerbs kontrastiert zum monolingualen Spracherwerb, Sprachmischung, kognitive, soziale und kulturelle Faktoren werden umfassend und anschaulich behandelt. Als wissenschaftliche Einführung kann es Studierenden und interessierten Laien empfohlen werden.

Summary

The book focuses on issues of the bilingual acquisition of language. Theoretical aspects, research methods, many relevant scientific studies, the process of the bilingual acquisition of language in contrast to monolingual acquisition, mixture of languages, cognitive, social and cultural parameters are discussed clearly and extensively. The scientific introduction into bilingual acquisition of language can be recommended for students as well as for other interested persons.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 22.01.2016 zu: Stefan Schneider: Bilingualer Erstspracherwerb. UTB (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-8252-4348-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19570.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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