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Klaus Wolf (Hrsg.): Sozialpädagogische Pflegekinder­forschung

Cover Klaus Wolf (Hrsg.): Sozialpädagogische Pflegekinderforschung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. 302 Seiten. ISBN 978-3-7815-2047-9. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 31,50 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Es geht um eine Zusammenstellung des derzeitigen Forschungsstandes zum Pflegekinderwesen, wobei die Betonung auf der sozialpädagogischen Forschung liegt. Damit geht es nicht um primäre Aspekte wie Bindung oder Entwicklung, sondern „um das Erleben in seiner Vielschichtigkeit, da Erziehung hier nicht als Einwirkung auf widerständiges Material konzipiert ist, sonder als Anregung zur Aneignung“ (S. 7). Bis auf einen Beitrag stammen alle Aufsätze von Mitarbeiter_innen der Forschungsgruppe Pflegekinder der Universität Siegen.

Aufbau und Inhalt

Der Herausgeber charakterisiert und beschreibt die Beiträge in sehr guter Weise wie folgt: „In dem Beitrag von Daniela Reimer, Dirk Schäfer und Christina Wilde wird ein theoretischer Zugang zu Biografien von Pflegekindern vorgestellt und ein empirischer Forschungszugang zu solchen biografischen Prozessen von der Kindheit über die Jugend bis in das Erwachsenenalter beschrieben. Auch weil Pflegekinder sehr verschiedene Lebenserfahrungen machen, dafür Deutungsmuster entwickeln und unterschiedliche Wege der Bewältigung der allgemeinen und besonderen Aufgaben finden, haben ihre Biografien besondere Verläufe, kritische Lebensereignisse und oft Wendepunkte. Diese sind der Gegenstand einer Untersuchung, die günstige und ungünstige biografische Verläufe miteinander vergleicht und so Faktoren herausarbeitet, mit denen sich die Unterschiede zum Teil erklären lassen.“

Yvonne Gassmann geht in ihrem Beitrag dem besonderen Profil von Entwicklungsaufgaben von Pflegekindern nach. Ausgehend vom theoretischen Konzept der Entwicklungsaufgabe wird sowohl das Allgemeine als auch das Pflegekinderspezifische herausgearbeitet. Die Schweizer Wissenschaftlerin zeigt empirisch, dass die Pflegekinderzufriedenheit eine Schlüsselkategorie für die Identitätsentwicklung ist. Dies hat auch Konsequenzen für die Pflegekinderhilfe.

Daniela Reimer analysiert die Aufnahme in eine Pflegefamilie im Erleben der Pflegekinder als einen Wechsel von einer Familienkultur in eine ganz andere Familienkultur. Aus dieser theoretischen Perspektive ergeben sich für die Übergangsforschung und auch für das Verständnis von kritischen Lebensereignissen neue Akzentuierungen. So wird deutlich, vor welch grundsätzlichen Transformationen die Kinder hier stehen und wie wenig eine Beschreibung als Eingewöhnung in eine bestehende Familie das Erleben erfassen kann.

Judith Pierlings untersucht in einer aufwendigen Einzelfallanalyse, welche biografischen Deutungsmuster Pflegekinder entwickeln können und zeigt deren Bedeutung für ihre Identitätsarbeit. Sie unterscheidet bei der Analyse ihres Materials zwischen konkreten Erklärungen, komplexen Betrachtungen der Lebensgeschichte und biografischen Kernaussagen. Dabei wird die Identitätsentwicklung als Verknüpfungsarbeit sehr deutlich herausgearbeitet.

Corinna Petri geht der Frage nach der sozialisatorischen Bedeutung von Geschwisterbeziehungen nach. Im Hintergrund steht dabei auch die Kontroverse um die gemeinsame oder getrennte Unterbringung von Geschwistern. Anhand einer Fallstudie werden die verschiedenen Facetten der sozialisatorischen Bedeutung von Geschwisterbeziehung deutlich.

Sabine Wehn behandelt in ihrem Beitrag das Erleben und die Bewältigungsleistung eines Jugendlichen von der Kindheit und Jugend bei seiner psychisch kranken Mutter, über das Erleben ihres Suizides durch den 16- Jährigen und die anschließende Platzierung im Betreuten Wohnen. Von dort zieht er auf eigene Initiative in der Familie seines Onkels um. Erleben und Bewältigungsversuche eines Kindes bei der psychisch kranken Mutter werden in der sehr differenzierten Einzelfallstudie deutlich, die auch als ein Beitrag zur Forschung über Verwandtenpflege verstanden werden kann.

Während sich die bisherigen Beiträge primär auf das Erleben der Pflegekinder beziehen, untersucht Andy Jespersen das Erleben gleichgeschlechtlicher Pflegeelternpaare. Eine systematische Darstellung zum Stand der internationalen Forschung zur gleichgeschlechtlichen Elternschaft und Pflegeelternschaft stehen am Anfang. Dann wird das Erleben der Pflegeeltern rekonstruiert, die in einer Situation zweifach unkonventioneller Familien leben: als Pflegefamilie und zugleich als gleichgeschlechtliches Paar. Ihre eindrucksvolle Normalitätsbewältigung in der Andersheit wird dabei deutlich.

Klaus Wolf stellt ein theoretisches Modell der Herkunftsfamilien-Pflegefamilien-Figuration vor, in dem spezifische Formen der Beziehungen zwischen Menschen aus der Herkunftsfamilie und Pflegefamilie und des Kindes analysiert und typisiert werden. In einer solchen Typologie werden die Wechselwirkungen und Konflikte als Struktureigentümlichkeit von Pflegeverhältnissen verständlich. Christina Wilde richtet den Blick auf die Eltern der Pflegekinder. Das Erleben und die Bewältigungsaufgaben der Eltern werden als sozialisationsrelevanter Prozess auch für die Kinder deutlich. Die Eltern stehen vor grundlegenden Transformationsprozessen ihrer Lebensform, ihrer Beziehung zum Kind und ihres Modells von Elternschaft. Sie machen u. a. Degradierungserfahrungen mit Sozialen Diensten, aber auch die Möglichkeiten der Sozialen Dienste als Ressource für die Eltern werden dargestellt.

Corinna Petri, Judith Pierlings und Dirk Schäfer stellen aus ihrer Untersuchung über Rückkehrprozesse aus der Pflegefamilie in die Herkunftsfamilie insbesondere die Perspektive der Eltern dar. Aus der Analyse von deren Erfahrungen entwickeln sie Empfehlungen an eine professionelle Praxis insbesondere für die Begleitung der Eltern vor, während und nach der Rückkehr des Kindes.

In dem Beitrag von Judith Pierlings und Daniela Reimer werden die Erlebnisformen von Pflegeeltern, dem Kind und den Eltern, wenn sie in Besuchskontakten aufeinandertreffen, analysieren. Zu diesem heiklen Thema wird der nationale und internationale Forschungsstand skizziert. Aus ihren verschiedenen Forschungsprojekten wird ein Modell zum Zusammenspiel des Erlebens von Eltern, Kind und Pflegeeltern entwickelt.

Andrea Dittmann verwendet Studien zur Generationsperspektive, um das Konzept eines Dreigenerationenmodells der Pflegeelternschaft zu entwerfen. Das intergenerative Zusammenspiel in der Pflegekinderhilfe und die intergenerative Dimension der Kooperation der Professionellen schärft den Blick für Potenziale, aber auch Konfliktmuster in der Pflegekinderhilfe.

Klaus Wolf begründet, warum eine Theorie zum Erleben und zur Entwicklung in Pflegefamilien notwendig ist, und welche Elemente sie enthalten könnte. Einige Facetten einer sozialpädagogischen Pflegekindertheorie werden dort vorgeschlagen und sollen zur Weiterentwicklung anregen. (S. 10 ff.)

Diskussion

Die Beiträge in diesem Buch weisen eine große Bandbreite auf. Sie basieren auf durchgeführten Studien und rezipieren auch den internationalen Kontext, insofern bildet es auf jeden Fall den aktuellen Forschungsstand ab. Alle Beiträge sind gut aufgebaut, weisen die Methodik aus, auf denen die jeweiligen Untersuchungen basieren und bilden am Ende nicht nur eine Ergebniszusammenfassung, sondern weisen auf theoretische Implikationen oder weitere Forschungsnotwendigkeiten hin. Zwei Beiträge fallen in ihrer Art aus dem eben skizzierten Rahmen des Buches heraus, weshalb sie hier besonders vorgestellt werden sollen.

Andrea Dittmann untersucht in einem Essay, wie zukünftig Pflegeeltern gewonnen werden können, wozu sie die „Generationenbrille“ aufsetzt und fragt, welche Charakteristika verschiedene Generationen (geboren ab 1980, geboren zwischen 1960 und 1970 sowie geboren zwischen 1945 und 1959) prägen und wie die jeweiligen Generationen als potentielle Pflegeeltern erreichbar wären. Damit weist sie auf einen wichtigen Impuls hin, der in der Praxis häufig nicht gesehen wird: die Notwendigkeit der Intergenerativität. Dabei geht es nicht nur darum, Erfahrungen und Wissen zu tradieren, sondern auch neue/andere Lebensbedingungen und- situationen zu berücksichtigen. Insbesondere die Jugendämter sind hier gefordert, sich stärker auf diesen Kontext einzulassen, wenn sie neue Pflegeeltern gewinnen wollen/müssen.

Der Beitrag von Klaus Wolf weicht in doppelter Hinsicht von den anderen Beiträgen ab: er diskutiert, wie eine Theorie zum Leben und zu Entwicklung in Pflegefamilien aussehen könnte. Dabei wird der besondere sozialpädagogische Blick noch einmal deutlich, denn er wendet sich klar gegen eine neue Adoption von Erkenntnissen aus anderen Zusammenhängen (z. B. klinische Aspekte, Entwicklungspsychologie) sondern betont die Einordnung dieser Momente in dem spezifischen Zusammenhang von Pflegekindern und Pflegefamilien, in den z. B. nach Entwicklung als lebenslanger Prozess gefragt wird inklusive der Pflegefamilien (und nicht nur des Pflegekindes), indem Sozialisationen berücksichtigt werden, indem es um sozialpädagogische Orte geht, indem Machttheorien berücksichtigt werden und indem Normalitätsbalancen von Pflegekindern als Lebensfeld berücksichtig werden und einiges mehr. Es geht darum, eine sozialpädagogische Theorie zu entwerfen, die sowohl als Überbau wie als Reflektionsfolie der Praxis zu einem größeren Selbstverständnis und zu einer gelingenderen Praxis beitragen kann. Dazu hat Wolf hier verschiedene Elemente benannt, die diskutiert und formuliert werden müssen.

Fazit

Das Buch bietet einen breiten Überblick über die aktuelle Forschung im Pflegekinderwesen. Allerdings muss der Leser ein kleiner Experte sein, um alles zu verstehen und nachvollziehen zu können. Es gibt wichtige Impulse für Jugenddienste und Jugendämter und auch für die Politik, die den Rahmen des Pflegekinderwesens formt. Für Studenten, die beruflich mit Kindern in Fremdplatzierungen zu tun haben, muss es Pflichtlektüre werden.

Summary

This book offers a wide view on actual research in foster care. To understand this book you have to be a little bit expert. There are many important implications for youth services and youth welfare offices and also for politics. For students studying social work and being interested in working with children in foreign placements reading this book is a duty.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 18.01.2016 zu: Klaus Wolf (Hrsg.): Sozialpädagogische Pflegekinderforschung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. ISBN 978-3-7815-2047-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19578.php, Datum des Zugriffs 02.12.2020.


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