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Ulrich Bartosch, Agnieszka Maluga u.a. (Hrsg.): Konstitutionelle Pädagogik als Grundlage demokratischer Entwicklung

Cover Ulrich Bartosch, Agnieszka Maluga, Michael Schieder (Hrsg.): Konstitutionelle Pädagogik als Grundlage demokratischer Entwicklung. Annäherungen an ein Gespräch mit Janusz Korczak. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. 290 Seiten. ISBN 978-3-7815-2049-3. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 31,50 sFr.
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Eine andere Sprache der Erziehung

Der Arzt und Pädagoge Janusz Korczak (1879 – 1942) hat mit seinem Werk und seiner persönlichen Existenz Wegmarken im Bildungs- und Erziehungsdenken und -handeln gesetzt, die auch heute noch – und möglicherweise heute in besonderer Weise – beim Kampf um Gerechtigkeit der Beachtung verdienen. Der als Henryk Goldszmit in Warschau geborene Sohn einer assimilierten jüdischen Familie war ein engagierter Verteidiger der Befreiung des Kindes, ohne welche die "Befreiung der Menschen", wie er sich äußerte, nur ein leeres Wort bleiben würde. Sein Großvater, ein Arzt und sein Vater, ein Rechtsanwalt und Notar, pflanzten in den Jungen Henryk eine Sensibilität für eine Gesellschaft ein, in der es – entgegen den damaligen Verhältnissen in Russland und Polen – kein Elend und keine Not geben sollte. Als 17jähriger, nach seines Vaters Tod, schienen das sorglose und von materieller Not befreite Leben des Jungen, und auch seine beruflichen Perspektiven erst einmal vorbei zu sein; er musste für seine Mutter und Schwester sorgen. Doch seine Zielstrebigkeit und sein Lerneifer ermöglichten es ihm, auch indem er Nachhilfestunden für Kinder erteilte, das Abitur zu erreichen und Medizin zu studieren. Bereits damals kam er in den Armenvierteln Warschaus mit dem Elend vor allem der Kinder in Berührung. Durch Fortbildungen in Kinderkrankenhäusern in Berlin, Paris und London spezialisierte er sich als erfolgreicher Kinderarzt. Sein wohlhabender Patientenkreis hätten es ihm ermöglicht, sich hier weiter zu etablieren. Aber seine Sorge um das Wohl der benachteiligten Kinder trieb ihn weiter. Bereits mit 19 Jahren entdeckt er seine Fähigkeit, zu schreiben. Unter dem Pseudonym "Janusz Korczak" beteiligt er sich mit dem Drama "Wohin des Weges?" an einem literarischen Wettbewerb des "Kurier Warszawski" und erhält eine Auszeichnung. Er nimmt an von einem Wohltätigkeitsverein organisierten Ferienkolonien teil und betreut eine Kindergruppe aus einem Warschauer Armenviertel. Seine Erfahrungen verarbeitet er in zwei kurzen Romanen – "Joski, Moski i Srule" und Joski, Jaski i Franki" – in denen er mit Einführungsvermögen und Humor die Eindrücke der Kinder schildert, die bis dahin nur Not, Unterdrückung und Gewalt kennen gelernt hatten. Weitere schriftstellerische Erfolge in der Wochenzeitung "Kolce" (Stacheln), als "Koczalki – opalki" (Albernheiten) gern gelesene feuilletonistische Veröffentlichungen und sein erster umfangreicherer Roman mit dem Titel "Dzieci ulicy" (Kinder der Straße) folgen. Arzt oder Schriftsteller? Mediziner oder Pädagoge? Aufklärer oder Etablierter? Henryk oder Janusz? Korczak versammelte in seiner Person und seinem Engagement alle diese Möglichkeiten. Dies aber mit einer Konsequenz, die für sein Leben und Werk charakteristisch werden sollten. Als er 1911 das nach seinen Plänen errichtete Waisenhaus "Dom Sierot" als ärztlicher und pädagogischer Leiter übernimmt, kann er seine erzieherischen Visionen realisieren, die sich in seinem Wahlspruch verdeutlichen: "Ich habe es gelobt und will dabei bleiben: der Sache des Kindes bin ich verpflichtet".

Den ersten Weltkrieg von 1914 – 1918 erlebt er als Feldarzt in der Mandschurei und Kiew. In dieser Zeit entsteht auch sein bekanntestes Werk "Jak kochaç dziecko" (Wie man ein Kind lieben soll, Göttingen 1967 / 1974, 366 S.). Korczak selbst bezeichnete dieses Buch als sein "Gertrud"; und er verdeutlicht damit seine Wahlverwandtschaft mit Pestalozzi. Immer mehr versteht er sich in der Nachfolge der im Königreich Polen berühmt gewordenen Wanderphilosophen, von Gelehrten ohne Lehrstuhl, die sich sozial engagieren und das Volk aufklären wollen, um auf Ausbeutung und Unterdrückung hinzuweisen. Um die Lage der Kinder zu verbessern, müsse das Bewusstsein der Erwachsenen für Gerechtigkeit, Freiheit und Menschlichkeit geschärft werden. Dabei kommt es ihm darauf an deutlich zu machen: "Das Kind wird nicht erst ein Mensch, es ist schon einer". Der "Scheidungsprozess" vom Arzt zum Pädagogen wird für ihn zwingend, als er erkennt, dass die Not der Menschen mit Medikamenten nicht zu heilen ist: "Wann, zum Teufel, werden wir endlich aufhören, Salizyl gegen Elend, Ausbeutung, Unrecht, gegen Verwaisung und Verbrechen zu verschreiben? Wann, in Dreiteufels Namen?". Im polnischen Rundfunk spricht er in wöchentlichen Sendungen von 1934 bis 1938 unter dem Pseudonym Der alte Doktor. Er erzählt Kindern Geschichten, berät Eltern und ruft die Öffentlichkeit auf, daran mitzuarbeiten, dass sich die Zukunft nicht so sehr in einer anderen, besseren Gesellschaftsordnung darstellt, als vielmehr in einem besseren Menschen. In seinen Erzählungen "König Hänschen I" (Göttingen 1973, 262 S.) und „König Hänschen auf der einsamen Insel“ (1972, 186 S.) geht es um einen König, der zum Kind geworden ist, das eine gerechte und friedfertige Welt bauen will.

Im September 1939 beteiligt sich Korczak an Aufrufen zur Verteidigung von Warschau gegen die Willkür und Besetzungen der Nationalsozialisten. Er lehnt es ab, trotz zunehmender Repressionen, als Kennzeichen seiner Zugehörigkeit zum Judentum den gelben Stern zu tragen. Im Oktober 1940 muss er mit seinem Waisenhaus "Dom Sierot" in das Ghetto umziehen. Alle Versuche seiner Freunde, ihn dort herauszuholen, scheitern: Es war für ihn eine Zumutung, die Kinder in Stich zu lassen. Am 5. August 1942 werden Korczak, das Personal des Waisenhauses und 200 Kinder vom Ghetto durch Warschau zum Danziger Bahnhof geführt. Das Ziel: Das Konzentrationslager Treblinka. Sie tragen ein Fähnchen mit sich: ein goldenes, vierblättriges Kleeblatt auf grünem Grund, als Zeichen der Hoffnung, die sich für sie nicht erfüllen sollte. Soweit erst einmal seine Lebensgeschichte.

Seine radikale Pädagogik vom Guten, Schönen und Wahren im Menschen hat in der Rezeption immer wieder Pädagoginnen und Pädagogen herausgefordert. Eine deutsche Gesamtausgabe durch ein Forscherteam (Beiner, Dauzenroth, Ungermann, Kaminski, Kirchner) ist erst mit der 16bändigen Ausgabe von 1996 – 2010 möglich geworden. Sein Werk wird insbesondere vom Warschauer "International Commitee for the Commemoration of the Korczak Centenary“, und außerhalb Polens in mehreren Vereinigungen, Gesellschaften und Janusz-Korczak-Schulen, etwa in Wien, Duderstadt, Castrop-Rauxel, Altenstadt, Neuss, Wolgast und Heringsdorf aufrecht erhalten. Die UNESCO hat die hundertste Wiederkehr von Korczaks Geburtstag 1979 mit der Übersetzung seiner Werke u.a. ins Französische bedacht. Selbstverständlich ist Korczak in Israel sehr bekannt. Das beeindruckende Denkmal von Korczak und seinen Kindern in der nationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, das von den Herausgebern im Titel des Sammelbandes gezeigt wird,weist auf die eine Seite der Tragik, aber auch die Konsequenz seines Lebens hin. In Deutschland hat die Korczak-Rezeption auch dies in besonderer Weise betont. 1972 erhielt er posthum den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels; der Verlag Vandenhoek & Ruprecht in Göttingen und Zürich brachte eine Reihe seiner Schriften heraus. Und im Internet gibt es zahlreiche Informationen unter dem Stichwort „Janusz Korczak, sowie Buchempfehlungen über unseren Pädagogen unter amazon.de. Eine Ausstellung „Janusz Korczak“ vom 4. bis 15. 12. 1998 in der Kreuzkirche Hannover hat große Aufmerksamkeit auf den Erzieher gelenkt, der seine „Schule des Verzeihens“ zu einen wichtigen Bestandteil pädagogischen Handelns gemacht hat. Filme über Janusz Korczak bieten einen guten Einblick in sein Werk und seine Pädagogik. Seine Buchtitel und Zeitschriftenbeiträge verdeutlichen sein pädagogisches und erzieherisches Denken und Handeln, etwa: „Von Kindern und anderen Vorbildern“ (2001), „Ohne Kinder wäre Nacht“…

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Das polnische Parlament hat zum 70. Todestag von Janusz Korczak (der am 5. oder 6. August 1942 zusammen mit 200 jüdischen Kindern und deren Erzieherinnen ins Todeslager Treblinka deportiert wurde) und der 100jährigen Wiederkehr des Beginns seiner Arbeit im Warschauer Waisenhaus Dom Sierot am 7. Oktober 1912, das Jahr 2012 zum Korczak-Jahr ausgerufen.

Die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt hat dieses Datum zum Anlass genommen, vom 03. – 05.12.2012 ein wissenschaftliches Symposium durchzuführen, bei dem Referentinnen und Referenten aus Polen, der Schweiz und Deutschland mit Studierenden der Universität und der Hochschule Stuttgart über „Ansätze und Aspekte einer konstitutionell verankerten Pädagogik“ im Sinne von Janusz Korczak diskutierten. 25 Referentinnen und Referenten beziehen zu verschiedenen Aspekten der „Korczak-Pädagogik“ Stellung und vermitteln so das breite, pädagogische und lebensweltliche Spektrum der historischen und aktuellen Bedeutung von Korczaks Werk. Der Eichstätter Erziehungswissenschaftler von der Fakultät für Soziale Arbeit, Ulrich Bartosch, die Sozialpädagogin von der Fachhochschule Kiel, Angniszka Maluga, und die Kunsthistorikerin und Pädagogin Christiane Bartosch geben den Sammelband heraus.

Aufbau und Inhalt

Die sieben Kapitel des Tagungsbandes werden mit Korczak-Zitaten getitelt:

  1. „Ich weiß nicht“ – Riskanz und Offenheit
  2. „Ich bin ein konstitutioneller Pädagoge geworden“ – Erziehung im Rahmen der Verfassung
  3. „Ich habe dich gefunden, mein Gott“ – Reflexionen aus christlicher Perspektive
  4. „Ich habe mein ganzes Leben einige hundert Bücher gelesen“ – Mögliche Begegnungen
  5. „… das zu sein, was es ist“ – Inklusive Pädagogik
  6. „… sei eine Farbe in der Welt der Kinder“ – Beobachtungen
  7. „Ich sei auch Jude, er aber sei Pole, Katholik“ – Perspektiven aus Polen.

Der (em.) Erziehungswissenschaftler von der Universität Zürich, Jürgen Oelker, vermittelt mit seinem Einführungsvortrag zur Eröffnung des Symposiums, „Korczaks Tagebuch und seine Pädagogik“, Einblicke in das humane und pädagogische Denken des „alten Doktors“. Er verdeutlicht damit, dass sein Insistieren auf die ethischen Werte – Achtung, Freiheit, Gleichberechtigung, Identität, Demokratie – und seine „Magna Charta Libertatis“ – Das Recht des Kindes auf den Tod. Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag. Das Recht des Kindes, das zu sein, was es ist“ auf denselben Grundlagen beruht, wie sie in der von den Vereinten Nationen vom 20. November 1959 proklamierten „Erklärung der Rechte des Kindes“, dem Artikel 24 des UN-Zivilpaktes von 1963 und in Artikel 6 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland ausgewiesen wird. So kommt Oelkers zu dem Ergebnis: „Korczak kann man … als entscheidende Absage an jegliches Heilsversprechen, egal ob säkulär oder anders“ – und damit als ein Bekenntnis zur Demokratie lesen.

Die Erziehungswissenschaftlerin von der Fachhochschule Köln, Sigrid Tschöpe-Scheffler, setzt sich in ihrem Beitrag „Risiko in der Erziehung“ mit den vielfältigen, existentiellen Grundgegebenheiten auseinander, die zu der Paraphrase Anlass gibt: „Das Leben ist riskant“. Sie verweist auf die Tendenz, in Bildungs- und Erziehungsprozessen möglichst das Risiko auszuklammern (Stichwort: „Helikoptermütter“) und erinnert an Korczaks Erziehungskonzept einer „Gestaltung von Beziehungen zu Kindern…, in denen wechselseitiges Vertrauen, Anerkennung der jeweiligen Autonomie und Gegenseitigkeit spürbar werden“.

Ulrich Bartosch fragt nach den Sicherheiten und Unsicherheiten, wie sie sich beim erziehungswissenschaftlichen Umgang ergeben. Dabei werden überraschende und für die Denk- und Forschungsprozesse wichtige Erkenntnisse deutlich; die nämlich, dass Korczak nicht die Sicherheit seines ermittelten und erreichten Wissens in den Mittelspunkt stellt, sondern seine Vorläufigkeit: „Für alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollte das Nicht-Wissen Ausgangspunkt und Ansporn sein dürfen“, was bedeutet, dass pädagogisches Denken und Handeln sich immer auch der Begrenztheit und Begrenzung bewusst sein muss und der Gefahr aus dem Weg gehen sollte, dass Erziehung und Bildung zur technologischen Machbarkeit und zum oberflächlichen Funktionieren wird. Da ist die Korczaksche Einstellung „Ich weiß nicht…“ ein probates Mittel für die Theorie und Praxis der Erziehung.

Der (em.) Erziehungswissenschaftler von der Bergischen Universität Wuppertal und Mitherausgeber des 16bändigen Werks Janusz Korczak´, Friedhelm Beiner, zeigt mit seinem Beitrag „Janusz Korczaks Weg zur ‚Pädagogik der Achtung‘ und Maria Falskas Beispiel einer ‚konstitutionellen Erziehung‘“ chronologisch die Geschichte dieser Reformbewegung auf. Dabei wird deutlich, dass die Zusammenarbeit der beiden Pädagogen und Visionäre bei der Gründung und beim Ausbau des Waisenhauses „Nasz Dom“ und desses erzieherisches Wirken zur Entwicklung, immerwährenden Erprobung und praktischen Umsetzung der „konstitutionellen Erziehung“ geführt haben.

Die Pädagogin von der Fachhochschule Kiel, Raingard Knauer, thematisiert mit ihrem Beitrag „Zur Bedeutung gemeinsamen Entscheidens in pädagogischen Einrichtungen“ mit der (uralten), auch von Korczak aufgeworfenen Frage nach dem pädagogischen Verhältnis von Educador und Educandus, wie auch bei den Professionsverhältnissen der pädagogischen Fachkräfte auseinander. „Entscheidungen gemeinsam treffen heißt, sich selbst als Subjekt in demokratischen Aushandlungsprozessen zu erfahren(vgl. dazu auch: Alex Aßmann, Erziehung als Zumutung und Emanzipationsvorhaben. Eine kleine Einführung in die Pädagogik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/13846.php).

Die Rechtswissenschaftlerin von der Universität Eichstädt-Ingolstadt, Renate Oxenknecht-Witsch, verweist mit ihrem Beitrag „Heute ist Morgen – Konstitution und Partizipation“ auf die Möglichkeiten und Konzepte, wie Kinder und Jugendliche bei der Ausgestaltung von gesetzlichen Regelungen beteiligt werden können. Dabei schlägt sie den Bogen von Beteiligungsrechten, wie sie in der UN-Kinderrechtskonvention vorgesehen sind, über die Rechtsvorschriften zur Berücksichtigung des Kinderwillens und den Partizipationsmöglichkeiten, wie sie sie öffentliche Jugendhilfe vorsieht, bis hin zum gesellschaftlichen und politischen Wahlrecht für Kinder.

Siegfried Steiger, Ehrenvorsitzender der Deutschen Korczak-Gesellschaft, reflektiert mit seiner Frage „Muss Sein so sein?“, wie Janusz Korczaks „Magna Charta Libertatis“ zu verstehen ist und welche Bildungs- und Freiheitspotentiale in ihr zu erkennen sind. Am Beispiel des von Steiger gegründeten und geleiteten Experimentellen Theaters Günzberg zeigt er auf, welche Artikulations- und Identifikationsaspekte für Kinder und Jugendliche sich anbieten, um sie selbst sein zu können. Es sind die Unzulänglichkeiten, die uns herausfordern und mahnen, mit Korczak: „Solange wir nicht allen Menschen Brot, ein Dach über den Kopf und die Möglichkeit zur geistigen Bildung bieten, solange dürfen wir uns auch nicht der Illusion hingeben, wir verdienten den Namen menschliche Gesellschaft“.

Der Eichstädter Theologe und Didaktiker Engelbert Groß begibt sich mit seinem Vortrag „Wenn Janusz Korczak beim Symposion auf der Kreuzung von Judentum und Christentum erblickt wird“ auf ein schwieriges Terrain. Es ist gespickt mit historischen Stolpersteinen, ideologischen Klettergerüsten und weltanschaulichen Felsungen. Mit der Korczakschen Frage: „Was würde mir … bedeuten?“ wird schon deutlich, dass eine exegetische Auslegung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Religionsgemeinschaften (und hier dürfte man auch nicht nur die christlich-jüdischen einschließen!) nicht genügt; es bedarf des Horchens, Ahnens und Hoffens; so wie Korczak!

Der Theologe und Pastoralreferent Martin Obermeyer geht mit seinem Beitrag „Konstitutionelle Pastoral? Impulse aus der Pädagogik Janusz Korczaks für die Pastoral“ der Frage nach, welche Impulse sich aus Korczaks Werk für eine Neuausrichtung der Religionspädagogik ergeben könnten. Dabei stellt er das Handlungsmoment „Teilhabe“ in den Mittelpunkt: „Die Menschen sind bereits, mehr als wir ihnen zugestehen wollen, religiös, es ist an uns, diese Erfahrungen oder auch nur Spuren des Religiösen wahrzunehmen, zu respektieren und zu begleiten“.

Der Eichstädter Erziehungswissenschaftler Andreas Lischewski denkt mit einem Problemaufriss über „Nacht und Ohnmacht der Erziehung“ nach. Mit einer Nachschau von den antiken bis hin zu den modernen Vorstellungen, wie es gelingen kann, den „Weg … irgendwo in der Mitte zwischen dem Willen zur Erzielung einer genau kalkulierten Wirkung als einem Übermaß von Erziehung einerseits und der fahrlässigen Übereignung der Kinder an ein kaum mehr kalkulierbares Risiko als ihrem entsprechenden Mangel andererseits“ zu finden, werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Johann Amos Comenius und Korczak herausgearbeitet und damit verdeutlicht, dass „die pädagogische Tugend … Hoffnung (heißt)“.

Der Erziehungswissenschaftler und Didaktiker von der Universität Passau, Guido Pollak vergleicht mit seinem Beitrag „Janusz Korczak und Siegfried Bernfeld“ zwei radikale Denker der Grenzen von Erziehung. Beide Gründer, Leiter, Theoretiker und Praktiker von jüdischen Kinderheimen und Waisenhäusern, haben nach den heutigen Forschungsergebnissen nie zusammen gearbeitet, und sind sich wohl auch nicht begegnet. Beide, Bernfeld (1892 – 1953) wie Korczak, können als „Theoretiker der Grenze“ angesehen werden. Während Bernfeld als Psychoanalytiker und Pädagoge zum engen Kreis um Sigmund Freud gehörte und von dieser Richtung aus seine Reformideen entwickelte, war Korczak als Kinderarzt und Pädagoge der radikalere Grenzzieher. Gemeinsam ist ihnen die „Tatbestands-Gesinnung“: Gesellschaft, Erzieher, Kind, das sind die Grenzen der Erziehung!

Auch die Eichstädter Erziehungswissenschaftlerin und Schulleiterin Barbara Staudigl vergleicht mit ihrem Beitrag „Das Kind als der Andere“ Korczaks Werk mit einem weiteren jüdischen Denker: Emmanuel Lévinas (1905 – 1995). Mit dem Korczakschen Paradigma: „Lasst uns Achtung haben vor den Kindern“ und der Lévinasschen Ethik: „Verantwortung für den Anderen“ kommen Wertvorstellungen und Haltungen zutage, die sowohl im traditionellen wie im aktuellen Bildungs- und Erziehungsdiskurs nicht immer zusammen gedacht werden. Liest man Lévinas und Korczak jedoch zusammen, ergibt sich ein (neuer) Achtungskatalog, der so lauten könnte: „Lasst uns Achtung haben vor der Andersheit jedes Kindes und seiner Einladung zur Verantwortung folgen!.

Die Lehrstuhlinhaberin für Grundschulpädagogik an der Universität Passau, Christina Schenz, leitet das Kapitel „Inklusive Pädagogik“ mit ihrem Beitrag „Gemeinsam leben ein einer inklusiven Demokratie“ ein, indem sie über die Aktualität der Pädagogik von Janusz Korczak reflektiert. Sie zeigt auf, dass Korczak als ein Vordenker der Inklusion angesehen werden kann, und sie verweist auf die vielfältigen Quellenmaterialien und Positionen, die eine „Kultur der Anerkennung“ möglich machen und eine inklusive Demokratie im gesellschaftlichen Denken und Handeln Wirklichkeit werden lässt. Für Bildungs- und Erziehungsprozesse ist dabei notwendig: „Gegenseitige Erziehung“.

Der Eichstädter Pastoraltheologe Janusz Surzykiewicz (der in der Liste der Autorenangaben schlichtweg vergessen wurde) setzt sich mit seinem Beitrag „Inklusionspädagogik im Lichte Janusz Korczaks“ mit der Umsetzung der von der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen geforderten gleichberechtigten Förderung aller Kinder im polnischen Bildungssystem auseinander. Er verweist darauf, dass es eines Perspektivenwechsels von der (bisherigen, nicht nur polnischen) Praxis einer defizit-, hin zu einer kompetenzorientierten Pädagogik bedarf, für die Korczaks Theorie und Praxis eine Fülle von Beispielen liefert.

Peter Loebell, Psychologe und Methodiker von der Freien (Waldorf-)Hochschule Stuttgart stellt in seinem Beitrag den Entwicklungsgedanken bei Janusz Korczaks Werk in den Mittelpunkt. Er zeigt auf, dass Korczaks entwicklungspsychologische Überlegungen nicht auf einem in sich geschlossenem Modell beruhen, sondern auf einem langjährigen, von einem Jahrsiebt-Rhythmus beförderten und von leiblichen, seelischen, biographischen und Umwelteinflüssen bestimmten Entwicklungsverlauf getragen werden. Auf dieser Sichtweise basiert schließlich die (interpretatorische) Zuschreibung des Korczaksen Denkens zur Anthroposophie.

Agnieszka Maluga konfrontiert mit ihrem Beitrag „Die Pädagogik Janusz Korczaks und ihre mögliche Bedeutung für die Begegnung mit dem sterbenden Kind“ die Korczakschen Gedanken zum Tod, zur Endlichkeit der Menschen, zu seiner Magna Charta Libertatis – „Das Recht des Kindes auf den Tod“ – und zu den aktuellen Diskussionen und Auseinandersetzungen um Sterbehilfe und im kinderhospizlichen Kontext. Sie zeigt auf, dass Korczaks „zentrale Stellung des Todes in seinem Leben und eine immerwährende Nähe zu den Themen der Endlichkeit und des Sterbens“ hilfreiche Denk- und Handlungsstrukturen auch für den aktuellen Diskurs anbieten.

Auch Tomá? Zdra?il von der Freien (Waldorf-)Hochschule in Stuttgart reflektiert Zusammenhänge zwischen Korczaks und dem anthroposophischen Denken: „Salutogenese, pädagogische Phantasie und Spiritualität: aktuelle Aspekte des pädagogischen Denkens und Handelns von Janusz Korczak“. Dabei betrachtet er Korczaks wissenschaftliches Werk, seine kreativen und künstlerischen Methoden, sowie seine pädagogische Spiritualität und Humanität: „Eine tiefe nicht gelehrte, sondern gelebte Menschlichkeit ist das Ergebnis“.

Der Anthropologe Rudolf Prinz zur Lippe, Gründungsmitglied der Gesellschaft für interkulturelle Philosophie, stellt in seinem Beitrag „Mensch und Welt bei Janusz Korczak“ drei Textfelder aus Korczaks Buch „Wie liebt man ein Kind“ vor. Dabei verdeutlicht er die Elemente „Leben – Kosmologie“, „Sinnenbewusstsein“, „Wissen“ und erinnert an Korczaks Rat: Lerne nicht aus Büchern, sondern aus dir selbst!

Im Schlusskapitel „Ich sei auch Jude, er aber sei Pole, Katholik“ werden drei „Gastbeiträge aus der Heimat“ abgedruckt. Im ersten Text setzt sich Edyta Januszewska von der Maria Grzegorzewska Akademie für Sonderpädagogik in Warschau in englischer Sprache auseinander mit „Janusz Korczak and childrens´ rights – yesterday, today and tomorrow. An unaccompanied minor asylum-seeker in Poland“. Mit ihrer Situationsschilderung erinnert sie an Korczaks Wort: „the future and happiness of the children rests in our hands“.

Jaroslaw J?cze? von der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Lublin sucht mit seinem Beitrag „Mass media in Janusz Korczak´s life“ nach Inspirationen für die Sozialarbeit heute. Auch er sieht in Korczaks Werk Anregungen und Hilfestellungen: „learn how to understand and how to love a child“.

Den Schlussbeitrag setzt der Rechtswissenschaftler von der Universität Warschau Tomasz Przeslawski, indem er über die „Rechtträgerschaft des Kindes“ nachdenkt. Er zeigt die in der polnischen Verfassung festgelegten zivil- und strafrechtlichen Normen auf.

Die Grußworte zur wissenschaftlichen Tagung, die an Janusz Korczak, sein Werk und Wirken siebzig Jahre nach seiner und der Deportation seiner ihm anvertrauten Kinder aus dem Warschauer Ghetto in das Vernichtungslager Treblinka erinnern sollte, werden von Werner Thole vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft und von Josef Ammer vom Vorstand der Stiftung Katholische Universität Eichstädt-Ingolstadt gesprochen und sind im Anhang des Tagungsbandes abgedruckt.

Fazit

„Erziehung im beginnenden 21. Jahrhundert bedarf der Reflexion ihrer konstitutiven demokratischen Bestimmung“. Es ist sinnvoll, diese Erwartungshaltung und Zielsetzung an den verschiedenen theoretischen Denkrichtungen und praktischen Ausprägungen zu reflektieren und zu messen. Janosz Korczak hat mit seinem eindeutigen und konsequenten pädagogischen und lebensweltlichen Denken und Handeln Zeichen gesetzt, die der Erinnerung und Beachtung verdienen, Hier, Heute und Morgen! „Mit Korczak ist eine Stimme gegeben, die laut für ein rechtlich verfasstes demokratisches Zusammenleben eintritt, um Verzweckung der Kinder und damit aller Menschen unmöglich zu machen“. Mit dem Janusz-Korczak-Symposium vom 3. bis 5. 12. 2012 an der Katholischen Universität Eichstädt-Ingolstadt wurden nicht nur eine Reihe von in der Rezeption der Korczak-Hinterlassenschaft vernachlässigte und einseitig dargestellte Interpretationen zurecht gerückt, sondern vor allem auch Richtungsweiser für die aktuellen, demokratischen, lokalen und globalen Bildungs- und Erziehungsdiskussionen gesetzt.

Die im Sammelband abgedruckten, interdisziplinären Beiträge sollten in den erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Theorie- und Praxisfeldern Beachtung finden!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.10.2015 zu: Ulrich Bartosch, Agnieszka Maluga, Michael Schieder (Hrsg.): Konstitutionelle Pädagogik als Grundlage demokratischer Entwicklung. Annäherungen an ein Gespräch mit Janusz Korczak. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. ISBN 978-3-7815-2049-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19579.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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