Alexander Botte, Ute Sondergeld et al. (Hrsg.): Monitoring Bildungsforschung
Rezensiert von HS-Prof. Dr. Doris Lindner, 25.05.2016
Alexander Botte, Ute Sondergeld, Marc Rittberger (Hrsg.): Monitoring Bildungsforschung. Befunde aus dem Forschungsprojekt "Entwicklung und Veränderungsdynamik eines heterogenen sozialwissenschaftlichen Feldes am Beispiel der Bildungsforschung". Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. 294 Seiten. ISBN 978-3-7815-2048-6. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 31,50 sFr.
Thema
Dieser Band zeigt die Gesamtergebnisse eines Forschungsprojektes zu den langfristigen Veränderungen und Tendenzen der Bildungsforschung im deutschsprachigen Raum. Gefragt wurde, wie sich das interdisziplinäre Feld vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutsamkeit der Bildungsforschung auch im Rahmen politischer Debatten und Förderungen entwickelt hat und welche Merkmale der Forschungskommunikation sich als charakteristisch identifizieren lassen. Neben den Inhalten konkreter Forschungsvorhaben, ihrer Finanzierung und Methoden wurden daher auch insbesondere Kommunikationsstrukturen und Veränderungen der Rezeptionskultur in den Blick genommen. Angewandt wurden eigens entwickelte Indikatoren und Methoden der Wissenschaftsforschung, um Veränderungslinien aufzuzeigen mit dem Ziel, Strategien und Methoden zu entwickeln, die eine kontinuierliche Beobachtung des Forschungsbereiches ermöglichen und gleichzeitig auch sicherstellen sollen, dass Erkenntnisse deutlicher als bisher in bildungspolitische Entscheidungen Berücksichtigung finden. Für die Analyse wurden rund 9.000 bildungswissenschaftliche Forschungsprojekte, die im Zeitraum 1995 bis 2009 durchgeführt wurden, ausgewertet. Neben betreuten Projekt- und Publikationsdatenbanken wurden zudem die internationalen Datenbanken „Web of Science“ und „Scopus“ in die Analyse miteinbezogen.
Entstehungshintergrund
Bei dem Vorhaben handelt es sich dabei um ein Kooperationsprojekt, das gemeinsam von dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), dem GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, dem Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (ifQ) und dem Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) verantwortet wurde.
Herausgeber und Herausgeberin
- Alexander Botte ist kommissarischer Leiter der Arbeitseinheit Informationszentrum Bildung am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und fungierte als Projektleiter von „Monitoring Bildungsforschung“.
- Ute Sondergeld hat als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt „Monitoring Bildungsforschung“ am DIPF bis 2014 gewirkt; seit 2015 ist sie stellvertretende Leiterin der Geschäftsstelle Kooperation E-Medien Österreich (KEMÖ).
- Marc Rittberger ist Direktor des Informationszentrums Bildung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) sowie stellvertretender Geschäftsführender Direktor des DIPF.
Aufbau und Inhalt
Der Band umfasst neben der Einleitung und dem resümierenden Ausblick am Ende sieben Grundkapitel, die wiederum systematisch in einen einführenden Teil, einen Methoden- und Ergebnisteil, einer Zusammenfassung und Diskussion sowie einem Literaturverzeichnis strukturiert sind.
So führen im II. Teil, ‚Projekte der Bildungsforschung‘, Ute Sondergeld, Veronika Kuhberg-Lasson, Katja Singleton und Andreas Oskar Kempf in die Charakteristika des Forschungsfeldes der Bildungsforschung ein. Neben einer Begriffsbestimmung und theoretischen Abgrenzung des Forschungsbereichs und seiner primären Bezugsdisziplinen wurden die dazugehörigen Projekte hinsichtlich formaler, inhaltlicher und methodischer Aspekte ausgewertet. Dynamiken können dabei auf sowohl zeitliche Einflüsse als auch auf Auswirkungen unterschiedlicher Finanzierungsarten rückgeführt werden. Insgesamt lässt sich eine Zunahme der Projekte über den Untersuchungszeitraum und folglich eine Steigerung bildungswissenschaftlicher Forschungsaktivitäten konstatieren. Hinsichtlich Forschungsfinanzierung lässt sich beispielsweise eine vermehrte Diversität der Finanzierer aber auch ein Anstieg der durch die EU geförderten Projekte nachzeichnen. In der Verwendung von Methoden zeigt sich darüber hinaus, dass soziologische und psychologische Projekte häufiger als erziehungswissenschaftliche mit empirischen Methoden arbeiten.
Im III. Teil, ‚Publikationen der Bildungsforschung‘, stellen Katja Singleton, Veronika Kuhberg-Lasson, Ute Sondergeld und Johann Schultheiß die Ergebnisse der Publikationsanalyse vor dem Hintergrund verschiedener Förderarten sowie der beteiligten Disziplinen Soziologie, Psychologie und Erziehungswissenschaft in ihrer Breite vor. Grundlage der Analyse waren 270 Publikationen einer Zufallsstichprobe, für die eine Vollerhebung aller im Projektrahmen entstandenen Disseminationen vorgenommen wurde. In der Auswertung berücksichtigt wurden unterschiedliche Publikationsarten (Zeitschriftenaufsätze, Bücher, Sammelwerksbeiträge), Produktivität (Publikationstätigkeit, Qualifikationsarbeiten), Vernetzung (Anzahl der am Projekt beteiligten AutorInnen sowie Mehrautorenschaften) und Sichtbarkeit (z.B. Internationalität und Konferenzbeiträge). Gezeigt werden konnte, dass sich Unterschiede in der Art und Weise der Veröffentlichungspraxis auf disziplinspezifische Profile und diverse Charakteristika von Drittmittelgebern zurückführen lassen.
Der IV. Teil, ‚Publikationsanalyse in Web Science und Scopus‘, legt mit Valeria Aman, Sybille Hinze und Marion Schmidt eine bibliometrische Analyse der Bildungsforschung der internationalen Datenbanken Web of Science und Scopus vor. Der Schwerpunkt wurde dabei auf Publikations- und Rezeptionsmuster, einerseits auf Publikationsmedien und Sprache, andererseits auf die Strukturmerkmale des Feldes, gelegt. Sie gehen u.a. neben der Frage nach den zentralen Akteuren der internationalen und nationalen Bildungsforschung auch der Untersuchung nach, ob sich Veränderungen hinsichtlich zentraler Charakteristika des wissenschaftlichen Outputs in der Bildungsforschung identifizieren lassen. Bestätigt hat sich u.a. der Trend, dass – und gerade für die international ausgerichteten Datenbanken – immer mehr Artikel in Ko-Autorenschaft entstehen.
In Teil V legen Valeria Aman und Sybille Hinze die Ergebnisse der ‚Rezeptionsanalyse‘ - verschiedene bibliometrische Indikatoren wurden im Zeitverlauf - untersucht vor. Dabei wird das disziplinenspezifische Zitationsverhalten als zu erfassende quantitative Größe in den Blick genommen, um die Rezeption von Publikationen und den in ihnen berichteten wissenschaftlichen Ergebnissen aufzuzeigen. Anders als im Kapitel IV wird hier nicht der Output unter Berücksichtigung der Dokumententypen fokussiert, sondern nur jene betrachtet, die zu den Citable Items zählen. Es wird also ein Konzept dafür vorgelegt, wie die Rezeption wissenschaftlicher Zeitschriftenartikel in der internationalen Community im Feld der Bildungsforschung mithilfe von Zitierungen und daraus entstandenen Indikatoren gemessen werden kann.
Teil VI ergänzt, dargelegt durch Valeria Aman, Ute Sondergeld, Marion Schmidt und Alexander Botte, mit zwei weiteren bibliometrischen Fallstudien im Web of Science die (deskriptive) Auswertung und damit das Gesamtbild des Forschungsfeldes. Diese Zusatzanalysen beinhalten zum einen Veröffentlichungen, die bis Juni 2014 aus dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) initiierten Rahmenprogramm zur Förderung der empirischen Bildungsforschung resultierten, zum anderen jene Publikationen der Projektstichprobe, die in Kapitel III bereits in die Untersuchung miteingeflossen sind.
In Teil VII, ‚Kooperationsnetzwerke im Forschungsfeld Bildung‘, beschreibt Peter Mutschke Ergebnisse von Netzwerkbeziehungen zentraler Akteure im Feld der Bildungsforschung. Zentrale Einblicke werden gegeben in die Untersuchung zur Evolution von Vernetzung im Forschungsfeld Bildung, zur Topologie der Netzwerke sowie zur Akteurszentralität der beiden Netzwerksorten ‚Ko-Projektmitarbeiter-Netzwerke‘ und ‚Institutionennetzwerke‘. Die Untersuchung bestätigt u.a. zusammenfassend, dass Kooperation auch strukturbildende Eigenschaften besitzt.
In Teil VIII schließlich wird durch Karima Haddou ou Moussa, Peter Mutschke und Philipp Mayr die ‚Experimentelle Entwicklung eines Prototyps für das Monitoring von Entwicklungsverläufen in einem Forschungsfeld‘ mithilfe visueller Darstellungen erörtert. Das konzipierte Informationssystem zur Bildungsforschung soll als Web-Prototyp Nutzern eigenmächtig ein Monitoring von in SOFIS indexierten bildungswissenschaftlichen Forschungsprojekten ermöglichen. Generiert werden soll demzufolge ein digitaler Monitoring-Dienst, der Veränderungen eines Forschungsfeldes im Zeitverlauf sichtbar macht.
Diskussion
Auf sehr gut strukturierten und inhaltlich sorgsam aufbereiteten Seiten werden zentrale Projektergebnisse und erste Analysen der Publikationskultur der deutschsprachigen Bildungsforschung einem interessierten Fachpublikum präsentiert. Die Strukturierung in zentrale Bausteine schafft gute Möglichkeiten, um sich in einzelne Textbausteine ausführlichst zu vertiefen; die abschließende Zusammenfassung und Diskussion pro Grundkapitel machen es aber auch möglich, sich lediglich einen verständlichen Überblick zu verschaffen. Deutlich wird jedenfalls, dass die Erkenntnisse des Forschungsprojektes für die Bildungsforschung insgesamt einen hohen Stellenwert einnehmen und wohl künftig nicht an Brisanz verlieren werden – dies vor allem, wenn man sich die Intention des Projekts, ein Instrumentarium zu entwickeln und zu erproben, dass eben jene Publikationskultur kontinuierlich zu beobachten vermag, vor Augen führt.
Von zentraler Wichtigkeit scheint zu sein, Strukturen und Entwicklungslinien der Bildungsforschung und ihrer Hauptdisziplinen mehrebenenperspektivisch in den Blick zu nehmen. Vor allem wird sich wohl erst zeigen, wie die Ergebnisse in den Disziplinen diskutiert und in weiterer Folge auch Wirkungen zeigen. Hinsichtlich der Wirkung bleibt aber auch spannend, wie sich die politische Bildungsdiskussion allgemein und insbesondere in Bezug auf Fördermaßnahmen weiter entwickeln wird. Wie durch die Herausgeberschaft angemerkt, sind mit diesem Projekt erste Grundlagen gelegt, die in (naher) Zukunft zu weiteren ergänzenden Untersuchungen führen sollen. Dies allein bleibt auch zu wünschen übrig.
Fazit
Die Ausführung und Ausrichtung der Publikation rückt natürlich jene Personen als potentielle Zielgruppe in den Mittelpunkt, die, in welcher Weise auch immer, an Bildungsforschungsprozessen partizipieren. Geht es darum, Antworten auf die intendierten Fragen nach Entwicklung und Dynamik des heterogenen Feldes der Bildungsforschung zu erhalten, der ist hiermit also gut bedient. Wer sich darüber hinaus für die Thematik interessiert und auch gerne über manch trockene wissenschaftliche Textpassagen hinwegsieht, kommt um den Band nicht herum.
Rezension von
HS-Prof. Dr. Doris Lindner
Institut Qualitätsmanagement und Hochschulentwicklung
Private Pädagogische Hochschule Wien/Niederösterreich
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