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Kristina Bayer, Dagmar Embshoff (Hrsg.): Kultur der Kooperation. Die Gruppe

Cover Kristina Bayer, Dagmar Embshoff (Hrsg.): Kultur der Kooperation. Die Gruppe. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2015. 160 Seiten. ISBN 978-3-940865-43-4. 16,00 EUR.

Der Anfang ist gemacht, Band 1.
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Thema

Der thematische Schwerpunkt des Bandes bezieht sich auf die Solidarische Ökonomie. Darunter verstehen die Herausgeberinnen und zitieren in der Einleitung das Interkontinentale Netzwerk der Sozialen Solidarischen Ökonomie (RIPESS): „Solidarische Ökonomie bezeichnet Formen des Wirtschaftens, die menschliche Bedürfnisse auf Basis freiwilliger Kooperation, Selbstorganisation und gegenseitiger Hilfe befriedigen“ (S. 10). Besonders hervorgehoben wird die Kultur der Initiativgruppen, die einen Schlüssel zum Erfolg darstellt.

HerausgeberInnen und AutorInnen

Die Herausgeberinnen sind Akteurinnen und Innovatorinnen in unterschiedlichen Netzwerken nachhaltigen Wirtschaftens. Autorinnen und Autoren sind tätig u.a. in der Moderation, in der Beratung und im Gruppentraining. Bezüge zur entsprechenden Projektpraxis sind bei diesen Personen ausgeprägt vorhanden (z.B. zum Ökodorf Sieben Linden).

Aufbau

Die 15 Beiträge folgen keiner Gliederung bilden jedoch vier Themenkreise heraus, aus denen ausgewählte Aspekte im Folgenden vorgestellt werden:

  • Gemeinschaft,
  • Kommunikation,
  • Konflikte und
  • Achtsamkeit.

Ausgewählte Inhalte

Gemeinschaft. Nach einer persönlichen Einstimmung zum Thema „Der Gemeinschaftssucher“ von Dieter Halbach steigt der Folgeartikel „Mal so gesehen“ von Wilfried Schwarz unverzüglich in die komplexe Praxis eines Berliner Beratungsbüros der Gruppen- und Projektberatung ein. So kann eben hierachiefreies Zusammenwirken in Gemeinschaften unter dem Aspekt antikapitalistischer Kultur ein Problem darstellen. Gruppen müssen die Fähigkeit entwickeln, Gefährdungen der Machtbildung zu erkennen. Eine Systematik zum Gemeinschaftsaufbau befindet sich in der Darstellung „Wir beginnen – und wie weiter“ von Eva Stützel und Dieter Halbach. Dort werden erste sieben Schritte zum Gemeinschaftsaufbau dargestellt: z.B. klare Formulierung der Vision, individuelle Wege dorthin, Kultur des Vertrauens in der Gruppe, Kennenlernen in der Praxis. Dem folgen sechs Phasen der Gemeinschaftsentwicklung von der Ebene der Einheit bis zur Ebene der Einheit in der Vielfalt.

Kommunikation. In dem Beitrag „Solidarische Kommunikation“ entwickelt Anett Grass ein Modell in dem durch Werte geleitetes Wirtschaften, gekennzeichnet z.B. durch Menschenwürde, Mitbestimmung und Kooperation statt Konkurrenz, eine Kultur der Kooperation getragen wird. Die Autorin sieht eine zentrale Entwicklung zu dieser Kultur in Konsensfindungsprozessen. Konsens ist dabei an unterschiedliche Zustimmungsgrade gebunden von Zustimmung bis hin zu schweren Bedenken. Ein Verlaufsbild eines Konsensfindungsprozesses (Grafik: Der Konsensfisch) demonstriert die Phasen: Gegenstand klären, Meinungen offen legen, „Groan-Zone“ (steht für ächzen und stöhnen), Phase der Lösungsvorschläge und zuletzt Herausarbeitung des Konsens. Dazu werden methodische Hilfestellungen diskutiert wie z.B. der Pro-Contra-Synthesestuhl oder die Methode des Fishbowls. Auch ist Kommunikation über Handzeichen eine Methode der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden. So bedeuten überkreuzte Hände „ich bin entschieden anderer Meinung“ oder das Wackeln mit den Fingern vor dem eigenen Gesicht zeigt „ich bin verwirrt“.

Konflikte. „Zoff und Konflikte“ in Hausprojekten, Kommunen, Wohngemeinschaften und Kollektiven ist ein Arbeitsbericht des Frauenkollektivs Antonie Armbruster-Petersen, Olivia Santen und Uschi Volz-Walk. Dieses Projekt berät in den genannten Handlungsfeldern bei Konflikten wie z.B. über den strittigen Schmutzlevel in Hausprojekten. Der Beitrag stellt eine Plädoyer dar für Offenheit, Umgang mit Kritik, Akzeptanz, Respekt und Wertschätzung in Gruppen. Konflikte werden dabei als Chance gesehen, Emanzipationsprozesse auszulösen. So werden Aggressivität, Verteidigungs- und Angriffsstrategien bearbeitet: „Wir brechen das auf durch selbstwertstärkende Strategien und durch das Einbeziehen des Systems in dem sich die Personen befinden“ (S. 48). Der Beitrag von Silke Freitag „Selbsthilfe in Gruppen- und Teamkonflikten“ sieht in einer konsensorientierten Kooperation eine Entwicklungschance für eine Gruppe. Im Konfliktfall übernimmt eine Moderatorin/Moderator zunächst die Klärung der Interessen der Konfliktparteien. Zum Umgang mit geäußerter Kritik empfiehlt die Autorin vier Schritte:

  • Konfliktthemen sammeln und die Probleme möglichst konkret benennen,
  • Hintergründe erhellen,
  • Lösungsideen erfinden und aushandeln,
  • Vereinbarungen protokollieren.

Destruktive Konfliktaustragung führt zu Motivationsverlust, Konfrontation und Eskalation.

Achtsamkeit. Dieser Themenkreis wird in den letzten drei Beiträgen bearbeitet und trägt eine buddhistisch geprägte Ausrichtung bzw. sind die Autoren bekennende Buddhisten. Den Anfang macht Kai Romhardt mit dem Artikel „Grundzüge achtsamen Wirtschaftens“. Für den Autor ist „Achtsamkeit (…) die Fähigkeit unseres Geistes, die Dinge so zu sehen wie sie wirklich sind“ (S. 108). Und: „Egoismen, Gier und Unzufriedenheit sind nicht unsere wahre Natur (…)“ (S.109). Auf diesem Hintergrund wird eine Ökonomie der Gemeinschaft entwickelt und auf das „Netzwerk Achtsame Wirtschaft“ verwiesen. Es folgen dann zwei Beiträge von Thich Nhat Hauh (vietnamesischer buddhistischer Mönch, Schriftsteller und Lyriker). Der erste Beitrag trägt den Titel „Genießen Sie wirklich den Apfel?“. Kurz gesagt wird der Genuss eines achtsam gegessenen Apfels zu einem mediativen Erlebnis. Der zweite Beitrag dieses Autors „Die 14 Achtsamkeitsübungen“ verweisen auf einen achtsamen Lebensentwurf z.B.: 3. Freiheit des Denkens, 4. Bewusstsein für das Leiden, 5. Gesund und einfach leben, 5. Gemeinschaft und Kommunikation, 13. Freigiebigkeit, 14. rechte Lebensführung. „Buddhistische Lehren sind Hilfsmittel, die es uns ermöglichen, durch tiefes Schauen Verstehen und Mitgefühl zu entwickeln“ (S. 123).

Diskussion

Der Band dokumentiert einen Suchprozess nach Gemeinschaft angesichts einer komplexer werdenden und vereinnahmenden Systemwelt. Die Autorinnen und Autoren setzen dagegen eine an Bedürfnissen ausgerichtete Lebenswelt der Menschen, die der Vorherrschaft ökonomischer Macht Widerstand entgegen setzt. Welche Chancen auf eine umfangreiche Verbreiterung eine solche alternative Bewegung hat, ist schwer einzuschätzen. Vergleichsweise zu alternativen und neuen sozialen Bewegungen in den 70er bis 90er Jahren des letzten Jahrhunderts ist die politische Aktion im Rahmen der Solidarischen Ökonomie weniger ausgeprägt, dafür aber tritt die psychologische Aktion im Rahmen von unterschiedlichen Projekten deutlich hervor. Keineswegs ist aber deshalb die praktizierte Solidarität unpolitisch. Der Sinn und die Wirksamkeit der Solidarischen Ökonomie liegt deshalb darin, einem gesellschaftlichen Möglichkeitsraum Gestalt zu geben und ein gesellschaftliches Experimentierfeld zu sein.

Fazit

Die Kultur der Kooperation bezieht sich auf die Solidarische Ökonomie. Diese wird im Rahmen der vier Themenkreise Gemeinschaft, Kommunikation, Konflikt und Achtsamkeit dargestellt. Die Autorinnen und Autoren sind in vielfältiger Weise mit der Praxis, also mit Gruppen, Projekten, Initiativen und Netzwerken verbunden. Ein Ziel ist es, in diesen Handlungsfeldern ein erfolgreiches Arbeiten zu ermöglichen. Die Wirksamkeit der Solidarischen Ökonomie liegt darin, in einem gesellschaftlichen Experimentierraum eine achtsame Ökonomie zu erproben.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 11.01.2016 zu: Kristina Bayer, Dagmar Embshoff (Hrsg.): Kultur der Kooperation. Die Gruppe. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2015. ISBN 978-3-940865-43-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19583.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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