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Peter Janich: Handwerk und Mundwerk

Cover Peter Janich: Handwerk und Mundwerk. über das Herstellen von Wissen. C.H.Beck Verlag (München) 2015. 372 Seiten. ISBN 978-3-406-67490-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 43,50 sFr.
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Thema

„Du hast den Status und den Nimbus – ich hab die Flex!“ (Rainald Grebe: Handwerk). Der Handwerker hat wenig Status und Nimbus, dafür die passenden Geräte. Ein Praktiker, dem die theoretischen Kenntnissen fehlen, ein Banause eben (gr. bánausos = Handwerker). Diese Abwertung des Handwerks aus der Antike hat sich bis heute gehalten. Theorieproduktion ist in den Wissenschaften immer noch höher geschätzt als angewandte Wissenschaft: Mundwerk steht über dem Handwerk. Peter Janich nimmt die Naturwissenschaften in den Blick und fragt: „Ist es […] die Natur, die über den Weg der Erfahrung den Gang der Naturwissenschaften erklärt oder gar erzwingt? Oder ist es doch die Kultur, die […] der Erkenntnis den Weg weist?“ (S. 19)

Autor

Peter Janich war bis 2007 Philosophieprofessor an der Universität Marburg. Sein Schwerpunkt liegt in der Wissenschaftsphilosophie. Er gilt als Mitbegründer und Vertreter des methodischen Kulturalismus. Seit seiner Emeritierung ist er als Zeitungs- und Buchautor tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit den antiken Anfängen der Abwertung körperlicher Arbeit. Bei Aristoteles und Platon findet sich die Abwertung des Handwerks, die folgendermaßen begründet ist:

  • körperliche Tätigkeiten sollten Frauen, Bauern, Handwerkern und Sklaven überlassen sein, als Bürger der Polis kümmert man sich um die politischen Belange, Kriegsführung oder Philosophie.
  • Handwerker handeln auf ein Ziel hin, z.B. die Fertigung eines Gegenstands. Der Zweck ihrer Tätigkeit ist also außerhalb der Tätigkeit selbst angesiedelt und meist noch im Auftrag eines anderen. Tätigkeiten sind jedoch dann wertvoll, wenn sie um ihrer selbst willen ausgeübt werden.

Hieraus habe sich bis in die heutige Zeit eine Geringschätzung des Handwerks erhalten, die angewandte gegenüber „reinen“ Wissenschaften abwerte und die es erschwert zu realisieren, dass Wissen nicht festgestellt, sondern produziert wird.

Janich geht in seinem Werk auf fünf wissenschaftliche Disziplinen ein, die er in folgender Reihenfolge behandelt: Geometrie, Physik, Chemie, Lebenswissenschaften und Informations-wissenschaften

Er zeigt auf, dass allen diesen Wissenschaften eine handwerklich-technische Basis zugrunde liegt, ohne die die genannten Disziplinen Theorien nicht aufstellen könnten – ohne Handwerk eben kein Mundwerk:

  • die Geometrie bedarf der Herstellung räumlicher Formen an Körpern.
  • die Physik kommt ohne Geräte für den Einsatz in Experimenten nicht aus. Janich zeigt anhand des Uhrmacherhandwerks, wie abhängig die Zeitmessung von handwerklich-technischen Vorentscheidungen ist. Für die klassische Mechanik verweist er auf Waagen- und Wagenbau und zeichnet Newton als Gewährsmann für die handwerkliche Basis der Mechanik.
  • in der Chemie müssen Stoffe behandelt werden: „Abgesehen von der Idylle, dass jemand in freier Natur eine zufällig gefundene Frucht vom Baum pflückt und direkt in sie hineinbeißt, nimmt niemand ein Stück Natur in den Mund, sondern immer etwas (vom Verfahren her „chemisch“) Verändertes, Zubereitetes. Selbst der reinste, „rein pflanzlich“ gewonnene, „natürliche“ Stoff ist kultürlich, weil zubereitet […] “ (S 210).
  • die Lebenswissenschaften sind auf Fachwissen aus Medizintechnik und Tierzucht angewiesen. Hier ist ebenfalls wiederum eine Kulturleistung Grundlage der Wissenschaft. Auch zeigt der Autor, inwieweit technische Neuerungen zu einer Flut von Modellbildungen geführt haben, wobei diese Modelle oftmals als Abbilder der Realität und nicht technisch-hergestellte Bilder verstanden werden. Geradezu klassisch ist hierbei die Annahme mithilfe von fMRT-Scans dem Hirn beim Denken zuzuschauen.
  • die allgegenwärtige Informationstechnik wäre undenkbar ohne Techniken zur Verarbeitung von Daten und der Übertragung von Signalen. Schon die ersten Übergänge von der konkreten mündlichen Übertragung führen zu handwerklichen Vorbedingungen: die Handbewegung beim Schreiben, sowie Trommeln, Feuer, Flaggen als Zeichen, schließlich Morsen und Funken.

Janich stellt heraus, dass es wichtig ist, sich der konkreten Erkenntnismittel für abstrakte Theoreme und „(Natur-)Gesetze“ bewusst zu werden, die sich oft hinter einer Darstellung in mathematischen Formeln verbergen.

Handwerk, so schlussfolgert Janich,

  • sorgt (a) für die Gegenstandskonstitution der genannten wissenschaftlichen Disziplinen;
  • ist (b) als Prototyp zweckrationalen Handelns ein Vorbild für wissenschaftliche Rationalität;
  • gibt (c) Einblick in den Zusammenhang der fünf Wissenschaften in methodischer und historischer Hinsicht;
  • erlaubt (d) eine Kritik der reinen Grundlagenforschung, die den Dienst der Wissenschaft am Menschen zu wenig fördere.

Wichtig ist dieser Rückbezug auf das Handwerkliche, die Betonung der vom Menschen fabrizierten Erkenntnis über Natur, um nicht den naturalistischen Kurzschlüssen aufzusitzen, die maßgeblich unser Welt- und Menschenbild prägen. Zu hinterfragen bleibt immer, wie zu einer Erkenntnis gelangt wurde, welche technischen Mittel und handwerklichen Tätigkeiten dazu notwendig waren und ob der Einfluss dieser Erkenntnismittel berücksichtigt wird.

Diskussion

Wenn in anderen Wissenschaften bereits davon ausgegangen wird, das die gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht kontextlos zu betrachten sind, sondern dass die Beobachterposition, verwendete Geräte sowie getroffene Vorannahmen einen Einfluss auf die Ergebnisse haben, dann muss dies möglicherweise auch in den Naturwissenschaften hinterfragt werden. Janich kann eine solche Abhängigkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnisse von kulturellen Vorbedingungen, sprich handwerklichen Tätigkeiten, durchaus aufzeigen. Bedenkt man allerdings die Arbeiten von Ian Hacking, Nancy Cartwright, Bruno Latour, Karin Knorr-Cetina (um einige andere Wissenschaftsphilosophen/-soziologen zu nennen), besitzt diese Erkenntnis nur bedingt Neuigkeitswert.

Dies weiß auch Janich, dessen Abgrenzungsmerkmal zu anderen v.a. der bereits im Titel starke Bezug auf das Handwerk ist. Gerade seiner Feststellung, dass die „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ (Thomas Kuhn) überschätzt und die „Struktur technischer Innovationen“ (S. 89) kaum beachtet sei, obwohl sie manchen Paradigmenwechsel erst ermöglichten, ist zuzustimmen.

Dabei scheint Handwerk für ihn v.a. deswegen so bedeutend, weil er in ihm eine Praxis entdeckt haben möchte, die seine zweckrationale Handlungstheorie stützt. Die Darstellung des Handwerks als ein Handeln, das unabhängig ist von Personen, Dingen, Zeit, Ort und Situation (S. 339) erscheint problematisch, werden dabei doch die Erwerbsdimension handwerklicher Tätigkeit, sowie Erfahrungswissen und Handlungskontext nicht berücksichtigt.

Alternativ wäre ein stärkerer Einbezug der pragmatistischen Handlungstheorie eines Dewey, Mead, James und – als deutscher Vertreter – Hans Joas (Die Kreativität des Handelns, 1992) für die Beschreibung handwerklicher Tätigkeit durchaus realistischer.

James unterscheidet Handeln und Gewohnheit, womit er deutlich macht, dass oftmals vorreflexive Routinen ablaufen, wenn man allgemein von „Handeln“ spricht. Solche Routinen beruhen auf vorrangegangenen Erfahrungen. Bewusste Reflexion setzt erst ein, wenn Handlungsroutinen nicht mehr funktionieren. Dann wird mithilfe von Versuch und Irrtum nach Lösungen für das entstandene Problem gesucht. Die erfolgreiche Lösung wird dann wiederum Bestandteil routinisierter Handlungsabläufe. Handeln wird von Pragmatisten auch nicht lediglich als Erreichen eines vorab festgelegten Handlungsziels verstanden. Handlungsziele ergeben sich immer situativ und subjektiv. Handelnde verändern ihre Handlungsziele im Handlungsverlauf, da ihnen erst im Handlungsvollzug Möglichkeiten und Präferenzen deutlich werden. Anfänglich gesteckte Handlungsziele dienen der Orientierung und sind Bestandteil der Handlung, sie erklären jedoch nicht das Resultat des Handelns.(vgl. Beckert 2009: 8 f.)

Janichs zweckrationale Handlungstheorie unterschätzt Ergebnisoffenheit, kreative Problemlösung, situative Abhängigkeit zugunsten einer Konstruktion zwingend aufeinander folgender Handlungen: der Übergang von Uhrmacherei zur Mechanik, vom biologischen Informationsbegriff zur Digitalisierung stellt sich so als unabdingbare Folge dar.

Zuzustimmen ist Janich wenn er feststellt, dass Wissenschaft nicht zweckfrei sein sollte, bzw. nicht zum Selbstzweck werden dürfe, ihre Ergebnisse müssen den Menschen zu Gute kommen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass auch Theoriebildung und -diskussion den Fortschritt von Wissenschaft zum Dienste des Menschen voranbringen und eben nicht nur reine Anwendungswissenschaft. Es sollte nicht das von Janich ausgemachte Extrem der im Übermaß wertgeschätzten Grundlagenforschung gegen das andere Extrem einer Überhöhung der Anwendungsforschung ausgetauscht werden.

Die vom Verlag gepriesene Anschaulichkeit des Buches, welche es nicht nur für interessierte Fachwissenschaftler, sondern auch für Laien verständlich mache, kann leider nicht völlig bestätigt werden: Die teilweise sehr komplexen Satzgefüge verraten die akademische Herkunft des Autors und erschweren den Zugang zu den dargelegten Gedanken. Die Aufteilung der Kapitel in 500 Kurzkapitel – die oft nur lose verbunden sind – ist für das Nachvollziehen der Argumentation eher unvorteilhaft. Bei den Beschreibungen zur Geometrie hätten zur Veranschaulichung einige Graphiken gut getan.

Fazit

Janich nimmt die Lesenden mit auf eine sehr umfassende Reise durch die Geschichte von fünf Wissenschaften. Beeindruckend ist dabei die ausgebreitete Wissensfülle. Dabei zeigt der Autor die handwerklich-technischen Grundlagen (natur-)wissenschaftlicher Experimente und der dazugehörigen Theoriebildung. Das Buch regt dazu an, zu hinterfragen, inwiefern naturwissenschaftliche Erkenntnisse es gestatten, ein naturhaftes Menschenbild zu begründen, wenn diese doch zuallererst von handwerklichen, also kulturellen Handlungen abhängen.

Zu empfehlen ist das Werk jedem, der sich mit Wissenschaftsphilosophie beschäftigen möchte. Anzuraten ist allerdings naturwissenschaftliches Hintergrundwissen. „Auf dem Nachttisch“ (Tucholsky) von jedermann/frau wird sich Janichs Handwerk und Mundwerk also nicht wiederfinden. Dazu ist die Materie dann doch zu komplex.


Rezensent
David Kreitz
M.A., Mitarbeiter der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre an der Universität Hannover. Freiberuflicher Schreibberater und Schreibtrainer, Mitherausgeber der Zeitschrift JoSch – Journal der Schreibberatung und der Reihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft“.
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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 08.01.2016 zu: Peter Janich: Handwerk und Mundwerk. über das Herstellen von Wissen. C.H.Beck Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-406-67490-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19588.php, Datum des Zugriffs 25.09.2017.


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