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Christfried Tögel: Freuds Wien

Cover Christfried Tögel: Freuds Wien. Eine biografische Skizze nach Schauplätzen. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. 100 Seiten. ISBN 978-3-8379-2528-9. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Autor

Christfried Tögel (ausf. www.freud-biographik.de/cv.htm und www.freud-biographik.de/publikationen/) wurde1953 in Leipzig geboren. Noch vor der „Wende“ wurde der promovierte Klinische Psychologe 1988 an der Humboldt-Universität zu Berlin mit „Philosophische, historische und wissenschaftstheoretische Aspekte der Entstehung, Entwicklung und Rezeption der klassischen Psychoanalyse“ habilitiert. Seither ist er mit zahlreichen Arbeiten zur Geschichte Sigmund Freuds und der Psychoanalyse in Erscheinung getreten. Einem weitaus größeren Kreis als bislang wird er künftig bekannt sein: Er ist der Herausgeber der in der Buchreihe „Bibliothek der Psychoanalyse“ des Gießener Psychosozial-Verlags publizierten und auf 23 Bände angelegten Sigmund Freud - Gesamtausgabe (SFG), deren ersten vier Bände, die voranalytischen Schriften von 1877-1894 umfassend, im September 2015 erschienen sind.

Thema

In diesen voranalytischen Publikationen finden sich auch die so genannten Kokain-Schriften, die in den Jahren 1884 – 1887 veröffentlicht wurden. Schauplätze seiner in der ersten Hälfte der 1880er Jahre vorgenommenen (Selbst-)Versuche waren seine Wohnungen. Und die befanden sich zu jener Zeit an wechselnden Orten des Wiener Allgemeinen Krankenhauses (AKH), in dem Sigmund Freud 1882 seine Tätigkeit aufgenommen hatte. Wo genau die Wohnungen lagen, wo – d.h. in welchem Hof und in welchem Gebäudeteil – die verschiedenen Stationen lagen, auf denen der junge Arzt tätig waren, ist in vorliegendem Buch auf den Seiten 22 bis 29 nachzulesen. Und auch nachzusehen, denn hier wie auch sonst sind die Angaben illustriert; im vorliegenden Falle mit zwei frühen Detailaufnahmen des AKH, einem historischen Lageplan des AHK, der damals größten medizinischen Einrichtung der ganzen Monarchie sowie einem kommentierten Zimmergrundriss, angefertigt von Sigmund Freud für seine Verlobte.

Das Beispiel mag illustrieren, was man von einem Buch zu erwarten hat, das den Untertitel „Eine biografische Skizze nach Schauplätzen“ trägt.

Entstehungshintergrund

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um die zweite, korrigierte und erweiterter Auflage der unter gleichem Titel erstmals vor bald zwei Jahrzehnten (1996) beim der Psychoanalyse verbundenen Wiener Verlag Turia + Kant erschienenen Erstausgabe, die 1997 in unverändertem Nachdruck aufgelegt wurde. Beide damaligen Ausgaben sind vergriffen und antiquarisch sind die Bücher, Versandkosten inbegriffen, nicht unter 20 EUR zu haben (der mittlere Preis liegt weitaus höher); eine Neuausgabe ist unter diesen Umständen zu begrüßen.

Aufbau und Inhalt

Dem Kern des Buches voran gestellt ist eine kurze Vorbemerkung, in dem Lesehinweise und Danksagungen zu finden sind. Nach dem Hauptteil findet sich ein (teilweise mit Fundort versehenes) Verzeichnis der insgesamt 55 Abbildungen. Daran schließt sich ein Adressen-Verzeichnis an, in dem sich die Wiener (Sommer-)Wohnungen Sigmund Freuds sowie einiger nahe stehender Personen ebenso finden wie die bedeutsamer Institutionen und Vereinigungen, von seiner Schule angefangen bis zum letzten Treffpunkt der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Den Abschluss bilden das Literatur-Verzeichnis sowie ein Personenregister.

Den Kern des Buches machen drei Teile aus, die im Umfang aus sachlichen Gründen und dem Buchtitel gerecht werdend höchst unterschiedlich ausfallen.

Im zweiseitigen Prolog: Freiberg und Leipzig erfahren wir etwas über die die Kindheit des 1856 geborenen Sigismund Schlomo Freud, darunter über jenen - zeitlich kurzen und in seinen Motiven bis heute unklaren – „Umweg“, den die Familie über Leipzig nahm, bevor die sie 1859 nach Wien, dem Ziel vieler – insbesondere galizischer – Juden des Habsburger Reiches, kam.

Das Hauptstück: Wien nimmt mit 70 Seiten und 50 Abbildungen naturgemäß den größten Raum ein. Bald acht Jahrzehnte lebte und wirkte – als Wissenschaftler wie als Arzt – er in dieser Stadt. Und in deren näherer und weiterer Umgebung: in Grinzing etwa oder auf dem Semmering; beides Orte, die heutige Wien-Besucher(innen) nicht versäumen sollten. Und zwischen den Zeilen wird deutlich wie selten anderswo: Ohne die Hilfe seiner Frau Martha hätte Sigmund Freud seine Leistungen nicht vollbringen können.

Der Epilog: London ist mit vier Seiten wiederum kurz. Er enthält die die weithin bekannte Geschichte der Emigration Sigmund Freuds (im Juni 1938) aus dem seit März 1938 „an das Reich angeschlossenen“ Österreich ins Vereinigte Königreich, wo er nur noch 14 Monate zu leben hatte; der langjährige Leibarzt Sigmund Freud leistete aktive Sterbehilfe. Das geschah 20 Tage nachdem das Vereinigte Königreich dem Dritten Reich, zu dem nun auch Österreich gehörte, den Krieg erklärt hatte.

Diskussion

Das vorliegende Buch ist schmal und im Format reicht es fast an jenes eines klassischen Taschenbuchs heran. Man kann es als „Büchlein“ bezeichnen, wenn das Wort nicht einen solch herabsetzenden Beigeschmack hätte; „Booklet“ wäre ein passendes Wort. Dieses liest sich leicht und schnell; die zahlreichen Abbildungen nehmen von Interesse und Neugier abhängig mehr oder weniger Zeit in Anspruch. Vieles im Text dürfte auch Menschen unbekannt sein, die mit der Geschichte Sigmund Freuds einigermaßen vertraut sind. Und selbst Kenner(innen) dürften gerade bei den Abbildungen von bislang Unbekanntem überrascht sein.

Mitunter ist man als Zeitgenosse des großen Flüchtlingsstroms, den Deutschland in diesen Wochen erlebt, bei bestimmten Angaben des Buches unmittelbar berührt. So, wenn man liest: Ausgangspunkt der Reise ins Exil waren für Sigmund Freud, seine Frau, Tochter Anna, die Haushälterin und eine Ärztin der Wiener Westbahnhof; er ist heute einer der wichtigsten Durchgangspunkte der Flüchtlinge, die vom Balkan kommen und weiter nach Deutschland (und ggf. Schweden) wollen. Und dann das auf S. 82 abgebildete französische Transitvisum für Martha Freud, in das eingestempelt ist, dass sie in Frankreich keine Arbeit aufnehmen darf („LE TITULAIRE NE POURRA OCCUPER AUCUN EMPLOI EN FRANCE“); es ist ein altes Thema, über das hierzulande derzeit gestritten wird.

Mitunter erhellt eine kleine im Buch zu findende Notiz eine Situation schlagartig, ohne dass es weiterer Ausführungen und langer Beweisgänge bedürfte. Da wird etwa in der Lokalpresse darüber berichtet, dass sich eine Patientin Sigmund Freuds durch Sprung aus dem dritten Stock eben jenes Hauses, in dem er damals seine Praxis hatte (Näheres gleich), im zeitlichen Zusammenhang mit einer Konsultation mit ihm suizidierte. Der Wiener Zeitung (vgl. S. 37) war zu entnehmen, der zu Konsultierende sei ein gewisser „Nervenarzt Dr. Frey“. Das war 1891. Nur wenige Jahre später sollte jeder Wiener Journalist wissen, wie „Freud“ zu schreiben sei.

Es wurde oben gesagt, das Buch lese sich leicht und schnell. Das gilt freilich nur, wenn man schon vieles weiß oder aber manches gar nicht (näher) wissen möchte. Da ist etwa auf S. 38 ein Rezept abgebildet, das „Dozent Dr. Sigm. Freud“ in der zweiten Hälfte der 1880 in seiner Praxis „I. k. Stiftungshaus“ – dort geschah der o. g. Selbstmord – ausstellte. Nur, um das Handschriftliche entziffern zu können, muss man die deutsche Kurrentschrift lesen können; die steht schon seit Langem nicht mehr auf dem Lehrplan selbst süddeutscher Gymnasien. In der obigen Praxisanschrift meint „k.“ übrigens „kaiserlich“ („Kaiser von Österreich“) wie stets auch das erste „k.“ in sowohl „k.k.“ (das zweite „k.“ steht für „König von Böhmen“) als auch „k.u.k.“ (hier steht das zweite „k.“ für „König von Ungarn“).

An verschiedenen Stellen des Buches tauchen „k.“-Bezeichnungen unterschiedlicher Art auf, ohne, dass deren Bedeutung – und die geht ins Staatspolitische und – rechtliche – aus dem Kontext ersichtlich oder vom Herausgeber geklärt wäre. Wenn man kein „k.“-Kenner ist, möge man solche Bezeichnungen einfach überlesen; das führt zu geringerem Unverständnis als ein Falschverstehen eins der „k.“-Ausdrücke.

An anderen Stellen führt mangelndes Vorwissen dazu, dass man die Pointe nicht versteht. Bleiben wir beim „I. k. Stiftungshaus“, zum Privatbesitz des damaligen österreichischen Kaisers Franz Joseph I. („Sissis“ Ehemann), wo das Ehepaar Freud seine erste gemeinsame Wohnung, in der sich auch die ärztliche Praxis befand, hatte. Diese Wohnung hatte Sigmund Freud ausgesucht, weil ihm die Miete der vorherigen zu teuer war; die neue war offensichtlich billiger, denn sie lag „im Mezzanin“ (S. 35). Nur: Wenn man nicht weiß, was ein „Mezzanin“ (in Wien aus baurechtlichen Gründen weit verbreitet und bis in „höchste Kreise“ genutzt) ist und weshalb dort Wohnungsmieten billiger sind, ist die Angabe „im Mezzanin“ ohne jeglichen Informationswert.

Schließlich kann ein gewisses Hintergrundwissen nützlich sein, bei der Lektüre des Buches auftauchende Verständnisschwierigkeiten oder gar Missverständnisse zu vermeiden. Da findet sich etwa auf S. 83 unter einem Zeitungsausschnitt die Notiz „Freud und Marie Bonapart bei ihrer Ankunft in London“, während der Zeitungsausschnitt ein Bild von Sigmund Freud mit einer Dame zur Rechten zeigt und mit der Unterschrift versehen ist: „PROFESSOR FREUD photographed on his arrival in Paris from Vienna, where he was met by Princess George of Greece who is seen with him“.

Die Angabe „in London“ (Viktoria Station) ist ganz offensichtlich falsch; das klärt der Text zwei Seiten vorher. Nur, wer ist die Dame, die Sigmund Freud da im Pariser Gare du Nord unterhakt? Die eine oder die andere? Und welche von beiden? Denn zu vermuten steht, dass sich auch in diesem Punkte eine Fehlnotiz eingeschlichen hat. Nein, in diesem zweiten Falle nicht. Jene Dame, die der psychoanalytischen Welt als „Marie Bonapart“ bekannt ist, wird von der hier berichtenden, offensichtlich britischen Zeitschrift völlig selbstverständlich (irgendwelche innerhellenistischen Zwistigkeiten verunsichern wahre Royalisten nicht) mit dem Titel angesprochen, der ihr 1907 durch Heirat mit George von Griechenland zuteil wurde. Das war lange, bevor sie den ersten Kontakt zur Psychoanalyse hatte.

Ein zweites Beispiel: Auf S. 18 des Buches wird erwähnt, der Medizinstudent Sigmund Freud habe für das 1876 ein Stipendium erhalten, um in Triest Untersuchungen an Aalen (faktisch sind es Neunaugen) vorzunehmen. Das könnte dazu führen, dass sogleich vielfältige Antworten auf eine Reihe von Fragen (beispielhaft gesammelt unter Freunden) entwickelt werden: Gab es damals in Wien schon Auslandsstipendien? Für wie viele Länder brauchte Sigmund Freud damals Durch- bzw. Einreisevisen? Musste er bestimmte Strecken mit Pferdegespann oder gar zu Fuß bewältigen? Wie viele Tage, wenn nicht gar Wochen dauerte denn Hin- und Rückfahrt jeweils? Man könnte dergleichen aber auch sein lassen. Die banale Wirklichkeit ist: Zu Sigmund Freuds Studienzeiten (schon) konnte der österreichische Staatsbürger mit der Südbahn von Wien nach Triest (und natürlich auch zurück) fahren, ohne ein einziges Mal umsteigen oder seinen Pass zücken zu müssen. Die Fahrt über die knapp 600 km lange Strecke dauerte bestenfalls gute zwölf Stunden; ja, und wenn man dann noch die Nachtbahn nahm…

Eine Anmerkung noch zur formalen Gestaltung der Bibliographie. Da stehen, was manche Leser(innen) überraschen dürfte, die Schriften der Freud-Schwester Anna Freud-Bernays und der Freud-Nichte Lilly Freud-Marlé vor denen Sigmund Freuds selbst. Dessen Schriften tragen an das Publikationsjahr angefügt Kleinbuchstaben, etwa „1877a“ oder „1985c“ auch wenn in den betreffenden Jahren weder danach noch davor eine andere Schrift aus dem selben Jahr aufgeführt ist; offensichtlich wurden hier Angaben aus einer anderen Datei unkorrigiert übernommen (was man bei einer nächsten Ausgabe vielleicht doch ändern möge).

Fazit

Das Buch ist all jenen zu empfehlen, die sich ihr Bild von dem Wien Sigmund Freuds anschaulicher gestalten möchten. Besonders ans Herz gelegt sei es all jenen, die ein gewisses Freud-Interesse haben und noch ein wenig Platz im (Hand-)Gepäck ihrer (ersten oder nächsten) Wien-Reise haben. Das vorliegende Büchlein ist nicht nur für die üblicherweise der Bildungsreise Verdächtigen eine wertvolle Ergänzung sonstiger Wien-Führer.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 09.10.2015 zu: Christfried Tögel: Freuds Wien. Eine biografische Skizze nach Schauplätzen. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. ISBN 978-3-8379-2528-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19596.php, Datum des Zugriffs 07.12.2019.


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