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Lothar Böhnisch: Pädagogik und Männlichkeit. Eine Einführung

Cover Lothar Böhnisch: Pädagogik und Männlichkeit. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 256 Seiten. ISBN 978-3-7799-2308-4. 19,95 EUR.
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Thema

Der vorliegende Band bietet eine thematische Auseinandersetzung mit Junge- und Mann-Sein in differenten pädagogischen Kontexten.

Aufbau

Das Werk ist in neun Kapitel gegliedert. Nach dem ersten Kapitel mit dem Titel Zugänge, das als Einleitung dient (S. 11-14), sind folgende Kapitel aufgeführt:

  1. Zugänge (Einleitung)
  2. Die Freisetzung von Männlichkeit in Prozessen des Lernens (S. 15-26)
  3. Männliche Muster der Bewältigung der Raumaneignung und des Beziehungsverhaltens (S. 27-38) und einem angeschlossenem Exkurs zu Jungen mit Migrationshintergrund (S. 39-43)
  4. „Mann-Werden“ als verdeckter Lernprozess – Bilder und Analysen (S. 44-73)
  5. Erziehungs- und Bildungsorte und ihre Aneignungs- und Bewältigungskulturen (74-119)
  6. Erziehende Männer: Väter, Erzieher, Lehrer und Sozialarbeiter (120-141)
  7. Grundprinzipien und Haltungen (142-153)
  8. Jungen- und männerpädagogische Arbeitskonzepte (154-200)
  9. Pädagogische Zugänge zur männlichen Gewalt (201-215).

Ohne Kapitelnummerierung folgt darauf ein Abschnitt zum Expansiven Lernen und Pädagogik der Zeit (216-217). Ein Literaturverzeichnis beschließt den Band.

Inhalt

Im gesamten Band werden Phänomene und Relevanz von Junge- und Mann-Sein diskutiert, in unterschiedlichen Akzentsetzungen erörtert und als offene sowie als verdeckte Bezüge in Bildungsprozessen thematisiert.

Im ersten Kapitel werden Zugänge zur Thematik erörtert, die sich vorrangig im Verhältnis von Pädagogik und Männlichkeit befinden. Böhnisch verweist darin auf Junge- und Mann-Sein, deren Begriffe er kontrastiv zu Männlichkeit als sozialer Konstruktion erörtert. Insofern dient das erste Kapitel als Einleitung.

Im zweiten Kapitel werden Freisetzungsprozesse von Männlichkeit in Prozessen des Lernens diskutiert. In interagierender Perspektive (Böhnisch verwendet dafür die Begrifflichkeit einer dynamischen Perspektive) stehen Verdeckungsmechanismen im Mittelpunkt. In mehreren Unterkapiteln werden Zusammenhänge aufgezeigt: so zu Lernen und Geschlecht, dem Zugang der kritischen Lernpsychologie, Bewältigung, Aneignung und pädagogischem Bezug, die als anderer Blick (der andere Blick) auf die pädagogischen Institutionen interpretiert werden.

Im dritten Kapitel akzentuiert Böhnisch männliche Muster der Bewältigung, der Raumaneignung und des Beziehungsverhaltens. Vor dem Hintergrund der männlichen Dividende (genauer, der patriarchalen Dividende) wird zum einen das Konzept der hegemonialen Männlichkeit kritisch beleuchtet. Böhnisch verweist darin durchgängig auf die Dialektik von männlicher Dominanz und Verfügbarkeit mit der Einschränkung einer Gültigkeit für industriekapitalistische Gesellschaften. Als heimliches Lernmuster (in enger Anlehnung an das hidden curriculum) identifiziert er Sich-Durchsetzen vorrangig in Raumbezügen: „Jungen sind in ihrem räumlichen Verhalten in der Tendenz territorial gebunden orientiert, Mädchen suchen eher wechselnde Beziehungsorte“ (S. 35). In einem sich anschließenden Exkurs zu Jungen mit Migrationshintergrund betont Böhnisch psychodynamische Effekte zur Erklärung auffindbarer Abwertungstendenzen.

Mann-Werden als verdeckter Lernprozess wird durch Bildanalysen im vierten Kapitel diskursiv dargestellt. Dazu werden Wirkfaktoren verdeckten geschlechtstypischen Lernens im Kindes- und Jugendalter erörtert. Böhnisch bemüht dazu sowohl Inputs aus Psychologie (insbesondere bindungstheoretische Impulse, Lernen am Modell) und Soziologie (vor allem in den Abschnitten zu habituellen Prägungen und maskulinen Gruppendynamiken). Als Umwegidentifikation identifiziert Böhnisch zudem das Lernen am Modell bei Jungen in der Kindheit: „ ‚Mütter machen Männer‘ heißt es. Danach aber kommt die Zeit, in der er sich von der Mutter ablösen muss, um sich als selbstständiges Wesen fühlen und darstellen zu können. Diesen Entwicklungsschritt müssen auch die Mädchen machen. Bei den Jungen kommt aber etwas Entscheidendes dazu: Sie brauchen eine neue Bezugsfigur, um ihr Geschlecht, das sie nun an sich selbst wahrnehmen, auch in ihrer Umgebung zu finden …“ (S. 51). In einigen Abschnitten wird zudem das Thema männlicher Pubertät und Cliquenbildung (mitsamt einem kleinen Absatz zur devianten Clique) gestreift. Bewältigungsprobleme des Übergangs (zum Erwachsenenalter) und zu Irritationen männlicher Sexualität beschließen das vierte Kapitel.

Das fünfte Kapitel thematisiert Erziehungs- und Bildungsorte und ihre Aneignungs- und Bewältigungskulturen. Darin werden erneut Familie, Cliquen, Jungen in der Schule, aber auch neue Sozialisationsinstanzen und Identitätsfigurationen erörtert. Unter einer ökonomischen Perspektive steht der Exkurs zur Generation Y. Böhnisch stellt diese unter den Begriff eines neokapitalistischen Sozialisationstyps oder seinen von ihm so postulierten Counterpart, den Künstler der Work-Life-Balance.

Männer in der Erziehungsarbeit werden im sechsten Kapitel vorgestellt. Darunter fallen sowohl die Väter, die Erzieher, die Lehrer (mit der Einschränkung, dass Böhnisch Lehrer nur unter der Subsumtion von Lehrerrollen als Geschlechterrollen sieht) und die Sozialarbeiter. Bei letzteren ist ein pauschaler Erziehungsauftrag (bezogen auf die Profession Soziale Arbeit) stark zu bezweifeln.

Das siebte Kapitel diskutiert Grundprinzipien und Haltungen. Nachgeordnet zur Darstellung eines pädagogischen Grundmodells (das im Wesentlichen „ …ein Modell der Balance zwischen demonstriertem Außen und verdeckten Innen…“, S. 1449 vorsieht) folgt ein sehr kurzer Abschnitt zur akzeptierenden Pädagogik und darauf aufbauend die Gestaltung von funktionalen Äquivalenten. „Funktionale Äquivalente sind Projektsettings, in denen Jungen und junge Männer erst und mit der Zeit erfahren können, dass sie ihr antisoziales oder autoaggressives Verhalten nicht brauchen, um Selbstwert, soziale Anerkennung und Selbstwirksamkeit zu erreichen“ (S. 147).

Jungen- und männerpädagogische Arbeitskonzepte werden im 8. Kapitel vorgestellt. Neben Väterarbeit, Jungenarbeit in Kitas und in der Schule wird in einem weiteren Abschnitt der Umgang mit abweichendem Verhalten in der Schule (bis hin zu Mobbing) reflektiert. Institutionelle Diskriminierung von Jungen in Form von Strafen folgt darauf, um zielgruppenspezifisch in einen Ausblick zur Jungenperspektive in der Jugendarbeit zu münden. Weitere, das Kapitel rahmende Abschnitte befassen sich mit Konzeptionen und Methoden der pädagogischen Beschäftigungsförderung, Methodischem zu Erwachsenenbildung, aber auch mit Männerberatung und der (zu Unrecht oft vernachlässigten) Seniorenbildung und -beratung.

Pädagogische Zugänge zur männlichen Gewalt als 9. Kapitel und ein Abschnitt zum expansiven Lernen und der Pädagogik der Zeit runden den Band ab.

Diskussion

Die von Lothar Böhnisch diskursiv dargestellten Bildungsprozesse in differenten pädagogischen Kontexten sind ausschließlich maskulin akzentuiert, was weibliche Bezüge sowohl vernachlässigt, ignoriert, möglicherweise verdeckt betont, mindestens aber ausschließlich homogenisierende Tendenzen ausweist, von denen fraglich bleibt, welchem Geltungs- und Gültigkeitsanspruch sie entsprechen können.

In vielen Teilen fällt eine unausgesprochene, aber deutlich auffindbare und mit vielen Bezügen versehene heteronormative Grundhaltung auf. Abgesehen von dem unverhohlen vertretenen normativen Anspruch an Mütter (als Bezugs-, Bindungs- und Erziehungsperson: „Die alltägliche Beziehungsarbeit machen in unserer Gesellschaft die Mütter“, S. 51) werden Väter pauschal als abwesend klassifiziert, was weder der pluralen Erscheinungsform sozialer Wirklichkeit entspricht, zudem aber auch rechtlich festgeschriebene Änderungen ignoriert. Die immanente Bezugnahme auf die Theorie der Psychoanalyse lässt zudem wissenschaftliche Ansprüche an Theorien vermissen: Die Psychoanalyse ist weder falsifizier- noch verifizierbar.

Zudem erscheint eine Pauschalannahme männlicher Existenz als antisozial, störanfällig und gewaltbereit hochgradig problematisch. Diese Pauschalannahme durchzieht in weiten Teilen den gesamten Band, manifestiert sich in Einzelheiten wie den funktionalen Äquivalenten und wird Männlichkeit so kaum gerecht. Weder sind alle männlichen Kinder in den öffentlichen wie privaten Erziehungsinstitutionen störend noch werden alle Jungen als störend empfunden. Eine Generalisierung unangepassten Verhaltens als „männlich“ erscheint da eher diffamierend. Zudem lässt diese Grundhaltung störendes weibliches Verhalten vollkommen verdeckt, ist im pädagogischen Alltag aber ein wohlbekanntes Phänomen. Sozial angepasste (oder, genauer gefasst: sozial kompetent agierende) Jungen (und Mädchen) bleiben in der Akzentuierung des Bandes eine marginalisierte, unsichtbare Minderheit, was der ausgewiesenen Intention des Bandes zuwiderläuft.

Fazit

Im vorliegenden Buch „Pädagogik und Männlichkeit“ wird vorwiegend auf die psychoanalytisch zugespitzte Perspektive erzieherischer Jungenarbeit fokussiert. Mehrere Verdeckungszusammenhänge männlicher Sozialisation bleiben damit unberücksichtigt (Homosexualität, Gewalterfahrungen, die NICHT transgenerational weitergegeben werden etc.). Damit legt Lothar Böhnisch zwar ein notwendiges und bisherige Jungenperspektiven thematisierende Bände ergänzendes Werk vor, bleibt in der Gesamtaussage jedoch eingeschränkt. Hier hätten ergänzende Perspektiven durchaus ihren verdienten Platz einnehmen können.

Summary

Lothar Böhnisch conceptualizes masculinity as being man and being a boy from a psychoanalytical background and refers continuously to the background from different angles. Other theoretical background remains rather marginalized which results in a restricted validity of his book. Critically reviewing the book, it can be concluded that Böhnisch again emphasizes the importance of observing “deviant“ male behaviour by searching for underlying mechanisms. He claims that deviant male behaviour stands for attention seeking and acceptance-seeking insecure males growing up. Socially competent acting males remain largely unconsidered in his work.


Rezensentin
Dr. Miriam Damrow
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Diversity Education und Internationale Bildungsforschung
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 07.01.2016 zu: Lothar Böhnisch: Pädagogik und Männlichkeit. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-2308-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19597.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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