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Colin Crouch: Postdemokratie III

Cover Colin Crouch: Postdemokratie III: Die bezifferte Welt: Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. 250 Seiten. ISBN 978-3-518-42505-3.
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Autor und Entstehungshintergrund

Der britische Soziologe und Politikwissenschaftler Colin Crouch veröffentlicht mit diesem Titel sein drittes Werk zum Thema Postdemokratie. Postdemokratie I kritisierte die Globalisierung und den Neoliberalismus, das ein Bestseller wurde. Mit dem Titel „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus: Postdemokratie II“ setzte der emeritierte Professor die Reihe fort und erhielt den Buchpreis der Friederich-Ebert-Stiftung. „Die bezifferte Welt – Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht“ bezeichnet der Autor selber auch als Postdemokratie III, in diesem Band kritisiert er die Einführung des New Public Management im Sozialsektor.

Thema und Aufbau

Die zentrale These des Werkes lautet, dass der Neoliberalismus ein Feind des Wissens sei. Dies führt den Autor zu fünf Annahmen, die in fünf Kapiteln bewiesen werden sollen:

  • „1. Der Versuch, den öffentlichen Dienst nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten umzubauen,…führt zu einer radikalen Beschneidung der Kenntnisse, Kompetenzen und Qualifikationen des dort beschäftigten Fachpersonals…
  • 2. Obgleich der Markt selbst ein hochelaborierte Form der Wissensproduktion darstellt, untergräbt er, wenn ihm keine Schranken gesetzt werden, andere Formen der Erkenntnisgewinnung, so etwa die wissenschaftliche, die eine der Grundlagen des modernen Lebens bildet.
  • 3. Die klassische marktwirtschaftliche Theorie ging davon aus, dass sich die Mehrzahl der Markteilnehmer moralisch integer verhält. Die gegenwärtig dominierende Rational-Choice-Theorie prämiert hingegen Verhaltensweisen, die sich der Verfälschung und Verzerrung von Informationen und Wissen bedienen.
  • 4. Eine marktwirtschaftliche Ökonomie zeichnet sich der ursprünglichen Idee nach dadurch aus, dass eine hohe Anzahl von Konsumenten und Produzenten am Markt teilnimmt. Der heute herrschende Neoliberalismus hingegen toleriert hohe Konzentrationen monopolartiger Marktmacht auf Anbieterseite, wodurch einige Bereiche der Wirtschaft von sehr wenigen Unternehmen dominiert werden. In manchen Fällen führt das so weit, dass einflussreiche Wirtschaftseliten den Zugang zu Informationen und Wissenschaft kontrollieren…und manipulieren können.
  • 5. Zum Gegenstand der Manipulationen werden auch Kenntnisse und Informationen, die unser Bild von uns selbst betreffen. Um wirklich uneingeschränkt effizient am Markt agieren zu können, müssen wir uns in egozentrische und amoralische Rechenmaschinen verwandeln…“ (S.13-15)

Crouch führt zum Beweis seiner These der Zerstörung des Wissens eine Vielzahl von Beispielen vorwiegen aus Großbritannien an, die zeigen sollen, wie durch Einführung von marktwirtschaftlichen Elementen im Sozialsektor fachliche Standards außer Kraft gesetzt und Fehlanreize gesetzt werden. Analogien zu deutschen Zuständen ergeben sich leicht. Die Einführung von Rankings mit finanziellen Anreizen hat die Zunahme an Demenzdiagnosen im Vereinigten Königreich bewirkt, ein ähnliches Bild könnte sich dem Leser aufdrängen, wenn er an die Zunahme der Gelenkoperationen in Deutschland denkt, die zu Zahlungen von Boni an Chefärzte geführt haben, weil sich diese für die Krankenhäuser lohnen.

Inhalte

Im ersten Kapitel greift der Autor die Ideologie neoliberaler Theorie auf, die besagt, dass alles Wissen, dessen ein Käufer bedarf, um eine Kaufentscheidung zu treffen, ihm vom Markt in Form des Preises zur Verfügung gestellt wird. Ergänzende Informationen durch andere Institutionen seien überflüssig. An Hand vielfältiger Beispiele versucht Crouch nachzuweisen, dass die Freisetzung von Marktregeln und die Einführung von marktähnlichen Zuständen im Sozialsektor zu negativen Wirkungen führen, wenn diese nicht durch staatliche Institutionen oder Experten korrigiert werden. Ökonomische Kalkulationen führen dazu, dass Wissen zurückgehalten, verfälscht und manipuliert wird, wobei durch Marktkonzentration Großkonzerne wachsenden Einfluss erhalten, mit negativem Einfluss auch auf das Selbstbild des Bürgers und Konsumenten. Damit ist die Gliederung der folgenden Kapitel vorgezeichnet.

Im zweiten Kapitel erfolgt die Beweisführung in mehreren Schritten, so wird am Beispiele von Deep Water Horizon gezeigt, wie ökonomische Überlegungen dazu führen, dass geologische Bedenken zurückgedrängt werden. Ein weiteres Beispiel bezieht sich auf die Verbraucherinformationen, die wesentlichen Informationen nicht aufführen. Am Libor-Beispiel wird vorgeführt, wie Informationen gefälscht werden und es wird dargelegt, wie die Industrie Einfluss auf die Forschung nimmt. Weil Forschung durch Privatunternehmen finanziert wird, kommt es zu einer Privatisierung von Wissen.

Im dritten Kapitel wird ausgeführt, wie die Einführung von marktwirtschaftlichen Elementen im Sozialsektor Anreize schafft, die moralische Überlegungen in den Hintergrund drängen, fachliche Überlegungen relativieren und die im Sozialsektor Beschäftigten dazu verleiten, Ergebnisse zu verfälschen. Dadurch kommt es zu negativen Wirkungen in diesem Sektor.

Im vierten Kapitel wird die Frage aufgeworfen, für wen oder was Wissen produziert wird. Die Auseinandersetzung bezieht sich auf die Frage, ob die Einführung von New Public Management Bürger aus der Bevormundung von Bürokraten befreit oder in Abhängigkeit zu neuen sozialen Großunternehmen bringt, die durch die Umwandlung von Sozialleistungen in soziale Dienstleistungen entstehen und wegen ihrer Größe von der Politik nicht fallen gelassen werden können, sondern zunehmen Einfluss auf diese nehmen. Mit Beispielen aus dem englischen Schulsystem wird belegt, wie dieses unter diesem Einfluss an Qualität verliert und Qualität zu einer Frage des Geldes wird.

Im fünften Kapitel entwickelt Crouch seine Alternative, die darin besteht, dass die im Markt und Demokratiemodell unterstellten entscheidenden Instanzen ihre Aufgabe erfüllen können, dies sieht er durch den Neoliberalismus tendenziell gefährdet. Der Bürger ist nach seiner Ansicht nicht mehr der Auftraggeber der Politik, der diese mitentscheidet, sondern er wird zunehmend nur noch in Detailfragen einbezogen, die dazu führen, dass die Demokratie zur Postdemokratie wird. Als Kunde kann der Bürger nicht mehr den Markt bestimmen, weil Großkonzerne den Markt dominieren und Informationen manipulieren und verfälschen. Politiker haben die Tendenz, statt den Willen des Bürgers zu repräsentieren, diesen so zu beeinflussen, damit sie wiedergewählt werden. Deshalb braucht es die unabhängige Instanz von Fachleuten und Experten, damit Bürger, Kunden und Politiker die ihnen gemäße Rolle ausfüllen und so Marktwirtschaft und Demokratie ihrem Ideal entsprechen.

Diskussion

Schon mit seinem Titel gibt Crouch zu erkennen, dass es ihm nicht um die Kritik der in der Gesellschaft herrschenden Zwecken geht, die zu negativen Wirkungen für den Bürger führen, sondern in dem er alles zu einer Frage des Umgangs mit Informationen und Wissen behandelt, unterstellt er eine Fachlichkeit und ein Expertentum, das nicht im Sinne einer Auftragsarbeit tätig ist, sondern Sachfragen behandelt, die unabhängig von Interessen gelöst werden müssen. Ganz so, als ob schulische Bildung sich nur mit der Frage beschäftigen würde, wie erkläre ich einem Kind Mathematik etc, und nicht darauf ausgerichtet ist, Schüler mit der Unterrichtung auf die unterschiedlichen Hierarchieebenen des Berufslebens zu verteilen. Wie der Bedarf der Wirtschaft und des Staates an beruflichem Nachwuchs auszusehen hat, um den Erfolg der Nation in der internationalen Konkurrenz zu sichern, ist der Inhalt der politischen Streits um Bildung. Bildungsexperten entwickeln Modelle und Vorgehensweisen, wie diese unterschiedlichen Vorstellungen am Besten im Bildungsprozess zu realisieren sind. Insofern existiert dieses Expertentum und Wissen nicht unabhängig von diesen Interessen.

Im Expertentum erblickt Crouch die Instanz, die die Bürger als Staatsbürger und Kunden mit Informationen versorgt, damit sie Politik und Markt bestimmen können. Damit malt er ein Bild des Bürgers, des Marktes und der Politik jenseits der Realität als Ideal, in dem die Politiker nicht souverän bestimmen und nur ihrem Gewissen verpflichtet sind, sondern die Repräsentanten des Volkswillens, der sich in Wahlen äußern soll. Unterstellt wird, dass bei Wahlen nicht Personen gewählt werden, sondern Sachfragen zur Wahl stünden. Nicht Anbieter produzieren Güter, von deren Verkauf sie sich einen Gewinn versprechen und bestimmen so, was auf den Markt kommt, sondern der Verbraucher bestimmt durch seinen Kauf, was produziert und angeboten wird. So steht die Welt bei Crouch auf dem Kopf, und dass sie nicht so funktioniert, wie er sie sich vorstellt, wird dem Neoliberalismus angelastet, bei dem offen bleibt, wieso er solchen Einfluss auf Politik und Markt erlangt, wo diese doch nach ganz anderen Regeln in den Augen des Autors funktionieren sollen. Ausgerechnet die Ausführenden der Politik und des Marktes, die ihr Wissen diesen zur Verfügung stellen, sollen ihre Auftraggeber korrigieren.

Fazit

Mit seinem Buch stimmt Crouch in den vielstimmigen Chor derjenigen ein, die die negativen Wirkungen von politischen Beschlüssen und der Marktwirtschaft feststellen, aber nie in diesen Beschlüssen und im Markt die Zwecke erkennen wollen, die damit vertreten werden, sondern an den eigentlich guten Aufgaben von Politik und Markt festhalten wollen. Ausgerechnet die Instanzen, die die Politik des Neoliberalismus durchsetzen, werden so zu Adressaten, diese Politik einzuschränken oder zu beenden. Die Titelreihe lautet nicht zufällig „Postdemokratie“ wie „postmodern“. So kann man sich in die Reihe derer stellen, die auf der Höhe der Zeit sind und das eigentlich Positive des Marktes und der Demokratie beschwören, und die negativen Wirkungen dieser Einrichtungen den negativen Wirkungen einer ökonomischen Richtung zuschreiben, die ein Politiker noch nicht einmal kennen muss. Wer seine schlechte Meinung über das aktuelle Zeitgeschehen bestätigt sehen will, den bedient das Buch mit vielen Beispielen. Wer wissen will, warum dies so ist, wird nur fragliche Erklärungen finden.


Rezension von
Prof. Dr. Suitbert Cechura
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Zitiervorschlag
Suitbert Cechura. Rezension vom 07.12.2015 zu: Colin Crouch: Postdemokratie III: Die bezifferte Welt: Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-518-42505-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19598.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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