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Michael Harrer, Halko Weiss: Wirkfaktoren der Achtsamkeit

Cover Michael Harrer, Halko Weiss: Wirkfaktoren der Achtsamkeit. Wirkfaktoren der Achtsamkeit – wie sie die Psychotherapie verändern und bereichern. Schattauer (Stuttgart) 2016. 347 Seiten. ISBN 978-3-7945-2825-7. 49,99 EUR.
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Thema

Achtsamkeit oder Mindfulness gewinnt an Popularität und wird zunehmend in verschiedenen Schulen der Psychotherapie eingesetzt.

  • Aber wie genau wirkt Achtsamkeit?
  • Welches Heilungspotential und welche Anwendungsmöglichkeiten bietet sie an?
  • Welche Ergebnisse lassen sich erzielen?
  • Und wie lässt sich dieses im Buddhismus fundierte und auf Akzeptanz beruhende Konzept in unsere westliche Psychotherapie, die eher auf Beseitigung von Störungen abzielt, integrieren?

Michael Harrer und Halko Weiss gehen in ihrem Buch diesen Fragen und Widersprüchen in einer systematischen und umfassend Art und Weise nach und stellen am Ende mit der Hakomi-Methode einen Ansatz vor, der die Achtsamkeit ins Zentrum stellt und eine systematische Therapie daraus entwickelt.

Autoren

Dr. med. Michael Harrer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Psychotherapeut, Supervisor und Lehrtherapeut für Hypnosepsychotherapie, Seminarleiter und Buchautor zu den Themen Psychotherapie, Achtsamkeit und Burnout.

Ph.D. Halko Weiss ist Psychologischer Psychotherapeut, Dozent, Mitbegründer des Hakomi Institute USA, internationaler Trainer für Körperpsychotherapie, Paartherapie, interpersonale Kompetenz sowie für Führungskräfte. Er hat unter anderem das „Handbuch der Körperpsychotherapie“ und „Hakomi Mindfulness-Centered Somatic Psychotherapy“ veröffentlicht.

Harrer und Weiss sind mit Th.Dietz Coautoren zweier Bücher über Achtsamkeitspraxis „Das Achtsamkeits-Buch“ (2012) und „Das Achtsamkeits-Übungsbuch – Für Beruf und Alltag“ (2013).

Aufbau

Die Autoren behandeln die Fragestellung nach der Integration von Achtsamkeit und Psychotherapie unter dem Blickwinkel der Wirkfaktoren, die sich wie ein roter Faden durch das Buch ziehen.

Einleitend skizzieren sie im ersten Teil zunächst kurz die Geschichte der Wirkfaktoren in der Psychotherapie und im zweiten das Konzept der Achtsamkeit und wie es Eingang in traditionelle Psychotherapieschulen fand. Dann folgen die Hauptteile des Buches, Teil 3, in dem ausführlich die sieben Wirkfaktoren der Achtsamkeit untersucht werden, und Teil 4, der die Hakomi-Methode als umfassende Anwendung von Achtsamkeit in der psychodynamischen Einzelpsychotherapie erklärt. Die sehr kurzen Teile 5-8 beleuchten spezifische Einzelaspekte. Am Ende des Buches finden wir ein Literatur-, ein Personen- und ein Stichwortverzeichnis.

Zu Teil 1: Wirkfaktoren in der Psychotherapie

Die Frage, was genau in der Psychotherapie wirkt, wurde im Zeitverlauf unterschiedlich beantwortet. Die Autoren beschreiben verschiedene Modelle und Theorien. Heute werden Wirkfaktoren auch auf höherer Ebene und schulübergreifend systematisiert, zum Beispiel mit den „großen Vier“ von Michael Lambert:

  1. Extratherapeutische Faktoren: Klienten- und Umweltfaktoren
  2. Eigenschaften des Therapeuten
  3. Erwartungsfaktoren (Placeboeffekt)
  4. Methodisch-technische Faktoren, wie Biofeedback, Hypnose oder Desensibilisierung

Zu Teil 2: Achtsamkeit in der Psychotherapie

Der zweite Teil führt in die Grundlagen und Anfänge der Achtsamkeit ein und zeigt dann, auf welchen Wegen sie in verschiedenen Psychotherapieschulen Anwendung fand. Zentral stehen dabei das in Gruppen angebotene achtsamkeitsbasierte Stressreduktionsprogramm von Jon Krabat-Zinn sowie die auf Ron Kurtz zurückgehende Hakomi-Methode, eine auf den Prinzipien der Achtsamkeit basierende Einzelpsychotherapie. Aber auch die Humanistische Psychologie, wie Gestalttherapie oder personenzentrierte Psychotherapie, die Verhaltenstherapie, kognitive, systemische und Hypnosetherapien verwenden oder integrieren einzelne achtsamkeitsbasierte Elemente und Methoden. Zur ihrer Attraktivität trägt auch bei, dass ihre Wirksamkeit inzwischen auch neurowissenschaftlich nachgewiesen werden kann.

Achtsamkeit entsteht aus der ursprünglich buddhistischen Grundhaltung „Glaube nichts, was Du nicht durch eigene Erfahrung erkannt hast“ mit den vier edlen Wahrheiten

  1. Das Leiden gehört zum Lebenskreislauf dazu.
  2. Es gibt Ursachen, für die wir selbst verantwortlich sind, wie Gier, Hass und Verblendung.
  3. Erlöschen die Ursachen, erlischt das Leiden.
  4. Zum Erlöschen des Leidens führt der edle achtfache Pfad: Rechte Anschauung und Erkenntnis, Rechtes Denken, Rechte Rede, Rechte Handlung, Rechter Lebenserwerb, Rechte Anstrengung, Rechte Achtsamkeit, Rechtes Sich-Versenken.

Die Autoren bedauern, dass die Achtsamkeit oft nur ausschnittsweise oder unvollständig in Therapien berücksichtigt wird und dadurch viele Wirkpotentiale ungenutzt bleiben.

Zu Teil 3: Wirkfaktoren der Achtsamkeit

Achtsamkeit gilt inzwischen als „Common Factor“ aller Psychotherapien. Dieses Kapitel erklärt, wie sie wirkt. Ausgehend von der buddhistischen Psychologie, der Forschungsliteratur sowie der Achtsamkeit als Eigenschaft und Grundhaltung des Therapeuten werden sieben zentrale Prinzipien in ihren Wirkungen beleuchtet.

  1. Achtsamkeit in der therapeutischen Beziehung. Achtsamkeit wirkt positiv auf die Präsenz und Empathie des Therapeuten und auf Bindungserfahrungen und Mitgefühl in der therapeutischen Beziehung, die den Klienten unterstützen und ihm als Modell dienen.
  2. Aufmerksamkeitssteuerung. Aufmerksamkeit kann in der Qualität (Wachheit, Ablenkung) und in der Richtung (innen, außen, selektiv) gesteuert werden. Durch fokussierte Aufmerksamkeit auf unsere Körper, Gedanken oder Gefühle können wir Veränderungen bewirken, indem wir beispielsweise dysfunktionale Gedankenketten unterbrechen oder Emotionen erkennen, benennen, akzeptieren und regulieren lernen und uns so neue Informationen erschließen oder ungewohnte Erfahrungen ermöglichen.
  3. Disidentifikation. Für einen inneren, verborgenen Beobachter oder Zeugen ist es leichter, mit schwierigen Persönlichkeitsanteilen umzugehen als für den Betroffenen, der sich mit ihnen identifiziert.
  4. Akzeptanz, Gleichmut und Selbstmitgefühl. Nicht bewertende Akzeptanz und Gleichmut (Gelassenheit) helfen, Ablehnung und Vermeidungsverhalten zu verhindern oder krankmachende Gedankenprozesse zu transformieren und damit neue Erfahrungen oder Veränderung zu ermöglichen. Selbstmitgefühl wirkt als Mediator zur Reduktion von Stress und depressiver Symptomatik.
  5. Lernen durch neue Erfahrungen. Wenn wichtige Erfahrungen nicht gemacht oder nicht richtig verarbeitet werden, kann das die Entwicklung blockieren. Achtsamkeit vermag, die Beziehung zu Erfahrungen zu verändern und herauszufinden, welche Erfahrungen fehlen und solche anzubieten.
  6. Bedeutungs-und Sinngebung. Das achtsame Beobachten hilft dabei, neue Bedeutungen zu erschließen, neue Lebensgeschichten zu (er-)finden, Werte bewusst zu machen und daraus Orientierung und Richtung für das eigene Handeln abzuleiten. Salutogenetisch gesehen kann Achtsamkeit durch die Stärkung des Kohärenzsinns (=Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinn) die Gesundheit fördern.
  7. Differenzieren und Integrieren. Achtsamkeit kann viele Arten der Integration bewirken, wie eine horizontale Integration der beiden Hirnhälften, eine vertikale Integration von Kopf und Körper, eine Integration der Erinnerung, der Persönlichkeitsanteile oder einer zwischenmenschlichen und zeitlichen Integration. Heilung durch Integration kann mit verschiedenen Therapieformen erreicht werden.

Zu Teil 4: Hakomi-Methode

Die Hakomi-Methode ist ein Beispiel für eine konsequente Integration der Achtsamkeit in die psychodynamische Therapie. Hakomi folgt den fünf Grundsätzen der Einheit (z.B. System, Persönlichkeitsanteile), der Körper-Geist-Einheit, der Organizität des sich selbst organisierenden Ganzen, der Achtsamkeit sowie der Gewaltfreiheit (Widerstand untersuchen, statt bekämpfen). Das zugrundliegende Menschenbild liegt den östlichen Vorstellungen und dem Buddhismus nahe.

Hakomi folgt den Prinzipien der Bewusstseinserweiterung, der Einbettung in das größere Ganze (statt Bewertung), der forschenden Neugier sowie der Selbstrelativierung und Demut des Therapeuten. Die Autoren stellen die Hakomi-Therapie und ihre Interventionsformen vor, setzten diese in Beziehung zu den Wirkfaktoren der Achtsamkeit und illustrieren die Anwendung mit Beispieldialogen und Übungen für Therapeuten.

Neben der Haltung des Therapeuten kommen auch die Balance von Folgen und Führen, die achtsame Exploration des Unterbewussten, Experimente, Erfahrungslernen und Integration zur Sprache, und es wird gezeigt, wie eine achtsame Haltung des Therapeuten helfen kann, Übertragungen, Wechselwirkungen oder Widerstände in der Therapie für den Prozess zu nutzen, indem sie neugierig erforscht und selbst zum Gegenstand der Untersuchung gemacht werden, anstatt sie zu unterdrücken oder vorschnell nach Lösungen zu suchen.

Zu Teil 5: Störungsspezifische Anwendungen der Achtsamkeit

Dieser Teil zeigt, welche achtsamkeitsbasierten Interventionen und Anwendungsformen erfolgreich bei spezifischen Störungsbildern wie Depression, Angst, Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Alkoholabhängigkeit, Schmerz, Psychosen sowie auch zur Gesundheitsförderung eingesetzt werden und wie sie wirken.

Zu Teil 6: Achtsamkeit des Psychotherapeuten

Hier untersuchen die Autoren die Wirkung des Achtsamkeitstrainings auf den Psychotherapeuten, die Wirksamkeit seiner Therapie, seine Arbeit und seine Gesundheit.

Zu Teil 7: Kritik, Grenzen und Gefahren

Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein oder geschaffen werden, um achtsamkeitsbasierte Interventionen erfolgreich in der Therapie einzusetzen? Die Autoren nennen Anforderungen an den Therapeuten, an den Klienten und weisen auf strukturelle Widersprüche mit den Anforderungen unseres Gesundheitssystems und gängigen Erwartungen an Diagnose und Lösung sowie auf Einschränkungen bei Gruppenprozessen hin.

Zu Teil 8: Neurobiologische Wirkungen der Achtsamkeitspraxis

Zu guter Letzt stellen die Autoren einige Studien aus der Neurobiologie vor, die Wirkungen der Achtsamkeitspraxis auf Hirnstrukturen und Zellen untersuchen.

Diskussion

Michael Harrer und Halko Weiss möchten Therapeuten aller Traditionen inspirieren, Elemente der Achtsamkeit in ihre Arbeit und ihr Leben einfließen zu lassen. Sie laden sie auch zur Diskussion über ihre Arbeit mit Achtsamkeit ein, die aus ihrer Sicht das allgemeine Verständnis der Psychotherapie wesentlich bereichern könnte.

Dazu liefern sie ein Grundlagenwerk mit viel Breite, Tiefe und Systematik. Sie dokumentieren die Anfänge der Achtsamkeit und ihre Wege in die Anwendung in der Psychotherapie, erläutern sieben Wirkfaktoren der Achtsamkeit in verschiedenen Therapieschulen und belegen sie mit Wirksamkeitsstudien und neurobiologischen Erkenntnissen. Mit der Hakomi-Methode rückt die praktische Anwendung in den Vordergrund, denn die Autoren zeigen, wie ein integriertes Therapiekonzept praktisch gestaltet und durchgeführt werden kann. Besonders gefällt mir, dass die Autoren zusätzlich zur Theorie und der Literatur zu den Interventionsformen auch anhand kleiner Fallbeispiele und Dialogausschnitte demonstrieren, wie in der Therapiepraxis achtsam vorgegangen werden kann sowie Übungen für Therapeuten und Interessierte anbieten, die sie, in der Regel zu zweit, selbst ausprobieren und erfahren können.

Das Buch lässt sich gut lesen, Fachbegriffe werden erklärt und auf Jargon wird verzichtet. Der gründlichen Systematik geschuldet, kommen manche Aspekte mit leichten Überlappungen mehrmals, an verschiedenen Stellen zur Sprache. Zielgruppe sind Therapeuten und Coaches, die Achtsamkeit in ihre Therapie integrieren möchten. Um selbst Achtsamkeit zu lernen und üben, eignen sich die oben erwähnten Bücher der Autoren über Achtsamkeit.

Fazit

In diesem umfassenden und inspirierenden Grundlagenwerk wird untersucht, wie und wo achtsamkeitsbasierte Interventionsformen in der Psychotherapie eingesetzt werden und welche Faktoren in der Therapie auf welche Weise wirken. Als Beispiel wird die Hakomi-Methode vorgestellt, in der die Achtsamkeit als Leitkonzept in der Therapie zentral steht und gelebt wird.

Summary

In this foundational and inspirational work on mindfulness in psychotherapy the authors investigate how and where mindfulness based forms of intervention found their way into psychotherapy and which factors of mindfulness work in which ways. Further they introduce the Hakomi Mindfulness-Centered Psychotherapy as an example how mindfulness can successfully be applied and lived within the therapy.


Rezensentin
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 12.05.2016 zu: Michael Harrer, Halko Weiss: Wirkfaktoren der Achtsamkeit. Wirkfaktoren der Achtsamkeit – wie sie die Psychotherapie verändern und bereichern. Schattauer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-7945-2825-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19607.php, Datum des Zugriffs 21.04.2018.


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