socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Traugott Jähnichen (Hrsg.): Soziales Europa?

Cover Traugott Jähnichen (Hrsg.): Soziales Europa? Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2014. 327 Seiten. ISBN 978-3-579-08056-7. 29,99 EUR.

Jahrbuch sozialer Protestantismus, Bd. 7.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Für die Herausgeber ist das Fazit deutlich: Ein soziales Europa darf in protestantischer Perspektive nicht nur ein „frommer Wunsch“ sein, sondern ist „als Projekt“ zu verstehen, „das es sowohl im Interesse innereuropäischer Verhältnisse wie angemessener Relationen im globalen Kontext in [!] tätigen Vertrauen auf Gottes Verheißungen zu verfolgen gilt“ (13). Vor diesem Hintergrund verdienen der Titel des Sammelbandes – „Soziales Europa?“ – und die einzelnen Beiträge eher ein Ausrufezeichen als ein Fragezeichen. Ein sozial integriertes und dadurch politisch wie ökonomisch integriertes Europa ist ein notwendiges Projekt, weil es den Bürgerinnen und Bürgern eine verlässliche soziale Sicherung bietet und weil es ein global wirksames Modell zur Sicherung von Recht, Frieden und Moral darstellt. Dieses Ziel wird von den aktuellen Nachrichten konterkariert, die eine völlig andere Wirklichkeit darstellen und ein Bild von Europa zeichnen, in dem wenig von der „Idee eines zivilisierten und befriedeten, sozial sensiblen Europa, das sich durch ein solidarisches Wohlfahrtsmodell und eine menschenrechtsaffine Politik“ (9) aufscheint. Zur Diskussion steht die Wirklichkeit und mit ihr das Projekt.

Die Herausgeber und BeiträgerInnen des siebten Bandes des „Jahrbuchs Sozialer Protestantismus“ gehen davon aus, dass der Protestantismus die politische, soziale und wirtschaftliche Gestaltung Europas nachhaltig geprägt hat. Doch vertiefen sie nicht diese historische und theologische Perspektive, sondern richten den Blick konsequent auf die Gegenwart. Allerdings greift der Sammelband nicht die aktuelle Situation, wie sie durch die Flüchtlingsströme und Inklusionsherausforderungen geprägt ist, auf, sondern bleibt – von zwei Beiträgen zur Finanzkrise abgesehen – sozialpolitisch grundsätzlich.

Herausgeber und AutorInnen

Die Reihe „Jahrbuch Sozialer Protestantismus“ wird seit 2007 von der Stiftung Sozialer Protestantismus, dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt der EKD und dem Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD herausgegeben. Den Herausgeberkreis für die Reihe wie den aktuellen Band bilden evangelische TheologInnen: Traugott Jähnichen, Torsten Meireis, Johannes Rehm, Sigrid Reihs, Hans-Richard Reuter und Gerhard Wegner.

Die VerfasserInnen der 12 Schwerpunktbeiträge sind demgegenüber keineswegs alle evangelische Theologen. Sie repräsentieren mit ökonomischer, soziologischer oder auch sozialpolitischer Expertise eine interessante Breite an Hinsichten.

Aufbau und Inhalt

Die Beiträge zum Schwerpunktthema sind in zwei Blöcke gruppiert:

  1. Soziales Europa – Beiträge zum thematischen Überblick,
  2. Regionale und bereichsspezifische Lagebestimmungen.

Einen Schlüssel zum Thema stellt der Beitrag von Torsten Meireis dar, der den Sammelband auch durch ein Vorwort im Namen des Herausgeberkreises eröffnet. Unter dem Titel „Soziales Europa?“ umreißt er zunächst, was Europa, sein Sozialmodell und dessen politische Realität ausmacht. Aus seiner Sicht ist unklar, was Europa ist. – welche kulturelle Selbstbeschreibung als kollektive Identität akzeptiert wird. Am plausibelsten erscheinen noch solche „Erzählungen“, „die die europäische Einigung als rechtlichen, zukunftsoffenen Integrationsprozess konzeptualisieren“ (157), der gegen die Erfahrungen von Gewalt und Kulturbruch die Geltung der Menschenrechte, die Akzeptanz von Pluralismus und die Implementierung demokratischer Verfahren setzt. Europa ist kein soziologisch oder historisch beschreibbares Faktum, sondern ein Projekt. Weil diesem Projekt aber eine akzeptierte Erzählung fehlt, ist seine Leitfrage, ob die Idee eines europäischen Sozialmodells die Lücke schließen kann. Dabei zeigt sich auch hier in der realen Sozialpolitik deutlich: Dieses Modell ist eher eine normative Setzung denn ein Setting institutionell und rechtlich gesicherter Maßnahmen. Die Grundsatzbestimmungen, wie sie bspw. Im Vertrag von Lissabon deutlich werden, stimmen; ihre Umsetzung ist problematisch.

Meireis´ Fazit ist nicht überraschend: „Starke, aber vage Prinzipien einer sozialen Sicherung [stehen] einer durchaus zerfaserten Sozialpolitik gegenüber …, die vor allem auf die Förderung des Binnenmarkts durch wirtschaftliche Liberalisierung ausgerichtet ist“ (162). Die Schwächen der vorrangig ökonomischen Absicherung sozialer Sicherung sind mit den Händen zu greifen. Die Realität hält – verstärkt durch die Folgen der Finanzkrise – dem formulierten Anspruch nicht stand: Nach innen wie nach außen scheint die Europäische Union weitaus weniger menschenrechtsaffin als ihre Gründungsdokumente es erwarten lassen. Wie sich die fehlenden Absicherungen auswirken wird im zweiten Teil des Beitrags an der „Prekarisierung als Testfall des europäischen Sozialmodells“ vorgeführt. An der Prekarisierung und der mit ihr einhergehenden Entrechtlichung zeigt sich der Zusammenhang von ökonomischen Handlungsspielräumen und moralischen „Hintergrundüberzeugungen“ besonders deutlich: „Das Missverhältnis von in den EU-Verträgen dokumnetierten Absichten und defizitärer Realität [liegt] grundsetzlich in der strukturellen Verfassung der EU begründet.“ (174) Nicht der Einigungsprozess, sondern seine halbherzige Verfolgung ist aus der Sicht des Sozialethikers das Problem.

Der umfangreiche Beitrag von Johannes Eisenbarth und Katharina Wegner stellt unter dem Titel „Europa sozial regieren“ die Fakten – Kompetenzen, Akteure, Verfahren und Ziele – vor, auf die sich Meireis bezieht. Ihr Text ist geeignet, die komplexe Situation für weitere Analysen aufzuschließen und zu sichten. Der Text kann als Grundlage für die folgenden Beiträge gelesen werden, die sich zunächst der Finanzkrise und ihren sozialpolitischen Folgen widmen. Während Michael Hüther die Potentiale der europäischen Bewältigungsstrategien hervorhebt, skizziert Gustav Horn Konsequenzen einer Politik, die sich weitaus stärker an Konzepten sozialer Gerechtigkeit orientieren müsste.

Eva Senghaas-Knobloch und Wolf-Dieter Just nehmen nicht die Finanzkrise zum Ausgangspunkt, sondern die Realität von Migration und Flucht. Senghaas-Knobloch fordert die Schließung der „Care-Lücke“ in der Arbeitsgesellschaft, während Just-Meireis´ Hinweis auf die normativen Grundlagen vorwegnehmend – die Bedeutung der Menschenwürde hervorhebt. – Alle Beiträge zum thematischen Überblick machen deutlich, dass es im Sozialen Europa als Projekt um Gerechtigkeit geht.

Im zweiten Block, den Beiträgen zur regionalen und bereichsspezifischen Lagebestimmung, werden thematisch ganz unterschiedliche Texte versammelt. Neben der protestantisch sozialethsichen Betrachtungen einer Wachstumsstrategie für Europa (Sylvia Losansky) oder kirchlicher Stellungnahmen aus Skandinavien und Großbritannien (Gerhard Wegner) treten wiederum ökonomisch ausgerichtete Diskurse zum bedingungslosen Grundeinkommen (Hella Hoppe und Frank Mathwig) oder zur europäischen Sozialpolitik aus Sicht der (deutschen) Diakonie (Johannes Eurich und Christian Schnabel). Im letztgenannten Text ist das Fazit vorangestellt. Eurich und Schnabel sprechen vom „europäischen Nicht-Sozialstaat mit sozialer Agenda“ (259). Ihr Blick richtet sich bezeichnenderweise auf die Förderpolitik der EU (und deren Auswirkungen in Deutschland). Es gelingt ihnen die Herausforderung zu umreißen, doch offen bleibt, was die Lösung sein konkret sein kann.

Das siebte Jahrbuch Sozialer Protestantismus bietet abschließend Dokumentationen und Rezensionen. Die von den Herausgebern versammelten Dokumente und die besprochenen Bücher greifen das Schwerpunktthema des Jahrbuchs nur zum Teil auf. Da aber, wo die Anknüpfung wie z.B. im Wort der Vollversammlung der „Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa (GEKE)“ geschieht, unterstreichen sie den Praxisbezug des Sozialen Protestantismus.

Diskussion und Fazit

Bezeichnend für die Auseinandersetzung mit dem Sozialen Europa ist eine Schlussfolgerung, wie sie Eurich und Schnabel zitieren: „Europa braucht einen grundlegenden und weitreichenden Mentalitätswandel, damit das Unternehmertum zum Wachstum unserer Wirtschaft werden kann.“ (Grohs et.al. zit n. Eurich/Schnabel 277) Der Nachsatz macht deutlich, dass das Verdikt von Torsten Meireis stimmt: „Starke, aber vage Prinzipien einer sozialen Sicherung [stehen] einer durchaus zerfaserten Sozialpolitik gegenüber …, die vor allem auf die Förderung des Binnenmarkts durch wirtschaftliche Liberalisierung ausgerichtet ist“ (162).

Dass das aus Sicht des Sozialen Protestantismus nicht die Lösung sein kann, wird den Leserinnen und Lesern des Jahrbuchs klar sein. Es hätte allerdings deutlicher ausgesprochen und vor allem hätten Handlungs- und Entwicklungsoptionen vorgestellt und klarer diskutiert werden können. Wenn das Soziale Europa als Projekt zu begreifen und die Integration durch Sozialpolitik zu gestalten ist, dann sollte der Protestantismus seine Kritik, vor allem aber seine Perspektiven, nicht verschweigen.


Rezension von
Prof. Dr. Ralf Evers
Evangelische Hochschule Dresden
Homepage www.ehs-dresden.de
E-Mail Mailformular


Alle 17 Rezensionen von Ralf Evers anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ralf Evers. Rezension vom 18.07.2016 zu: Traugott Jähnichen (Hrsg.): Soziales Europa? Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2014. ISBN 978-3-579-08056-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19612.php, Datum des Zugriffs 22.09.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung