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Traugott Jähnichen, Torsten Meireis u.a. (Hrsg.): Dritter Weg? Arbeitsbeziehungen in Kirche und Diakonie

Cover Traugott Jähnichen, Torsten Meireis, Johannes Rehm, Sigrid Reihs, Hans-Richard Reuter, Gerhard Wagner (Hrsg.): Dritter Weg? Arbeitsbeziehungen in Kirche und Diakonie. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2015. 356 Seiten. ISBN 978-3-579-08057-4. 29,99 EUR.

Jahrbuch sozialer Protestantismus, Bd. 8.
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Thema

Der achte Band des „Jahrbuchs Sozialer Protestantismus“ stellt mit dem „Dritten Weg“ die besondere Weise der Gestaltung kirchlich-diakonischer Arbeitsverhältnisse auf den Prüfstand. Das Ziel des Sammelbandes ist es, nicht nur die aktuellen Debatten und Auseinandersetzungen um das Schwerpunktthema aufzugreifen und zu bündeln, sondern die diakonischen und kirchlichen Arbeitsbeziehungen, ihre rechtliche und praktische Ausgestaltung und das Leitbild einer „Dienstgemeinschaft“ selbst einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

Mit dieser Ausrichtung greift der Sammelband nicht nur die aktuelle Diskussion um die Legitimität eines besonderen kirchlichen Dienstrechts und seiner Ausgestaltung auf, sondern widerspiegelt auch die zunehmende Pluralität der arbeitsrechtlichen Regelungen und Mechanismen, die praktischen und konzeptionellen Reaktionen auf die Veränderung von Kontextbedingungen sowie die bleibende Herausforderung für alle sozialen Dienstleitungsprofessionen – durch die Gestaltung „möglichst guter und motivierender Arbeitsbedingungen“ für Mitarbeitende verlässliche und tragfähige Angebote für die Klienten der Dienste zu schaffen.

Der Hintergrund der Diskussion wird im einleitenden Beitrag von Traugott Jähnichen und Johannes Rehm umrissen. Die Herausgeber weisen nicht nur darauf hin, dass die diakonischen und caritativen Einrichtungen und Träger und ihre Verbände zu den größten Arbeitgebern in Deutschland gehören; „zu den kaum zu überschätzenden Innovationen der deutschen Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts (gehöre), dass in einem hohen Maße reguläre Beschäftigungsverhältnisse von Kirchengemeinden und anderen kirchlichen sowie diakonischen Anstellungsträger geschaffen worden sind“ (9). Sondern sie unterstreichen auch, dass mit der Verantwortung für rund drei Prozent aller bundesdeutschen Beschäftigungsverhältnisse auch die Aufgabe verbunden sei, „sie dem eigenen, sozialethisch begründeten Anspruch gemäß vorbildlich zu gestalten“ (ebd.). Dieser Anspruch ist es, den das Jahrbuch gemessen an der geübten Praxis des „Dritten Weges“ auf den Prüfstand stellt.

Veranlasst wurde diese Überprüfung durch aktuelle juristische und praktische Auseinandersetzungen um den Dritten Weg und deren mediale Präsenz.

Herausgeber und AutorInnen

Die Reihe „Jahrbuch Sozialer Protestantismus“ wird seit 2007 von der Stiftung Sozialer Protestantismus, dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt der EKD und dem Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD herausgegeben. Den Herausgeberkreis bilden Traugott Jähnichen, Torsten Meireis, Johannes Rehm, Sigrid Reihs, Hans-Richard Reuter und Gerhard Wegner.

Die VerfasserInnen der 14 Hauptbeiträge sind alle der evangelischen Theologie und Kirche und mit der Diakonie der sozialen Praxis des Protestantismus verbunden. Neben sozialwissenschaftlichen und theologischen Texten bietet das Jahrbuch auch Raum für Beiträge unterschiedlicher „Betroffenengruppen“ der Arbeitsbeziehungen; die Sichtweise der KlientInnen findet dagegen keine Aufmerksamkeit. Auch eine ökumenische Perspektive des Themas wird ebenso wenig aufgemacht wie vergleichbare Problemlagen und Lösungen im Kontext sozialer Dienstleitungen nichtkirchlicher Träger und Verbände in Deutschland betrachtet werden. Was dadurch gelingt ist ein konzentrierter und kritischer Blick auf eine besondere Praxis, wie er so noch nicht unternommen wurde. Die Basis für innerprotestantische wie darüber hinausführende Auseinandersetzungen ist gelegt.

Aufbau und Inhalt

Die vierzehn Beiträge zum Thema sind nicht in eigene Kapitel geordnet; doch folgen auf acht eher grundsätzliche Beiträge sechs weitere, die im Sinne von Stellungnahmen betroffener Akteure verstanden werden können.

Grundlegend sind die beiden ersten Texte, die den historischen und den ekklesiologischen Hintergrund unterstreichen. Traugott Jähnichen skizziert nicht nur den Weg hin zu einem „Dritten Weg“, sondern auch dessen theologischen wie gesellschaftspolitischen Kontexte sowie den leitenden Anspruch Arbeitsbeziehungen im „Geist einer sozialen Partnerschaft sachgemäß und menschengerecht zu gestalten“. Angemessener Ausdruck dieses Geistes sei die „Dienstgemeinschaft“, mit der sich Wolfgang Maaser auseinander setzt. Maaser unterscheidet eine subjektive, die Mitarbeitenden betreffende Dimension der Dienstgemeinschaft von einer objektiven, auf die Institutionen bezogene Dimensionen. Beide Seiten bedürfen aber angesichts der religiösen Pluralisierung wie aufgrund der aktuellen personalpolitischen Lage und der praktischen Herausforderungen nicht nur eine pragmatische, sondern vor allem eine ekklesiologische Klärung.

Als praktische Lebensform einer unternehmerisch handelnden Kirche wird Dienstgemeinschaft von Johannes Rehm beschrieben. Johannes Eurich und André Ritter fordern eine interkulturelle und interreligiöse Öffnung der diakonischen Arbeitsverhältnisse. Basis des Handelns wie der Gestaltung der Arbeitsverhältnisse sei eine Dienstorientierung.

Dass die Akzeptanz der kirchlichen Arbeitsrechtsregelungen schwindet, ist der Ausgangspunkt der Überlegungen von Hermann Reichold. Die Mitwirkungsmöglichkeiten von Gewerkschaften seien zu stärken. Auch Thomas Dieterich und Heide Pfarr befürworten konstruktive Zusammenarbeit von Kirche, Diakonie und Gewerkschaften. Der Wettbewerb mit privaten und kommerziellen Hilfeanbietern mache die Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Sozialtarifverträgen nötig, um dem Grundgedanken des Dritten Weges zu entsprechen. Gerhard Wegner beschreibt die aktuellen Entwicklungen in Niedersachsen, wo Kirche und Gewerkschaften Arbeitsverhältnisse im Sinne der Sozialpartnerschaft regeln.

Die Mitbestimmungsrechte der Mitarbeitenden werden in den vorstehenden Beiträgen thematisiert; mit dem Text von Franz Segbers werden sie ausdrücklich als „blinder Fleck“ thematisiert, der weiter besteht, obgleich entsprechende sozialethische Forderungen seit langem gut begründet seien. Eine entsprechende Unternehmensrechtsreform der Diakonie sei geboten.

Weitaus kontroverser gehen die folgenden Beiträge mit den Regelungen und der Praxis des Dritten Weges um. Aus der Perspektive von ArbeitnehmervertreterInnen, Gewerkschaften, Dienstgebern wie dem Diakonischen Verband selbst werden Einwendungen wie Handlungsoptionen entwickelt, die vor allem eines zeigen: Die arbeitsrechtlichen Regelungen und Praxen von Diakonie und Kirche sind in einem hohen Maß kontextabhängig. Es zeichnet sich eine Kontextualisierung und Pluralisierung von Handlungswegen und Regelungen ab, die zum einen die Pluralitätsfähigkeit von Diakonie und Kirche auf die Probe stellen und zum anderen danach fragen, was die verbindende und leitende Perspektive der Arbeitsrechtsgestaltung auf einem „Dritten Weg“ sind.

Das achte Jahrbuch Sozialer Protestantismus bietet wie bereits der siebte Band abschließend Dokumentationen und Rezensionen. Die von den Herausgebern versammelten Dokumente und die besprochenen Bücher greifen das Schwerpunktthema des Jahrbuchs nur zum Teil auf. Da aber, wo die Aufnahme geschieht, unterstreichen sie den Praxisbezug des Sozialen Protestantismus.

Diskussion und Fazit

Den Leserinnen und Lesern wird mit dem Jahrbuch der Versuch einer Selbstverständigung über die leitenden Perspektiven und Grundlagen der Gestaltung von Arbeitsbeziehungen in Diakonie und Kirche geboten. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die sich vervielfältigende Praxis. Die Beiträge bieten Ansatzpunkte und Diskussionen der innerkirchlichen und innerdiakonischen Selbstverständigung und der Einordnung von Besonderheiten. Aber vermögen sie es in ihrer Summe, den Dritten Weg als eine Alternative zur konstruktiven Gestaltung von Arbeitsbeziehungen zu entwickeln? „Mit dem Dritten Weg ist zu rechnen“, bilanzieren Thomas Eisenreich und Norbert Manterfeld im Schlussbeitrag, „aber ein Selbstläufer ist er nicht“ (285) – vor allem dann, wenn mehr gefragt ist als binnenkirchliche Plausibilität.

Weitere Gesprächsbeiträge müssen also folgen. Bedeutsam ist zu untersuchen, wie sich die Kontextbedingungen für professionelles und berufliches Hilfehandeln verschieben. Wenigstens ebenso wichtig aber ist, nicht nur die Herkunft der eigenen Praxis zu beschreiben, sondern die Grundlagen der eigenen Positionen sozialethisch und theologisch, aber eben auch im sozialwissenschaftlichen Vergleich zu begründen und weiterzuentwickeln. Dazu ist mit der vorgelegten Bestandsaufnahme ein erster, aber eben auch nur ein erster Schritt getan.


Rezensent
Prof. Dr. Ralf Evers
Evangelische Hochschule Dresden
Homepage www.ehs-dresden.de
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Zitiervorschlag
Ralf Evers. Rezension vom 07.04.2016 zu: Traugott Jähnichen, Torsten Meireis, Johannes Rehm, Sigrid Reihs, Hans-Richard Reuter, Gerhard Wagner (Hrsg.): Dritter Weg? Arbeitsbeziehungen in Kirche und Diakonie. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2015. ISBN 978-3-579-08057-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19613.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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