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Thorsten Kolsch, Tim Jonischkat: Digitale Nomaden – Deutschland zieht aus

Cover Thorsten Kolsch, Tim Jonischkat: Digitale Nomaden – Deutschland zieht aus. EMMAEINS-Media Produktion (HAMBURG) 2015.

http://deutschland-zieht-aus.de/ 2015. Dauer: 71 Min. EMMAEINS-Media Produktion in Kooperation mit thokomedia. $ 7.90.


Thema

Heute hier morgen dort – heute Bangkok, nächste Woche Australien und in zwei Monaten am Strand von Spanien. So oder so ähnlich könnte das Leben eines Digitalen Nomaden beschrieben werden. Wer sind eigentlich diese Digitalen Nomaden? Wie verdienen sie ihr Geld und welche Facetten verbergen sich hinter diesem Lebensstil? Was sind die Beweggründe dafür, einen sicheren Arbeitsplatz in Festanstellung aufzugeben und gegen ein Leben als Digitaler Nomade einzutauschen? Diesen und noch vielen weiteren Fragen gehen die Produzenten des Films Thorsten Kolsch und Tim Jonischkat nach.

In den Sozialwissenschaften werden bereits verschiedenste Formen von Mobilität diskutiert und Themen zu arbeits- und berufsbedingten Wanderungsformen bearbeitet. Zum Sprachjargon gehören dabei längst Schlagworte wie Expatriates (vgl. z.B. Kreuzer/Roth 2006), Jobnomaden (vgl. z.B. Sennett 1998: 21) oder Berufsnomaden (vgl. z.B. Vorheyer 2013). Hierunter werden Personen verstanden die für einen temporären Zeitraum in einem anderen Land als ihrem Heimatland leben und/oder zwischen verschiedenen Ländern pendeln; sich somit also nicht dauerhaft in einem für sie neuen Land ansiedeln (vgl. z.B. Pries 2001). Oftmals handelt es sich in der Forschung hierbei beispielsweise um Entsendete von Großkonzernen, Finanzbeamte/innen, Entwicklungshelfer/innen, Wanderarbeiter/innen oder Diplomaten/innen. Dem Digitalen Nomaden, als selbständig und global arbeitender Entrepreneur, wie er im Film vorgestellt wird, wird in der Wissenschaft hingegen bislang nur sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Der Dokumentarfilm macht in Form von Interviews mit selbsternannten Digitalen Nomaden deren ganz persönliche Perspektive transparent und weist so auf neu aufkommende Mobilitäts-, Arbeits- und Lebensmodellentwicklungen der heutigen Zeit hin.

Idee, Produktion und Regie

  • Thorsten Kolsch ist selbständiger Einzelunternehmer im Medienbereich. Von ihm stammt die initiale Idee für einen Dokumentarfilm zum Thema Digitale Nomaden. Während der Umsetzung war er verantwortlich für Produktion, Buch und Moderation.
  • Tim Jonischkat ist Softwareingenieur und Filmemacher. Er übernahm Produktion, Buch, Bildgestaltung und Regie.

Entstehungshintergrund

Seine Premiere erfuhr der Dokumentarfilm am 2.Oktober 2014 auf der zweiten Digitalen Nomaden-Konferenz (DNX) in Berlin. Seit dem 1. Mai 2015 ist der Film als Download für 7.90$ erhältlich (http://deutschland-zieht-aus.de/). Ab dem 15. Juni 2015 erhielt der deutschsprachige Dokumentarfilm einen englischen Untertitel. Die mit dem Film eingenommenen Erträge werden nach Deckung der Produktionskosten an den Verein Viva con Agua Sankt Pauli, der sich für Trinkwasserzugänge in Entwicklungsländern engagiert, gespendet. Außerdem geht je verkaufter Film ein Euro an die Klimaschutzorganisation atmosfair.

Aufbau und Inhalt

Der Protagonist Thorsten Kolsch, gleichzeitig Ideengeber, Produzent und Moderator des Films, führt den Zuschauer aus seiner ganz eigenen Perspektive durch den Dokumentarfilm. In sieben Interviews, davon fünf mit selbsternannten Digitalen Nomaden (1-5), seinen Eltern (6) und einem seiner besten Freunde (7), fängt er Meinungen, Erfahrungsberichte und Einblicke rund um das Thema ortsunabhängiges Arbeiten ein und nähert sich so schrittweise den Facetten des Digitalen Nomadentums.

Nach bereits acht Umzügen innerhalb Deutschlands, hat Thorsten längst den Bezug zu eigenen Bildern an der Wand verloren und seine Möbel samt IKEA Fußmatte sind in einer Lagerbox verstaut. So startet der Filmbeginn in einer Einliegerwohnung in Hamburg-Blankenese. Passenderweise handelt es sich dabei nicht um die eigene Wohnung des Protagonisten, sondern um die seiner besten Freundin Anja, welche sich derzeit auf Weltreise befindet. Während Anja also um die Welt jettet, nimmt Thorsten ihre Post entgegen und gießt ihre Blumen. Diese Situation bringt den Protagonisten zum Nachdenken. Denn trotz seines Freelancer Daseins klingelt jeden Morgen sein Wecker, um dann doch wieder jeden Tag auf dem gleichen Bürostuhl zu sitzen. Was also ist daran Freiheit? Gibt es vielleicht „eine Brücke zwischen Arbeiten und Reisen“ (4:15-4:18 Min.) fragt sich Kolsch. Um Antworten zu erhalten liest er im Film das bekannte Buch „Die 4-Stunden Woche“ von Timothy Ferris und googelt nach Blogs von Menschen, die ihren 9-5 Bürojob bereits aufgegeben haben und mittlerweile von überall auf der Welt aus arbeiten. „Sie nennen sich selbst Digitale Nomaden. Ortsunabhängig arbeitende Freigeister, die oft unterwegs sind und einen großen Teil ihres Einkommens, wenn nicht ihren gesamten Lebensunterhalt, im Internet verdienen“ (4:55-5:03 Min.), so die Beschreibung Kolschs im Film. Ob solch ein Leben auch für Thorsten Kolsch infrage kommt, versucht er herauszufinden, indem er mit fünf der bekanntesten deutschen Digitalen Nomaden spricht. Dabei wirft Kolsch immer wieder neue Fragen, durchaus auch kritisch formuliert, hinsichtlich dieses Arbeits- und Lebensstils auf und schafft für den Zuschauer Anlass zur Reflexion.

Als erstes trifft sich Kolsch im Film mit dem Digitalen Nomaden Tim Chimoy (1) (Drehort Berlin). Dieser erzählt im Kontext seiner eigenen Biographie von seinem Weg in ein ortsunabhängiges Leben. Als Architekt arbeitete er bereits in Deutschland, China und den USA, machte ein Aufbaustudium in Berlin und Helsinki und versuchte so auf „klassischem Wege“ (8:11-8:12 Min.) etwas von der Welt zu sehen. Thorsten interessiert, was hinter der Entscheidung steckt, ein mit hoher Wahrscheinlichkeit abgesichertes Leben in Festanstellung aufzugeben? Chimoy berichtet, dass er nach seinem Studium zwar eine gute Bezahlung für seine Arbeit erhielt, die Ortsgebundenheit aber zugleich Kreativität und mögliche weitere Auslandsaufenthalte einschränkte. Eine Situation die er selbst nicht befürwortete und daher den Weg in die Selbständigkeit wählte. Zum Zeitpunkt des Filmdrehs arbeitet Chimoy bereits seit einigen Jahren von den verschiedensten Orten der Welt, schreibt gleichzeitig auf seinem Blog Erfahrungsberichte und veröffentlichte ein Handbuch mit Tipps zum Thema ortsunabhängiges arbeiten. Auch Tims Meinung hinsichtlich des auf Webseiten oftmals propagierten Bildes, des am Strand sitzenden und cocktailtrinkenden Digitalen Nomaden, interessiert Thorsten. Schnell wird hier mit Vorurteilen aufgeräumt und dem Zuschauer die Message transportiert, dass auch hinter einem Leben als Digitaler Nomade viel Arbeit steckt, selbst dann wenn diese außerhalb von Büroräumen ausgeübt wird.

Die nächste Digitale Nomadin ist Felicia Hargarten (2), die Kolsch zum Gespräch trifft (Drehort Berlin). Seit über 10 Jahren ist sie als Backpackerin weltweit unterwegs, verdient heute (zum Zeitpunkt des Filmdrehs) ihr Geld als Reisebloggerin und lebt mit ihrem Freund Marcus ein digitales Nomadenleben zu zweit. Thorsten interessiert bei diesem Treffen vorallem, wie man eigentlich Digitaler Nomade wird? Was heißt das, als Digitaler Nomade durchzustarten und woher kommt die Motivation dafür? Die Antwort von Feli (wie sie im Film genannt wird) ist verblüffend einfach und doch zugleich in hohem Maße anspruchsvoll. Man müsse eben umdenken und brauche schlichtweg den festen Willen dazu Digitaler Nomade zu werden. Hargarten zufolge bietet Berlin mit seiner Startup- und Gründungswillenatmosphäre genau die richtige Umgebung, um den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Hinsichtlich der praktischen Umsetzung müssen natürlich die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden. Eine Gewerbeanmeldung kann beispielsweise via e-Büro erfolgen und Onlinedienste wie Dropscan sorgen dafür, dass analoge Post als digitale Datei an die jeweiligen Empfänger weitergeleitet wird. Auch die Minimalisierung des eigenen Lebensstils, wie beispielsweise die Aufgabe der eigenen Wohnung um mehr Flexibilität zu erreichen, ist für Felicia selbstverständlich. Thorsten scheint es im Film so, als gäbe es bereits für „jedes physische Problem eine digitale Lösung“ (15:59-16:02 Min.).

In einem Zwischenresümee lässt Thorsten den Zuschauer laut an seinen Gedanken teilhaben. Die Voraussetzungen für ein ortsunabhängiges Leben sind also bereits gegeben – zumindest praktischer Natur, so Kolsch. Dennoch ist er skeptisch. Stecken neben dem Freiheitsdrang vielleicht noch andere Beweggründe hinter dem Wunsch ein Digitales Nomadeleben zu führen? Um dieser Frage auf die Schliche zu kommen, trifft sich Kolsch mit Ex-Elite-Jurastudent Ben Paul (3) in der Humboldt Universität Berlin. Ben berichtet von seinen ganz individuellen Gründen, weshalb ihn sein Weg von einer privaten Jurauniversität und somit berechenbaren Ausbildung weg führte. Er konnte sich weder mit dem Fachbereich Jura noch mit dem Bildungssystem identifizieren. Nach einem Jahr in Südamerika machte er ein Praktikum bei einem Unternehmen das Gründungsinteressierte unterstützt (Idea Camp) und fand dort seine Begeisterung für das Entrepreneurwesen – eigene Projekte umsetzen und mit diesen Geld verdienen. Heute (zum Zeitpunkt des Filmdrehs) schreibt Ben auf seinem Blog über alternative Bildungswege. Dass der Weg bis dorthin nicht einfach war, erfährt der Zuschauer durch Erzählpassagen, als Ben schildert wieviel Überzeugungsarbeit er gegenüber seinen Eltern leisten musste und welche Existenzängste seine Mutter in Bezug auf die Zukunft ihres Sohnes hegte. Unterschiedliche Generationenperspektiven werden so durch Ben Pauls Geschichte auf den Bildschirm transportiert.

Als nächstes führen Thorsten seine Recherchen auf die erste DNX – die Digitale Nomadenkonferenz in Berlin (Drehort CoWorkingspace betahaus), organisiert von Felicia Hargarten und Marcus Meurer. Dort trifft Kolsch auf eine ganze Gruppe von rund 150 Digitaler Nomaden bzw. solchen Menschen die an einem ortsunabhängigen Lebensmodell interessiert sind. Er reflektiert in der Dokumentation über seine Eindrücke und kommt zu dem Schluss, dass das Thema wohl Leute anziehe. Er trifft auf der DNX „keine nerdigen Blogger oder Netz-Geeks“, sondern auf „Hausfrauen, Startupgründer, Studenten, Selbständige, Familienväter und Reiseblogger“ (25:25-25:34 Min.). Mit zwei der Konferenzteilnehmer und -Mitgestalter setzt sich Thorsten zu einem ganz persönlichen Gespräch zusammen. Dabei interessieren ihn dieses Mal u. A. Veränderungen im sozialen Umfeld der beiden. Was passiert eigentlich mit den Freunden, wenn man so lange weg ist? Welche Bedeutung nimmt Heimat ein?

Sebastian Canaves (4)(Drehort DNX Berlin), ebenfalls Reiseblogger, lebte bereits in sieben unterschiedlichen Ländern und reiste darüber hinaus in 50 weitere Länder. Durch die Erläuterung seiner eigenen Erlebnisse macht Canaves für den Zuschauer transparent, dass nicht jeder einfach so Digitaler Nomade werden könne. Es gehöre ein bestimmtes Mindset und ein Wechsel von einer Opfer hin zu einer ja-ich-will Täter Rolle, danzu. Denn es sei mit viel Gegenwind von Freunden, Familie und der Gesellschaft zu rechnen, die die Arbeitspraktiken eines Digitalen Nomadens nicht akzeptieren – sprich nicht den ganzen Tag in einem Büro zu verbringen, so Canaves. Zum Thema Heimat bezieht Sebastian Stellung und schildert, wie er fast 24 Jahre ein Gefühl von Heimatlosigkeit mit sich herum trug. Mittlerweile glaube er jedoch sein Zuhause in Berlin gefunden zu haben. Als Begründung schiebt er hinterher, dass in Berlin eben die „Szene“ (27:30 Min.) bzw. das Internetbusiness viel stärker als im Rest der Republik vertreten sei.

Ebenfalls auf der DNX trifft Thorsten Kolsch Conni Biesalski (5) (Drehort DNX Berlin), Reisebloggerin und u. A. Geschäftspartnerin von Sebastian Canaves. Auch sie hat ihren Schreibtisch in einer PR-Agentur gegen ein Leben als Digitale Nomadin getauscht. Ihren Lebensunterhalt vierdient sie mit ihrem Reiseblog, gibt ihren Onlinebesuchern wertvolle Tipps und hat gemeinsam mit Sebastian einen Onlinekurs zum Thema Blogging auf die Beine gestellt. Conni schildert mit einer offenen und ehrlichen Art, dass sie das Gefühl an einen Bürostuhl gekettet zu sein, kombiniert mit häufigen Kopf- und Rückenschmerzen, nicht ertragen habe. Sie erzählt, dass sie das erste Mal in Berührung mit dem Konzept des Digitalen Nomadentums im englischsprachigen Raum kam (leider bleibt im Film unklar, um welche englischsprachigen Regionen es sich genau handelte). Conni realisierte schnell, dass dieses Lebensmodell - überall auf der Welt leben und arbeiten zu können – auf ihre eigene Lebensphilosophie ganz genau passte. Weiter fragt der Protagonist Kolsch kritisch nach, wie das Gefühl der gewonnenen Freiheit gegen mögliche Ängste, Unsicherheiten oder Zweifel aufwiegt? Conni bestätigt diese Ängste aus eigener Erfahrung sofort, beschränkt diese jedoch nicht nur auf ortsunabhängige und digitale Tätigkeiten, sondern bezieht diese auf jede Art der Selbständigkeit. Gleichzeitig ermutigt sie dazu, sich von potentiellen Scheiterrisiken nicht entmutigen zu lassen. Um den besagten Existenzängsten vorzubeugen, rät Conni zu einer bewussten Auseinandersetzung mit diesen Ängsten und zur Anschaffung eines finanziellen Polsters durch den ökonomischen Umgang mit Geld; beispielsweise durch die Wahl eines Landes mit geringen Lebenshaltungskosten.

Eine weitere Perspektive wird durch ein Interview mit Thorsten Kolschs Eltern (6) transparent (Drehort Nordkirchen). Im Gespräch reflektieren sie die Situation ihres Sohnes, der als Kind nie gerne in die Stadt fuhr, im Zuge seiner Ausbildung jedoch allein innerhalb Hamburgs fünf Mal umzog und heute in der Großstadt mit 1,7 Millionen Einwohnern lebt (zum Zeitpunkt des Filmdrehs). Gleichzeitig repräsentieren Thorstens Eltern eine Generation, die mit einem ganz anderen Verständnis von Arbeit aufwuchs. Thorstens Vater arbeitete in einer Brauereifirma und wechselte in seinen 42 Berufsjahren zwei Mal den Arbeitsplatz. „Ist heute nicht mehr drin“ (54:20-54:21 Min.), ergänzt der Vater selbst. Die Mutter des Protagonisten war selbst Inhaberin eines Modegeschäfts. So werden die verschiedenen Wege der Selbständigkeit – von heute und damals – im Film exemplarisch kontrastierend vorgestellt. In Punkto Freiheit fragt Thorsten seine Eltern ganz direkt, wann sie sich in ihrer berufstätigen Zeit am freiesten gefühlt hatten – vielleicht als Angestellter? Vielleicht als Selbständige? Die Eltern beschreiben ihre Selbständigkeit mit Erfahrungswerten, die mit einem unternehmerischen Risiko und der Bindung an einen festen Ort behaftet sind. In Thorstens Resümee zu seiner eigenen Selbständigkeit stellt er fest, dass er bisher deutlich bessere Erfahrungen als seine Eltern gemacht hat und nur auf diesem Wege selbstbestimmt über seine eigenen Ressourcen entscheiden konnte. Dafür nimmt er auch die besagten Unsicherheiten gerne in Kauf. Auf den richtigen Umgang mit diesen Unsicherheiten sowie auf das Geschick Existenzängste durch Motivation zu ersetzen komme es an, so Kolsch.

Als letzten Gesprächspartner trifft sich Thorsten Kolsch mit seinem alten Freund und ehemaligen Mitbewohner Tim (7) in Essen (Drehort Essen). Tim ist Angestellter einer Medienagentur und gleichzeitig selbständiger Sänger uns Gesangscoach. Somit kennt Tim zwei Arbeitsmodelle – das des Angestellten Daseins und das des Selbständigen. Thorsten interessiert die Meinung seines Freundes zum Modell des Digitalen Nomadentums und will wissen, ob sich dieser solch ein Leben für sich selbst vorstellen kann Tim reagiert skeptisch. Vorallem auf das Thema Zuhause wirft er einen anderen Blick als sein Freund Thorsten. Tim verbindet mit einem Zuhause nicht nur vier eingerichtete Wände sondern in gleichem Maße ein soziales Umfeld. Die Möglichkeit ungefragt eine Tasse Kaffee mit Freunden trinken zu gehen – das macht für Tim ein Zuhause aus. Nachdem er nun mittlerweile seit zweieinhalb Jahren in Düsseldorf lebe, könne er solangsam von einem Zuhause sprechen. Zu diesem sei es aber erst nach und nach geworden. Tim stellt seinem Freund die Gegenfrage, wieso er eigentlich den Weg des Digitalen Nomadentums eingeschlagen habe? Wieso die Sicherheit einer konservativen Heimatvorstellung aufgeben? Für Thorsten scheint die Antwort einfach. Weil es ihn eben kreativer mache und seinen bisherigen Erfahrungen zufolge die Welt auch noch stehe, wenn er ab und zu einen Monat lang weg sei – ob auf Teneriffa oder Sylt mache dabei keinen Unterschied. Am Ende interessiert Thorsten, was sein Freund Tim von dem Bild des Digitalen Nomaden als Egozentriker oder Selbstoptimierer (vgl. 1:02:02-1:02:06 Min.) hält. Tim meint, dass der Digitale Nomade als Lebensmodell für viele Menschen einfach viel zu abstrakt sei, keine Berührungspunkte zu Digitalen Nomaden bestünden. In der Gesellschaft vielmehr eine Vorstellung mit Parallelen zum Künstlertum kursiere.

Diskussion

Kolschs und Jonischkats Dokumentarfilm thematisiert ein Lebens- und Arbeitsmodell, das der breiten Masse bislang noch wenig bekannt ist. Sie kritisieren dabei weder Politik noch Wirtschaft, noch werfen sie mit harten Fakten und Statistiken um sich. Vielmehr lassen sie Digitale Nomaden selbst, Thorstens Eltern und dessen bester Freund zu Wort kommen und deren ganz eigene Geschichte erzählen. Doch es ist auch nicht das erklärte Ziel des Films, Lösungen für ein neues, ein anderes Lebensmodell zu liefern. Die Dokumentation trägt dazu bei, den Zuschauer zum Nachdenken anzuregen und lädt zur Reflexion ein.

Durch die Begleitung des Protagonistens, bei dessen Suche nach Antworten zu Fragen rund um das Leben eines Digitalen Nomadens, werden durch diesen Erzählstil Fragen aufgeworfen, die sich der Zuschauer so oder in ähnlicher Form stellen kann, in der wissenschaftlichen Fachliteratur jedoch bislang unberücksichtigt sind. Was oder wer ist eigentlich ein solcher Digitaler Nomade? Was ist der Auslöser für die Entscheidung ein ortsunabhängiges Leben zu führen? Was sind die Voraussetzungen für ein Digitales Nomadenleben? Die von Kolsch im Film eingespielten Reflexionsphasen und das Aufkommen immer neuer Fragen, führen den Zuschauer nicht nur wie einen roten Faden durch die Dokumentation sondern zeigen auch den Bedarf einer Auseinandersetzung mit der Thematik. So schildert Kolschs Freund Tim aus seiner Perspektive exemplarisch, wie viele Menschen das Digitale Nomadentum als etwas sehr Abstraktes – vielleicht sogar Künstlerisches – wahrnehmen (vgl. 1:02:24-1:02:46 Min.). Canaves erklärt anhand seiner Erfahrungen, dass die Verständnisproblematik auf den Mangel an Greifbarkeit des Internets und der für viele immer noch unvorstellbaren dahinterstehenden Businessmodelle zurückzuführen sei (vgl. 46:20-46:48 Min.). So bringt der Film an dieser Stelle die aktuellen gesellschaftlichen Schwierigkeiten im Umgang mit neuen Arbeitsweisen zum Ausdruck, liefert aber gleichzeitig reale Beispiele für die erfolgreiche Umsetzung, in und mit dem Internet Geld zu verdienen.

Die im Film von Kolsch vorgestellten Digitalen Nomaden haben sich allesamt bereits für ein ortsunabhängiges Leben entschieden und berichten dabei nicht nur von den schönen Seiten. Ben Paul, Conni Biesalski und Sebastian Canaves bringen in ihren Erzählungen am deutlichsten zum Ausdruck, mit welchem Gegenwind sie zu kämpfen hatten und immer noch zu kämpfen haben. Canaves spricht davon, dass weder Freunde noch Familie noch die Gesellschaft Akzeptanz für das Arbeitsmodell eines Digitalen Nomadens, sprich nicht jeden Tag in ein und demselben Büro zu sitzen, aufbringen (vgl. 28:21-28:39 Min.). Im Gespräch mit Biesalski wird der Aspekt sozialer Beziehungen und deren Veränderung im Kontext eines Digitalen Nomadenlebens angesprochen. Conni berichtet von ihrer Anfangsphase als Digitale Nomadin und wie viele ihrer Freunde ihr diesen Schritt nicht zugetraut aber auch das dahinterstehende Konzept nicht verstanden hätten. Heute sei ihre Freundschaft nun nicht mehr so eng (vgl. 47:54-48:12 Min.). Beide Fälle liefern dem Zuschauer Beispiele dafür, wie sich Denkrichtungen hinsichtlich bestehender und neuer Arbeitsmodelle in der Gesellschaft unterscheiden können.

Nur sehr kurz wird im Film die berufliche Vielfalt, die sich hinter der Tätigkeit eines Digitalen Nomadens verbergen kann, angesprochen. Insgesamt vier der fünf Interviewten sind als Blogger tätig. So kann der Zuschauer im ersten Moment schnell den Eindruck erlangen, dass Bloggen eine notwendige Voraussetzung für ein ortsunabhängiges Leben sei. Kolsch relativiert diese mögliche transportierte Message jedoch selbst, indem er in einem seiner eingespielten monologartigen Resümees auf Digitale Nomadentätigkeiten, wie „Autor, Grafikdesigner, Consultant, Webentwickler oder Musiker“ (56:15-56:29 Min.) hinweist.

Gemäß dem Titel des Films „Digitale Nomaden – Deutschland zieht aus“, werden ausschließlich Perspektiven deutscher bzw. überwiegend in Deutschland aufgewachsener Personen vorgestellt. So bleibt der Inhalt dem Dokumentationstitel zu 100 Prozent treu. Gleichzeitig entsteht hier ein interessanter Anknüpfungspunkt für den Vergleich mit der Situation Digitaler Nomaden anderer Länder. Darüber hinaus sind fünf der für den Film gewählten sieben Drehorte in Berlin. Unkommentiert bleibt jedoch wieso ausgerechnet in Berlin. Für den Zuschauer mag die logische Schlußfolgerung sein, dass sowohl die Digitale Nomadenkonferenz in Berlin stattfand, als auch die Interviewten Berlin als eine Stadt mit großer Startup- und Internetszene charakterisierten. Hier kommt ein weiterer spannender Aspekt auf, der auch hinsichtlich weiterführender wissenschaftlicher Forschung, beispielsweise im Bereich Raum- oder Wissenssoziologie, interessant sein könnte: Die Frage welche Rolle Berlin in der Digitalen Nomaden Bewegung und Städteentwicklung derzeit einnimmt und noch einnehmen wird. Da die beiden weiteren Interviewdrehorte im Film ebenfalls in Deutschland lokalisiert sind (Nordkirchen und Essen), werden die von Digitalen Nomaden gewählten und beschriebenen Ziellocations außerhalb Deutschlands im Bildmaterial nicht visualisiert und werden so der Vorstellung des Zuschauers überlassen.

Der Film liefert vielfältige Eindrücke zu persönlichen Erfahrungen, dem erforderlichen Umsetzungswillen und der Notwendigkeit von Eigenmotivation sowie Durchhaltevermögen auf dem Weg zum Digitalen Nomaden. Die praktische Umsetzung bleibt hingegen nur ein gestreiftes Thema. Der Besuch des Protagonisten auf der Digitalen Nomadenkonferenz (DNX) und deren Vorstellung im Film kann jedoch als ein Hinweis für die Nachfrage solcher Veranstaltungen verstanden werden. Produzent Kolsch spricht selbst von einer „Industrialisierung der Nomadenszene“ (37:55-37:59 Min.). Auch hier stellt sich die Frage, welche Rolle Events dieser Art für die Aneignung und Verbreitung von Informationen in Zukunft noch spielen werden.

Der Film wirft viele interessante Fragen auf, auf welche der Zuschauer nicht immer eine Antwort, dafür jedoch viele Denkanstöße für Perspektivenwechsel erhält. Auch Kolsch selbst wirft Fragen auf, die er direkt an die Wissenschaft richtet: „Sollte diese Bewegung größer werden, was passiert dann mit unserer Gesellschaft? Unserer Kultur? Unseren Strukturen des Zusammenlebens?“ (50:51-51:00 Min.). Ebenso möchte Kolsch im Film wissen, welche Bedeutung das Digitale Nomadentum hinsichtlich Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit in einer Gesellschaft (vgl. 50:50 Min.; 44:20 Min.) einnimmt. Interessante Aspekte, die wissenschaftliche Untersuchungen fordern, um Antworten auf die im Film aufgeworfenen Fragen zu finden.

Fazit

Eine sehenswerte Dokumentation, die zeigt wie selbstverständlich Menschen heute über ein Modell ortsunabhängigen Arbeitens und Lebens sprechen. Die Voraussetzungen sind den Interviewten zufolge also längst gegeben. So bietet die Dokumentation einen Zugang zu dem Beginn einer wachsenden, wie im Film formulierten, „Bewegung“ – einem Lifestyle, dem von Seiten der Wissenschaft bislang nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Empfehlenswert für all jene, die an aktuellen Mobilitätsformen, gesellschaftlichem Wandel, sich verändernden Arbeits- und Lebensmodellen oder ortsunabhängigem Arbeiten interessiert sind.

Literatur

  • Kreutzer, Florian 2006: Becoming an expatriate: die transnationale Karriere eines dual-career couple, S.34-63. In: Kreutzer, Florian / Roth, Silke (Hrsg.): Transnationale Karrieren. Biographien, Lebensläufe und Mobilität. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften I GWV Fachverlag GmbH.
  • Pries, Ludger (Hrsg.) 2001: New Transnational Social Spaces. International Migration and Transnational Companies in the Early Twenty-first Century. London: Routledge.
  • Sennett, Richard 1998: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Berlin Verlag.
  • Vorheyer, Claudia 2013: Berufsnomaden als Prototypen der transnationalen Vergesellschaftung und deren biographieanalytische Untersuchung, S. 249-258. In: Soeffner (Hrsg.): Transnationale Vergesellschaftungen: Verhandlungen des 35. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt am Main 2010. Wiesbaden: Springer VS.

Rezensentin
Annika Müller
M.A., Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Graduiertenkolleg "Transnationale Soziale Unterstützung"
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Zitiervorschlag
Annika Müller. Rezension vom 08.10.2015 zu: Thorsten Kolsch, Tim Jonischkat: Digitale Nomaden – Deutschland zieht aus. EMMAEINS-Media Produktion (HAMBURG) 2015. http://deutschland-zieht-aus.de/ 2015. Dauer: 71 Min. EMMAEINS-Media Produktion in Kooperation mit thokomedia. $ 7.90. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19614.php, Datum des Zugriffs 25.04.2018.


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