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Christiane Feuerstein, Franziska Leeb: GenerationenWohnen

Cover Christiane Feuerstein, Franziska Leeb: GenerationenWohnen. Neue Konzepte für Architektur und soziale Interaktion. Institut für internationale Architektur-Dokumentation (München) 2015. 136 Seiten. ISBN 978-3-95553-261-1. 55,00 EUR.
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Thema

Soziale und demografische Veränderungen einer Gesellschaft spiegeln sich auch in den Wohnbedürfnissen wider. Die Alterung und zugleich auch Modernisierung der westlichen Welt zeigt ihre Spuren auch in der zunehmenden Singularisierung im gesellschaftlichen Kontext. Es werden somit weitere Wohnformen jenseits des Standardmodells (Wohnraum für eine drei- bis vierköpfigen Kernfamilie) gesucht. Hier stehen Stadtplaner, Wohnungsbaugesellschaften und auch Architekten vor teils völlig neuen Aufgaben, die die Infrastruktur und die Zugänglichkeit (u. a. Barrierefreiheit) betreffen. Auch die Wohnortsnähe zu allen wesentlichen Versorgungs- und Dienstleistungen vom Kindergarten bis hin zum Betreuten Wohnen für Senioren gilt es zu berücksichtigen.

Die vorliegende Arbeit versucht vorrangig aus der Sicht der Architektur anhand vieler Praxisbeispiele aus der Schweiz, Österreich und Deutschland Lösungsansätze für diesen raschen sozialen Wandel zu geben.

Autorinnen

Christiane Feuerstein arbeitet als Architektin in Wien an Projekten, Publikationen, Vorträgen und Ausstellungen zu den folgenden Themenbereichen: Wohnbau, Stadterneuerung, Quartierplanung und den Konsequenzen des soziodemografischen Wandels für die Architektur und den Städtebau. Von 1999 bis 2003 lehrte sie an der Universität für angewandte Kunst in Wien und seit 2005 hat sie einen Lehrauftrag an der FH Joanneum in Graz.

Franziska Leeb ist als freiberufliche Architekturpublizistin und Architekturvermittlerin in Wien tätig. Ihre Arbeit umfasst regelmäßige Beiträge in Fachmedien, Konzeption und Moderation von Symposien und Workshops. Von 1996 bis 2003 war sie Mitarbeiterin der Tageszeitung „Der Standard“. Seit 2006 schreibt sie Architekturkritiken für das „Spectrum“ der Tageszeitung „Die Presse“ und ist freie Mitarbeiterin bei „architektur.aktuell“ und seit 2015 Chefredakteurin der Zeitschrift „KONstruktiv“.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit ist in drei Abschnitte und einen Anhang unterteilt. Ergänzt werden die Ausführungen der Autorinnen durch ein- bis zweitseitige Stellungnahmen und Interviews von Experten (Architekten, Stadtplanern und Sozialwissenschaftlern) zu einzelnen Gegenstandsbereichen.

Der erste Abschnitt „Alternsgerecht statt altersgerecht“ (Seite 8 – 47) entfaltet den theoretischen Bezugsrahmen der Thematik. Im Mittelpunkt stehen dabei die veränderten Wohn- und teils auch Lebensformen, die durch demografische, ökonomische und soziale Prozesse in Deutschland, Österreich und der Schweiz hervorgerufen worden sind.

Zu Beginn wird auf die Bedeutung des Einpersonenhaushalts in Deutschland verwiesen, der sich mit 40 Prozent aller Haushalte zur dominanten Wohnform der Gegenwart entwickelt hat. Hieran anschließend werden demografische Entwicklungen der nächste Jahrzehnte prognostiziert. Die Bevölkerungsdynamik gliedert das Land zunehmend in Regionen auf, die unterschiedlich altern. Das hat u. a. Auswirkungen auf die Infrastruktur. Die Autorinnen entwickeln in diesem Kontext die Kategorie „alternde Orte“. Diese sind teils durch den Fortzug der jüngeren und mobileren Personengruppen verursacht und erfordern ein „alternsgerechtes“ Wohnen mittels „generationengerechter Konzepte“. Diesbezüglich werden Beispiele aus der Vergangenheit (das Modell des „Einküchenhauses“ mit der Zentralisierung der Hauswirtschaft aus der Lebensreformbewegung um 1900 und der „Karl-Marx-Hof“ aus Wien um 1930 mit Wohnungsergänzungs- und Gemeinschaftseinrichtungen) und der Gegenwart (Gemeinschaftliches Wohnen, Mehrgenerationenwohnen und generationsübergreifendes Wohnen und das bereits etablierte Konzept des „betreuten Wohnens“ für Senioren) angeführt.

Es folgen Modelle und Perspektiven teils gestützt durch Stellungnahmen und Interviews mit Experten, die das erweiterte Wohnumfeld, das „Quartier“, als einen zentralen Wirkungsrahmen neben Wohn- und Hausgemeinschaft für die Alltags- und damit Lebensgestaltung mit allen damit erforderlichen Angeboten favorisieren. Doch auch die Wohnungen selbst gilt es beim Neubau alternsgerecht (u. a. barrierefreier Zugang) zu gestalten bzw. im Bestand altersgerecht anzupassen. Wohnortsnähe ist somit eine zentrale Kategorie einer alternden Gesellschaft. Hierdurch erhofft man sich vor allem, die Gefahr der Vereinsamung im Alter tendenziell vermindern zu können.

Der zweite Abschnitt „Hausgemeinschaften – gemeinsam wohnen“ (Seite 48 – 79) widmet sich den gegenwärtig noch recht seltenen Formen des „selbstverwalteten Wohnens“ und der „Hausgemeinschaften“. Diese Gemeinschaftsform besteht aus Wohnungen und damit zugleich aus eigenständigen Privathaushalten kombiniert mit Gemeinschaftseinrichtungen wie Gemeinschaftsraum teils mit Küche, Büro, Hobby- und Fitnessraum und Ähnlichem. Oft sind in diesen Gebäuden auch noch Wohngemeinschaften für Rüstige oder auch Gebrechliche integriert. Hausgemeinschaften existieren als Umbau eines bestehenden Gebäudes bzw. als Neubau. Folgende Projektbeispiele werden mit Fotos, Grundrissen und technischen Daten (u. a. Anzahl und Größe der Wohneinheiten, Grundstücks- und Nutzfläche und Gemeinschaftseinrichtungen) ausführlich belegt:

Projektbeispiele Umbau

  • Mehrgenerationenhaus Lebensort Vielfalt, Berlin
  • Solinsieme, St Gallen
  • Siedlung Heizenholz, Zürich

Projektbeispiele Neubau

  • Mehrgenerationenhaus Giesserei, Winterthur
  • Gemeinschaftswohnhaus Kanzlei-Seen, Winterthur
  • Hausgemeinschaft Ruggächer 55+, Zürich
  • Wohn- und Gewerbebau Kalkbreite, Zürich

Bei den Neubauprojekten sind neben Kinderbetreuungseinrichtungen vermehrt Büro- und Gewerbeflächen in die Wohnanlagen integriert zwecks Verzahnung der Aspekte von Wohnen und Arbeiten. Eine weitere Innovation im Sinne des Wohnens stellen die so genannten „Clusterwohnungen“ dar. Hierbei handelt es sich um die Zusammenfassung mehrerer kleinerer Wohnungen um eine erweiterte Gemeinschaftsfläche. Diese besteht aus einem erweiterten Flur, einer Gemeinschaftsküche und einem Gemeinschaftsraum. Die Gemeinschaftsflächen machen ca. ein Drittel der Gesamtwohnfläche aus. Es handelt sich somit um ein Zwittergebilde von Privathaushalt und Wohngemeinschaft. Mehrere dieser Wohnprojekte werden durch Externe im Sinne einer Moderation oder Supervision begleitet.

Der dritte Teil „Nachbarschaften – Wohnen im Quartier“ (Seite 80 – 127) beinhaltet Gestaltungsformen „generationsgerechter Siedlungen und Quartiere“, teils als Umbau und teils als Neubau:

Projektbeispiele Umbau

  • Modernisierung von Großsiedlungen
  • Mariengrün, Berlin – Neue Wohnumfelder in Großsiedlungen
  • Hochhaus der Generationen, Ludwigshafen
  • Siedlung Buchheimer Weg, Köln-Ostheim

Projektbeispiele Neubau

  • mehr als wohnen, Zürich
  • Wohnprojekte der Genossenschaft wagnis „Am Ackerbogen“, München
  • Mehrgenerationensiedlung Oase 22, Wien
  • Messequartier Graz
  • HafenCity Hamburg: Wohnhaus am Kaiserkai / Harbour Hall, Hamburg
  • Stiftung Alterswohnungen: Siedlung Frieden / Siedlung Köschenrüti / Siedlung Krone Altstetten, Zürich

Die Autorinnen benennen zu Beginn „Angebotsbausteine“ für „generationsübergreifende Quartiere“: u. a. ein differenziertes Wohnangebot, gemeinschaftlich orientierte Wohnprojekte oder „Hausgemeinschaften“, wohnortsnahe Dienstleistungen und Treffpunkte und Kommunikationsräume wie Cafés, Sitzstufen und Bänke im öffentlichen Raum. Anhand von Großsiedlungen der 60er und 70er des 20. Jahrhunderts werden solche Maßnahme wie Quartiermanagement, Errichtung wohnortsnaher Dienstleistungsangebote und Verbesserung der Außenbereiche zur kommunikativen Nutzung aufgezeigt. Bei den Neubauprojekten stehen mehr innovative Raum- und Nutzungsstrukturen ähnlich der Hausgemeinschaftsprojekte im Vordergrund (siehe zweiter Abschnitt).

Diskussion und Fazit

Die vorliegende Arbeit vermag mittels Text und über 150 Abbildungen (Fotos und Grundrisse) zu überzeugen. Hier liegt somit ein solides Werk der Architekturfachliteratur vor, das um demografische und damit auch sozialpolitische Dimensionen erweitert wurde.

Der Rezensent ist jedoch skeptisch, ob manche der innovativen Bau- und Wohnkonzepte funktionieren werden. Folgende Punkte erscheinen ihm unter anthropologischen und sozialpsychologischen Aspekten sehr gewagt:

  • Dem Modell „Clusterwohnung“ fehlt ein verbindendes und integrierendes Funktions- und Strukturgefüge als komplementäres psychosoziales Element wie z. B. der kollektiv gelebte Glaube in einem Kloster. Hier leben fremde Menschen ohne verbindende Gemeinsamkeiten nahe beieinander, die sich ein Drittel ihrer Wohnfläche teilen. Das gab es in Deutschland zuletzt in der Nachkriegszeit, als sich aufgrund der Wohnungsnot mehrere Familien eine Wohnung teilen mussten. Dieser Zustand wurde als vorübergehender Notbehelf ertragen, doch ihn als eine moderne Form des Zusammenlebens zu propagieren, erscheint äußerst lebensfern.
  • Dem Konzept des Mehrgenerationenwohnens jenseits der Verwandtschaftsbande von Großfamilien mit teils weitergehenden Ansprüchen von kommunikativem Austausch und gegenseitiger Hilfe wie in den „Hausgemeinschaftsprojekten“ fehlt ein empirisch belegter Realbezug. Bloßes Zusammenwohnen von Jung und Alt widerspricht dem Prinzip der Homogenität, das sowohl für das Lebensalter als auch für den Sozialstatus gilt, wie Erhebungen belegt haben. Unberücksichtigt bleibt hier des Weiteren auch das Faktum, dass die Species Homo sapiens ihr soziales Leben im Normalfall nach festen Regeln strukturiert. Diese bestehen u. a. aus der Wohn- und Lebensform mit der hierarchischen Rangfolge Kernfamilie, erweiterte Familien bzw. Verwandtschaft und erst dann Freunde und Nachbarn.
  • Als bedenklich und damit auch sozialpsychologisch problematisch wird der Sachverhalt eingeschätzt, dass mehrere Projekte von Externen im Sinne einer Moderation oder Superversion „begleitet“ werden. Im Umkehrschluss kann angenommen werden, dass eine Selbstverwaltung in diesen „Hausgemeinschaften“ nicht zu funktionieren scheint.

Neben diesen innovativen Konzepten enthält die Arbeit auch eine Vielzahl praxisnaher Erfahrungswerte und Beispiele, die den Anforderungen einer zunehmend alternden Gesellschaft mit der Notwendigkeit von barrierefreiem Zugang zur Wohnung und dem Prinzip der Wohnortsnähe der Dienstleistungen und Kontaktmöglichkeiten im öffentlichen Raum gerecht werden. Das Buch kann daher vor allem Stadtplanern und Architekten zur Lektüre empfohlen werden.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 22.03.2016 zu: Christiane Feuerstein, Franziska Leeb: GenerationenWohnen. Neue Konzepte für Architektur und soziale Interaktion. Institut für internationale Architektur-Dokumentation (München) 2015. ISBN 978-3-95553-261-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19619.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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