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Antonia Kupfer: Educational Upward Mobility

Cover Antonia Kupfer: Educational Upward Mobility. Practices of Social Changes. Palgrave Macmillan (Basingstoke, Hampshire, RG21 6XS) 2015. 200 Seiten. ISBN 978-1-137-35530-0.

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Thema

Höhere Bildung ist nicht neutral und für alle gleichermaßen zugänglich, es ist vorwiegend eine Mittelschicht-Veranstaltung: von und für die Mittelschicht. Für Menschen aus Arbeiterfamilien und Schichten mit niedrigem sozialökonomischen Background ist der Zugang nicht selbstverständlich, sondern immer noch die Ausnahme. Wo dieser Zugang zu höherer, dh. universitärer Bildung gelingt, spielt nicht allein der IQ oder individuelle Leistung eine Rolle, sondern die sozialen Kontexte und Strukturen.

Die Autorin fokussiert im vorliegenden Buch auf diese Kontexte, vor allem die sozialen und strukturellen Kontexte, unter denen Bildungsaufstiege gelingen. Sie schaut auf jene, denen es gelingt und hinterfragt, was es ihnen ermöglicht. Bildungsaufstieg ist als soziologische Thematik im weiteren Feld der sozialen Mobilität und dieses wiederum in gesellschaftsstruktureller Forschung zu sozialer Ungleichheit und sozialen Machverhältnissen verortet.

AutorIn

Die Autorin Antonia Kupfer hat eine Professur für Makrosoziologie an der Technischen Universität in Dresden inne. Aspekte sozialer Ungleichheit und Zugänge zu höherer Bildung in Konnex zu Geschlechterperspektiven und arbeitsweltlichen Bezügen sind Themen, mit denen sie sich seit langem beschäftigt. Ihre eigene Berufslaufbahn wie ihre Themen verweisen auf eine zunehmend globale Sichtweise.

Entstehungshintergrund

Forschungsthema und Forschungsfrage entwickelte die Autorin als wissenschaftliche Assistentin in der Abteilung Soziologische Theorie und Sozialanalysen des Instituts für Soziologie der Johannes Kepler Universität Linz in Österreich. Auch die ersten Interviews führte sie in Österreich. Ihr weiterer beruflicher Werdegang führte sie über ein Stipendiat der Joseph A. Schumpeter-Stiftung als Fellow an das Weatherhead Center, Harvard University, USA und weiter als Senior Lecturer in der Academic Unit of Education an der University of Southampton, UK. Dort führte sie weitere Interviews und verfasste das vorliegende Buch in englischer Sprache.

Aufbau

Das Buch umfasst vier Kapitel. In der Einleitung vermittelt die Autorin ihr Forschungsthema und ihre Forschungsfrage (siehe Thema oben).

Zu Kapitel 1 – Forschungsliteratur

Die Autorin skizziert das Forschungsfeld anhand einer Literaturanalyse und stellt einen Mangel an Wissen und empirischer Forschung zu Bedingungen sozialen Aufstiegs über Bildung fest. Mit ihrer Studie will sie diese Lücke schließen.

Zu Kapitel 2 – Theoretische Perspektive

Der theoretische Bezugsrahmen wird expliziert: Pierre Bourdieus Gesellschaftsmodell und Habituskonzept. Es wird argumentiert, warum diese Konzepte nicht nur geeignet sind, die Statik und Reproduktion von Ungleichheitsverhältnissen zu erklären, sondern auch soziale Veränderungsprozesse. Habitus als ein Konzept, das Handeln und Struktur in dialektischem Bezug sieht, eignet sich als Theorie-Instrument sowohl die Dimensionen der Affirmation und Reproduktion wie der Spielräume und Veränderung zu erfassen. Bourdieu hat sich gerade auch mit Ungleichheit im und durch das Bildungssystem auseinandergesetzt, aber auch mit Möglichkeiten der Veränderungen. Diese Bourdieu´schen Vorschläge greift Kupfer auf und wendet diese Kategorisierung für die Auswertung ihrer Interviews an und erweitert diese um zusätzliche.

Zu Kapitel 3 – Methodologie

In diesem Kapitel macht Kupfer ihre Methodik und Herangehensweise transparent. Das empirische Datenmaterial stammt aus 18 biographischen Interviews, die sie in Österreich (12) und in England (6) führte (im Zeitraum von 2009 – 2012). Altersmäßig erfasste sie nahezu ein ganzes Jahrhundert, denn die Geburtstage der Interviewten liegen zwischen 1928 bis 1978. Diese Auswahl der InterviewpartnerInnen gewährt Einblick in soziale, politische, ökonomische und kulturelle Kontexte unterschiedlicher Länder und Zeiten, sowohl in den Unterschieden wie den Parallelen.

Zielgruppe für ihre Interviewauswahl waren Menschen, die einen Universitätsabschluss haben und deren Eltern lt. ESeC (European Socio-economic Classification) sozialökonomisch zwischen 7 – 10 liegen (umfassen Gruppe niederrangiger Angestellter, angelernte und ungelernte ArbeiterInnen, Langzeitarbeitslose) und die ausbildungsmäßig lt. ISCED (International Standard Classification of Education) bei Level 3 enden, was sich in England und Österreich aufgrund des Ausbildungssystems unterscheidet, aber jedenfalls den Hochschulzugang ausschließt und maximal eine Berufsfachausbildung einschließt.

Die Interviewgestaltung und -auswertung orientierte die Autorin nach Gabriele Rosenthals Grundsätzen der Biografieforschung. Dies beinhaltete einen möglichst offenen Interviewzugang zur lebensgeschichtlichen Rekonstruktionsarbeit und einen ganzheitlichen Zugang in der Auswertung, in der Verschränkung mit den theoretischen Perspektiven.

Zu Kapitel 4 – Ergebnisse: Soziale Kontexte, die Bildungsaufstiege ermöglichen

Im Hauptkapitel präsentiert Kupfer die Auswertung ihrer Interviews. Sie differenziert ihre Forschungsergebnisse nach acht Bereichen, vier übernimmt sie von Bourdieu (Veränderung in den objektiven Strukturen, keine Möglichkeit einen Habitus zu leben, pädagogische Bemühungen, Bewusstsein), vier ergänzt sie (Sozialisation, Unterstützung von Bildungsinstitutionen für Inklusion, Gender, Wahrheitssuche). Kupfer erklärt und vertieft diese acht sozialen Bereiche, in denen sie wesentliche Promotoren für Bildungsaufstiege aus den Lebensgeschichten herausliest. Es sind soziale Kontexte, die sich nicht ausschließen und wohl eher in der Regel zusammenspielen, dh. dass für den Bildungsaufstieg zB. nicht allein Gründe, die in der Sozialisation oder in veränderten objektiven Strukturen liegen, ausschlaggebend sind, sondern beides zusammen und noch andere dazu. In den je erzählten Lebensgeschichten werden diese sozialen Kontexte jedoch unterschiedlich erfahren und interpretativ gewichtet und von der Autorin exemplarisch einem bedeutenden Einflussfaktor zugeordnet.

Die Strukturierung der Ergebnisse erfolgt nicht plakativ, aber doch sehr klar und nachvollziehbar. Präsent ist immer, wer spricht: die Befragten mit ihren Sozialstrukturprofilen, mit ihren Lebensgeschichten, die Autorin mit Ihrer Bezugnahme auf die Befragten, auf die sozialen Kontexte, auf die Bourdieu´sche Theorie, in der Abstraktion der erkannten Strukturierung. Der Erkenntnisprozess ist sehr transparent gestaltet und lädt ein zum Miterfassen und Mitdenken. Die Lebens- und Bildungsbiografien kommen einem als Lesende sehr lebendig nahe und verknüpfen sich mit der Analyse der Autorin zu einer sehr interessanten Reflexion darüber, was den Zugang zu höherer Bildung leichter oder möglich macht, wenn der sozialökonomische Background schwach ist.

Sozialisationskontexte, die Bildungsaufstiege unterstützen. Die Autorin zeigt für den sozialen Kontext „Familiensozialisation“, was wesentlich für Bildungskarrieren ist. Aus den Interviews gewinnt sie die Erkenntnis, dass der Familienbackground vielschichtig ist. Unterstützend ist er dort, wo in der Herkunftsfamilie punktuell eine gewisse Mittelstandorientierung vertreten wird oder es konkrete anregende Bildungs- bzw. Berufsausnahmemodelle gibt. Möglichst sichere materielle Lebensbedingungen, die längere Bildungsperspektiven erlauben, spielen ebenfalls eine wesentliche Rolle. Nicht zuletzt bietet ein liebevolles offenes Familienklima einen Unterstützungsspielraum, neue Bildungswege zu gehen.

Veränderungen in objektiven Strukturen evozieren sozialen Wandel. Die Autorin expliziert, dass es sowohl reale strukturelle Möglichkeiten braucht wie fördernde Ermutigungen und Anstrengungen in unterschiedlichen sozialen Kontexten. Unter der Bourdieu´schen Kategorie „Veränderungen in den objektiven Strukturen“ zeigt die Autorin anhand von drei Lebensgeschichten aus Österreich, dass ganz konkrete wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Konstellationen bildungs- und mobilitätsbefördernd wirksam wurden, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten und unter gänzlich anderen politischen Vorzeichen: der Nationalsozialismus mit seinen Aufstiegschancen unter rassistischen Prioritäten, Modernisierungsbewegungen in kirchlichen Kreisen, der Strukturwandel in der Landwirtschaft oder eine arbeiterfreundliche Bildungspolitik in der sozialdemokratischen Kreisky-Ära der 1970er Jahre.

Unterstützung durch Bildungsinstitutionen. Kupfer hebt zusätzlich zum Kontext der veränderten objektiven Strukturen im makro-gesellschaftlichen Bereich jene im Meso-Bereich der Bildungsinstitutionen hervor. Sie gewinnt aus der Auswertung der Bildungsbiografien die Erkenntnis, dass bestimmte institutionelle Bildungsangebote einen Zugang zur universitären Bildung stark unterstützten oder ermöglichten. Für Österreich waren – und manche sind das nach wie vor – die institutionellen Angebote der sogenannten B-Matura, der Arbeitermittelschule als Abendschule, der berufsbildenden höheren Schulen, der Studienberechtigungsprüfung und der Berufsreifeprüfung. Als sogenannter zweiter Bildungsweg erlauben sie Überstiege von facharbeitsorientierten Berufskarrieren zu akademischen Studien, indem sie eine umfassende oder beschränkte Studienberechtigung als Schlüssel dazu anbieten. Wesentlich für die Akzeptanz dieser Modelle sind die Anerkennung und Ausrichtung auf Berufs- und Arbeitsorientierung neben der Allgemeinbildung. Das ist auch ein gutes Beispiel für die Relevanz des Habituskonzeptes, des Habitus als Handlungsmodus, als inkorporierte Struktur und Grenze, aber auch mit Variationsspielraum für die Handelnden. Veränderungen sind dort leichter möglich, wo die Handelnden sich nicht total fremd und abgespalten von vertrauten äußeren und inneren Strukturen fühlen, wo die Veränderung als Spielraumerweiterung ohne die hohen Kosten der Verleugnung möglich ist. In diesem Sinne ist die anhand einer Biografie dargestellte Open University Englands umstrittener, ob sie tatsächlich ein wirkungsvoller Beitrag ist, working-class inclusion zu bewirken oder ob damit nur eine weitere Institution für die Mittelklasse geschaffen wurde.

Überholter Habitus als Katalysator für Bildungsaufstiege. Anhand einer Frauenbiografie veranschaulicht Kupfer auch die von Bourdieu benannte Einflussgröße eines nicht mehr aktualisierbaren Habitus oder wie sich ein Bruch in einer individuellen Habitusgeschichte als Katalysator für einen Bildungsaufstieg umgestalten lässt. Die Scheidung stellt in dem Beispiel einen totalen Bruch mit der sozialen Positionierung, die über die Ehe vermittelt war, dar; der Verlust wird zu einem existenziellen Impuls für Neues. Soziale Mobilität ist notwendig, der Aus-Weg über den Zugang zu höherer Bildung wird ergriffen, soweit sich reale Möglichkeiten dazu anbieten.

Pädagogische Bemühungen unterstützen Bildungsaufstiege. Pädagogische Unterstützung von einzelnen LehrerInnen in Bildungsinstitutionen können beim Verfolgen von akademischen Bildungswegen hilfreich sein. Das postulierte Bourdieu und die Autorin findet dies in ihren biografischen Studien bestätigt, wobei sie es an Hand einer englischen und einer österreichischen Bildungsbiografie analysiert. Die Unterstützung besteht in den dargestellten Biografien vor allem darin, die Betreffenden aufzurufen und zu ermutigen den Weg der schulischen Bildung weiter zu gehen und dran zu bleiben, und diese Fürsprache auch bei den Eltern zu betreiben. Verortet waren diese Ermutigungen im Kontext bildungspolitischer Veränderungen in den 1960er und -70er Jahren. Das nährte eine Aufbruchstimmung, die über die LehrerInnen auch die SchülerInnen erreichte.

Bewusstseinsbildung als Motor von Bildungsaufstiegen. Und wer etwas verändern will, muss sich dessen bewusst werden. Ein Bewusstsein darüber, was ist und was anders werden soll, ist auch für soziale Mobilität im Bildungsbereich eine Einflussgröße. Der Faktor Bewusstheit ist eine soziologische Größe, weil es den Prozess der Aufklärung und Selbstaufklärung beschreibt, der die Dinge und Verhältnisse ihrer Selbstverständlichkeit enthebt und in weitere Zusammenhänge stellt. Kupfer übernimmt den Faktor Bewusstheit als Motor für Bildungsaufstieg von Bourdieu und findet ihn in vielen Biografien bestätigt. Es ist ein Bewusstwerden von sozialen Strukturen im Sinne von Erkennen von gesellschaftlichen Hierarchien, von unterschiedlichen Chancen und begrenzten Möglichkeiten. Konkret heißt es für die Menschen, alle Erfahrungen und Erkenntnisse für die eigenen Bildungsentscheidungen zu bilanzieren. Das spielt sich immer in sozialen Kontexten ab, die für dieses Bewusstwerden eine Rolle spielen: die sozialökonomische Lage, die arbeits-, sozial- und bildungspolitische Situation und die Diskurse darum herum, die Frustrationen und Ermutigungen im sozialen Umfeld und in den Bildungsinstitutionen. Bewusstwerden ist eine ambivalente Auseinandersetzung, die im gesellschaftlichen Koordinatensystem von hierarchischen Bewertungen und eigener Identitätssuche stattfindet.

Gender – ein Mann zu sein hilft beim Bildungsaufstieg. Die Autorin thematisiert auch den Einflussfaktor „Geschlecht“ hinsichtlich der sozialen Mobilität im Bildungsverlauf. Ein Mann zu sein erweist sich für einige Befragte – je älter die Generation, desto mehr – als Vorteil. Der Zugang zu höherer Bildung von Frauen stieß auf kulturelle Hindernisse und damit zusammenhängend auf bildungsinstitutionelle Vorgaben. So war etwa die Arbeitermittelschule in der Tat für berufstätige Arbeiter konzipiert und schloss in gleichem Maße, wie sie Arbeiter förderte, Frauen aus. Männer wurden mehr ermutigt und gefördert als Frauen. Dieser Schluss ergibt sich zumindest aus der exemplarischen Analyse der Biografien von drei Männern und einer Frau, die im Zeitraum von 1928 bis 1964 geboren wurden. Bei den jüngeren Befragten wird diese geschlechterdifferente Förderung für Männer bzw. einhergehende Benachteiligung von Frauen zumindest kritisch reflektiert. Als neues Chancengleichheitsbewusstsein, vermittelt über die neue Frauenbewegung, wird es ab den 1960er und 70er Jahren als Bildungsmotor zunehmend für Frauen wirksam.

Wahrheitssuche in höherer Bildung als Prozess des Bildungsaufstiegs. Bildungsaufstiege sind Veränderungen und damit immer ambivalent. Nicht selten sind sie prekär. Oft aus ökonomischen Gründen, aber sie können es auch zusätzlich aus emotionalen und sozialen Gründen sein. Wie eben nach existenziellen Brüchen wie bei einer Scheidung, aber auch nach traumatischen Kindheitserlebnissen. Das soziale Umfeld kann eine Affinität zu höherer Bildung positiv bestärken. Es kann aber auch so belastend und chaotisch sein, dass unter bestimmten sozialen Kontexten Bildung und Bildungsaufstiege als Prozesse der Wahrheitsfindung als hilfreich erlebt werden, diese Traumen hinter sich zu lassen und zu bewältigen. Kupfer widmet diesem Punkt viel Aufmerksamkeit, indem sie drei entsprechende Biografien zeigt und interpretiert. Einerseits werden wir Zeugen dramatischer und schwieriger Lebensumstände und andererseits auch der beeindruckenden Liebe zu Theorien, zu Büchern, Studien, zur Wissenschaft, zur Wahrheitsfindung, zur Reflexion, zur Bewältigung des Schwierigen durch Selbstaufklärung. Hier erfahren wir über die Aussagen der Befragten wie über die Interpretationen und Exkurse der Autorin, welch wertvolle Ressource höhere Bildung sein kann – und das in vielerlei Dimensionen: als Orte des Nachlesens und Nachdenkens, als geordnete und freundliche Freiräume, Wahrheitssuche als unendlicher Prozess der Vertiefung und Differenzierung, als Methode des Bewusstmachens. Das kann Sicherheit geben. Bildung schafft Zugang zum Wissen vieler, damit Verbundenheit und Verständnis und Einsichten. Das kann tröstlich sein. In dieser positiven Weise kann Bildung eine Ressource sein, wenn sie sich möglichst offen und wenig distinguiert darstellt: in den Räumen, in der Lehre, in den Hierarchien. Kupfer plädiert für dieses Bildungsverständnis, in der es um Inhalte geht. Sie verweist auf die Habermas´sche Bildungsidee, in der Wissen und menschliche Interessen zusammenfallen, insbesondere in der Selbstaufklärung sind sie eins. Bildungssysteme sollten sie allen ermöglichen.

Diskussion

Bourdieus Habituskonzept zur Erklärung von sozialer Mobilität, von Bildungsaufstiegen heranzuziehen, fand ich sehr überzeugend und spannend, sowohl in der theoretischen Begründung wie in der empirischen Anwendung in der Analyse der Bildungsbiografien. Gerade diese dialektische Struktur des Habitus wurde in den Interviews und in den Analysen gut veranschaulicht. Wenn zB. eine akademische Bildung angestrebt wird, aber die Instituts- und Fächerwahl und anschließende Berufslaufbahn eine Reminiszenz an die Schichtzugehörigkeit darstellt. Es wird eher studiert, was ernährt, was anderen nützt, was nahe an familialen Strukturen und handwerklichen Berufsbildern ist. Es wird also nicht einfach irgendwas studiert und das networking nachher ist auch nicht vorhersehbar und jedenfalls nicht mittelständisch vorstrukturiert. Auch wird immer wieder sichtbar, wie anstrengend und schwierig die beschriebenen Bildungskarrieren sind und wie gebrochen die anschließenden Berufsverläufe. Das Gelingen der Bildungsaufstiege erweist sich als begrenzt. All das hat mit konkreten materiellen Ressourcen und sozialen Positionen zu tun und den inkorporierten Mustern.

Vom Aspekt der historischen Einordnung überwiegen die Bildungsbiografien und deren Auswertung, die von den Geburtsdaten vor 1970 liegen. Ältere Kohorten stehen exemplarisch für jene, die bewusster von Aufrufen und konkreten Förderungen der Arbeiterklasse betroffen waren. Jüngere InterviewpartnerInnen kommen mit ihren Bildungsgeschichten hauptsächlich in den Kontexten Sozialisation und Wahrheitssuche vor. Es fragt sich, warum: weil die Förderungen vorbei sind, weil unter dem Vorzeichen neoliberaler Wirtschaftskonzepte und der proklamierten Wissensgesellschaft Bildungsorientierung eine individuelle Chose und eine allgemeine Pflicht ist?

Ich habe die Studie mit Interesse gelesen. Besonders war dieses Interesse, weil ich der Zielgruppe dieser Studie angehöre. Sowohl erzählte Erfahrungen wie theoretische Schlüsse hatten so für mich nachvollziehbare Plausibilität. Die dargestellte Analyse ist ein anregender Impuls für die Reflexion der eigenen Bildungsgeschichte und für die Positionierung zu Fragen sozialer Mobilität im Bildungssystem oder zur Ungleichheitsstruktur des Bildungssystems insgesamt.

Schade finde ich, dass das Buch so teuer ist. Ich kann nur hoffen, dass es in zahlreichen Bibliotheken aufliegt und dort in einer freundlichen Atmosphäre möglichst auch von jenen gelesen werden kann, von denen es handelt und so der Ermutigung, der Wahrheitssuche, der politischen Positionierung und der Reflexion dient.

Fazit

Das Buch gibt anhand von Interviews und theoriegeleiteter Analyse einen guten Einblick, welche Faktoren Bildungsaufstiege von Menschen begünstigen, die aus Arbeiterfamilien und Schichten mit niedrigem sozialökonomischen Background kommen. Zwischen Österreich und England zeigen sich überraschend wenige Unterschiede, abgesehen von institutionellen Verschiedenheiten. Dies erklärt die Autorin einerseits mit gesellschaftlichen Veränderungen, die die gesamte westliche Welt, dh. England und Österreich, gleichermaßen betrafen, wie zB. die massiven Veränderungen der kulturellen und sozialen Lebensbedingungen von Frauen als Konsequenz eines umfassenden Modernisierungsprozesses. Auch eine bildungsaffirmative Sozialisation und die Suche nach Wahrheit erweisen sich als länderübergreifende universale Einflussgrößen für Bildungsaufstiege von Menschen mit schwachem sozialökonomischen Background. Die Studie spricht für die Veränderbarkeit der Welt: durch Menschen, die Strukturen verändern und veränderte Strukturen handelnd nutzen.

Die Autorin empfiehlt, ihre Studie wie einen Bericht über eine bestimmte Periode eines sozialen Wandlungsprozesses zu lesen: um zu zeigen, wie strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft, Politik, in den Geschlechterverhältnissen und in der Kultur die Ansichten, Perspektiven und Haltungen von Eltern ändern, die wiederum Veränderungen in der Kindererziehung zuhause und in den Schulen hervorrufen, was zur Entwicklung von neuen Bedingungen führt, das den Kindern ermöglicht, höhere Bildung zu verfolgen, die Schicht zu wechseln und einen anderen Lebensstil zu pflegen als ihn die Eltern hatten (S. 167).

Das Buch ist in englischer Sprache verfasst, jedoch gut lesbar.

Summary

This study explores the factors and contexts of sucessful working-class educational upward mobility. Theoretical framework of Bourdieu and Rosenthal‘s methodology of biographical interviews are the background of the analysis. As a comparative study, surprisingly there are only few differences between Austria and England apart from different systems and institutions. Kupfer recalls the crucial generally similar conditions: for example, massive societal changes for women as part of an overall process of modernisation in the western world. Further universal conditions for upward mobility are educational affirmative socialization and the search for truth, which are not bound to one society or country. The research shows the changeability of the world: by persons, who change structures und act within changed structures.

Finally Kupfer summarizes how her research can be read: „as a special account on a certain period in the process of social change by demonstrating how structural changes in economy, policy, gender relations, and culture changes parents‘ views, perspectives, and attitudes that affected changes in child-rearing at home and in schools, leading to the developement of new conditions that enabled the children to seek higher education, to change class, and to conduct lifestyles different from those of their parents:“ (p. 167)


Rezension von
Dr.in Eva Eichinger
Soziologin, Bereichsleiterin einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe in Steyr/Österreich
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Zitiervorschlag
Eva Eichinger. Rezension vom 16.11.2015 zu: Antonia Kupfer: Educational Upward Mobility. Practices of Social Changes. Palgrave Macmillan (Basingstoke, Hampshire, RG21 6XS) 2015. ISBN 978-1-137-35530-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19620.php, Datum des Zugriffs 25.01.2020.


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