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Ernst Falzeder: Psychoanalytic Filiations

Cover Ernst Falzeder: Psychoanalytic Filiations. Karnac Books (London) 2015. 416 Seiten. ISBN 978-1-78220-014-7. 48,85 EUR.
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Autor

Ernst Falzeder (ausf. http://www.psyalpha.net/biografien/ernst-falzeder/ernst-falzeder-ausbildung-akademische-laufbahn), Jg. 1955, eines der (damals wie heute) wenigen Arbeiterkinder (der Vater war Buchbinder), die ein Universitätsstudium aufnehmen (können / wollen), hat ab 1973 an der Universität Salzburg Psychologie, Psychopathologie und Psychiatrie studiert und wurde dort 1985 zum Dr. phil. promoviert. Danach hat er sich psychotherapeutisch und (sozial-)beraterisch weitergebildet und ist seit 2002 staatlich anerkannter „Lebens- und Sozialberater“. Er hat viele Talente. So ist er ein begabter (Deutsch-Englisch wie Englisch-Deutsch-)Übersetzer, er war als Schilehrer tätig (am Sportinstitut der Universität Salzburg) und als Pianist hat er 2002 zusammen mit Fredy Grimm (Duo „Cowboys at Heart“) den renommierten Newcomer-Award der Austrian Country Music Federation gewonnen.

An der Universität Salzburg war er ab 1979 Tutor, nach seiner Promotion dort und an der Universität Innsbruck Lehrbeauftragter sowie in Salzburg Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Er ist mehrfach mit Auszeichnungen und Ernennungen geehrt worden. Das, wofür er den an der Geschichte der Psychoanalyse und Psychotherapie Interessierten bekannt wurde, hat er nicht von der sicheren Position einer Lebenszeitprofessur aus geleistet, sondern in zeitlich mehr oder minder begrenzten Projekten (Stipendien, Werkaufträge). Was dabei heraus gekommen ist, kann man seiner imponierenden Publikationsliste (www.psyalpha.net/biografien/ernst-falzeder) entnehmen.

Eigens genannt seien hier nur seine Arbeit als (Erst-)Herausgeber des Freud - Abraham - Briefwechsel (englisch 2002, deutsch 2009) sowie des Freud - Ferenczi – Briefwechsels (englisch 1993 – 2000, deutsch 1993 – 2005). Man kann sich angesichts dieser Leistungen nur wünschen, es böte sich eines Tages die (Finanzierungs-)Möglichkeit dafür, dass Ernst Falzeder auch die Herausgabe des Briefwechsels zwischen Sigmund Freud und Otto Rank in der von ihm gewohnten Qualität besorgen kann. Denn was James Lieberman und Robert Kramer unter dem Titel „Sigmund Freud und Otto Rank. Ihre Beziehung im Spiegel des Briefwechsels 1906-1925“ (Gießen: Psychosozial-Verlag, 2014; socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/16964.php) abgeliefert haben, verdient zwar Respekt, erfüllt aber keineswegs die Kriterien einer historisch-kritischen Edition. Momentan hat Ernst Falzeder anderes zu tun: Zusammen mit Martin Liebscher (wie er derzeit Research Fellow am University College London) arbeitet er im Auftrag der in New York beheimateten Philemon Foundation (http://philemonfoundation.org/about-philemon/scholars/) an der auf acht Bände angelegten Erstveröffentlichung von Jung-Vorlesungen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH).

Thema

Das Buch beinhaltet in 15 Kapiteln, die fünf Buchteilen zugeordnet sind, die Wiedergabe von insgesamt 16 sich auf die Geschichte der Psychoanalyse beziehenden Arbeiten des Autors, die er alleine oder in Koautorenschaft (in drei Fällen als erster oder zweiter Autor) publiziert hatte. Bei der „überschüssigen“ 16. Publikation handelt es sich um einen andernorts publizierten Nachtrag zu einer Veröffentlichung, die sich heute als Postscript zum Referenzartikel findet (Kapitel 2). Nur drei der zwischen 1991 und 2012 erschienenen 16 Originalarbeiten waren in Deutsch verfasst; sie wurden für das vorliegende Buch (vom Autor selbst) ins Englische übersetzt; 6 der Originale erschienen in drei international bedeutsamen (englischsprachigen) Zeitschriften: dem „International Forum of Psychoanalysis“ (3), dem „Psychoanalysis and History“ (2) sowie dem „International Journal of Psychoanalysis“ (1). Die Originalarbeiten werden im Großen und Ganzen in ihrer ursprünglichen Form wieder gegeben; über allfällige und heutigen Lesern kenntlich gemachte Veränderungen informiert der Autor in seiner einleitenden Vorbemerkung (vgl. S. xxiii – xxiv).

Ernst Falzeder ist, wie das bei den meisten Psychoanalyse- und Psychotherapiehistorikern der Fall ist, kein Fachhistoriker. Aber er beherrscht das, was Ahasver von Brandt (https://de.wikipedia.org/wiki/Ahasver_von_Brandt) als „Werkzeug des Historikers“ definiert hat, ganz vorzüglich. In einem Interview (nachzulesen unter: http://karnacology.com/interviews/ernst-falzeder-and-brett-kahr/) anlässlich des Erscheinen des vorliegenden Buches fragte ihn Brett Kahr, wie er denn überhaupt dazu gekommen sei, sich für die Geschichte der Psychoanalyse zu interessieren. Des Gefragten Antwort war eine doppelte. Die kurze lautet, er wisse es – offen gesagt – nicht, auch nicht nach einigen Jahren auf der Couch. Und die lange käme einer Autobiographie gleich. Das äußerst spannend zu lesende Interview enthält immerhin so viele autobiographische Notizen, dass einem verständlich wird, was Ernst Fallender umtreibt und woher das kommt.

Salzburg, das Salzburg der 1970er – 1980er ist ohne Zweifel eine (Deck-)Chiffre für eine Reihe (hier nicht näher zu betrachtender) Einflussfaktoren. Denn es fällt doch auf, wie viele der derzeitigen deutsch(sprachig)en Psychoanalysehistoriker(innen) „Salzburger(innen)“ jener Jahre sind. Karl Fallend (etwa 2012) zum Beispiel oder Bernhard Handlbauer, von dem zwei Arbeiten im Internet einsehbar sind: „Über den Einfluss der Emigration auf die Geschichte der Psychoanalyse“, 2001 (www.psychoanalyse-salzburg.com/sap_zeitung/pdf/Handlbauer.pdf) und „Von ‚schlampigen Konflikten‘ und ‚großen Neurosen‘. Die Freud – Adler – Kontroverse“, 2011 (www.psychoanalyse-salzburg.com)

Und dann natürlich Marina Leitner(-Dorchi Sherpa), die mit „Otto Rank – Vergessener Pionier der Psychoanalyse“, 1997 (www.werkblatt.at/archiv/38Leitner.html) in der deutschsprachigen Psychoanalyse-Szene zur Ehrenrettung des (zusammen mit Sándor Ferenczi) lange Verfemten beigetragen hat. Ihre Bücher „Freud, Rank und die Folgen. Ein Schlüsselkonflikt für die Psychoanalyse“ (Wien: Turia + Kant, 1998) und „Ein gut gehütetes Geheimnis. Die Geschichte der psychoanalytischen Behandlungs-Technik von den Anfängen in Wien bis zur Gründung der Berliner Poliklinik im Jahr 1920“ (Giessen: Psychosozial- Verlag, 2001) gehören zu den Anschauungsbeispielen, was historisch-kritische Forschung seit ihren Anfängen in der europäischen Aufklärung zu leisten vermag: Aufklärung! Ihr, Marina Leitner(-Dorchi Sherpa), hat der Autor das vorliegende Buch gewidmet. Und was auch immer seine Gründe dafür gewesen sein mögen, die so Geehrte verdient diese Würdigung (allein schon) aus fachlichen Gründen.

Der (Ober-)Titel des Buches „Psychoanalytic Filiations“ wurde nicht erst für das vorliegende Sammelwerk er- oder gefunden. Den hat Ernst Falzeder von Wladimir Granoff (1975) übernommen und in einem Beitrag unter diesem Titel in Heft 20 (2005/06) des in New York erscheinenden Magazins „Cabinet“ (einsehbar unter: www.cabinetmagazine.org) erstmals seine graphische Darstellung des „Stammbaums der Psychoanalyse“ präsentiert, der vorliegendem Buch als Faltblatt beigefügt wurde und ausschnittsweise auf dem Cover zu sehen ist. „Stammbaum der Psychoanalyse“ ist vielleicht nicht der beste Ausdruck, weil die Darstellung mit der eines Baumes wenig Ähnlichkeit hat; der in o.g. „Cabinet“-Beitrag zu findende Ausdruck „Spaghetti Junction“ trifft das Bild sehr viel genauer. „Verbandelung“ wäre ein schöner deutsch(sprachig)er Ausdruck, fände er auch bei „Preußen“ das rechte Verständnis.

Entstehungshintergrund

Die voran stehenden Ausführungen beleuchteten bereits den Großteil der Entstehungsgeschichte des vorliegenden Buches, der seinen – krönenden! – Abschluss fand in der Aufnahme der Textsammlung in die von Brett Kahr (www.dccclinical.com/our-team-2/professor-brett-kahr/) und Peter Rudnytsky (http://icpla.edu/member-search/peter-rudnytsky-ph-d) herausgegebene „History of Psychoanalysis Series“ (www.karnacbooks.com/SeriesDetail.asp?SID=95&SortBy=6). Im Herausgebervorwort findet sich ein Satz, der verdeutlicht, weshalb das Buch in genannter Serie seinen rechten Platz hat: „Falzeder hat hier einige seiner fesselndsten Arbeiten versammelt und sie verwoben zu einer dichten Erzählung, die die Geschichte der Psychoanalyse in pulsierender und oft verstörender Weise lebendig werden lässt.“ (S. xviii)

Aufbau und Inhalt

Die o.g. 15 Kapitel machen den Kern des Buches aus. Ihnen folgen das lange Verzeichnis der dort verwendeten Literatur sowie ein ausführlicher Personenindex. Auf der hinteren Innenseite des Bucheinbandes ist ein Faltblatt mit der psychoanalytischen „Spaghetti Junction“ eingeklebt. Eröffnet wird das Buch nach dem Inhaltsverzeichnis mit Danksagungen des Autors; dort finden sich auch die Originalstellen der 15 Beiträge. Nach kurzen Angaben zum Autor stehen ein (Herausgeber-)Vorwort von Brett Kahr, eine einleitende Vorbemerkung des Autors und zwei Abkürzungsverzeichnisse. Das zweite enthält die international gebräuchlichen Abkürzungen für bestimmte bibliographischen Angaben (etwa „F/Abr“ für den veröffentlichten FreudAbraham – Briefwechsel), das erste andere im Buch gebrauchte Abkürzungen für immer wieder verwendete Begrifflichkeiten (beispielsweise „Verlag“ für den Internationalen Psychoanalytischen Verlag).

In seiner einleitenden Vorbemerkung begründet und erläutert der Autor die gegenüber den Originalen vorgenommenen Änderungen und gibt zwei Hinweise. Der eine geht dahin, dass die 15 Beiträge historische Essays im doppelten Sinne des Wortes seien. Ihr Inhalt bezieht sich auf Geschichte, aber sie selbst sind ihrerseits geschichtliche Dokumente. Diese, so der zweite Hinweis, könne man in der Reihenfolge ihrer Entstehungsgeschichte lesen (wodurch das zunehmende Werden des Psychoanalysehistorikers Ernst Falzeder ebenso sichtbar wird wie die Vermehrung verfügbarer Quellen), man könne sie aber auch in selbst gewählter Reihenfolge studieren; sie seien ja ursprünglich als für sich stehende und in sich abgeschlossene Essays verfasst worden.

Auf der Umschlagrückseite des Buches finden sich Würdigungen des Autors aus dem Mund von vier Honoratioren aus angelsächsischen Ländern. In einer davon wird Ernst Falzeder als eine Mischung aus psychoanalytischer Archäologe und österreichischen Sherlock Holmes bezeichnet. Eine der Arbeiten, die solche Würdigung begründen, eine sehr frühe zumal, findet sich unter den 15 Beiträgen des Buches an zweiter Stelle: My grand-patient, my chief tormentor: a hitherto unnoticed case of Freud´s and the consequences (von 1994). Die von ihrem Therapeuten Sigmund Freud (er war einer von vielen) als seine „Großpatientin“ und „Hauptplage“ bezeichnete Frau ist, wie der Autor aufgedeckt hat, Elfriede Hirschfeld. Der ihr geltende Eintrag im International Dictionary of Psychoanalysis (https://aylamichelledemir.files.wordpress.com/) beruht zum größten Teil auf diesem Aufsatz.

Als Referenz in jenem Eintrag genannt ist auch Healing trough love?: a unique dialogue in the history of psychoanalysis (von 1991, mit André Hernal als Erstautor); hier ist das der Eröffnungsbeitrag. Er – und damit leistete er Pionierarbeit – illustriert, wie Sándor Ferenczi in der Auseinandersetzung mit Sigmund Freud und in Abgrenzung zu ihm eine „Zwei-Personen-Psychologie“ an Stelle dessen „Ein-Personen-Psychologie“ entwirft. Was beide Beiträge eint: Sie handeln von zentralen Fragen der psychoanalytischen Behandlungspraxis und -theorie, namentlich von Übertragung und Gegenübertragung.

Die drei nachfolgenden Beiträge sind unter der Überschrift „Psychoanalytic Filiations“ zusammengefasst. Der erste The threads of psychoanalytic filiations, or: psychoanalysis taking effect (von 2010) geht bei Betrachtung der für die (frühe) Psychoanalyse typischen Verwicklungen der Frage nach, wer in der Frühphase der psychoanalytischen Bewegung wen „analysiert“ hat, wer von wem „analysiert“ wurde (und wer nie), was unter „analysieren“ verstanden – und von wem wie. Und verhielt es sich früher mit den nach heutiger Mode streng geteilten Heil-, Lehr- und Kontrollanalysen?

In Family tree matters (1998) illustriert der Autor an mehreren Beispielen, dass die Erforschung der Möglichkeiten, auf denen in der psychoanalytischen Bewegung theoretische und technische Konzepte weiter gegeben wurden (hauptsächlich durch Heil-, Lehr- und Kontrollanalysen) als Königsweg bei der Erforschung der Psychoanalysehistorie anzusehen ist. Einen Schwerpunkt macht die Darstellung der Ende der 1990er noch wenig bekannten Wirkungsgeschichte Sándor Ferenczis und Otto Ranks aus.

Mit der von Berliner Psychoanalytikern ersonnenen, 1920 am Berliner Institut etablierten und weltweit bis heute Maß gebenden dreiteiligen Psychoanalyseausbildung endet die Vorgeschichte der Psychoanalyseausbildung. Die Berliner Ausbildungsverantwortlichen waren unter Karl Abrahams Präsidentschaft Hans Sachs und Max Eitingon. Sie alle drei hatten keine Analyse durchlaufen, wenn man die „analytische Spaziergangsgespräche“ des Letztgenannten mit Sigmund Freud nicht als solche werten will. Über diese Vorgeschichte informiert Profession-psychoanalyst: an historical view.

Die beiden nachfolgenden Beiträge Whose Freud is it? Some reflections on editing Freud´s correspondence (von 1996) und Is there still an unknown Freud? A note on the publications of Freud´s texts and on unpublished documents (von 2007) werfen Schlaglichter auf zwei Aspekte der Geschichtsschreibung zu Sigmund Freud. Im jüngeren findet sich eine detaillierte und erschöpfende Aufstellung der Quellen, aus denen Forscher(innen) schöpfen können, nebst Angaben zu ihrer Zugänglichkeit. Im älteren wird gezeigt, dass schon der Zugang zu Quellen sowie deren Veröffentlichung und nicht erst die Bewertung des dort zu findenden Materials von Interessen geleitet ist. Auch für Sigmund Freud gilt: „Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte“.

Die drei Arbeiten des nachfolgenden Buchteils gelten dem Verhältnis von Sigmund Freud und „Zürich“. „Zürich“ steht hier für die Kantonale Heil- und Pflegeanstalt Burghölzli in Zürich, deren damaligem Direktor Eugen Bleuler, zugleich Professor für Psychiatrie an der Zürcher Universität, an der Carl Gustav Jung Privatdozent und zugleich Oberarzt (und „2. Mann“) am Burghölzli war. Dass beide Männer noch vor Ausbruch des I. Weltkriegs aus der psychoanalytischen Bewegung ausschieden, hat dazu beigetragen, die Bedeutung von „Zürich“ für die weitere Entwicklung der Psychoanalyse als gering einzuschätzen. Dabei sollte allein schon eine allgemein bekannte Tatsache vor solcher Meinung warnen. Drei der ab 1920 wirkungsträchtigsten Psychoanalytiker haben nämlich am Burghölzli gearbeitet: Karl Abraham (Deutschland), Abraham Brill (USA) und Ernest Jones (Vereinigtes Königreich).

Der erste Beitrag The story of an ambivalent relationship: Sigmund Freud and Eugen Bleuler (von 2007) führt vor Augen, dass Eugen Bleuler, der heute allenfalls als Erfinder des Konstrukts „Schizophrenie“ und Schöpfer des Konzepts „Ambivalenz“ in Erinnerung ist, für Sigmund Freud und die psychoanalytische Bewegung von höchster strategischer Bedeutung war: Mit ihm verknüpfte sich die Hoffnung, die Psychoanalyse könne Eingang finden in die Psychiatrie, Zugang zur akademischen Welt gewinnen und den Geruch loswerden, sie sei doch bloß eine „jüdische“ Angelegenheit. Daraus wurde nichts. Eugen Bleuler, zunächst maßgeblich in der Bewegung aktiv, ging zu ihr und Sigmund Freud zunehmend auf Distanz. Interessant sind die Beweggründe: Eugen Bleulers Argumentation weist viele Gemeinsamkeiten auf mit der nach wie vor aktuellen Kritik, die Psychoanalyse sei „unwissenschaftlich“ und die psychoanalytische Bewegung habe etwas „von einer Sekte“ an sich.

Für die Entwicklung der psychoanalytischen Bewegung ab dem I. Weltkrieg war das Ausscheiden Eugen Bleulers womöglich bedeutsamer als jenes von Alfred Adler, von Wilhelm Stekel und sogar von Carl Gustav Jung. Das jedenfalls ist Ernst Falzeders These am Ende des nachfolgenden Beitrags A perfectly staged „concerted action“ against psychoanalysis: the 1913 congress of German psychiatrists (von 2007 mit John Burnham als Zweitautor). Dort wird die Frage berührt, ob denn Sigmund Freud ab 1910 zu Recht oder zu Unrecht meinte, er und die Psychoanalyse stünde gegen eine Welt von Feinden. Dass es organisierte Feindschaft gegen die Psychoanalyse sehr wohl gab, wird im vorliegenden Beitrag eindrücklich gezeigt. Jener dort genannte Psychiater Alfred Hoche, den Sprecher der Psychoanalysekritiker, wäre von der Geschichte längst vergessen, hätte er sich nicht in die Annalen eingeschrieben durch seine zusammen mit dem Strafrechtsprofessor Karl Binding 1920 veröffentlichte Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form“, die den Nazis als „wissenschaftliche“ Legitimation für die organisierte Massen„vernichtung“ von „Ballastexistenzen“ diente.

Mit Freud and Jung, Freudians and Jungians schließt der Buchteil. Dort wird gezeigt, dass die Rede von Carl Gustav Jung als „Freud-Schüler“ – eine „Legende“ (S. 239) – verschleiert, dass dessen Einfluss auf Sigmund Freud mindestens so groß war wie im umgekehrten Falle. Und: Wenn die Zwei vom „Unbewussten“ reden, was sie (nicht nur) für Außenstehende als im Grunde einig im Geiste erscheinen lässt, so meinen sie Grundverschiedenes.

Im nachfolgenden Buchteil finden sich unter der Überschrift „Two outstanding followers: Sándor Ferenczi and Karl Abraham“ vier Beiträge. Im ersten Dreaming of Freud: Ferenczi, Freud, and an analysis without end (von 1996) wirft der Autor einen psychoanalytisch geschulten mikroskopischen Blick auf einen Traum, den Sándor Ferenczi kurz vor Beginn seiner Analyse durch Sigmund Freud (ab Oktober 1914) hatte. Der lehrt uns viel Verständnis für deren Beziehung und thematisiert Dinge, die von nachhaltigem Einfluss für die Psychoanalyse waren und noch sind.

Der Titel des nachfolgenden Beitrags The significance of Ferenczi´s clinical contributions for working with psychotic patients (von 2004) mag in die Irre führen, weil hier nicht etwa nur Sándor Ferenczis Beitrag zur Arbeit mit Psychotikern dargelegt wird, sondern sein – jenseits von „Arbeits- und Übertragungsbeziehung“ – angesiedelter Ansatz der therapeutischen Beziehung. Der sollte seinen Widerhall finden in der neueren Psychoanalyse und in Ansätzen der humanistisch-experienziellen Psychotherapie – sowie seine Bestätigung in der jüngeren Psychotherapieforschung (www.nrepp.samhsa.gov/pdfs).

Karl Abraham, 2009, vier Jahre vor Karin Zienert-Eilts´ (2013) Abraham-Biographie, zusammen mit Ludger M. Herrmanns als Einführung in den von ihnen herausgegeben deutschsprachigen Freud – Abraham – Briefwechsel verfasst, bietet eine gedrängte, prägnante Darstellung von Leben und Werk Karls Abrahams, das verständlich macht, wie er der Nachfolger Carl Gustav Jungs wurde und Berlin das Erbe Budapests antrat.

In Karl Abraham and Sándor Ferenczi (von 2012) liefert uns der Autor eine Skizze der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen beiden bedeutenden und allzu früh verstorbenen Freud-Nachfolgern, und macht Angaben zu ihrer Beziehung untereinander sowie ihrer – verschieden ausfallenden – Beziehung zu Sigmund Freud.

Als „Epilog“ angefügt ist der Beitrag „A fat wad of dirty pieces of paper“: Freud on America, Freud in America, Freud and America (von 2012). Der in Anführungszeichen gesetzte Teil des Titels ist Teilwiedergabe einer Bemerkung, die Sigmund Freud 1909 zum US-Aufenthalt (zusammen mit Sándor Ferenczi und Carl Gustav Jung) machte. Da berichtet er nämlich, Sándor Ferenczi habe „ein dickes Bündel schmutziger Papierstücke“ bei sich getragen (10- und 50-US$-Noten). Über Sigmund Freuds ambivalente Einstellung zu den USA und US-Amerikanern sowie über mögliche Gründe dafür werden in vorliegendem Beitrag „Notizen-gesättigte“ Überlegungen angestellt.

Diskussion

Gegen Ende des Herausgebervorworts findet sich ein Satz, der bestens geeignet scheint, die Bedeutung des vorliegenden Buches auf den Punkt zu bringen: „Ernst Falzeder ist nicht weniger gelungen, als eine Blaupause zu liefern für eine neue, bessere Art, die in Archiven lagernden Schätze der psychoanalytischen Geschichte zu heben, auszustellen und zu zelebrieren: zu unserer Erbauung, unserem Vergnügen – und unserer Beunruhigung.“ (S. xxii)

Einer der bekanntesten zeitgenössischen Psychoanalytiker, Otto Kernberg (https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_F._Kernberg), hat als vierten seiner „Thirty ways to destroy the creativity of psychoanalytic candidates“ (Kernberg, 1996) vorgeschlagen:

„Widmen Sie solchen Ausbildungskandidaten besondere Aufmerksamkeit, die Zweifel äußern an für Ihr spezielles psychoanalytisches Ausbildungsinstitut favorisierten (meta-)theoretischen Sichtweisen. Stellen Sie die Belohnung solcher Kandidaten sicher, die begeistert und vollkommen überzeugt sind von dem, was ihnen angeboten wird. (Natürlich mit Ausnahme der Beiträge „abweichender Schulen“: Diese sollten unter den Kandidaten angemessenen Unglauben und Unwillen hervorrufen.) „Wenn Sie taktvoll, aber beharrlich Ihre Wertschätzung denjenigen Studierenden erweisen, die dem offiziellen Standpunkt ihrer Einrichtung zustimmen, so werden die Versuchungen, neue, andersartige, hinterfragende oder abweichende Standpunkte zu entwickeln, allmählich verschwinden…“

An solchen Instituten sollte man das vorliegende Buch in den Giftschrank sperren und eventuell zuverlässige, aber nur wirklich zuverlässige, Dozenten damit beauftragen, den einen oder anderen Beitrag daraus Ausbildungskandidaten „wohl aufbereitet“ als Anschauungsbeispiel dafür vor Augen führen, zu welchen heutigen Verwirrungen es über die gestrige Verwirrungen kommen kann. Außerhalb solcher Institute und außer dem Kreis ihres Personals ist das vorliegende Buch nur zu empfehlen.

Nicht nur (angehenden) Psychoanalytikern. Auch humanistisch-experienzielle Therapeuten können das Buch mit Gewinn lesen. Den Schülern von Carl Rogers, Fritz Perls, Jacob Levy Moreno und Leslie Greenberg, um nur einige Vertreter der humanistisch-experienziellen Therapie zu nennen, sind sich oft nicht bewusst, in wie Vielem sie Erben Sándor Ferenczis und Otto Ranks sind (vgl. etwa Heekerens & Ohling, 2005; Petzold, 2012).

Das Buch ist in Englisch geschrieben, was manchen möglichen Leser abschrecken mag. Es handelt sich aber um ein für Deutschsprachige recht leicht zu lesendes Buch, was zum einen vom Stil des Autors und zum anderen vom Verzicht auf komplizierte Redewendungen herrührt. Zum „Reinschmecken“ können Interessenten ja mal den einen oder anderen deutschsprachigen und im Internet verfügbaren Essay des Autors lesen: „Freud und Jung. Zusammenarbeit – Bruch - gegenseitige Befruchtung“ (1911; www.psychoanalyse-salzburg.com/sap_zeitung/pdf/Falzeder_ZeitgNr19.pdf) etwa, „Freuds Briefwechsel als paralleles Oeuvre“ (2010; www.psychoanalyse-salzburg.com/sap_zeitung/pdf/FalzederBriefwechsel.pdf) oder aber „Psychoanalyse und Psychiatrie 1908 – 1913. Freud, Bleuler, Jung und die geplante Eroberung der Psychiatrie“ (1909; www.gemeindenahe-psychiatrie.at/userupload/editorupload/files/files/Gemeindenahe1-09.pdf). Beim letzten Aufsatz handelt es sich um die leicht geänderte Fassung des Vortrags „Die geplante Eroberung der Psychiatrie. Das Burghölzli und Freud“, den der Autor 2008 anlässlich der 100-Jahr-Feier des ersten internationalen psychoanalytischen Treffens im Salzburger „Bristol“, dem Tagungsort von 1908, gehalten hatte.

Fazit

Das Sammelwerk vereinigt 15 Arbeiten zur Geschichte der Psychoanalyse, die von Ernst Falzeder als alleinigem oder Co-Autor in den Jahren 1991 – 2012 publiziert wurden. Bei diesen Arbeiten handelt es sich um historische Essays im doppelten Sinne des Wortes: Zum einen ist der Gegenstand ein historischer, zum anderen sind sie selbst historische Dokumente. An ihnen ist die Entwicklung des Autors als Psychoanalysehistorikers ablesbar, und sie geben Zeugnis davon, wie viele neue Quellen zur Geschichte der Psychoanalyse im letzten viertel Jahrhundert erschlossen wurden. Der besondere Beitrag, den Ernst Falzeder zur psychoanalytischen Geschichtsschreibung leistet, ist ein doppelter. In methodischer Hinsicht bemerkenswert ist seine Neugier und Akribie, mit der er neue historische Quellen aufgespürt und oft auch (re-)konstruiert hat. Und was die inhaltliche Seite anbelangt: Der Autor scheut sich nicht, Tabus anzusprechen, schaut unerschrocken in dunkle Ecken und überrascht immer wieder durch geistreiche Verbindungen. Wer von Geschichtsschreibung Anderes erwartet als Ahnenverehrung, Heiligenlegenden und Propaganda ist hier bestens aufgehoben.

Summary

The collected edition combines 15 works on the history of psychoanalysis that were published between 1991 – 2012 by Ernst Falzeder as sole or co-author. The works are historical essays in both senses of the word: first, the subject is a historical one and second, the documents themselves are historical. They show the development of the author as an historian of psychoanalysis and they give witness to how many sources of psychoanalytic history became accessible. The specific contribution of Ernst Falzeder to the writing of psychoanalytic history is twofold. First, with respect to his methodological approach, the curiosity and meticulousness he puts into tracking down and reconstructing historical sources is remarkable. Second, with respect to his content work, the author does not dread bringing taboos out into the open, looks fearlessly into dark corners, and repeatedly surprises with witty connections. If you are looking for something else than ancestor worship, hagiography, and the creation of legends, you have come to the right place.

Literatur

  • Fallend, K. (2012). Caroline Newton, Jessie Taft, Virginia Robinson. Wien: Löcker (socialnet-Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/16977.php).
  • Granoff, W. (1975). Filiations. L´Avenir du complexe d´Oedipe. Paris: Minuit.
  • Heekerens, H.-P. & Ohling, M. (2005). Am Anfang war Otto Rank: 80 Jahre Experienzielle Therapie. Integrative Therapie, 31, 276-293
  • Jones, E. (1984). Sigmund Freud: Leben und Werk Bd. III. München: dtv (englischsprachiges Original 1957).
  • Kernberg, O. (1996). Thirty ways to destroy the creativity of psychoanalytic candidates. International Journal of Psychoanalysis, 77, 1031-40.
  • Petzold, H.G (2012). Psychotherapie – Arbeitsbündnis oder „Sprache der Zärtlichkeit“ und gelebte Konvivialität? Integrative Therapie (www.fpi-publikation.de).
  • Zienert-Eilts, K. (2013). Karl Abraham. Gießen: Psychosozial-Verlag (Socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/16718.php).

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 12.11.2015 zu: Ernst Falzeder: Psychoanalytic Filiations. Karnac Books (London) 2015. ISBN 978-1-78220-014-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19623.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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