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Cover Miki Kandale, Kai Rugenstein: Das Repetitorium für die Abschlussprüfungen zum Psychologischen Psychotherapeuten und zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Deutscher Psychologen Verlag GmbH (Berlin) 2014. 373 Seiten. ISBN 978-3-942761-30-7. 42,80 EUR.
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Thema und Hintergrund

Die Approbationsprüfung – ein Staatsexamen – ist der abschließende Meilenstein im langen und steinigen Weg der Psychotherapieausbildung in einem der anerkannten Richtlinientherapieverfahren. Mit dem Psychotherapeutengesetz in 1999 eingeführt, beinhaltet diese Ausbildung in einem der Verfahren, „denen ein umfassendes Theoriesystem der Krankheitsentstehung zugrunde liegt und deren spezifische Behandlungsmethoden in ihrer therapeutischen Wirksamkeit belegt sind“ (S. 58). Diesen Kriterien entsprechen derzeit die Ausbildungsgänge in Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie und der analytischen Psychotherapie. Wer hiernach behandeln und abrechnen möchte, durchläuft nach Abschluss eines Universitätsstudiums eine insgesamt 4200-stündige Ausbildung mit praktischen und theoretischen Inhalten, die sich theoretisch über einen Zeitraum von drei Jahren (in Vollzeit) oder 5 Jahren (in Teilzeit) erstreckt.

Tatsächlich dauert sie jedoch in der Regel deutlich länger: In einer Umfrage von Ruoß und Kollegen (2012) wurde deutlich, dass die durchschnittliche Ausbildungsdauer für Verhaltenstherapie (5,0 Jahre) um 1,1 Jahre unter der für psychodynamische Verfahren (6,1 Jahre) liegt. Die durchschnittliche Ausbildungsdauer für Psychologische Psychotherapeuten (5,3 Jahre) liegt um 0,2 Jahre unter der für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (5,5 Jahre). Nur 9,2% der Absolvierenden beenden die Ausbildung binnen drei Jahren. 62,2% erreichen ihren Abschluss innerhalb einer Zeit von 3 bis 5 Jahren. Ausbildungsdauern von 6 bis 7 Jahren betreffen 25,4 der Befragten. Ausbildungsdauern über 7 Jahre liegen gar bei 10,9% vor. Dennoch sind die Abbruchraten relativ gering (Strauß et. al, 2009).

Nach Abschluss ist die Gründung einer eigenen Praxis jedoch in keiner Weise gesichert, da in der Regel keine Kassensitze vorhanden sind. Die prekären Verhältnisse dieser Berufsgruppe wurde auch bereits in der Presse umfassend thematisiert (vgl. www.zeit.de/2014). Dennoch schließen halbjährlich viele Menschen diese Ausbildung ab und weisen im Nachhinein auch ein hohes Maß an Arbeitszufriedenheit auf (Strauß et. al, 2009). Die Prüfung ist, wie einleitend beschrieben, die letzte Hürde auf diesem Weg. Entsprechend angespannt sind die Ausbildungskandidaten. Und dankbar für adäquate Literatur, die bei der Aufarbeitung des umfassenden Stoffs hilfreich sein könnte. Es gibt auf dem Markt diverse mehr oder weniger hilfreiche Bücher (z.B. Rettenbach, 2005). Die Autoren legen hiermit ein weiteres Buch vor, das die Inhalte ihrer Prüfungsvorbereitungsseminare – Repetitorien – zusammenfasst.

Autoren

Miki Kandale ist Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie). Sie hat zusätzliche Weiterbildungen in Kinder- und Jugendlichentherapie, Entspannungsverfahren (Autogenes Training) sowie in Schematherapie nach J. Young absolviert und ist an der Deutschen Psychologen Akademie (DPA) und der Berliner Akademie für Psychotherapie (BAP) als Dozentin tätig. Sie betreibt zusammen mit dem Co-Autor Dr. Kai Rugenstein eine eigene Praxis für integrative Psychotherapie und Paarberatung in Berlin. Die beiden Autoren bieten als Ergänzung zu ihrem Buch "Das Repetitorium" zweimal jährlich ein Repetitorium in Seminarform an der Deutschen Psychologen Akademie in Berlin an.

Dr. Kai Rugenstein ist Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut (tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie). Er hat zusätzliche Weiterbildungen in Gruppenpsychotherapie, Psychodrama nach J.L. Moreno, Gesprächstherapie nach C.R. Rogers, Hypnotherapie nach M. Erickson und Provokativer Therapie nach F. Farrelly absolviert und ist an der Deutschen Psychologen Akademie (DPA) und der Psychologischen Hochschule Berlin (PHB) als Dozent tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Lehrwerk ist in zehn Teile aufgeteilt, die folgende Inhalte vermitteln:

1. Anleitung zur Prüfungsvorbereitung und zum Umgang mit diesem Buch. Im einleitenden Kapitel erläutern die Autoren die Grundlagen einer effektiven Lernstrategie. Hierbei weisen Sie explizit darauf hin, dass angesichts der Unmengen an zu lernendem Stoff das Setzen von Prioritäten hoch relevant ist. Es werden konkrete Lernstrategien vermittelt (z.B. die „PQ4R-Methode“) und zudem der (psychologische) Umgang in akut stressinduzierenden Prüfungssituationen thematisiert.

2. Psychologische Grundlagen. Hier werden wesentliche Studieninhalte aus dem Studiengang Psychologie prägnant zusammengefasst:

  • Methodische Grundlagen
  • Allgemein-, sozial- und persönlichkeitspsychologische Grundlagen
  • Diagnostische Grundlagen
  • Prävention und Rehabilitation

3. Rahmenbedingungen. Unter „Rahmenbedingungen“ verstehen die Autoren die rechtlichen und formellen Rahmenbedingungen, unter denen psychotherapeutisch gearbeitet wird. Konkret wird hier auf die Bereiche Medizinethik, Berufsrecht, psychosoziale Versorgungssysteme, Dokumentation, Evaluation und Qualitätssicherung von und im Rahmen von Psychotherapie eingegangen.

4. Medizinische Grundlagen. Am ehesten ließe sich dieser Abschnitt ein wenig flapsig mit dem Titel „Medizin für Dummies“ umschreiben. Hier werden die wichtigsten Grundlagen vermittelt, die angehende Psychotherapeuten sowohl für die Prüfung als auch das praktische Arbeiten kennen sollten. Konkret werden folgende Themen abgearbeitet:

  • Aufbau und Funktion des Nervensystems
  • Neuro- und Sinnesphysiologie
  • Ausgewählte Organsysteme und deren Erkrankungen

5. Pharmakologische Grundlagen. Die Grundlagen der Psychopharmakotherapie und die verschiedenen Wirkstoffe (z.B. Antidepressiva, Neuroleptika, etc.) werden in diesem Kapitel genau so dargestellt, wie substanzinduzierte Störungen (durch Alkohol oder andere psychotrope Substanzen) erfolgen kann.

6. Systematischer Lernkommentar zur ICD-10. Dieser Abschnitt setzt sich von den anderen Kapiteln formell ab. Während im Rest des Buches relevantes Wissen aus der Prüfungsliteratur im Überblick dargestellt wird, gilt das kategoriale System der ICD-10 zum Grundlagenwissen der Approbationsprüfung. Folgerichtig weisen die Autoren darauf hin, dass diese quasi auswendiggelernt werden muss und konzentrieren sich hier darauf, zu den jeweiligen Störungsbildern noch erläuternde kurze Informationen zu geben. Der Kommentar sei „als ein ergänzender Kommentar zur ICD konzipiert, welcher parallel zur ICD gelesen werden kann und das Studium derselben (…) erleichtert und strukturiert“ (S. 167). Man verfolge hier insbesondere vier Ziele:

  • die innere Logik der einzelnen ICD-Kapitel zu verdeutlichen
  • differenzialdiagnostische Aspekte herauszuarbeiten
  • innerhalb des jeweiligen Störungsbildes Prioritäten zu setzen und
  • prüfungsrelevante Ergänzungen zu liefern.

7. Verhaltenstherapie. Verhaltenstherapie ist, wie bereits einleitend erwähnt, eins von insgesamt drei anerkannten Richtlinienverfahren. Hier werden folgende Aspekte dargestellt:

  • Grundbegriffe
  • Psychische Entwicklung aus Sicht der VT
  • Diagnostik und Indikation
  • Behandlungstheorie und Technik
  • Störungsspezifische Modelle und Interventionen

8. Psychoanalytisch begründete Verfahren. Analog werden hier die anderen beiden Richtlinienverfahren (analytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie) vorgestellt.

9. Weitere Verfahren. Hierunter fallen folgende Techniken:

  • Gruppentherapie
  • Paar- und Familientherapie
  • Gesprächspsychotherapie
  • Weitere besondere Problemfelder (z.B. Krisenintervention und Psychotherapie mit Menschen in höherem Alter)

10. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Der letzte Teil des Buches richtet sich nochmal explizit an die Ausbildungskandidaten zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Hierbei wird jedoch festgehalten, dass die Inhalte auch für angehende Erwachsenentherapeuten – Psychologische Psychotherapeuten – relevant ist. Und dies nicht nur, wenn sie zusätzlich einen Fachkundenachweis zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen erwerben wollen. Umgekehrt sei der Rest des Buches für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten natürlich ebenfalls grundlegend wichtig.

Diskussion

Laut Klappentext sei das das Repetitorium zum einen mit dem Ziel verfasst worden, „eine systematische Wiederholung von Wissen mit dem Ziel, die Approbationsprüfung effizient zu bestehen (…), darüber hinaus eine methodische Anleitung zur Prüfungsvorbereitung und (…) konkrete Strategien für den Umgang mit Klausurfragen und Prüfungssituationen“ zu vermitteln. Dieses Ziel wird mit dem vorliegenden Werk besser umgesetzt, als dies in anderen Büchern der Fall ist (s.o.). Insbesondere der erste Teil, in dem Lernstrategien dargestellt werden, hilft eminent und macht entsprechende Seminare (die unter anderem von den Autoren selbst angeboten werden) nahezu verzichtbar. Ich habe meine eigene Prüfungsvorbereitung mit dem Buch absolviert und fand insbesondere die Empfehlung, auf das Lesen von Fachbüchern und gar Primärliteratur im Rahmen der Vorbereitung zu verzichten, sehr beruhigend. Konkret wird folgendes empfohlen: „Zur Vorbereitung reichen in der Regel aus:

  • dieses Buch,
  • die ICD-10,
  • eine durchschnittliche Lernmotivation,
  • die Bearbeitung alter Klausuren und
  • ggf. die Teilnahme an einem in Seminarform angebotenen Repetitorium“ (S. 14).

Ich habe mich genau daran gehalten (das Repetitorium war Teil der Ausbildung) und problemlos die Prüfung bestanden. Vielen Dank also an die Autoren! Besonders hervorzuheben ist zudem noch die formelle Umsetzung des Lehrwerkes mit breitem Rand, der viel Platz für eigene Anmerkungen lässt. Dies ist ein Buch zum Arbeiten. Die Illustrationen versprühen als Handzeichnungen einen ganz besonderen Charme. Hier könnte sicher auch kritisch angemerkt werden, diese „professioneller“ in Form von Grafiken umzusetzen, mir persönlich gefallen sie so jedoch besonders gut. Einen ergänzenden Vorschlag hätte ich dann für etwaige Neuauflagen dennoch: Es könnte noch ein Kapitel zur Vorbereitung auf die mündliche Prüfung geben. Diese läuft je nach Prüfern sicher auch immer wieder unterschiedlich ab, stellt jedoch „die große Unbekannte“, über die niemand wirklich spricht, im Rahmen der Approbation dar.

Fazit

Meines Erachtens stellt das vorliegende Werk die beste Vorbereitungsliteratur für die schriftliche Prüfung zum angehenden Psychologischen oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten dar, die es am Markt derzeit gibt. Eine Neuauflage wird dann sicherlich spätestens mit Erscheinen der ICD-11 auf den Markt kommen. Ergänzend wäre es schön, noch ein Kapitel zur Vorbereitung auf die mündliche Prüfung mit aufzunehmen.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 10.06.2016 zu: Miki Kandale, Kai Rugenstein: Das Repetitorium für die Abschlussprüfungen zum Psychologischen Psychotherapeuten und zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Deutscher Psychologen Verlag GmbH (Berlin) 2014. ISBN 978-3-942761-30-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19624.php, Datum des Zugriffs 22.10.2017.


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